Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
ElliP
Wohnort: 
Hessen

Bewertungen

Insgesamt 162 Bewertungen
Bewertung vom 24.08.2025
Die fieseste Lehrerin der Welt
Rylance, Ulrike

Die fieseste Lehrerin der Welt


ausgezeichnet

Was für ein gelungener Einstieg! Die nette, liebevolle Frau Goldmann verabschiedet sich, geht in Rente und die Osterferien beginnen. Und dann kommt das böse Erwachen: Frau Fröhlich übernimmt die Klasse und alle sind geschockt, was für neue Regeln eingeführt werden. Handys, Südfrüchte und Pokémon Karten werden eingesammelt und der Schulleiter bezirzt, die Klasse ist entsetzt.
Wie können die Schüler sich gegen einen solchen Drachen wehren? Können sie ihn verstehen oder sogar verändern? Welche Möglichkeiten des Widerstands bieten sich?
Auf alle Fälle lernen Paul und seine Klassenkameraden, wie man gemeinsam stark ist, denn das Problem lässt sich nur mit vereinten Kräften lösen. Verrückte Ideen wie eine besondere Tasche oder auch Monsterpflanzen machen die Geschichte zu einem skurrilen und spannenden Abenteuer.
Die originellen Bilder und kleinen „Kritzeleien“ wie Briefchen, Noten oder Fliegen untermalen das Geschehen, lockern auf und unterhalten Kinder bestens. Eine klare Empfehlung für ein witzig-spritziges Kinderbuch ab 8 Jahren.

Bewertung vom 24.08.2025
LONELY PLANET Queer Travel Guide

LONELY PLANET Queer Travel Guide


ausgezeichnet

Der Queer Travel Guide / Lonely Planet von Alicia Valenski ist ein wunderbarer Reiseführer, der das Leben und die Vielfalt feiert. 50 LGBTQ+ Reisen werden mit vielen Tipps, Interviews aus der Community und hervorragenden Photos vorgestellt und man möchte am liebsten gleich seinen Rucksack packen und sich auf die Reise begeben. Das Buch ist aufwändig gestaltet, hochwertig verarbeitet, wunderschön und für jeden sind mögliche Ziele dabei – Neben Metropolen in aller Welt wie Bangkok, Stockholm, Kapstadt oder Sao Paulo werden auch Wanderwege, Strände, Inselparadiese oder Aktivurlaubsziele vorgestellt. Kunst, Sport, Partys, Festivals, Entspannung oder Action – ganz unterschiedliche Bedürfnisse werden angesprochen. Außerdem gibt es Tipps für alle Lebenslagen, hippe Restaurants und Bars werden vorgestellt, Spiel- und Sportevents, Ausflugsmöglichkeiten und Shopping-Tours beschrieben. Es gibt einen Pride-Kalender und wichtige Infos zu Land und Leuten unterstützen die Vorbereitung und helfen bei der Planung. Besonders liebevoll und cool sind die Beschreibungen und Kommentare einzelner Personen aus der Community, die ihre Stadt und ihr Land ganz persönliche vorstellen.
Ein umwerfender Reiseführer mit Liebe zum Detail, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte!

Bewertung vom 24.08.2025
Adlergestell
Laabs, Laura

Adlergestell


ausgezeichnet

Der Geschmack des Lebens
In Laura Laabs Wenderoman „Adlergestell“ kommt die Wende nur am Rand aus Kinderperspektive zum Tragen. Und das ist originell, sehr unterhaltsam und auch einfühlsam. Im Zentrum steht eine dreiköpfige Mädchengruppe, es geht um Vertrauen, Gemeinschaft, Reifungsprozesse, Spaß, aber auch Verrat und Lüge. Die großen und kleinen Dinge, die im Wandel begriffen sind, werden en passant beschrieben – das neue, klebrige Flutscheis, die neuen Lieder der Lehrerin von Rolf Zuckowski in der Schule, die neuen Texte im Lesebuch – Mutti geht nicht mehr zur Arbeit, sondern Mama bleibt zuhause. Eine Aufbruchsstimmung hat die Erwachsenen erfasst, die sich natürlich auch auf die Kinder überträgt, bei ihnen aber als Faszination, Abenteuer und Neugier, ohne die Existenz- und verlustängste der Großen. „Über Nacht war der alte Konsum in den neuen Krieg des Konsums eingetreten, und wir waren seine Söldner. (...) Kassierten ab, als ob es kein Gestern gäbe.“

