" Der Roman ist eine Chrononik des bosnischen Städtchens Travnik in den Jahren 1806 bis 1813, in einer Zeit also, in der das Land noch türkisch war, aber schon in die Machtausstrahlungen Österreichs, das an der Donau sitz, und das napolionische Frankreich, das die illyrischen Provinzen besetzt hält, hineingerät. Beide Mächte schicken einen Konsul in die kleine Stadt, die nun seltsame Jahre erlebt, die lange, nachdem der ganze machtpolitische Spuk verflogen ist, "die Jahre der Konsuln" genannt werden. Zwar werden die äußeren Ereignisse von Napoleons Glück und Ende bestimmt, aber alles ist fast ohne Kostüm; die historischen Ereignisse ragen wohl herein, aber aus ihnen werden keine epischen Elemente, Episoden oder Farben gezogen. Was die Erzählung ausmacht, das sind die Trübungen, Aufschwünge und Verwandlungen, die die "westlichen" Menschen in der unbegreiflichen halborientalischen Welt erfahren. Alles, was Andric schreibt, ist klar, hell, bis zur äußersten Reinheit durchsichtig gemacht. Selbst die Dunkelheit, deren er so sehr bedarf, selbst die Trübe und Finsternis, denen er nicht ausweicht, haben eine Durchsichtigkeit, die den Leser noch da mit Glück erfüllt, wo er sich von der ernsten Trauer der Prosa einhüllen läßt. Diese Hunderte von Figuren, diese lebensstrotzenden, harten oder zerfallenen Geschöpfe, die Henker, die Bauern, die häkelnden Mädchen, die vor sich hinsingen, diese Dolmetscher, Gauner, Diebe, Mönche und Soldaten, sie sind Träger der Vergänglichkeit; sie sind geheimnisvoll druchsichtig, mitten im Leben wie vom Tode durchleuchtet, auch hier klar wie schwarzes Wasser, das nachts unter den finsteren Brückenbögen dahinrauscht." (Friedrich Sieburg in der "Frankfurter Allgemeineen Zeitung")
Dieser 1942 vollendete Roman ist ein Meisterwerk der Erzählkunst, eine Liebeserklärung an Ivo Andric' Heimat Bosnien und eine zeitlose Bühne der Welt. Buch-Magazin, 09/2018

