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Benutzername: 
leukam
Wohnort: 
Baden-Baden

Bewertungen

Insgesamt 107 Bewertungen
Bewertung vom 13.01.2026
Wieso? Weshalb? Warum? Erstleser, Band 17 - Im Wald
Noa, Sandra

Wieso? Weshalb? Warum? Erstleser, Band 17 - Im Wald


sehr gut

Wissensvermittlung in Verbindung mit Lesenlernen
Seit 2021 gibt es in der bewährten Reihe „Wieso Weshalb Warum?“ Bücher, die sich speziell an Erstleser richten. Hier wird Sachwissen mit Lesetraining verbunden, Zielgruppe sind Kinder ab der zweiten Lesestufe.
„Im Wald“ ist bereits der 17. Band und auch dieser kann wieder voll überzeugen.
Kurze Kapitel in großer Fibelschrift gehalten vermitteln auf kind - und sachgerechte Art Wesentliches zum Thema Wald. Da werden unterschiedliche Waldarten porträtiert, die Bedeutung des Waldes im Hinblick auf Fauna und Flora vermittelt, die Funktionsweise von Bäumen erklärt usw. Ausführlich wird dargelegt, wie im Wald alles miteinander zusammenhängt, wie Bäume miteinander kommunizieren und wie sich der Wald im Jahresverlauf verändert. Natürlich muss heutzutage auch der Klimaschutz thematisiert werden. Bäume bzw. ein gesunder Wald spielen in diesem Bereich eine wesentliche Rolle. Und Kinder können aktiv zum Schutz der Wälder beitragen.
Zahlreiche bunte Illustrationen und Photos ergänzen den Text.
Zusätzliche Elemente wie Kreuzworträtsel, Lückentexte, Silbenrätsel und ein Lesequiz dienen dem Lesetraining. Sticker und ein Leselotto sorgen für zusätzlichen Spaß.
So ist dieses Buch ein gelungenes Beispiel für Wissensvermittlung und spielerisches Lesenlernen. Meine Enkelkinder werden ihre Freude haben an dem Buch.

