`Hure` ist die Geschichte einer exzessiv gelebten Doppelexistenz: Eine junge Frau flieht vor der beklemmenden Enge ihres Elternhauses in der kanadischen Provinz in die Großstadt. Dort beginnt die Literatur-Studentin, ihr Geld als Prostituierte zu verdienen und steigt zur begehrten Nobel-Hure auf. Die Freier sind gut situierte Männer, die ihre Professoren sein könnten oder ihre Väter. Ihnen gibt sie sich mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination hin. Bald nicht mehr nur wegen des Geldes, sondern um ihre Weiblichkeit zu beweisen, zwischen Macht und Unterwerfung. Tag für Tag schlüpft die Studentin in die Rolle von `Cynthia`, der Frau mit dem perfekten Körper, die sich der männlichen Begierde ausliefert, im selben Maße, wie sich ihre Mutter dieser Begierde verweigert hat.
Von der Mutter, die für die Erzählerin eine "Larve" bleibt, weil sie nie aus ihrem Kokon geschlüpft ist, und vom Vater, der sich in seine Religiosität verschlossen hat, versucht sich die junge Frau zu emanzipieren. Das Leben wird zum Befreiungsschlag, der so lange über den eigenen Körper ausgefochten wird, bis `Cynthia` ein anderes Mittel findet - die Sprache.
Mit Hure hat Nelly Arcan einen provozierenden und zugleich poetischen Bericht einer zerrissenen Persönlichkeit und ihrer Suche nach sich selbst vorgelegt.
Von der Mutter, die für die Erzählerin eine "Larve" bleibt, weil sie nie aus ihrem Kokon geschlüpft ist, und vom Vater, der sich in seine Religiosität verschlossen hat, versucht sich die junge Frau zu emanzipieren. Das Leben wird zum Befreiungsschlag, der so lange über den eigenen Körper ausgefochten wird, bis `Cynthia` ein anderes Mittel findet - die Sprache.
Mit Hure hat Nelly Arcan einen provozierenden und zugleich poetischen Bericht einer zerrissenen Persönlichkeit und ihrer Suche nach sich selbst vorgelegt.
Edelprostituierte
Cynthia, die Ich-Erzählerin in Nelly Arcans Hure, ist eine Edelprostituierte, die an ihren Arbeitstagen bis zu 8 Männern hintereinander das kleine Glück beschert. Sie ist jung und schön - und sie besitzt bereits reichlich Erfahrung in ihrem Metier. Ihre Freier sind alt, "Männer, die ihr Vater hätten sein können", und haben Geld. Eine Kombination, die, wie Cynthia weiß, schon immer für gute Konjunktur sorgte.
Studentin
Doch die auf den ersten Blick zynische Cynthia führt ein Doppelleben. Aus einem konservativen Elternhaus in der kanadischen Provinz stammend, führte sie ihr Weg nach der Schule zum Literaturstudium nach Montreal. In einer Art Vorwort deutet sie an, was sie hinter sich lassen wollte, und sei es mit Hilfe der Prostitution: eine kränkliche Mutter, einen krankhaft frömmelnden Vater sowie eine Erziehung durch Klosterschwestern, die sie "Mutter" nennen musste. Aus dieser lust- und lebensfeindlichen Atmosphäre begibt sie sich in das Extrem der bezahlten und hemmungslosen Lust, um sich zu emanzipieren.
Für ihr Leben als Hure gibt sie sich den Namen ihrer verstorbenen Schwester Cynthia. Die zum Teil drastisch, manchmal aber auch in schönen Metaphern geschilderten Beschreibungen der unendlich wiederholten Kopulationen verbergen jedoch nicht, dass "jedes Mal, wenn ein Freier mich beim Namen nennt, er zwischen den Toten" nach Cynthia ruft. In solchen wie nebenbei eingeflochtenen Bemerkungen bringt sie das ganze Leid zum Ausdruck, das sie durch die Prostitution erfährt. Sie stellt fest, dass sie im Eiltempo altert und erzählt von den Tränen, die sie manchmal ungesehen verliert, während die Freier sich angestrengt an ihr abarbeiten.
