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Benutzername: 
leukam
Wohnort: 
Baden-Baden

Bewertungen

Insgesamt 103 Bewertungen
Bewertung vom 10.11.2025
Großmutters Geheimnis
Koppel, Benjamin

Großmutters Geheimnis


gut

Zwiespältiger Eindruck


Wer wie ich den Debutroman von Benjamin Koppel „Annas Lied“ gelesen hat, dürfte voller Vorfreude zu seinem neuesten Buch „ Großmutters Geheimnis“ gegriffen haben. Der bekannte Musiker und Autor hat sich auch dieses Mal wieder von seiner eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen.
Auch hier entwickelt er seine Erzählung auf zwei Ebenen.
In einem jüdischen Altersheim in New York spricht eine sehr alte Dame ihre Erinnerungen auf Band. Adressiert sind die Bänder an ihren in Dänemark lebenden Enkel, zu dem sie keinen Kontakt hat. Ihm möchte sie von ihrer Vergangenheit erzählen, damit er seine eigenen Wurzeln kennt und Verständnis für das komplizierte Familienverhältnis entwickeln kann.
Aufgewachsen ist die Ich-Erzählerin Ruth in Kopenhagen inmitten einer weit verzeigten jüdischen Familie. Ursprünglich aus dem polnischen Schtetl kommend, hat sich die Familie in Dänemark eine neue Existenz aufgebaut. ( Wer den Vorgänger gelesen hat, kennt die Koppelmanns. Die Ich- Erzählerin ist Annas Cousine.)
Es sind glückliche Jahre, bis die Nazis in Dänemark einmarschieren. Ruth, die im Anfang ihrer Karriere als Opernsängerin stand, wird 1943 mit ihrem Vater zusammen verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Eindringlich schildert der Autor die Geschehnisse im Lager. Einzig die Musik und die Beziehung zu einem jungen Mann geben Ruth die Kraft zum Überleben.
Im zweiten Erzählstrang wechselt der Autor von der Ich-Erzählung zur personalen Erzählweise und in das Dänemark der Gegenwart. Hier steht im Zentrum Ruths Enkel, der Musiker Alexander. Er ist unglücklich in seinem Job als Mitglied einer Cover-Band. Viel lieber würde er seine eigene Musik machen, doch dazu fehlt ihm der Mut.
Noch belastender für ihn ist aber seine private Situation. Seit einiger Zeit schon versuchen er und seine langjährige Partnerin Gry ein Kind zu bekommen, bisher vergeblich. Nun hoffen sie auf medizinische Hilfe in einer Kinderwunschklinik. Die Behandlung ist für die beiden und ihre Beziehung äußerst belastend.
Dazu kommt noch das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter. Lilian, einst eine gefeierte Musicalsängerin, ist egozentrisch und übergriffig. Ständig mischt sie sich völlig empathielos in Alexanders Leben ein. Schon als Kind fühlte er sich ungeliebt, immer stand ihre Karriere an erster Stelle..
Benjamin Koppel erzählt nun abwechselnd von Ruth und Alexander. Das konnte mich von Anfang an fesseln und ich fand beide Erzählstränge gleichermaßen interessant.
Nicht nur das tragische Schicksal von Ruth und ihrer Familie hat mich berührt, auch wenn ich schon viel über das Thema Judenverfolgung gelesen habe.
Ebenso eindringlich beschreibt Benjamin Koppel, was ungewollte Kinderlosigkeit für ein Paar bedeutet. Heute verspricht der medizinische Fortschritt Abhilfe. Doch der hat seinen Preis und ist nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Dabei geht jeder der Beteiligten anders mit einer solchen Situation um. Auch das wirkt glaubwürdig im Roman.
Doch der anfangs positive Eindruck verschwand leider im Verlauf der Lektüre. Das lag zum einem an einem strukturellen Problem, denn der Roman bekam ein Ungleichgewicht. Während bei Ruth Dramatisches passiert, dreht sich Alexanders Geschichte im Kreis. Hier wäre eine Straffung unbedingt notwendig gewesen. Später dann aber wird auf wenigen Seiten alles zu einem positiven Ende gebracht. Das wirkt unglaubwürdig und kitschig.
Außerdem hat Benjamin Koppel zu wenig Vertrauen in seine Leserschaft. Es wird sehr bald klar, dass Alexanders Zerrissenheit und Unzufriedenheit tiefere Gründe haben muss, Gründe, die in der familiären Vergangenheit liegen. Und auch, dass er seine Probleme erst in Griff bekommt, wenn er mehr über das familiäre Trauma weiß. Ein Thema des Romans ist also die sekundäre Traumatisierung , d.h. die transgenerationale Weitergabe von Traumata. Damit das auch jeder Lesende begreift, lässt er Alexanders Partnerin an einem Forschungsprojekt zu diesem Thema arbeiten. Das ist wenig elegant und wirkt didaktisch.
Positiv aufgefallen sind mir aber die vielen Passagen, in denen es um Musik geht. Da spürt man, dass sich der Autor, selbst Musiker, auf vertrautem Terrain bewegt. Hier vermag er es, einzelne Musikstücke einfühlsam zu interpretieren , aber auch die Bedeutung der Musik für seine Protagonisten rüberzubringen.
Insgesamt ist „ Großmutters Geheimnis“ ein Roman, der einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Bewertung vom 04.11.2025
Lebensbande
Borrmann, Mechtild