Bewertung vom 05.01.2026
Die Riesinnen
Häffner, Hannah

Die Riesinnen


ausgezeichnet

Was bedeutet Heimat
Die Riesinnen, das sind die Riessberger- Frauen, Liese, Cora und Eva, drei Generationen einer Familie. Aus der Dorfgemeinschaft herausragen tun sie nicht nur wegen ihrer Größe und ihrem auffallenden Aussehen, sondern auch durch ihre Art. Eigenwillig, stark und unbequem stellen sie sich gegen Erwartungen von außen. Das macht sie zu Außenseitern in dem kleinen fiktiven Schwarzwalddorf Wittenmoos.
Es beginnt in den 1960er Jahren mit Liese. Die heiratet Bernhard, den Metzgersohn, der einmal die elterliche Metzgerei erben soll. Es ist keine Liebesheirat, das wird Liese bald bewusst. Still lebt das Paar nebeneinander her und heimlich träumt Liese vom Weggehen. Doch dafür fehlt ihr der Mut. Und als Liese ein Kind bekommt, da kennt sie ihren Platz. Tochter Cora ist ihr ganzes Glück, ihre Erfüllung. Für sie würde sie alles tun. Aber sie kann nicht verhindern, dass Bernhard seine Enttäuschung, nicht den gewünschten Stammhalter bekommen zu haben, das Mädchen gewaltsam spüren lässt. Da kommt bei Liese auch keine Trauer auf, als Bernhard bei einem Unfall ums Leben kommt.
Und sie fordert nun das, was ihr und ihrer Tochter zusteht: die Metzgerei. „Auch wenn sie dafür jemand sein muss, der sie noch nie war. Sie weiß nicht, ob sie das kann. Aber vielleicht muss sie es einfach herausfinden.“
Zielstrebig und mit unerbittlicher Willenskraft erobert sie sich eine Postion, die ihr niemand zugetraut hat. Das hat seinen Preis. Liese schuftet bis zum Umfallen, sie versagt sich vieles, auch Liebe und Freundschaften, wird hart und streng.
Doch als Cora nach dem Abitur weg will, steht sie ihrer Tochter nicht im Weg. Auch wenn sie sich vielleicht etwas anders gewünscht hätte .
„Wenn du gehen willst, dann geh, Kind. …Du kannst immer zurückkommen. Aber zwingen tu ich dich nicht.“
Cora will raus aus der dörflichen Enge, verständlich, denn von klein auf ist sie eine Außenseiterin. Das bekommt sie von allen Seiten schmerzhaft zu spüren. Aber Cora lässt sich nicht unterkriegen. Und nun lockt sie die weite Welt. Konkrete Pläne hat Cora nicht, nur weg.
Aber bald wird sie heimkommen, mit einem Baby im Bauch.
Dieses Kind wird keine Außenseiterin mehr sein im Dorf, obwohl sie wie Mutter und Großmutter die anderen mit ihrer Größe überragt, „aber sie zieht den Kopf nicht ein, und nicht einer sagt ein böses Wort.“
Eva soll den Absprung schaffen, raus aus dem Dorf, das wünschen sich Liese und Cora. Aber dort, in der großen Stadt, spürt Eva bald, dass sie hier nicht hergehört. Sie war und ist ein „Waldkind“. Und so zieht es sie zurück in den Schwarzwald.
Hannah Häffner hat mit ihren „Riesinnen“ wahrlich große Frauenfiguren geschaffen, Figuren, die in Erinnerung bleiben, einem ans Herz wachsen. Alle Drei sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt, kämpfen dafür, treffen falsche und richtige Entscheidungen, sind zielbewusst und wandlungsfähig. Gerade in letzterem liegt ihre Kraft. Sie lassen sich nicht zerbrechen von widrigen Umständen ( „Manche Dinge bringen dich nur um, wenn du sie lässt.“) und vor allem sind sie sich gegenseitig Halt und Stütze. Sie haben nicht immer Verständnis füreinander, aber die Liebe zueinander bleibt.
Zentrales Thema im Roman ist die Frage nach den eigenen Wurzeln und dem, was Heimat ist. Enge oder Halt?
Dabei fallen viele kluge nachdenkenswerte Sätze: „ Zu Hause ist schließlich etwas anderes als daheim. Zu Hause kann sich ändern, daheim bleibt.“ Oder : „Was ist falsch an Wurzeln? Sie halten dich, das ist es, das ist ihr Fehler und das einzig Sinnvolle, was sie tun.“
Während Liese und Cora sich lange gefangen fühlen in der dörflichen Enge, beweist Eva, dass man nicht weggehen muss, um sich selbst zu finden.
Der Schwarzwald ist dabei die heimliche Hauptfigur. In unzähligen Variationen wird er beschrieben, immer realistisch, nie kitschig. Dafür findet die Autorin viele Bilder und lässt ihn mal wunderschön, dann wieder düster und geheimnisvoll erscheinen. Für alle drei Frauen ist der Wald Rückzugsort und Kraftquelle zugleich.
Die gesellschaftlichen Veränderungen machen auch vor dem Dorf nicht Halt, obwohl sich dort die Dinge nur langsam ändern. Auch das beschreibt der Roman.
Erzählt wird das alles in einer außergewöhnlichen Sprache, bilderreich, voller Poesie und in einer beeindruckenden Klarheit. Das alles entwickelt eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Der Erzählstil ist ruhig und sachlich, für jede Figur findet die Autorin einen eigenen Ton. Mit großer Beobachtungsgabe fühlt sie sich ein in deren Gefühlswelt.
So ist Hannah Häffner mit „Die Riesinnen“ ein großartiger Roman gelungen, den ich unbedingt empfehlen kann. Für mich jetzt schon ein Highlight im neuen Bücherjahr!