Eine mitreißende und spannende Lektüre
Hure ist ein poetischer und intelligenter Bericht einer zerrissenen Existenz, geschrieben in einer eigenständigen und reifen Sprache. Indem sie aus ihrem Leben erzählt, befreit sich die Ich-Erzählerin von den Neurosen, die durch ihre Prostitution nur erstickt werden konnten, aber nicht geheilt. Es offenbart sich eine sensible junge Frau mit Ängsten und Komplexen, die viele mit ihr teilen. Trotzt der extremen Lebenssituation wird dadurch ein großes Identifikationspotential erzeugt, das dieses Buch zu einer spannenden und mitreißenden Lektüre macht.
(Andreas Rötzer)
Cynthia, die Ich-Erzählerin in Nelly Arcans Hure, ist eine Edelprostituierte, die an ihren Arbeitstagen bis zu 8 Männern hintereinander das kleine Glück beschert. Sie ist jung und schön - und sie besitzt bereits reichlich Erfahrung in ihrem Metier. Ihre Freier sind alt, "Männer, die ihr Vater hätten sein können", und haben Geld. Eine Kombination, die, wie Cynthia weiß, schon immer für gute Konjunktur sorgte.
Studentin
Doch die auf den ersten Blick zynische Cynthia führt ein Doppelleben. Aus einem konservativen Elternhaus in der kanadischen Provinz stammend, führte sie ihr Weg nach der Schule zum Literaturstudium nach Montreal. In einer Art Vorwort deutet sie an, was sie hinter sich lassen wollte, und sei es mit Hilfe der Prostitution: eine kränkliche Mutter, einen krankhaft frömmelnden Vater sowie eine Erziehung durch Klosterschwestern, die sie "Mutter" nennen musste. Aus dieser lust- und lebensfeindlichen Atmosphäre begibt sie sich in das Extrem der bezahlten und hemmungslosen Lust, um sich zu emanzipieren.
Für ihr Leben als Hure gibt sie sich den Namen ihrer verstorbenen Schwester Cynthia. Die zum Teil drastisch, manchmal aber auch in schönen Metaphern geschilderten Beschreibungen der unendlich wiederholten Kopulationen verbergen jedoch nicht, dass "jedes Mal, wenn ein Freier mich beim Namen nennt, er zwischen den Toten" nach Cynthia ruft. In solchen wie nebenbei eingeflochtenen Bemerkungen bringt sie das ganze Leid zum Ausdruck, das sie durch die Prostitution erfährt. Sie stellt fest, dass sie im Eiltempo altert und erzählt von den Tränen, die sie manchmal ungesehen verliert, während die Freier sich angestrengt an ihr abarbeiten.
Eine mitreißende und spannende Lektüre
Hure ist ein poetischer und intelligenter Bericht einer zerrissenen Existenz, geschrieben in einer eigenständigen und reifen Sprache. Indem sie aus ihrem Leben erzählt, befreit sich die Ich-Erzählerin von den Neurosen, die durch ihre Prostitution nur erstickt werden konnten, aber nicht geheilt. Es offenbart sich eine sensible junge Frau mit Ängsten und Komplexen, die viele mit ihr teilen. Trotzt der extremen Lebenssituation wird dadurch ein großes Identifikationspotential erzeugt, das dieses Buch zu einer spannenden und mitreißenden Lektüre macht.
(Andreas Rötzer)
Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension
Andreas Merkel findet einige faszinierende Aspekte an diesem Buch, das seinem Eindruck nach "eine radikale Abrechnung mit dem Sex, mit der Familie und den Geschlechtern, betrieben im Geist der Psychoanalyse ist". Trotzdem urteilt er, dass das Debüt der Kanadierin Nelly Arcan ein Dokument des Scheiterns auf ganzer Linie sei und "trotz furioser, hellsichtiger Passagen eine Zumutung jenseits aller intendierten Zumutung", "die Totalverweigerung eines Romans". Zwar fragt sich der Rezensent auch, ob er dem Buch "etwas vorhalten kann, was es gar nicht sein will". Trotzdem bleibt bei ihm einfach ein genervtes Grundgefühl zurück. Ihn stört vor allem der Ton, in dem die Erzählung gehalten ist: "Was nüchtern und hard-boiled wirken soll, klingt allzu oft einfach nur nuttig und altklug", so sein Kommentar zu Arcans "endlosem Analyse-Monolog". Das Fazit ist zwiespältig: Das Buch sei "auch in seinem Scheitern noch zu unversöhnlich und gut, um es einfach wohlwollend wegzuloben".
© Perlentaucher Medien GmbH
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