Lenka, Chaline und die Ich-Erzählerin bilden eine Dreiergruppe, die immer wieder durch Streit auseinanderbricht, drei Mädchen, die ihre unterschiedliche Herkunft mit sich tragen und mit ihren Problemen zu kämpfen haben. Alle suchen aber den Nervenkitzel, das große Abenteuer, aber auch Anerkennung und Liebe. Als Trio Infernale gehen sie den schmalen Weg zwischen dem Fauxpax oder der Jugendsünde und schon kriminellen Delikten, die nicht mehr akzeptabel sind. Sie befruchten sich gegenseitig nicht nur positiv und geraten in die Position der Außenseiter und Schwererziehbaren, da die Eltern und Lehrer das Augenmerk nicht auf das Wesentliche, sondern bloß ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Unsicherheiten richten.

Unterbrochen werden die einzelnen Kapitel des Romans durch Werbung wie die Episoden im neuen Westfernsehen, kurze, pointierte Intervalle, die letztendlich das neue Glück bissig und ironisch infrage stellen. Können die drei es schaffen, in dieser neuen Welt aufzuwachsen, heil an Körper und Geist, und sich selbst finden? Wird ihre Freundschaft den Umständen trotzen und überdauern?

„Wir ließen die Beine baumeln und zutschten am Calippo. Der Geschmack darin war flüchtig, man hatte ihn schnell, mitsamt der Farbstoffe, aus dem Eis gezogen, das blank und fad zurückblieb. Im Mund aber vermischte sich die Süße mit dem Sand zwischen unseren Zähnen zum Vorgeschmack auf ein Leben, das noch kommen sollte.“

Ein kluger, lustiger, ungemein unterhaltsamer Roman, der die Zeit leichtfüßig beleuchtet, aber auch zum Nachdenken anregt, sprachlich pointiert und gekonnt, eine klare Leseempfehlung!