Lebensbande


sehr gut

Freundschaft in schweren Zeiten
Wenn von Mechtild Borrmann ein neuer Roman erscheint, greife ich immer sofort zu. Denn bisher bin ich noch nie enttäuscht worden, verbindet sie doch äußerst gekonnt zeitgeschichtliche Ereignisse mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Dafür hat sie schon zahlreiche Preise erhalten. Ihrem Schreiben geht auch immer eine intensive Recherchearbeit voraus, das lässt ihre Geschichten lebensecht und stimmig wirken.
Ihrem neuesten Roman „Lebensbande“ ist ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson vorangestellt: „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Um die Freundschaft dreier Frauen in schweren Zeiten geht es im Buch.
Lene, eine junge Frau aus einem Dorf nahe der niederländischen Grenze, verliebt sich Anfang der 1930er Jahre in den Holländer Joop. Ihre Eltern sind strikt gegen diese Verbindung und tun alles, um sie zu unterbinden. Mehr oder weniger ungewollt schlittert Lene dann in eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kommt es zu Komplikationen mit Folgen für den Sohn. Leo stottert und hat leichte Lernverzögerungen, nichts Schlimmes eigentlich. Doch in Nazi-Deutschland ist das Urteil „Schwachsinn“ schnell gefällt. Lene wird die elterliche Fürsorge entzogen und ihr Sohn kommt im Winter 1940 als „Reichsausschusskind“ in die Kinderabteilung der Heil - und Pflegeanstalt Bonn.
Hier arbeitet die Krankenschwester Nora, eine Cousine von Lene. Diese kümmert sich nun fürsorglich um Leo. Als dem Jungen die Verlegung in eine andere Einrichtung droht, die Schlimmes ahnen lässt, riskiert sie ihr Leben, um ihn zu retten.
Lieselotte, eine glühende Anhängerin der Nazi- Ideologie, begegnet Nora im Zug zu ihrem Arbeitseinsatz in Danzig. Trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauung freunden sich die beiden Frauen an. Diese Freundschaft ist ihr Halt in den folgenden Jahren. Denn kurz vor Kriegsende werden sie als Arbeitskräfte in den russischen Gulag verschleppt; wie 900.000 andere sind sie Teil der Reparationsleistungen, die Stalin zugesichert wurden. Sie ertragen unvorstellbaren Hunger, Kälte und erbarmungslosen Arbeitseinsatz. Als Adenauer sechs Jahre nach Kriegsende beginnt, die deutschen Kriegsgefangenen zurückzukaufen, bewährt sich die Freundschaft auf dramatische Weise.
Mechtild Borrmann entwickelt ihre Geschichte auf zwei Ebenen. Während man den Lebensweg von Lene von 1931 an verfolgen kann, setzt ein zweiter Erzählstrang im Herbst 1991 an.
In einem kleinen Ort an der Ostsee in der ehemaligen DDR wird eine ältere Witwe durch einen Brief an ihre lang verdrängte Vergangenheit und damit an ihre Lebenslüge erinnert. Schreibend versucht sie nun, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten.
Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich hier deutsche Geschichte über sechs Jahrzehnte. Dabei werden die Zeitumstände am Schicksal der Figuren festgemacht. Es sind Erfahrungen, die viele Frauen in diesen Zeiten durchlitten haben, schmerzhafte, grausame, leidvolle. Aber auch solche, die von Liebe, Freundschaft, Mut und Fürsorge geprägt sind. Als Lesender fühlt man mit, ist ganz nah bei den Figuren, gerade weil die Autorin das alles ohne Pathos beschreibt.
Mechtild Borrmann gelingt es erneut, präzise und voller Empathie die Lebenswege verschiedener Charaktere in Zeiten von Terror und Krieg nachzuzeichnen, mit einer authentischen Geschichte, die berührt und fesselt.

