Hochinteressant, aber zu detailreich
„Zur Zeit des Putsches war ich ein Teenager und wusste wenig über Pinochet. In den folgenden Jahren besuchte ich Chile nicht, und die Chilenen, die ich kennenlernte, waren hauptsächlich Jurastudenten, die meine Vorlesungen hörten, oder Akademiker, die im
europäischen Exil lebten.“ Das schreibt Philippe Sands im ersten Kapitel „London, Oktober 1998“. Ich hatte…mehrHochinteressant, aber zu detailreich
„Zur Zeit des Putsches war ich ein Teenager und wusste wenig über Pinochet. In den folgenden Jahren besuchte ich Chile nicht, und die Chilenen, die ich kennenlernte, waren hauptsächlich Jurastudenten, die meine Vorlesungen hörten, oder Akademiker, die im europäischen Exil lebten.“ Das schreibt Philippe Sands im ersten Kapitel „London, Oktober 1998“. Ich hatte zur Zeit des Putsches in Chile gerade mein zweites Lehrjahr begonnen und ein guter Freund, ein chilenischer Student, der kurz davor zurück in die Heimat musste, verschwand für immer ohne jede Spur. Chile und die dortigen politischen Ereignisse interessierten mich seither. Dass Südamerika, einschließlich Chile, ein Zufluchtsort für deutsche Nazis und Kriegsverbrecher wurde, interessierte mich ebenso. Meine Familie hat während der Nazizeit unter Verfolgung gelitten und rund 120 jüdische Verwandte, auch mein Großvater, wurden er ermordet. Der Untertitel des Buches „Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien“ traf sofort meinen Nerv. Ich bin tatsächlich ein Verehrer von Philippe Sands, „Rückkehr nach Lemberg“ und „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht“ habe ich mit Begeisterung gelesen. Ich liebe auch die Sprache (bzw. die Übersetzung) von Philippe Sands, der weder gendert noch „geschlechtergerechte“ Ausdrücke und unnötige Doppelnennungen verwendet. So war „Die Verschwundenen von Londres 38“ direkt in meinen Fokus gerückt. Ein Buch, dass ich unbedingt lesen wollte.
Sands nähert sich der Thematik von mehreren Seiten. Und er schreibt „Durch meine Arbeit an internationalen Streitfällen habe ich gelernt, dass man durch den Besuch eines Ortes ein besseres Gespür für dessen Geographie und seine Durchdringung mit Geschichte entwickeln kann, als Worte allein es einem vermitteln können.“ Ich weiß nicht, ob es noch andere Schriftsteller gibt, die derart tief eindringen in die Materie von Menschenrechten, Völkermorden, Strafverfolgung der Täter, Aufarbeitung dieser speziellen Geschichtsthemen. Mit seinen Besuchen vor Ort und mit seinen Interviews bekommen seine Bücher neben den unumstößlichen Fakten eine sehr persönliche und empathische Seite.
Um wen oder was genau geht es in diesem über 500 Seiten starken Buch? Um den deutschen Naziverbrecher Walter Rauff und den chilenischen Diktator Augusto Pinochet, deren Wege sich in Chile kreuzten. Um Schuld und Sühne, um lebenslanges Suchen nach Tätern, die sich der Justiz entziehen, sich häuten wie die Schlangen und im Unterholz verschwinden. Detail- und kenntnisreich berichtete Sands über seine Recherchen und verknüpfte alles zu gut lesbarem Text. Mit diesem Buch über Londres 38 hat er aus meiner Sicht aber zu viel des Guten gewollt und geschrieben. Aus Detailreichtum wurde ausufernde Detailverliebtheit. Name reiht sich an Namen, Orte an Orte, Fußnoten an Fußnoten. Mir fiel es teilweise schwer, dieser Fülle an Informationen aufmerksam zu folgen.
Pinochet entgeht schlussendlich der Justiz, Rauff bleibt für den Rest seines Lebens ein (fast unbescholtener) Einwohner Chiles. Ihre Verbindungen in den 1970er Jahren und ihre kalte Machtausübung und Mordlust werden im Buch ebenso wie die Verbindungen zu DINA (Chiles „Gestapo“ während Pinochets Diktatur) und auch zum BND ausführlich dargestellt.
Fazit: Ein wichtiges und hochinteressantes Buch, dass mich vom Stil eher an eine wissenschaftliche Dissertation erinnerte. Und wie so oft die Erkenntnis: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen. Das gute Beispiel der Nürnberger Gesetze hilft nur bedingt.