Bewertung vom 17.08.2025
Tomorrow Land
Martin, Peer;Michaelis, Antonia

Tomorrow Land


sehr gut

In der Regel beschäftigen sich Dystopien mit übersteigerten negativen Aspekten unserer Welt – was wäre wenn... Ein schlechter Ort wird beschrieben, das Gegenteil einer Utopie, die auf eine gute, schöne friedfertige Zukunft verweist. Der neue Roman „Tomorrowland“ der beiden renommierten Autoren Antonia Michaelis und Peer Martins beschreibt eine Horrorversion Deutschlands in gut 60 Jahren und es geht unter anderem um Freiheit, Liebe und Freundschaft, Menschenrechte, Ausbeutung, Krieg, Ressourcen, Umweltverschmutzung, Artensterben, Naturkatastrophen und Klimawandel. Viele Themen, die in das 320-Seiten-starke Jugendbuch passen, und es geht gleich rasant zur Sache mit einem eindrucksvollen Anfang: das Unwetter, die Flucht aus dem Gefängnis, die Rettung aus größter Not. Moa rettet Hannes und dann sind sie gemeinsam auf der Flucht, landen bei der Prinzessin Greta-Anna, die ihnen wie eine Märchenfigur aus einer anderen Welt erscheint und erstaunlicherweise hilft. Zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten treffen aufeinander, 3-D-Wälder, gechippte Gefangene, Hunger, Ghettos, Armut und dann diese luxuriöse Welt der Prinzessin. Sie hilft den beiden aller Vernunft zum Trotz, obwohl ihr Vater ein hohes Tier bei der Sicherheit ist und sie sich in Gefahr begibt - und damit beginnt ihre Involvierung im wahren Leben, die Spirale, die alles zu sprengen droht. Ihr Freund Wilhelm scheint eine ganz andere Einstellung zu haben und kann ihr Verhalten nicht nachvollziehen. Ein alter, unheimlicher Mann hat außerdem seine Finger im Spiel und es ist nicht klar, auf welcher Seite er steht, der Chronist der Zeit, Mahner und Intellektueller, Schuldiger?
Das rasante Tempo des Anfangs wird eingehalten und die Ereignisse überschlagen sich, für mich passiert etwas zu viel aufeinander und der Leser kann kaum Atem holen. Dieses Nebeneinander und die Flucht- und Gefahrensituationen ufern sehr aus, ein lebensbedrohliches Abenteuer jagt das nächste, die Orte wechseln, die Gefahr vergrößert sich, die KI übernimmt die Regie und Horrorszenarien werden Wirklichkeit.
Dabei bleiben die Figuren z.T. eindimensional und ich hätte mir etwas mehr Tiefe und Hintergrundinformationen gewünscht, vor allem bei Moa, der gute Freund, aber was hat er auf seiner langjährigen Flucht alles erlebt? Welche Eigenschaften charakterisieren ihn neben seiner Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und seinem Mut? Und auch Shirin und Jahle bleiben eine Tochter und eine Mutter auf der Flucht, hilfsbereit, sympathisch, unschuldig, aber keine Menschen aus Fleisch und Blut. Vielleicht eher Stellvertreter für die Unterdrückten? Möglicherweise ist das bei diesem spannenden Jugendroman auch zu viel verlangt, atemberaubend zu lesen ist er auf alle Fälle und eine Lektüre, die breiten Raum für Informationen, Diskussionen und weiterführende Recherche bietet allemal. Vielleicht sogar als Schullektüre geeignet - als mitreißende Verfilmung allemal denkbar und die Hoffnung auf eine bessere Welt wird am Schluss greifbar, die Möglichkeit zur Veränderung und zu aktivem, verantwortungsvollen Handeln als Auftrag.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.06.2025
Ausgespielt
Prammer, Theresa

Ausgespielt


sehr gut

Amor - Weg in den Abgrund
Theresa Prammers neuer Thriller „Ausgespielt“ ist eine rasante Achterbahnfahrt voller Liebe, Leidenschaft und Mord mitten in die Fänge der Partnerschaftsvermittlungen.
Im Zentrum steht die toughe Ermittlerin Liv, die einen grauenhaften Frauenmord aufklären soll. Die Ereignisse überschlagen sich, ominöse Bekanntschaften aus den Rängen der Vermittlung wollen ihre Identität nicht preisgeben, der Kreis der Verdächtigen ist unüberschaubar und Liv weiß schon bald nicht mehr, wem sie wirklich trauen kann.
Besonders interessant ist der Wechsel der Zeitebenen und geschickt spielt Prammer mit diesen fließenden Übergängen – was passiert heute und was ist vor knapp 30 Jahren geschehen. Denn es zeigt sich, dass auch in den 80-er Jahren schon ähnliche Frauenmorde auftraten und die Fragen vervielfachen sich. Ist der Mörder noch auf freiem Fuß? Oder gibt es einen Nachahmer? Welche Spuren konnten verwischt werden? Und wurde eventuell der Falsche gefasst? Die Parallelen sind nicht zu übersehen und diese kurzweiligen Rückblenden lassen den Leser mitfiebern.
Die kurzen Kapitel und ständigen Szenenwechsel verhelfen dem Thriller zu einem atemberaubenden Lesevergnügen, allerdings geht es z.T. auf Kosten der Übersichtlichkeit. Es wird unter Umständen schwierig, den Überblick über die Liebeswütigen und Gesetzeshüter, die Figuren der Gegenwart und der Vergangenheit zu behalten. Geschickt vermischen sich Privates und Berufliches und besonders die beiden weiblichen Hauptfiguren gewinnen an Tiefe, Charakterstärke und Sympathie.
Ein spannender, ungewöhnlicher Thriller, der mit den Erwartungen der Leser / Leserinnen spielt und die Vertrauensfrage stellt – hoffentlich bleibt es nicht der einzige Fall von Liv!