Bewertung vom 24.10.2025
Die Frau der Stunde
Specht, Heike

Die Frau der Stunde


sehr gut

Frauenpower
Von der Historikerin Heike Specht stammt das Buch „Die Ersten ihrer Art. Frauen verändern die Welt“ Hierin porträtiert sie bekannte Frauen, die sich einen Platz in einer männerdominierten Welt erobert haben. Unter anderem Frauen wie Margaret Thatcher, Angela Merkel und Kamela Harris, die als erste britische Premierministerin, als erste deutsche Bundeskanzlerin und als erste US- Vizepräsidentin in die Geschichtsbücher Eingang gefunden haben. Die Recherchearbeit und die Interviews zu dem Buch dürften Auslöser gewesen sein für ihren ersten Roman.
Hierin wagt sie ein interessantes Gedankenspiel: Was wäre gewesen, wenn in Deutschland schon viel früher eine Frau eine herausragende Rolle in der Politik gespielt hätte? Wie wären die Parteifreunde, die Opposition, die Presse und die Bevölkerung mit der Situation umgegangen?
Der Roman spielt Ende der 1970er Jahre. Der liberale Außenminister stolpert über eine Affäre und muss deshalb zurücktreten. Seine Parteikollegin Catherina Cornelius soll seinen Job als Außenminister und Vizekanzler übernehmen und damit die Regierungskoalition retten. Catharina steht vor einer schwierigen Entscheidung. Ist ihre Partei und ist das Land schon reif für eine Frau in dieser Position? Sie nimmt die Herausforderung an, obwohl das Risiko zu scheitern groß ist. Schonfrist wird ihr keine gegönnt. Mit Argwohn wird jeder ihrer Schritte beobachtet und kommentiert. Aber Catharina ist klug und weiß mit Selbstbewusstsein, Kompetenz und Charme zu überzeugen. Schwäche darf sie keine zeigen, denn im Hintergrund werden schon Intrigen gegen sie geschmiedet.
Doch Catharina hat Verbündete, die sie unterstützen und ihr mit Rat zur Seite stehen. Da sind zum einen ihre beiden Freundinnen aus Internatstagen Suzanne und Azadeh, auf die sie sich immer verlassen kann. Aber auch ihre politische Mentorin Hilde von Rochow, die Grande Dame der Partei, lässt sie nicht im Stich. Es ist eine ganze Riege von starken Frauen, die Heike Specht hier auftreten lässt. Zu den schon genannten kommen noch die resolute Büroleiterin Sieglinde und die zurückhaltende junge Referentin Juliane hinzu. Catharina ist keine Einzelkämpferin, sondern kann auf ein ganzes Netzwerk zurückgreifen.
Das ist auch notwendig, denn die Altherren-Riege, aus der sich die Politik-Elite jener Zeit zusammensetzt, tut sich schwer mit einer Frau an der Spitze. Gerne wird sie unterschätzt. Doch mit Catharina und ihrer Frauenclique zeigt die Autorin, dass nun eine neue Frauengeneration herangewachsen ist. Eine, die unabhängig und zielstrebig ihren Weg geht.
Catharinas Privatleben spielt im Roman eine zweitrangige Rolle und das ist gut so . Der Lesende erfährt zwar manche Details aus ihrem Leben, vieles im Hinblick auf ihre neue Aufgabe, aber das Hauptaugenmerk liegt auf ihrer politischen Arbeit.
Dabei bietet Heike Specht einen glaubwürdigen Einblick in den Bonner Politikbetrieb. Reale Ereignisse, die in die fiktive Handlung eingebaut werden, verstärken diesen Eindruck. Wer wie ich diese Zeit noch miterlebt hat, dem kommt vieles bekannt vor. Es macht auch Spaß zu rätseln, wer mit manchen der fiktiven Figuren gemeint sein könnte. Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Petra Kelly sind leicht zu erkennen. Aber die Autorin hat keinen Schlüsselroman geschrieben; die meisten Protagonisten sind wohl ein Konglomerat aus den unterschiedlichsten Personen.
Ein zweiter Schauplatz im Roman ist der Iran, in dem sich zu diesem Zeitpunkt gewaltige Veränderungen ankündigen. Unruhen erschüttern das Land und führen zum Sturz des Schahs. Catharinas Freundin Azadeh, eine engagierte Dokumentarfilmerin, reist in ihre frühere Heimat, um hautnah dabei zu sein. Doch die Lage dort wird gefährlich für Frauen. Und Catharina muss als Außenministerin Position beziehen.
Das alles macht aus „Die Frau der Stunde“ einen äußerst realistischen zeitgeschichtlichen Roman, trotz der fiktiven Prämisse. Vieles lässt sich auch auf die Gegenwart übertragen. Machtspiele und Konkurrenzgerangel findet man auch heute im politischen Betrieb. Und viele der internationalen Probleme sind leider immer noch aktuell. Auch die Aussage über die Deutschen trifft nach wie vor zu: „Die Deutschen waren ein scheues Reh, man musste ihnen lange gut zureden, wenn man ihnen irgendeine Veränderung präsentieren wollte. Eine unbedachte Bewegung, ein lautes Geräusch, und sie verschwanden wieder im undurchdringlichen Dickicht der bösen Ahnungen, alten Ängste und Furcht einflößenden Zukunftsszenarien.“
Zwar sind Frauen heutzutage in einer Führungsposition keine Ausnahme mehr, aber auch nicht die Regel.
Das Ende schreit geradezu nach einer Fortsetzung und ich wäre wieder mit dabei.

Bewertung vom 13.10.2025
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
Abel, Susanne

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104


sehr gut

Fesselnd und berührend
Susanne Abel hat mit ihren ersten beiden Büchern Bestseller gelandet und auch dieser Roman hat das Zeug dazu. Wieder versteht sie es, mit einer intensiven Familiengeschichte zu fesseln und zu berühren.

Über 300.000 Kinder suchten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Familie bzw. wurden gesucht. Hardy ist einer von ihnen. Mit einem Kindertransport aus Danzig kommt er an, ohne Angaben zu seiner Herkunft und seiner Person. Man schätzt ihn auf ca. drei Jahre und gibt ihm den Namen Hartmut. Er kommt, wie viele Kinder mit ähnlichem Schicksal, in ein von Nonnen geleitetes katholisches Kinderheim. Doch von christlicher Nächstenliebe ist nichts zu spüren. Statt Liebe und Zuwendung erfahren die elternlosen Kinder Kälte, Gewalt und Hunger. Hardy verstummt angesichts dessen, wird deshalb als „debil“ eingestuft. Einzig die Fürsorge der 11jährigen Margaret, die wie er alles verloren hat und im Heim lebt, hilft ihm, den schrecklichen Alltag zu ertragen. Sie nennt ihn liebevoll „Hardy“ und beschützt ihn, so gut sie kann.

Obwohl ich schon wusste, welche unmenschlichen Zustände in den Kinderheimen im Nachkriegsdeutschland geherrscht haben, war ich doch schockiert beim Lesen. In vielen eindringlichen Szenen beschreibt die Autorin, wie die Kinder seelisch und körperlich misshandelt wurden.

