Zufall und Kontingenz sind von der Geschichtswissenschaft bis in die Gegenwart nur sporadisch thematisiert worden. Deshalb hat sich der Autor dieser Arbeit eine doppelte Aufgabe gestellt: Diskutiert er zunächst Bedeutung und Funktion von Zufall / Kontingenz für geschichtstheoretische Dimensionen, so interpretiert er daran anschließend zwei Klassiker der Sozialgeschichte (F. Braudel, H.-U. Wehler) auf ihren methodisch-theoretischen und historiographischen Umgang mit den zu verhandelnden Phänomenen. Die zentrale These, die hinter dieser Untersuchung steht, lautet dabei: Zufall und Kontingenz sind nicht äußerliche, unbedeutende und methodisch auflösbare Scheinkategorien, sondern vielmehr produktive und mitbegründende Faktoren / Begriffe bei der Konstitution von Geschichten und historischer Erfahrung, durch deren Vernachlässigung oder Auflösung die Geschichtswissenschaft auf ihre methodischen Kosten zurückgeworfen wird. Am theoretischen und historiographischen Umgang mit Zufall und Kontingenz lässt sich zeigen, wer (welche Theorie / welche Perspektivität) was (welchen Gegenstand / welche Wirklichkeit) wie (welche Methode / welche Darstellungsform) im Rahmen der Geschichtswissenschaft verstehen bzw. erklären will. Die Haltung gegenüber dem Zufall ist der 'Offenbarungseid' der Theorie.
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Überzeugend findet Rezensent Gerrit Walther diese Studie Arnd Hoffmanns über "Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie". Hoffmanns Position selbst sieht er geprägt von einer Skepsis gegen die anmaßende Auffassung, den Gang der Geschichte im nachhinein definitiv erklären zu können. Als "ungemein belesen" lobt er Hoffmann Begriffsgeschichte der beiden Begriffe. Während die meisten Philosophen seit Aristoteles den Zufall als Ärgernis empfanden, weil er jede logische Ordnung störte, verwirrte, gefährdete, hebe Hoffmann die seit Nietzsche entdeckten positiven Seiten des Zufalls hervor. "All seine scharfsinnigen, hoch differenzierten, stets subtilen und stets im hohen Ton der Theorie" auftretenden Erörterungen über Kausalität, Zeit und kontrafaktische Geschichtsspekulationen", befindet Walther, "münden in das Lob des Zufalls als Garanten intellektueller Offenheit." Beeindruckt zeigt er sich ferner von Hoffmanns Auseinandersetzung mit Fernand Braudel und Hans-Ulrich Wehler, zwei Historikern, die den Zufall so weit wie möglich aus ihren Betrachtungen ausschließen wollen.
© Perlentaucher Medien GmbH
© Perlentaucher Medien GmbH