Bewertung vom 08.06.2025
Der Kaiser der Freude
Vuong, Ocean

Der Kaiser der Freude


ausgezeichnet

Thanksgiving für jeden Tag
„Damit die Traurigkeit was hat, wo sie sich unterstellen kann... wie ein kleines Bushäuschen.“

Das Ende des amerikanischen Traums / Der Kaiser der Freude als der Kaiser einer Illusion
Ocean Vuongs neuer Roman ist eine Liebeserklärung für die Geschundenen, Verlierer, die trotz allem zueinander halten, einander helfen und das Glück suchen.
Der junge, queere Hai lebt unglücklich in seiner Lüge, er ist gescheitert, konnte die eigenen Hoffnungen und die seiner Mutter nicht erfüllen und will sich von einer Brücke stürzen, wird aber im letzten Moment von der alten Grazina aus Litauen gerettet. So beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft und Beziehung, bei der sich die beiden gegenseitig stützen, Halt und Hilfe geben und sich langsam eine fast familiäre Bindung ergibt. Die beiden kommen aus unterschiedlichen Welten und sie trennen Jahrzehnte und Kontinente, aber sie finden zueinander.
Es gut um Freundschaft, Menschlichkeit, Zuversicht, das Festhalten an Träumen, die Suche nach dem kleinen Glück und dem würdevollen Bestehen im harten Alltag. Die Hilfe für andere gilt als Ausweg, als Ablenkung von dem egozentrischen Kreisen um sich selbst. Fürsorge gilt für Vuong als Nachspiel von Wut, verwandelte Wut, die in positive Bahnen gelenkt wird.
Als Leser suchen wir das Happy End, aber darum geht es nicht – es geht eher darum, das Leben zu bestehen, in Schönheit, in Gnade, in Freundlichkeit, in Fürsorge, auch wenn es keine Hoffnung auf Beständigkeit oder Erlösung gibt.
Wie schon in seinem Romandebut betört Vuong mit seinen poetischen und ungewöhnlichen Bildern und zeigt erneut, dass er Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen und ein großes Herz für seine fein und liebevoll gezeichneten Charaktere besitzt.
Sony: „Aber wir sind trotzdem Looser, wir alle, wir haben immer nur verloren.“

Bewertung vom 08.06.2025
Butcher
Oates, Joyce Carol

Butcher


ausgezeichnet

Sinfonie des Schmerzes
Joyce Carol Oates bestätigt mit ihrem neuen Roman „Der Schlächter“ ihren Ruf als Kennerin des Schreckens, des Unglaublichen, des Makabren. Außergewöhnlich ist sowohl Inhalt als auch Sprache und Form und man taucht tief in eine Welt des Unfassbaren ein.
Im Zentrum steht der diabolische Arzt Silas Aloysius Weir, sein Aufstieg und Fall. Zu Beginn seiner Karriere wird er schüchtern, zurückhaltend als Landarzt in das Metier der Medizin eingeführt, kann kaum Blut sehen, hat Angst vor Berührungen und Kontakt zu den Patienten. Im Laufe der Zeit entwickelt er sich aber, von Ehrgeiz getrieben, zu einem Arzt, der mit neuen Forschungs- und Operationsmethoden die Geschichte der Medizin, der Gynäkopsychiatrie, revolutionieren möchte. Nicht die Heilung der Kranken, sondern die Erprobung neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen nun im Vordergrund und werden auf dem Rücken der Patientinnen vorangetrieben. Die perfekte Umgebung für seine Experimente findet er in der Anstalt für psychisch kranke Frauen, als Geisteskranke von ihren Familien abgeschoben und verbannt, an denen er seine unmenschlichen Untersuchungen und Operationen ohne Rechtfertigungsdruck durchführen kann. Erschütternde, plastische Darstellungen, Momente der Not, der Folter, der Qual, Unglaubliches wird erzählt, die Frauen sind wehrlose, anonyme Opfer. Allein zwei Frauen nehmen eine Sonderfunktion ein, eine Krankenschwester und eine Patientin, die es schaffen, sich in Ansätzen zu behaupten und Einfluss auf die Geschichte zu nehmen.
Die Sprache ist grandios, auf ganz hohem Niveau und wirklich dem 19. Jahrhundert angepasst, Schreiben kann Oates! Äußerst gelungen fängt sie diesen zeitlichen Duktus ein und es klingt wie ein Traktat aus der Romantik - der dämonische Arzt auf der Suche nach Perfektion, die schöne, stumme Albina, das Feuer, die Qualen, Gottesfürchtigkeit und der Bund mit dem Teufel, Maschinen und technische Geräte, Experimente, Wissenschaftsgläubigkeit und Furcht, Liebe und Hass, Strafe und Belohnung. Unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven tragen zur Abwechslung bei, gekonnt wechseln sich Einträge aus einem Tagebuch, Berichte von Überlebenden, einer Chronik, Schilderungen des Sohnes ab und vermitteln ein umfangreiches, aber immer auch subjektives und unzuverlässiges Bild. Der Leser weiß nicht, auf wen er sich verlassen kann und muss selbst die losen Enden zusammenknüpfen. Die gestelzte Sprache versetzt uns in die Zeit Edgar Allan Poes oder auch E. T. A. Hoffmanns und die gleiche Weitschweifigkeit ist zu beobachten. Weitere Elemente eines Schauerromans aus dem 19. Jahrhundert sind erkennbar - einzelne Momente werde nicht erklärt, man kann an das Übernatürlich glauben, Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht wissenschaftlich erklärbar sind – ein Equilibrium zwischen den Fakten und dem Fantastischen, Unerklärlichem lassen Leerstellen zu, die individuell gefüllt werden können.
Dieser Roman ist ein besonderes Highlight, allerdings nichts für schwache Nerven und viktorianische Fräuleins. Mich hat „The Butcher“ sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht - keine leichte Kost, aber eine Lektüre, die mich sicherlich lange begleitet wird. Ich freue mich auf mehr von der spektakulären Joyce Carol Oates!