Doch Susanne Abel geht es mit ihrem Roman um weitaus mehr als um das Schicksal von Heimkindern. Sie will aufzeigen, wie die traumatischen Kindheitserlebnisse sich auswirken auf das gesamte Leben, nicht nur des Einzelnen, sondern über Generationen hinweg. Deshalb schlägt sie auch den Bogen bis in die Gegenwart. Ein zweiter Erzählstrang setzt sechzig Jahre später an; dabei wechselt die Autorin gekonnt zwischen den Zeitebenen. Hardy und Margaret sind ein altes Ehepaar und kümmern sich fürsorglich um ihre Urenkelin Emily. Sie haben das Kind bei sich aufgenommen, weil deren Mutter mit der Erziehungsaufgabe überfordert war. Denn trotz ihrer Liebe und trotz ihren guten Willens schaffen es Margaret und Hardy nicht, ihrer Tochter das zu geben, was sie braucht. Tochter und Enkelin sind beides haltlose Frauen, die dafür ihrer Margaret die Schuld geben. Denn natürlich sind Margaret und Hardy gefangen in ihrer Welt voller Traumata und Dämonen. Sie haben zwar gelernt, damit zu leben, aber nur, indem sie verdrängen. Margaret schafft das aber meist nur mit Hilfe von Psychopharmaka und Hardy verfällt auch im Alter in Verhaltensweisen aus seiner Kindheit. Gerade wenn es auf sein Eingreifen ankäme, ergreift ihn eine Schockstarre, die ihn unfähig macht, richtig zu handeln. Und Margaret hat einen Kontrollzwang, unter dem auch Emily noch leidet. Erst als Jugendliche beginnt Emily sich mit der Vergangenheit ihrer Urgroßeltern auseinanderzusetzen.

Susanne Abel macht hier ganz eindringlich klar, dass Verdrängen und Verschweigen keine Lösung sein können. Doch das war gängige Praxis für diese Generation. Zu sehr war das Erlebte mit Schmerz und Scham verbunden und es galt, den Blick nach vorne zu richten. Wenn wir heutige Leser das Verhalten der Figuren beurteilen, sollten wir immer im Blick behalten, dass damals anders mit Problemen umgegangen wurde als heutzutage.

Die Autorin hat glaubhafte Charaktere geschaffen, deren Verhalten, auch wenn wir es nicht immer billigen, psychologisch nachvollziehbar wird. Als Lesender verfolgt man gespannt deren Lebensweg, leidet mit ihnen und hofft mit ihnen. Vor allem Hardy und die kleine Emily sind mir richtiggehend ans Herz gewachsen. Mag auch das Ende manchen kitschig erscheinen, so braucht man das nach all dem Schrecken. (Eine Wendung dagegen wäre nicht notwendig gewesen.)

Davon abgesehen gab es solche Schicksale, wie hier beschrieben. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und belegt dies in ihrem Nachwort mit einer längeren Literatur- und Dokumentationsliste.

„ Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ ist ein zu Herzen gehender und ungemein fesselnder Familienroman, der zugleich einen tiefen Einblick in die Mentalitäts - und Zeitgeschichte liefert. Ein Roman, dem ich sehr viele Leser wünsche, gerade auch in heutigen Zeiten, wo wieder viele Flüchtlinge bei uns stranden.

Bewertung vom 06.10.2025
Die Farbe des Schattens
Tägder, Susanne

Die Farbe des Schattens


sehr gut

Gelungene Fortsetzung


Die Juristin Susanne Tägder konnte mich schon mit ihrem Debut „Das Schweigen des Wassers“ überzeugen und gespannt erwartete ich die Fortsetzung.
Die schließt nahtlos an den Vorgänger an. Im Zentrum steht wieder Hauptkommissar Arno Groth, der im Herbst 1991, nach zwanzig Dienstjahren bei der Hamburger Polizei, als Aufbauhelfer Ost in seine Geburtsstadt Wechtershagen in Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist. Seit drei Monaten lebt er nun hier, doch richtig angekommen ist er noch nicht. Da landet eine Vermisstenanzeige auf seinem Schreibtisch: Der elfjährige Matti war nur kurz einkaufen und ist seitdem spurlos verschwunden. Groth ordnet eine großangelegte Suchaktion an, auch Nachbarn beteiligen sich, denn bei der Kälte ist Eile geboten. Doch die Suche bleibt ergebnislos. Zwei Tage später wird in einem Keller die Leiche des Jungen gefunden. Indizien weisen auf einen ortsbekannten Alkoholiker hin, der dann tatsächlich nach einem zermürbenden Verhör die Tat gesteht. Aber Groth hat seine Zweifel, berechtigt, wie sich bald herausstellt. Stattdessen beginnt er einer anderen Spur nachzugehen. Vor ein paar Jahren verschwand in der Gegend schon einmal ein Junge, der Fall wurde nie gelöst.
Die Ermittlungen führen Groth in eine Plattenbausiedlung in einem Brennpunktviertel. Viele hier haben nach der Wende ihren Job verloren; Frust und Wut sind die vorherrschenden Gefühle. „Da gibt es diejenigen, die an nichts mehr glauben, und diejenigen, die an das Falsche glauben. Dazwischen ist nicht viel.“ Groth trifft oft auf eine Mauer des Schweigens. Das Vertrauen in die Polizei ist nicht groß. Umso höher der Druck auf Groth, Ergebnisse zu liefern.
Susanne Tägder erzählt auch hier wieder in einem ruhigen Tempo. Detailliert beschreibt sie die tägliche mühsame Polizeiarbeit, ebenso die emotionale Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt.
Und mit Groth hat die Autorin einen besonderen Ermittler geschaffen. Einen, der nachdenklich und voller Selbstzweifel die Sache angeht und sich mehr von seinem Bauchgefühl leiten lässt. Und er ist ein Versehrter, wie viele der Figuren im Roman. Dazu passt auch, dass sich die Liebesbeziehung zu einer ehemaligen Schulkameradin nur langsam entwickelt. Groth ist ein Polizist, für den die betroffenen Menschen im Vordergrund stehen, nicht „ der Fall“.
Auch die Nebenfiguren werden vielschichtig und mit viel Empathie gezeichnet. Da ist das Opfer Matti, ein schweigsamer Junge, über den seine überforderte Mutter und der arbeitslose Vater wenig wissen. Oder die Taxifahrerin Ina, die mit ihrem Sohn vor ihrem saufenden und prügelnden Ehemann geflüchtet ist und deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei geht.
Oder Kollege Gerstacker, den man noch aus dem ersten Band kennt. Der ist mittlerweile wegen seiner früheren Stasi-Verbindung vom Dienst suspendiert, wird aber von Groth zu den Ermittlungen herangezogen, da er als Einziger mit dem alten Fall vertraut ist.
Obwohl der Grundton eher ruhig und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
„Die Farbe des Schattens“ ist ein atmosphärisch dichter und ungemein fesselnder Roman, der das Niveau des Vorgängers halten kann. Auch dieses Mal liefert die Autorin ein stimmiges Bild der Nachwendezeit. Ich freue mich schon auf weitere Bände mit dem sympathischen Ermittler.

