Christa Wolf kehrt zurück aus der antiken Mythologie in unsere gegenwärtige Geschichte und beschreibt die lebensbedrohliche Krankheit einer Frau. Leibhaftig ist die namenlose Heldin ihrer neuen Erzählung einer existentiellen Krise ausgesetzt: die Krankheit bringt sie an den Rand des Todes, macht ihren Körper zum Seismographen eines allgemeinen Zusammenbruchs und damit auch zum Schauplatz für Wolfs ureigenes Thema: den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft.
Wie ausweglos muss die Krise einer Gesellschaft sein, daß sich ihr Niedergang so in das Individuum einschreibt. Gleichnishaft scheint der Körper sich gegen eine Vergiftung wehren zu müssen, deren Ursprung von den Ärzten lange Zeit vergeblich gesucht wird. Die schwachen Abwehrkräfte der Patientin unterlaufen alle ihre Maßnahmen. Mit der Psyche verbündet, streikt das Immunsystem, und die Ursachen dafür liegen nicht allein im Körper, der nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandelt wird. Die Patientin entgleitet den Ärzten, wird bedrängt von Szenen aus ihrem früheren Leben, spürt den Wegen nach, die ihre Gefährten von damals gegangen sind. Immer wieder schieben sich Fieberphantasien dazwischen. Abgründe öffnen sich, unterirdische labyrinthische Gänge, in denen die Geschichte rumort, die sie leibhaftig erfahren hat. Wilde phantastische Träume treiben sie durch diese unerledigte Vergangenheit und durch ihre gequälte halbe Stadt Berlin. Und immer wieder taucht ein Weggefährte auf, der später zum Gegner wurde und dessen Leben tragisch endet. Vieles trägt dazu bei, daß die Kranke in all ihrer Schwäche schließlich den Entschluß fassen kann zu leben - nicht zuletzt die unverbrüchliche Anwesenheit des vertrauten Du.
"Wohin es sie jetzt treibt, dahin reichen die Worte nicht." Diese Erfahrung bringt Christa Wolf zu bezwingend dichter, bedrängender Sprache, Bericht einer Hadesfahrt in das Innere eines todkranken Körpers ...
Wie ausweglos muss die Krise einer Gesellschaft sein, daß sich ihr Niedergang so in das Individuum einschreibt. Gleichnishaft scheint der Körper sich gegen eine Vergiftung wehren zu müssen, deren Ursprung von den Ärzten lange Zeit vergeblich gesucht wird. Die schwachen Abwehrkräfte der Patientin unterlaufen alle ihre Maßnahmen. Mit der Psyche verbündet, streikt das Immunsystem, und die Ursachen dafür liegen nicht allein im Körper, der nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandelt wird. Die Patientin entgleitet den Ärzten, wird bedrängt von Szenen aus ihrem früheren Leben, spürt den Wegen nach, die ihre Gefährten von damals gegangen sind. Immer wieder schieben sich Fieberphantasien dazwischen. Abgründe öffnen sich, unterirdische labyrinthische Gänge, in denen die Geschichte rumort, die sie leibhaftig erfahren hat. Wilde phantastische Träume treiben sie durch diese unerledigte Vergangenheit und durch ihre gequälte halbe Stadt Berlin. Und immer wieder taucht ein Weggefährte auf, der später zum Gegner wurde und dessen Leben tragisch endet. Vieles trägt dazu bei, daß die Kranke in all ihrer Schwäche schließlich den Entschluß fassen kann zu leben - nicht zuletzt die unverbrüchliche Anwesenheit des vertrauten Du.
"Wohin es sie jetzt treibt, dahin reichen die Worte nicht." Diese Erfahrung bringt Christa Wolf zu bezwingend dichter, bedrängender Sprache, Bericht einer Hadesfahrt in das Innere eines todkranken Körpers ...
