Die Uhr läuft rückwärts – und mit ihr das Leben
Edgar Bernhardis Kurzgeschichte „Zeitumkehr“ ist eine dieser Erzählungen, die einen nach der letzten Seite nicht mehr so schnell loslassen. Auf den ersten Blick scheint sie eine schlichte Geschichte über Krankheit und Sterben zu sein, doch dahinter
verbirgt sich ein tiefgründiges Gedankenexperiment über Zeit, Bewusstsein und den menschlichen…mehrDie Uhr läuft rückwärts – und mit ihr das Leben
Edgar Bernhardis Kurzgeschichte „Zeitumkehr“ ist eine dieser Erzählungen, die einen nach der letzten Seite nicht mehr so schnell loslassen. Auf den ersten Blick scheint sie eine schlichte Geschichte über Krankheit und Sterben zu sein, doch dahinter verbirgt sich ein tiefgründiges Gedankenexperiment über Zeit, Bewusstsein und den menschlichen Drang, dem Tod zu entkommen.
Im Mittelpunkt steht Konrad, ein rationaler Physiker, der erfährt, dass er schwer erkrankt ist und nur noch wenige Tage zu leben hat. Typisch für seinen Charakter – und hier zeigt sich Bernhardis psychologisches Fingerspitzengefühl – reagiert er nicht mit Emotionen, sondern mit Berechnung. Er „errechnet“ sich fast mechanisch die verbleibenden zehn Tage seines Lebens. Was dann folgt, ist keine platte Krankheitsgeschichte, sondern ein innerer Monolog, ein Ringen zwischen Verstand und Verdrängung.
Besonders stark ist, wie Bernhardi Konrads Wunsch zeichnet, das Leben noch einmal in all seinen Facetten zu genießen, während der Schatten des Todes immer größer wird. Das Bewusstsein und seine Wahrnehmung der Zeit werden zu zentralen Themen: Kann man Zeit verlängern, indem man sie intensiver erlebt? Kann man sie sogar „zurückdrehen“, wie es der Titel andeutet? Der Autor deutet vieles nur an und überlässt es der Leserschaft, selbst nachzuspüren.
Sprachlich ist „Zeitumkehr“ klar, aber nicht nüchtern. Immer wieder bricht durch die sachliche Fassade eine fast lyrische Melancholie, die die Geschichte trotz ihres physikalischen Hintergrunds sehr menschlich macht. Das Cover wirkt – ehrlich gesagt – etwas befremdlich und passt nicht ganz zum Inhalt: Es ist „nicht so frisch“, vielleicht sogar leicht seltsam, während der Text selbst sehr präzise und zeitlos wirkt.
Was diese Kurzgeschichte so lesenswert macht, ist ihre Mischung aus existenzieller Tiefe und erzählerischer Knappheit. Ohne viel Pathos, aber mit kluger Symbolik führt Bernhardi vor, wie jemand, der immer nur verstandesgeleitet war, plötzlich merkt, dass sich das Leben nicht berechnen lässt. Wer hier einen klassischen Plot erwartet, wird überrascht – es ist mehr ein gedankliches Kammerspiel über die Angst vor dem Tod und den Wunsch, ihm zu entkommen.
„Zeitumkehr“ ist also kein leichter Lesestoff, aber ein umso nachhaltigerer. Nach der Lektüre bleibt das Gefühl zurück, dass man selbst über Zeit, Vergänglichkeit und den eigenen Umgang damit nachdenken sollte. Eine empfehlenswerte Kurzgeschichte für alle, die gern lesen, was zwischen den Zeilen passiert.