Bewertung vom 25.09.2025
Das Haus mit der kleinen roten Tür
Easton, Grace

Das Haus mit der kleinen roten Tür


sehr gut

Rundum gelungen
Als erstes fällt die hochwertige Aufmachung dieses großformatigen Bilderbuchs ins Auge. Doch nicht nur damit kann das Buch punkten. Inhaltlich geht es um die Frage, was ein Haus zu einem richtigen Zuhause macht. In dem titelgebenden „Haus mit der kleinen roten Tür“ wohnt ein Mädchen namens Olivia. Und in einer alten Eiche hinten im Garten lebt die kleine Maus. Der Winter kommt und mit ihm viel Schnee, so viel, dass die Eiche unter seiner Last zerbricht. Wo soll nun das Mäuschen wohnen? Am Ende finden sie gemeinsam eine Lösung, die beide glücklich macht.
Mit wenig Text erzählt die Autorin eine warmherzige Geschichte über Freundschaft und Geborgenheit. Die farbenfrohen, in warmen Tönen gehaltenen Illustrationen sind eine wahre Freude. Abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail erzeugen sie eine zauberhafte Atmosphäre, voller Nostalgie. Auf beinahe jeder Seite finden sich ausgestanzte Klappen, die zum Entdecken einladen. Ein rundum gelungenes Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, ideal für die kommende Winterzeit.

Bewertung vom 16.09.2025
Anna oder: Was von einem Leben bleibt
Sußebach, Henning

Anna oder: Was von einem Leben bleibt


ausgezeichnet

Geschichtsschreibung von unten
Der Journalist Henning Sussebach begibt sich auf Spurensuche nach seiner Urgroßmutter. Dabei ist es recht wenig, auf das er sich berufen kann: ein paar Daten, zwei Poesiealben aus Annas Kinder- und Jugendzeit, einige Photos, ein paar Postkarten, Briefe und Notizbücher, ein Verlobungsring und ein Kaffee-Service. Niemand in seiner Familie kennt die 1932 gestorbene Frau noch persönlich. Angesichts dieser Ausgangslage ist es erstaunlich, was er geschaffen hat.
Geboren wurde Anna 1866 in einem kleinen Dorf in Westfalen. Der Vater stirbt früh, Anna kommt mit zwölf Jahren in ein Kloster, wo sie eine Ausbildung zur Lehrerin erhält. Mit zwanzig Jahren tritt sie ihre Stelle an als Dorfschullehrerin. Dieser Beruf verschafft ihr zwar Ansehen, ein kleines Gehalt und eine Dienstwohnung, doch er ist an Auflagen gebunden. Als Lehrerin darf man nicht heiraten, tut man es doch, muss man den Beruf aufgeben und verliert seine Pension. Aber Anna verliebt sich in den Sohn der angesehensten Familie des Ortes. Clemens ist nicht nur vier Jahre jünger, sondern auch „der Dorfprinz“, „der begehrteste Junggeselle im Dorf“. Seine Eltern lehnen die Verbindung ab. Erst nach dem Tod des Vaters, zwölf Jahre später, heiraten Anna und Clemens. Doch ihr Glück währt nur kurz. Zwölf Wochen nach der Hochzeit kommt Clemens bei einem tragischen Unfall zu Tode. Und Anna leitet nun selbstständig die vielen Geschäftszweige ihres Mannes, nicht nur die Gaststätte und den Kolonialwarenladen, sondern auch die angeschlossene Poststelle, und sie zieht ihren Sohn alleine groß. Jahre später wird sie erneut heiraten. Sie ist zu diesem Zeitpunkt eine reife Frau von dreiundvierzig Jahren, er 19 Jahre jünger. Mit 45 Jahren bekommt Anna noch eine Tochter, die Großmutter des Autors.
Henning Sussebach nähert sich seiner Urgroßmutter mit viel Empathie und Respekt. In manchem ist er auf Mutmaßungen angewiesen, das verschweigt er nicht. Was mag Anna gedacht, gefühlt haben? Mit einem Urteil hält er sich zurück, da unsere heutige Perspektive eine andere ist als zu ihrer Zeit. Doch das Bild, das er von ihr vermittelt, ist beeindruckend und wirkt glaubhaft.
Anna ist eine außergewöhnliche Frau, eigenwillig und selbstbewusst. So tritt sie uns auch in den im Buch abgedruckten Photos gegenüber. Sie lässt sich von Widerständen und Schicksalsschlägen nicht unterkriegen. Sie verstößt gegen gesellschaftliche Regeln und behauptet sich in einer von Männern dominierten Welt.
Zusätzlich zu den privaten Hinterlassenschaften hat Henning Sussebach in Archiven, Kirchenbüchern und Museen recherchiert. Er zitiert z.B. aus Schulbüchern, mit denen Anna gearbeitet haben könnte und er versucht uns den ländlichen Alltag von damals zu vergegenwärtigen, indem er z.B. aufzählt, was und wann ein Erwachsener gegessen hat.
Die Geschichte von Annas Leben wird immer wieder mit der Zeitgeschichte verwoben, eine Zeit der Umbrüche und des Wandels. Dabei stellt der Autor die großen weltbewegenden Ereignisse neben die kleinen: 1890 tritt Otto von Bismarck zurück und in Cobbenrode, wo Anna wohnt, wird das Schulhaus geweißelt. Ob Anna von all den Neuigkeiten in der Welt gehört hat, ist zu bezweifeln. Trotzdem stimmt, was Henning Sussebach schreibt: „In jeder Biografie spiegelt sich Weltgeschehen, und jeder unserer Vorfahren hat dieses Weltgeschehen mitgeprägt, ob durch Anpassung oder Auflehnung, bremsend oder beschleunigend.“
„Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ ist ein kluges und reflektiertes Buch. Hier erzählt einer von einem Leben, das keinen Eingang gefunden hat in die Geschichtsbücher, das es aber trotzdem verdient hat, aufgeschrieben zu werden. Geschichtsschreibung von unten und gleichzeitig ein Denkmal für eine gewöhnliche wie ungewöhnliche Frau.