Abschied und Ankunft
Schon einige Zeit quälen sie schreckliche Schmerzen, doch erst, als sie nicht mehr auszuhalten sind, wagt man es, gegen ihren Protest eine Ärztin einzuschalten. "Das ist der Blinddarm", ruft die Ärztin, sofort wird die Kranke ins Krankenhaus gebracht. Doch es ist nicht der Blinddarm, in ihrem Bauch befindet sich ein Abszess, hervorgerufen durch einen besonders hartnäckigen Erreger. Dazu kommt eine rätselhaft schwache Immunabwehr. Die Kranke verliert das Bewusstsein, taumelt von einem Fieberschub in den nächsten, im Fieber, das sie beinahe zu Grunde richtet, geht sie der Wahrheit auf den Grund. Drei Tomografien folgen, dreimal wird sie operiert, bis sie über dem Berg ist. Ende gut, alles gut? In Leibhaftig erzählt Christa Wolf die Krankengeschichte einer etwa 60jährigen Frau, die Ende der 80er Jahre in der DDR in einem Krankenhaus behandelt und schließlich, wie durch ein Wunder, gerettet wird. Plaste-Handschuhe reißen am laufenden Band, an allen Ecken und Enden fehlt etwas - es ist eine scheinbar triviale, teilweise sogar tragikomische Geschichte, die ihre Leser mit ihrer besonderen Erzählperspektive, ihrer gedanklichen Tiefe und sprachlichen Präzision fesselt.
Der Spur der Schmerzen nachgehen
Die Geschichte beginnt, als die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wird. Während sie die Ärzte immer wieder nach dem Namen eines Medikaments fragen, erinnert sie sich an einen Anfall vor 25 Jahren. Er traf sie damals völlig unvorbereitet, gerade an dem Tag, als ein Film, an dem sie mitgearbeitet hatte, genehmigt werden sollte. Noch während des Verfahrens - der Film konnte die Zensur passieren - wird sie gerettet. Urban war der erste, der ihr gratulierte und sich nach ihr erkundigte. Urban - immer wieder taucht diese Figur auf, und mit jedem neuen Fieberschub, der neue, tiefgründige Reflexionen auslöst, entwickelt sich diese Figur zu einer Parallelfigur. Die Erzählung Leibhaftig ist die Geschichte eines Gedankenflusses, der als ein "innerer Dialog" zu lesen ist. Wer ist dieser Urban - diese Frage stellt sich nicht nur der Leser. Auch die Erzählerin fragt sich immer wieder, wie es kommen konnte, dass Hannes Urban, ihr Studienfreund und Kollege in mehreren Kommissionen, eine so steile Parteikarriere absolvieren konnte. Doch seit einer Woche ist Urban verschwunden! Immer wieder fragt sie ihren Lebensgefährten, ob Urban gefunden wurde. So ist parallel zum "inneren Dialog", der ihre Fieberträume beherrscht, auch das Geschehen in der Gegenwart als Dialog dargestellt; hier sind es die Gespräche mit ihrem Lebenspartner, den Ärzten und dem Krankenhaus-Personal, die den "inneren Dialog" unterbrechen und die Erzählung gliedern. Die Erzählerin wird gerettet, doch Urban ist tot. Er hat sich aufgehängt. Urban, der ihr früher so gut gefallen hat, später immer weniger. Er hatte in einer Rede zur Umkehr gemahnt. Vergeblich, die Partei folgte ihm nicht, forderte ihn stattdessen zum Widerruf auf. Er aber weigerte sich und wurde von seiner Funktion abgelöst. Der Rest ist bekannt.
Ende gut, alles gut? Die Patientin lebt, dank eines Medikaments, das in letzter Minute aus der BRD besorgt werden konnte. Urban ist tot, weil er nicht den Mut hatte, weiter zu leben. Am Schluss des Buches nimmt Christa Wolf Bezug auf das Wende-Ereignis in der DDR-Geschichte, das schließlich ihr Ende einläutete. "Ihr wollt uns mit Lachsbrötchen kaufen", hatte die standhafte Erzählerin Urban auf einem Kongress geantwortet - worauf Christa Wolf hier anspielt, ist der Schriftstellerkongress 1979, als in Folge der Biermann-Ausbürgerung 1976 anderen missliebigen Autoren eine Rüge erteilt werden sollte.
