Reisen en miniature: Pars pro toto.
Karl-Markus Gauß ist ein schreibender und belesener Mensch, der auch in seinen anderen Büchern durch die Welt der kleinen Dinge mäandert. Aus dieser häuslichen Reise wird eine Reise mit weitem Radius, dekoriert mit geschichtlichen und kulturgeschichtlichen
Petitessen. Die im Leser Entdeckungsfreude wecken und ihn zu Recherchen animieren, Anregungen zu eigenen…mehrReisen en miniature: Pars pro toto.
Karl-Markus Gauß ist ein schreibender und belesener Mensch, der auch in seinen anderen Büchern durch die Welt der kleinen Dinge mäandert. Aus dieser häuslichen Reise wird eine Reise mit weitem Radius, dekoriert mit geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Petitessen. Die im Leser Entdeckungsfreude wecken und ihn zu Recherchen animieren, Anregungen zu eigenen Erkundungen durch die Welt der unbelebten Dinge. Denn betrachtet und beschrieben werden sie lebendig.
Dieses kleine Buch ist in vorcoronaren Zeiten geschrieben worden, gewinnt aber durch die JETZT-Situation eine besondere Bedeutung. Wenn man nicht weltläufig reisen kann, reist man ins Innere und sei es in und durch das eigene Zimmer. Damit steht Gauß nicht allein, seine Vorläufer waren Xavier de Maistre mit „Die Reise um mein Zimmer“ und Sophie von La Roche mit „Mein Schreib-tisch“. Sie waren gewiss Anregungen zu dieser ganz persönlichen Exkursion.
Natürlich sind da die wichtigsten Accessoires im Leben eines Schriftstellers - die über 30.000 Bücher, die viel gelesenen, die zerfledderten (auf Flohmärkten wegen ihrer Kuriosität gekauft) und die vielen, vielen anderen. Und der Schreibtisch aus massivem Nussholz. Mit tiefen Schubladen und kleinen Schubfächern. Schreibblöcke, die auf ihre Beschriftung warten. Vom Schreibtisch aus blickt der Autor in die Welt der Dinge: einen Globus-Anspitzer, ein Heiligenbildchen der assyri-schen Christen, ein Boot in Miniaturformat, einer „Ulmer Schachtel“ gleich, mit denen die Menschen donauabwärts fuhren in ein neues Leben, so wie heute die Menschen, die über das Mittelmeer kommen.
Wir begegnen Onkel Hugos Traum, Venedig zu sehen, in der Manifestation eines Aschenbechers aus Murano. Mit Tassen aus ganz Europa – Mitbringsel von Freunden – kann der Autor quasi durch ganz Europa reisen: von Göteborg nach Neapel, von Vilnius nach Basel, von Marseille über die Pyrenäen. Am liebsten ist ihm jedoch eine selbst gekaufte, erworben in der moldawischen autonomen Republik der Gagausen,
Die biedermeierliche Wanduhr, ein Brotmesser mit einem lockeren Holzgriff, das Kochbuch seiner donauschwäbischen Großmutter mit 379 Rezepten, das nach der Flucht der Großeltern durch Europa in einem bayerischen Dorf landete und Symbol einer multikulturellen Welt ist.
Natürlich dürfen Briefe und Bilder nicht fehlen. Von einem Maler gibt es 34 landschaftliche Miniaturen.
Immer wieder schweift Gauß ab, begibt sich auf Exkurse zu Kroatien, angeregt durch ein T-Shirt mit dem Konterfei des Partisanen Stjepan Filipovíc, zu Stadtplanung und Arbeitersiedlungen und zum Warten: die verschiedenen Arten des Wartens. Und natürlich in Vino veritas: die Kunst des Rausches. Und auch das „Außen“ – Spaziergänge über die Friedhöfe der Stadt – gerät in sein erzählerisches Visier.
Der ganze Text wird von Wehmut und Heiterkeit zugleich gestreift, er symbolisiert eine Reise, für die man nur offene Augen, wache Sinne und ein gutes Erinnerungsvermögen braucht.
Ein wahres Kleinod für kontemplative Momente.