Bewertung vom 02.09.2025
Die Rheinreise
Schlee, Ann

Die Rheinreise


sehr gut

Eine Reise zu sich selbst
Ann Schlee, 1934 in den USA geboren, lebte die meiste Zeit ihres Lebens in England. „Die Rheinreise“ war ihr erster Roman für Erwachsene und stand in seinem Erscheinungsjahr auf der Shortlist für den Booker Prize. Nun, über vierzig Jahre später, erscheint das Buch bei Dumont in einer schön gestalteten Ausgabe erstmals auf Deutsch.

Der Roman spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, ist aber 1981 erschienen und das überrascht bei der Lektüre. Schafft es doch die Autorin, nicht nur die damalige Welt authentisch und lebendig darzustellen und die Atmosphäre jener Zeit genau zu treffen, nein, auch in Ton und Stil erinnert das Buch an viktorianische Romane.

Wir begleiten die englische Familie Morisson auf einer Reise mit dem Dampfschiff von Baden-Baden bis nach Köln. Das sind der anglikanische Reverend Charles und seine kränkelnde Frau Marion mitsamt der 17jährigen Tochter Ellie. Mit dabei ist auch die ledige Schwester des Reverends, Charlotte, eine Frau mittleren Alters. Sie war bis vor kurzem die Haushälterin eines mittlerweile verstorbenen älteren Mannes und hat von diesem etwas Geld geerbt. Damit könnte sie sich ein unabhängiges Leben leisten, etwas, das Charlotte nicht kennt. Denn ihr bisheriges Dasein stand stets im Dienst anderer. Und diese Rolle fällt ihr auch hier wieder zu. Sie darf sich um das Gepäck kümmern, Marion hilfreich zur Seite stehen und für Ellie die Gouvernante sein.

Doch dann in Koblenz sieht sie einen Mann, der ihrer Jugendliebe ähnlich sieht. Obwohl ihr gleich bewusst ist, dass er es nicht sein kann, erschüttert sie diese Begegnung aufs Äußerste. Längst verdrängte Gefühle und Erinnerungen kommen hoch. Da ihr Bruder jene Jugendliebe nicht für standesgemäß hielt, kam es nicht zu einer Heirat.

Nun hat, zu ihrem Entsetzen, dieser seltsame Fremde dieselbe Reiseroute wie sie. Obwohl sie jeden Kontakt mit ihm meiden will, so taucht er doch immer wieder in ihrer Nähe auf. Bis in ihre Träume hinein verfolgt er sie.

Sehr genau beschreibt Ann Schlee den seelischen Aufruhr, in dem sich ihre Protagonistin befindet. Der Schmerz um die verlorene Liebe, um ihr vertanes Glück lässt sie aufbegehren gegen die ständige Bevormundung und Gängelung. Sie fragt sich, wer sie eigentlich ist. Bisher wurde sie definiert über andere, als Schwester, Schwägerin, Tante, usw. Doch wo bleiben ihre Wünsche und Bedürfnisse?

Der Roman endet hoffnungsvoll. Charlotte wird nicht, wie geplant, bei ihrem Bruder einziehen, sie sieht ihre Zukunft „in jenem geweißelten Cottage, in dem sie sich still ausbreiten, von einem Raum in den anderen gehen, sich selbst finden und erkennen konnte, unverbildet durch den Druck, den andere auf sie ausübten.“

Die Geschichte spielt 1851, drei Jahre nach der Märzrevolution, in der sich die Bürger auflehnten gegen die Obrigkeit, mehr Freiheit und Rechte forderten. Darauf weist die Autorin explizit hin in einer Art Vorwort. Das ist der historische Hintergrund, der sich kaum, bis auf ein überraschendes Ereignis, auf die Handlung und die Figuren auswirkt.