Leibhaftig ist eine stark autobiografisch gefärbte Erzählung, in deren Zeitrahmen die entscheidenden Ereignisse der DDR-Kulturpolitik liegen. Vom ersten Anfall bis zum Zusammenbruch umfasst sie die kurze Tauwetter-Phase unter Honecker, die Biermann-Ausbürgerung und ihre Folgen bis zum Ende der DDR, für das die tragische Figur des Hannes Urban steht. "Stellt euch vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg." Noch während der Wendezeit hatte die bekennende Sozialistin Christa für den Fortbestand einer anderen, offenen DDR gekämpft, ebenfalls vergeblich. Jetzt ist die große Literatur-Repräsentantin der DDR als Autorin eines gemeinsamen Deutschlands anerkannt. Die Erzählerin lebt, am Ende der Erzählung macht sie die ersten Schritte, sieht erstmals aus dem Fenster. Die Sonne scheint über der Stadt, den Gärten, den See bis zum Horizont. "Ich sage, ja, es ist schön." Eine schöne, neue Welt mit neuen Perspektiven! (Birgit Kuhn)
Schon einige Zeit quälen sie schreckliche Schmerzen, doch erst, als sie nicht mehr auszuhalten sind, wagt man es, gegen ihren Protest eine Ärztin einzuschalten. "Das ist der Blinddarm", ruft die Ärztin, sofort wird die Kranke ins Krankenhaus gebracht. Doch es ist nicht der Blinddarm, in ihrem Bauch befindet sich ein Abszess, hervorgerufen durch einen besonders hartnäckigen Erreger. Dazu kommt eine rätselhaft schwache Immunabwehr. Die Kranke verliert das Bewusstsein, taumelt von einem Fieberschub in den nächsten, im Fieber, das sie beinahe zu Grunde richtet, geht sie der Wahrheit auf den Grund. Drei Tomografien folgen, dreimal wird sie operiert, bis sie über dem Berg ist. Ende gut, alles gut? In Leibhaftig erzählt Christa Wolf die Krankengeschichte einer etwa 60jährigen Frau, die Ende der 80er Jahre in der DDR in einem Krankenhaus behandelt und schließlich, wie durch ein Wunder, gerettet wird. Plaste-Handschuhe reißen am laufenden Band, an allen Ecken und Enden fehlt etwas - es ist eine scheinbar triviale, teilweise sogar tragikomische Geschichte, die ihre Leser mit ihrer besonderen Erzählperspektive, ihrer gedanklichen Tiefe und sprachlichen Präzision fesselt.
Der Spur der Schmerzen nachgehen
Die Geschichte beginnt, als die Erzählerin ins Krankenhaus eingeliefert wird. Während sie die Ärzte immer wieder nach dem Namen eines Medikaments fragen, erinnert sie sich an einen Anfall vor 25 Jahren. Er traf sie damals völlig unvorbereitet, gerade an dem Tag, als ein Film, an dem sie mitgearbeitet hatte, genehmigt werden sollte. Noch während des Verfahrens - der Film konnte die Zensur passieren - wird sie gerettet. Urban war der erste, der ihr gratulierte und sich nach ihr erkundigte. Urban - immer wieder taucht diese Figur auf, und mit jedem neuen Fieberschub, der neue, tiefgründige Reflexionen auslöst, entwickelt sich diese Figur zu einer Parallelfigur. Die Erzählung Leibhaftig ist die Geschichte eines Gedankenflusses, der als ein "innerer Dialog" zu lesen ist. Wer ist dieser Urban - diese Frage stellt sich nicht nur der Leser. Auch die Erzählerin fragt sich immer wieder, wie es kommen konnte, dass Hannes Urban, ihr Studienfreund und Kollege in mehreren Kommissionen, eine so steile Parteikarriere absolvieren konnte. Doch seit einer Woche ist Urban verschwunden! Immer wieder fragt sie ihren Lebensgefährten, ob Urban gefunden wurde. So ist parallel zum "inneren Dialog", der ihre Fieberträume beherrscht, auch das Geschehen in der Gegenwart als Dialog dargestellt; hier sind es die Gespräche mit ihrem Lebenspartner, den Ärzten und dem Krankenhaus-Personal, die den "inneren Dialog" unterbrechen und die Erzählung gliedern. Die Erzählerin wird gerettet, doch Urban ist tot. Er hat sich aufgehängt. Urban, der ihr früher so gut gefallen hat, später immer weniger. Er hatte in einer Rede zur Umkehr gemahnt. Vergeblich, die Partei folgte ihm nicht, forderte ihn stattdessen zum Widerruf auf. Er aber weigerte sich und wurde von seiner Funktion abgelöst. Der Rest ist bekannt.