Bewertung vom 08.06.2025
Überreste
Delgado, Daryll

Überreste


ausgezeichnet

„Wir bewegten uns, die Gerade-noch-Lebenden vorbei an den Toten, die im Straßenrand aufgereiht lagen.“

Ein bewegender Roman, „Überreste“ von Daryll Delgado, aus dem Philippinischen übersetzt, der sich mit dem Unglück und den Folgen einer Naturkatastrophe beschäftigt.

2013 traf der Taifun Haiyan auf die Philippinen, einer der schlimmsten Wirbelstürme, die je registiert wurden. Tacloban, Stadt der Insel Leyte, die selbst stark zerstört wurde, steht im Zentrum des Geschehens. Reale Zeugenberichte wechseln sich mit der Erzählung ab, bei der Ann, Journalistin. Ich-Erzählerin und Hauptfigur zwischen der Gegenwart, der Zeit nach der Katastrophe, und der Vergangenheit, in der sie als glückliches, privilegiertes Kind einer einflussreichen und angesehenen Familie in Tacloban in einer großen Villa mit Schwester Alice, Eltern, Dienstboten und jeglichem Komfort gelebt hat, hin- und herwechselt.

Ann ist eine komplexe Figur, der es immer schwerer fällt, ihrer Rolle als objektive Beobachterin, als Reporterin gerecht zu werden. Durch eine private Mission ist sie nicht mehr neutral und sie verfängt sich immer stärker in ihre komplizierte Familiengeschichte. Für eine Doku sammelt sie Informationen, recherchiert, zeichnet Interviews mit Überlebenden auf, andererseits ist sie privat involviert und beschäftigt sich mit den Wurzeln ihrer Herkunft. Ein Interessenskonflikt entsteht: Journalismus versus persönlichem Interesse, die Grenzen von objektiver Recherche werden aufgezeigt und Ann schafft es kaum, ein Gleichgewicht zu finden. Die Schatten ihrer Vergangenheit bedrohen und verunsichern sie. Die Zerrissenheit der Stadt entspricht der Zerrissenheit der Figur Anns: die Privilegien der eigenen Klasse, Familientraumata, Klassenunterschiede, alte Seilschaften, Mythen und ungeklärte Geheimnisse.