Aber was sich im Innern der Hauptfigur abspielt, ist auch eine Revolution, wenn auch eine leise.

„ Die Rheinreise“ ist ein ruhig erzählter Roman, ohne größere Handlung. Der Schwerpunkt liegt auf der komplexen Gefühlswelt der Protagonistin und den zwischenmenschlichen Beziehungen, was von der Autorin präzise und psychologisch stimmig dargestellt wird. Dies alles in einer schönen, bilderreichen Sprache und einem äußerst eleganten Stil.

Eine lesenswerte Wiederentdeckung!

Bewertung vom 27.08.2025
Heimat
Lühmann, Hannah

Heimat


gut

Jede Menge Diskussionsstoff
Jana und Noah sind mit ihren beiden kleinen Kindern aufs Land gezogen. Der Traum vom eigenen Haus ließ sich in der Stadt nicht verwirklichen, obwohl beide nicht schlecht verdient haben. Aber einfach dürfte es auch hier nicht werden, denn Jana hat ihren Job in der Agentur gekündigt, nachdem ihre Chefin wenig begeistert auf ihre dritte Schwangerschaft reagiert hat.
Außerdem fühlt sich Jana fremd in der Neubausiedlung, in der sie die Einzige zu sein scheint, die ihre Kinder ganztags in der Kita lässt. Nein, Jana ist nicht heimisch geworden in ihrer neuen Heimat. Das ändert sich erst, als sie Karolin kennenlernt, eine Frau, die ganz locker ihren großen Haushalt managt, sich vorbildlich um ihre fünf Kinder kümmert und dabei noch auf Instagram ihre Bilderbuchfamilie präsentiert. Und die glücklich zu sein scheint in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Aber Karolin hat auch einen Mann, der sich kümmert, einen richtigen „ Versorger“.
Dieser Clemens ist so ganz anders als Noah. Der befindet sich schon länger auf dem Rückzug, ist kaum mehr daheim und wenn, dann nicht ansprechbar. Jana fühlt sich von ihm im Stich gelassen, ganz konkret bei den häuslichen Pflichten und bei der Kindererziehung, aber auch emotional. „ Sie hatte das Gefühl, dass ihre Beziehung zunehmend verstummte.“ Kein Wunder, dass sie fasziniert ist von ihren neuen Bekannten und deren heiler Welt.
Sie verfolgt schon beinahe obsessiv Karolins Insta-Kanal, und ist glücklich, als sie immer mehr zum inneren Zirkel von Karolin Zugang findet. Sie freut sich über die Einladung zum „ Mama-Lesekreis“, auch wenn ihr die Themen anfangs suspekt sind : „Kita-freie Erziehung“ oder „keine Impfpflicht für Kinder“.
Obwohl sich hinter der vermeintlichen Idylle Brüche und Widersprüche verbergen, so gerät Jana doch immer stärker in den Dunstkreis ihrer neuen Freunde, die sich auch ganz offen politisch rechts verorten. Und bald steht sie gemeinsam mit anderen Frauen an einem Parteistand der AfD und kämpft gegen die Einrichtung eines Asylbewerberheims in der Innenstadt.
Hannah Lühmann greift in ihrem zweiten Roman ein aktuelles Thema auf. Die sog. „ Tradwives“, die auf Social Media sehr erfolgreich ihr traditionelles Familienleben inszenieren und damit ein konservatives Rollen- und Gesellschaftsbild propagieren. In den USA gibt es diesen Trend schon länger, politisch meist im rechten Spektrum angesiedelt. Und auch in Deutschland passt diese Bewegung in das traditionelle Wertesystem der rechten Parteien.
Warum moderne Frauen anfällig werden können, ihr Heil in der Hausfrauen- und Mutterrolle zu finden, das zeigt Hannah Lühmann exemplarisch an ihrer Protagonistin. Denn Jana kennt den Spagat zwischen Job und Familie, weiß, wie viel Kraft der kostet und wie wenig Unterstützung frau dabei erfährt. Gleichzeitig kann der Alltag mit den eigenen Kindern befriedigender sein als mancher langweilige Bürojob.
Dabei zeichnet die Autorin ihre Hauptfigur als unsichere und überforderte Frau, die ihre alten Werte zunehmend in Frage stellt. Ihr früheres Leben mit Mann und Job existiert nicht mehr, bei Karolin und deren Umfeld findet sie Unterstützung und Gemeinschaft.
Der Autorin gelingt es sehr gut, diese langsame Veränderung von Jana an vielen kleinen Episoden erfahrbar zu machen. Dabei schwingt untergründig etwas Unheimliches und Bedrohliches mit. Dazu passt das überraschende Ende, das viele Fragen aufwirft.
Der Roman liest sich süffig, so dass man die knapp 170 Seiten in einem Rutsch durchlesen kann. Etwas mehr Seiten hätte ich dem Buch gewünscht, angesichts der Fülle an Themen.
Auch wenn manche Figuren etwas blass bleiben, so z.B. Janas Mann Noah, dessen Rückzug kaum erklärt wird, andere eher Klischees entsprechen wie Janas Hippiemutter, so gelingt der Autorin doch ein authentisches Bild bestimmter sozialer Milieus.
Der Roman überzeugt weniger mit sprachlicher Brillanz und literarischer Finesse. Dafür greift er viele aktuelle Fragen auf und bietet jede Menge Diskussionsstoff. Ein Lob noch für das tolle Cover, das kongenial das Thema illustriert.