Ende gut, alles gut? Die Patientin lebt, dank eines Medikaments, das in letzter Minute aus der BRD besorgt werden konnte. Urban ist tot, weil er nicht den Mut hatte, weiter zu leben. Am Schluss des Buches nimmt Christa Wolf Bezug auf das Wende-Ereignis in der DDR-Geschichte, das schließlich ihr Ende einläutete. "Ihr wollt uns mit Lachsbrötchen kaufen", hatte die standhafte Erzählerin Urban auf einem Kongress geantwortet - worauf Christa Wolf hier anspielt, ist der Schriftstellerkongress 1979, als in Folge der Biermann-Ausbürgerung 1976 anderen missliebigen Autoren eine Rüge erteilt werden sollte.
Leibhaftig ist eine stark autobiografisch gefärbte Erzählung, in deren Zeitrahmen die entscheidenden Ereignisse der DDR-Kulturpolitik liegen. Vom ersten Anfall bis zum Zusammenbruch umfasst sie die kurze Tauwetter-Phase unter Honecker, die Biermann-Ausbürgerung und ihre Folgen bis zum Ende der DDR, für das die tragische Figur des Hannes Urban steht. "Stellt euch vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg." Noch während der Wendezeit hatte die bekennende Sozialistin Christa für den Fortbestand einer anderen, offenen DDR gekämpft, ebenfalls vergeblich. Jetzt ist die große Literatur-Repräsentantin der DDR als Autorin eines gemeinsamen Deutschlands anerkannt. Die Erzählerin lebt, am Ende der Erzählung macht sie die ersten Schritte, sieht erstmals aus dem Fenster. Die Sonne scheint über der Stadt, den Gärten, den See bis zum Horizont. "Ich sage, ja, es ist schön." Eine schöne, neue Welt mit neuen Perspektiven! (Birgit Kuhn)
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Rezensent Tilman Spreckelsen beschreibt seine Begegnung mit Christa Wolfs "unverhohlen autobiografischer" Krankheits-Erzählung zwiespältig. Auf der einen Seite sind da die Fantasien der Patientin, die - neben einer Anästhesistin namens Kora Bachmann - im Zentrum der Handlung steht. In diesen Fantasien und wiederkehrenden Todesvisionen sieht Spreckelsen einen "aufregenden Wechsel aus sachlicher Schilderung und fantasievoll verfremdeter Innenschau". Hier, wo sich die Kranke zur ihren "unverarbeiteten Erinnerungen" durcharbeitet und träumt, findet der Rezensent dann auch die besten Passagen der Erzählung. Leider aber vertraue Christa Wolf der Suggestivkraft dieser Geschichte zwischen Tod und Leben nicht genug. Immer wieder werde die Krankengeschichte zur Agonie der sterbenden DDR in Beziehung gesetzt. Auch dass die inzwischen Rekonvaleszente am Ende ihre eigenen Projektionen durchschaut, ist für den Rezensenten einfach zu viel.
© Perlentaucher Medien GmbH
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»Literatur war für sie der Passierschein in eine Möglichkeitswelt: Christa Wolf suchte zeitlebens den Anschluss an das, was sie für wahr hielt.« F.A.Z.