Eine sehr gekonnte Verknüpfung von realen Schrecken und einer psychologisch dichten Verarbeitung von Traumata – Fiktion und Realität treffen aufeinander und lassen den Roman zu etwas Besonderem werden.

Eine weitere Auffälligkeit ist die sprachliche Verwendung der Muttersprache Delgados, Warai. Immer wieder tauchen Sequenzen oder einzelne Wörter in Warai auf, die am Ende des Romans übersetzt werden. Man muss aber nicht notwendigerweise die Übersetzung simultan nachlesen, der Flow, der Sound reichen aus, die Leser sollen die fremde Sprache erleben, Ausdrucksform der Figuren, Teil der Charaktere, so Delgado im Interview. Die Figuren sollen sprechen und denken wie Warai-Sprecher. Aber wer hat eine Stimme? Wer hat das Recht, seine Geschichte zu erzählen? Wer hat überlebt? Und welche Geschichte und welche Bilder werden in das Bewusstsein der Überlebenden dringen?

Ein eindrücklicher Roman, bei dem sich die große, existenzielle Naturkatastrophe mit dem persönlichen, intimen Schicksal mischt und von einer Welt erzählt, die uns auf den ersten Blick fremd und fern erscheint, aber durch die allgemeingültigen Erlebnisse von Verlust, Todesangst und Überlebenswillen doch so sehr berührt. Ein besonderes Lesehighlight!

Bewertung vom 17.05.2025
Nach dem Krieg
Swift, Graham

Nach dem Krieg


ausgezeichnet

Grandioser Schreibstil und berührender Inhalt, der es mit wenigen Worten schafft, Charaktere zum Leben zu erwecken, Situationen zu umreißen, zwischen den Zeilen Welten zu erschaffen und Ungesagtes zu offenbaren.

In allen 12 Geschichten geht es Graham Swift um den richtigen Weg, Reflexion, Schuld, Verantwortung, Kommunikationsprobleme, Suche nach Akzeptanz, Vergebung, Abschied - verbunden mit der Melancholie des unperfekten Lebens, der Schmerzen und Wunden. Mit wenigen Strichen skizziert er Lebenswege, Ereignisse, Umbrüche, Schlüsselszenen einer Biografie – Krankheit, Sterben und Tod, Liebe und Hochzeit, Kindheit, Jugend, Alter.
Vieles bleibt ungesagt, wird aber zwischen den Zeilen erkennbar, der Widerstand, das Zögern, die Angst und die Hoffnung, Figuren kommen zueinander oder entfernen sich, es geht um Austausch oder auch Schweigen, immer aber um die Beziehung vom Ich zum Du. Die Tiefen und Höhen des Lebens, Wesentliches und Alltägliches begegnen sich und prägen den Menschen.
Die 12 Kurzgeschichten sind nicht immer eindeutig zu interpretieren, sie changieren in Grautönen, fordern zum aufmerksamen Lesen heraus und eröffnen neue Perspektiven. Das typisch Menschliche als Gegenstand der Erzählungen, die Emotionen des Lesers werden involviert und fast automatisch überdenkt und reflektiert man eigene Erfahrungen, Krisen und Höhepunkte in der eigenen Biografie.
Voller Empathie und Nachsicht beschreibt Swift die Figuren, ihre Stärken und Schwächen, abstruse Gedanken, verschüttete Ängste, Scham und Traumata der Vergangenheit.
Der Krieg ist das verbindende Glied, die Zeit nach einem Krieg, die Erfahrungen und Auswirkungen des Krieges auf den Menschen, die alte Fliegerjacke eines Veteranen, das Bonfire zu Guy Fawkes (Feuerwerk), das an die Bombennächte erinnert, die Nachforschungen nach Überlebenden nach dem 2. WK, der in Großbritannien stationierte GI aus den USA, der Bergmann, der nicht in den Krieg ziehen und dem Vaterland nicht auf dem Schlachtfeld dienen durfte, die Kuba-Krise, der Golf-Krieg, der 11. September – der Krieg als permanent vorhandene Nebenfigur, die immer eine präsente, aber nicht erdrückende Stellung einnimmt.
Die Geschichten weisen häufig einen melancholischen Unterton auf, denn der Lauf der Zeit kann nicht mehr zurückgedreht und Unrecht nicht zurückgenommen werden. Sie haben nichts Heroisches an sich, der Alltag steht im Mittelpunkt und dann die plötzliche Erinnerung an etwas Besonderes, Großes, Grenzsituationen des Lebens mitsamt den individuellen Erfahrungen.
Graham Swift verzaubert den Leser mit seiner eleganten, eindrücklichen Sprache – ein grandioser Stilist, bei dem jedes Wort sitzt und jede Geschichte lesenswert ist.
Eine Lektüre auf hohem Niveau und eine klare Leseempfehlung. Höchste Punktzahl!

