Die Vorarlberger Schriftstellerin Grete Gulbransson (1882 - 1934) lebte als zweite Frau Olaf Gulbranssons, des Malers und Mitarbeiters des "Simplicissimus", lange Zeit in München (1905 - 1927), wo sie Kontakte zu zahlreichen Künstlern und Schriftstellern der dortigen Kulturszene hatte. Neben literarischen Arbeiten und einer sehr umfangreichen Korrespondenz hinterließ sie 222 Tagebuchbände. Darin schildert sie auf über 90.000 handgeschriebenen Seiten die literarische, kulturelle und gesellschaftliche Situation Münchens, Vorarlbergs, Liechtensteins sowie des europäischen Raumes zwischen 1892 und 1933. Die Fülle an zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen und an Darstellungen von Begegnungen mit bedeutenden Künstlern und Schriftstellern machen diese Tagebücher zu einem bedeutsamen Zeugnis der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. In ihrer einzigartigen Geschlossenheit dokumentieren sie auf vielfältige Weise die Verflechtung von regionalen und internationalen Bezügen.
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Die Tagebücher der Frau des Zeichners und Karikaturisten Olaf Gulbransson umfassen im Original sagenhafte 222 Bände und 90.000 Manuskriptseiten. Hansjörg Graf bespricht den zweiten Band einer Auswahl, die auf fünf Bände projektiert ist und offensichtlich "wissenschaftlichen Furor" ebenso wie "bibliophilen Ehrgeiz" an den Tag legt. Grete Gulbranssons "eigentlich" literarische Produktion war eher schmal, in ihren Tagebüchern aber beschreibt sie das Leben der Bohème, wie es sich in der Münchner Jugendstilvilla, in der sie und ihr Mann lebten, zutrug. Die Leute vom Simplicissimus waren das Zentrum der Parties, Olaf im Tanga-Slip mittendrin. Aber auch Rilke war da, Hermann Hesse, Hofmannsthal, Else Lasker-Schüler, alle kommen sie vor beim, so Hansjörg Graf, "Naturkind aus Vorarlberg", das sich den Münchner Kreisen nie so ganz zugehörig fühlte. Nun gibt es, das räumt der Rezensent ein, "Trivialitäten", das Erhabene und das Lächerliche sind eng benachbart - seinen Respekt aber will er der Autorin nicht versagen, die ein "Bewusstseinsprotokoll" verfasst hat, "das auch dem Unbewussten seinen Tribut zollt."
© Perlentaucher Medien GmbH
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