Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders...
Jeder, der jetzt denkt, die Ostdeutschen haben ja alle einen Balken im Auge, der sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Dazu ein Exkurs: Tauscht man den Balken gegen einen Nagel und schaut sich den besten Kurzfilm aller Zeiten an: „It's not about
the nail.“ (überall im Netz zu finden) - dann wird das Missverhältnis von Wahrnehmung klar; denn wo…mehrWarum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders...
Jeder, der jetzt denkt, die Ostdeutschen haben ja alle einen Balken im Auge, der sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Dazu ein Exkurs: Tauscht man den Balken gegen einen Nagel und schaut sich den besten Kurzfilm aller Zeiten an: „It's not about the nail.“ (überall im Netz zu finden) - dann wird das Missverhältnis von Wahrnehmung klar; denn wo „der Westen“ sich den Anschein gibt, beziehungsorientiert („talk to me“) zu sein, möchte er doch von Inhalten („You do have a nail in your head“) nichts wissen und leidet am Nagel in seinem eigenen Kopf. „That sounds really hard.“
Dirk Oschmann ist hier wirklich die Umkehr eines schon lange existierenden pathologischen Vorwurfs gelungen, obwohl diese Metapher aus der Bergpredigt in seinem Buch gar nicht vorkommt.
Der Vorwurf lautet: Der Osten jammert, obwohl der Westen liefert. Schließlich sei ja viel Geld in den Osten geflossen.
Oschmann stellt klar: Der Osten wurde zu großen Teilen von Westdeutschen, die die Treuhand verwalteten, an Westdeutsche verkauft. Eliten an Universitäten und Gerichten wurden durch Westdeutsche neu besetzt. Danach konnten prima die mitgebrachten Netzwerke arbeiten und mögliche neue Andockstellen (mein Wort) schneller besetzen als Ostdeutsche. Das ist bis heute so. Abgesehen davon beträgt der Lohnabstand zwischen Ost und West 22,5 Prozent (2021).
Das sogenannte Jammern der Ostdeutschen ist in den Ohren der Westdeutschen allerdings ein Lärm, ein Störgeräusch, eben ein Fremdkörper (wie ein Nagel im Kopf s.o.) - wird aber als Problembeschreibung nicht erkannt.
Oschmann kommentiert, freilich mit couragiertem Duktus, das westdeutsche Normativ dem sich die Ostdeutschen unterzuordnen haben mit Beispielen aus der Literatur (Kafka, Freytag), schließlich ist er ja Germanist, aus soziologischer Perspektive (Bourdieu, Ranciére, Habermas) und hier zudem als teilnehmender Beobachter, denn er ist ja als Ostdeutscher ein zugleich kulturell konstruierter Ostdeutscher und damit prädestiniert dafür.
Ein ganzes Kapitel widmet Oschmann dem sächsischen Dialekt als Verlierersprache und dass er seine Kinder aus Gründen der Assimilation zum Hochdeutsch mittels Taschengelderpressung zwang. Da ich in den 1980ern in Ostberlin gefühlt in jeder zweiten Administration einen Chef vorfand, der sich seines sächsischen Dialektes überhaupt nicht schämte, weil nämlich dieser Tatsache ebenfalls ein heute fast vergessener teilweiser Elitenaustausch vorangegangen war, habe ich an dieser Stelle nur mäßig Mitleid.
Weiterhin gibt Oschmann der Löschung des Text- und Bildgedächtnisses Raum, insofern Kunst der DDR in der bundesdeutschen Gesamtschau vernachlässigt werde. Dann lenkt er den Blick auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Ost-Künstler, Neo Rauch, und dem West-Kritiker, Wolfgang Ullrich. Hier waltet Ullrich in seiner Beurteilung der Kunst eben nicht nur als Kritiker der Bilder, sondern zugleich als Diskursmanager über das, was Rauch verbal so von sich gibt. Kein Wunder, dass Rauch dann wirklich malerisch Fäkalkunst produzierte. Der Reflex von Rauch erinnerte mich an ein Bild, genauer eine Lithographie, die ich in den 1980ern in einer Ostberliner Wohnung gesehen hatte: Ein stämmiger Mann hielt einen anderen kopfüber über einen Farbeimer. Unten war zu lesen: „Wann malen Sie denn mal wieder was Farbiges?“ Damals, im Sozialismus, ging es wohl nur um Ikonographie...
Das Buch ist wirklich lesenswert!