Bewertung vom 10.05.2025
Die Summe unserer Teile
Lopez, Paola

Die Summe unserer Teile


gut

Dysfunktionale, verdammte Nabelschnur
Empörung, Verbitterung, Ärger, Wut, Distanz, Kommunikationsstörungen – drei Generationen von Frauen können nicht zueinander finden, obwohl sie sich eigentlich nichts sehnlicher wünschen; Scheitern, Verlust und Lebenslügen auf allen Ebenen.
Drei Frauen, drei Orte, drei Zeitebenen – kluge, gebildete und relativ emanzipierte Wissenschaftlerinnen auf der Suche nach dem Glück, nach beruflichem und privatem Erfolg. Sie fangen von null an, sind auf der Flucht aus Polen, studieren im Ausland, behaupten sich gegenüber männlichen Kollegen, verlieben sich, werden schwanger und versuchen, ihren Weg zu gehen, aber immer wieder scheitern sie aus den verschiedensten Ursachen heraus. Die drei wirken sehr anstrengend und selbstbezogen - sie versuchen nicht, sich auf die jeweils andere einzulassen, sind sich selbst am nächsten.
Allen voran lernen wir Lucy kennen, die jüngste der drei Frauen, die in Berlin im hier und jetzt lebt und auf der Suche nach ihrer Herkunft und ihren Wurzeln in Polen ist.
Andererseits will sie sich von ihrer Mutter Daria befreien, die übergriffig und besitzergreifend ist und z.B. einen Flügel ohne Absprache an ihre Tochter schicken lässt. Was ist das für ein Umgang? Kann dadurch Liebe und Austausch möglich werden? Sicherlich nicht, wenn weder Empathie noch Achtsamkeit oder der Wunsch nach Verständigung und Versöhnung vorhanden sind.
Dem Leser bleibt nur eine große Distanz zu allen Figuren im Roman, was bedauerlich ist. Die Menschen stehen sich selbst im Weg und lassen Nähe nicht zu, obwohl eigentlich genug Liebe vorhanden wäre.
Lucy ist uns vermutlich am nächsten, da ihre Umwelt die unsere ist. Bei den beiden Müttern trennen uns einfach zu viele Probleme und politische Krisenherde, die uns heutzutage glücklicherweise als Frau gerade nicht mehr bzw. viel eingeschränkter begegnen.
Die Männer des Romans sind alle ganz sympathisch, etwas grau und unscheinbar, können sich allerdings nicht durchsetzen bzw. machen mit, hinterfragen die Situationen nur eingeschränkt und sind in ihrer Welt beheimatet. Ich finde sie aber durchaus offen und beziehungsfähig, soweit man das aus dem Roman heraus beurteilen kann. Ein anderes, besseres Leben wäre durchaus möglich.
Interessant sind die zeitlichen Sprünge im Roman, nach und nach entfaltet sich die Geschichte und der Zusammenhang zwischen den drei Biografien wird deutlich. Paolo Lopez‘ Sprache ist eingängig und sie beschreibt die unterschiedlichen Charaktere differenziert und lebendig. Sprachlich verwendet sie originelle und passende Metaphern, allerdings häufen sich die Bilder nach meinem Geschmack zu sehr.
Insgesamt ein spannendes Thema über Mütter – Töchter – Beziehungen, das allerdings seine Wirkung aufgrund der unsympathischen Heldinnen nicht entfalten kann und leider keinen emotionalen Sog entwickelt.