Bewertung vom 26.08.2025
Onigiri
Kuhn, Yuko

Onigiri


gut

Zwischen den Welten
Die Autorin Yuko Kuhn, 1983 geboren, hat sich für ihren Debutroman von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen. Wie ihre Ich-Erzählerin Aki ist sie als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters in München aufgewachsen.
Die Großmutter ist im fernen Japan im hohen Alter gestorben , doch es dauert Monate, bis ihre Tochter Keiko in Deutschland davon erfährt. Aber die Nachricht dringt kaum mehr ins Innerste der Tochter, denn diese ist dement. Aki beschließt eine letzte gemeinsame Reise mit ihrer Mutter in deren frühere Heimat. Wohl wissend, dass dieses Unterfangen auch scheitern kann. Aber sie hofft, dass die Rückkehr ins Elternhaus, die Muttersprache, das Essen und die vertraute Umgebung in ihrer Mutter etwas wachrufen.
Dieser neuntägige Besuch bei der japanischen Familie ist die Rahmenhandlung des Romans, immer wieder unterbrochen von Erinnerungen an die Vergangenheit.
Als junge Frau ist Aki nach Deutschland ausgewandert, so sehr hat sie eine zuvor unternommene Europareise beeindruckt. Sie lernt die Sprache, verdient sich ihren Unterhalt mit Aushilfsjobs und begegnet ihrem zukünftigen Mann. Karl ist einige Jahre jünger als sie und stammt aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Doch er hat massive psychische Probleme. Das Paar bekommt zwei Kinder. Aber die Ehe zerbricht und die Geschwister wachsen bei der Mutter auf.
Es ist eine Kindheit zwischen den Welten. Besonders groß ist der Kontrast zwischen der bescheidenen Lebensweise daheim bei der Mutter und dem pompösen Lebensstil der Großeltern, die sich auch nach der Trennung um ihre Enkel kümmern. Sie sind großzügig mit Geschenken, aber die Atmosphäre im Haus ist kühl. Keiko fühlt sich nie richtig akzeptiert und Aki hat deshalb auch stets Vorbehalte gegen ihre Großeltern.
Die Mutter versinkt immer mehr in einer Depression, fühlt sich ständig müde und oftmals außerstande, für ihre Kinder da zu sein. Ausdruck dafür ist eine ständig wiederkehrende Geste: Die Mutter sitzt da, die Hände vor dem Gesicht, so, als wolle sie die Außenwelt ausblenden.
Die einzige Freude scheint sie noch im Singen zu finden. Jahrzehntelang ist Keiko Mitglied in einem Chor.
Ansonsten ist sie nie wirklich angekommen in der neuen Heimat. Aki hat lange ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter. Als Kind ist ihr das Anderssein peinlich, hätte lieber eine Mutter, die nicht auffällt, sondern so ist, wie die ihrer Freundinnen. Als Erwachsene kümmert sie sich zwar fürsorglich um die zunehmend verwirrter werdende Frau, hat aber nicht immer die Geduld dazu. Bei dieser letzten gemeinsamen Reise lernt Aki ganz neue Seiten an ihrer Mutter kennen. Sie entdeckt, wie sie war als junge Frau, klug und voller Neugierde auf das Leben. Und sie stellt sich die Frage, „… warum meine Mutter geworden ist, wie sie ist, ob ihr Unglück schon in ihr war, bevor sie nach Deutschland gekommen ist.“ Oder war es die gescheiterte Ehe oder der Alltag in der Fremde?
Auffallend ist der fragmentarische Erzählstil, der es dem Lesenden nicht leicht macht. In unendlich vielen kurzen Einzelszenen, die keiner Chronologie entsprechen, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Erst nach und nach ergibt sich daraus ein Gesamtbild. Nicht alles wird restlos geklärt, wie im richtigen Leben. Auch dort muss man mit Leerstellen auskommen.
Der Erzählstil ist nüchtern, auch und gerade wenn es um emotional berührende Themen geht.
Anfänglich hatte ich meine Schwierigkeiten mit den Figuren. Nicht immer hatte ich Verständnis für ihr Verhalten, fand sie zu ich- bezogen und ungerecht. Doch im Grunde ist es positiv, dass die Ich-Erzählerin die Situation so ehrlich und ungeschönt darstellt, niemanden schont, auch nicht sich selbst. Denn das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie ist belastend, ebenso wie der Alltag mit einem erst depressiven, dann dementen Menschen. Das alles wird nachvollziehbar dargestellt.
Die titelgebenden „Onigiri“, Reisbällchen, sind nicht nur das Lieblingsessen von Aki. Sie tauchen an verschiedenen Stellen im Roman auf und stehen sinnbildlich für Liebe und Zuwendung. An ihnen lässt sich das veränderte Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ablesen. Ist Aki bei der Geburt ihres ersten Kindes noch enttäuscht, dass ihre Mutter zu müde war, um ihr die gewünschte Leibspeise zuzubereiten, so macht Aki in Japan für ihre Mutter zum ersten Mal selbst Onigiri.
Die Reise nach Japan war für Aki nicht nur die Möglichkeit, eine andere Seite ihrer Mutter zu entdecken, sondern auch eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln.
„ Onigiri“ ist ein berührender Roman über eine komplizierte Mutter-Tochter- Beziehung, über das Leben zwischen den Kulturen und nicht zuletzt über Demenz. Eine zum Teil für mich fordernde und schmerzhafte Lektüre.