Bewertung vom 08.12.2025
OTTO fährt los - Weihnachten in Finnland
Ottenschläger, Madlen

OTTO fährt los - Weihnachten in Finnland


sehr gut

Mit Otto in Finnland
Nun gibt es schon das vierte Abenteuer mit Otto, dem ganz besonderen Campingbus. Er kann nicht nur reden, sondern hat auch Gefühle und er kümmert sich liebevoll und fürsorglich um die wechselnden Familien, die mit ihm verreisen.
Dieses Mal geht es zur Weihnachtszeit nach Finnland. Mit an Bord ist Familie Ritter, bestehend aus Anton und seinen Eltern Rike und Jakob. Zuerst besucht die Familie den „Tuomaan Markkinat“, den ältesten Weihnachtsmarkt von Helsinki und genießt leckere „Piparkakut“ ,Pfefferkuchen. Nicht fehlen darf natürlich ein Saunagang mit anschließendem Sprung in den eisigen See. Wie gut, dass Otto danach allen mit seiner Standheizung einheizt. Statt einem Schneemann werden Iglus und ein Schnee-Otto gebaut. Nordlichter tauchen auf und im Dorf vom Weihnachtsmann kann Anton seinen Wunschzettel abgeben. Ein Höhepunkt der Reise ist der Besuch bei einer samischen Familie mit ihren Rentieren. Und dass gegenseitige Hilfe sich lohnt, erfährt Anton auch noch.
Wie schon in den Vorgängerbüchern wird hier eine liebevolle Reisegeschichte erzählt, verpackt mit vielen Informationen zu Land und Leuten. Das sind neben landestypischen Gebräuchen auch alte Mythen und Legenden. Die vielen Ausdrücke in der Landessprache sind eine Herausforderung für den Vorlesenden, tragen aber zur Authentizität bei. Die Erzählung wechselt von Episode zu Episode, wie bei einer tatsächlichen Reise. Der Text ist kindgerecht und kann mit manchen kreativen Wortschöpfungen punkten.
Leider ist dieses Mal die Karte mit der Reiseroute sehr schematisch ausgefallen.
Das Buch überzeugt aber vor allem mit seinen Illustrationen. Farbenfrohe Bilder mit vielen kleinen Details zum Entdecken erzeugen eine winterlich-weihnachtliche Stimmung.
So ist dieser neue Band besonders geeignet für die Vorweihnachtszeit

Bewertung vom 26.11.2025
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Maschik, Anna

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten


ausgezeichnet

Was für ein Debut!

Was für ein Debut, das die junge österreichische Autorin Anna Maschik, Jahrgang 1995, hier vorgelegt hat. So ungewöhnlich und originell wie der Titel ist der gesamte Text.
Der titelgebende erste Satz legt den Ton und das Setting des Romans fest, führt er doch in eine archaisch anmutende Welt.
Es beginnt mit einer illegalen Hausschlachtung während des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof in Norddeutschland. Wer hier ganz allein ein Schaf schlachtet ist Henrike, die Urgroßmutter von Ich- Erzählerin Alma. Ehemann Georg und Sohn Benedikt sind an der Front, aber wenn sie heimkehren will die Bäuerin Fleisch und Würste für sie bereithalten. Ein Schwein heimlich töten wäre zu gefährlich, denn „Schweine verraten dich mit ihrem entsetzlichen Geschrei, die Schafe aber sterben still.“
Dass Tod und Geburt eng beieinanderliegen, nicht nur in diesem Roman, macht die Autorin gleich mit dem nächsten Abschnitt deutlich. „Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib. Die Nabelschnur hat sich dreimal um meinen Hals gewunden wie ein Strick, und so schneidet die Hebamme, ihr Name ist Anna, meiner Mutter einen lachenden Mund in den Bauch, holt mich heraus und näht ihr das Lachen zu einem schiefen Lächeln zu. Ich möchte mich vorstellen: ich bin Alma und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau…“
Alma fungiert als allwissende Erzählerin und sie geht weit zurück in der Genealogie ihrer Familie.
Henrike, die Urgroßmutter, kommt mit dem neuen Jahrhundert zur Welt. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und sie ist dreizehn, als die Mutter stirbt. Nun muss sie sich um den Haushalt und die jüngeren Brüder kümmern. Der Vater fällt im Ersten Weltkrieg und Henrike braucht einen Mann für die viele Arbeit auf dem Hof. Das erste Kind, Sohn Benedikt, „ ein verwunschenes Kind“, kommt schlafend zur Welt und wird erst als junger Mann aufwachen. Tochter Hilde hält nichts auf dem Hof. Sie wird schwanger von einem österreichischen Soldaten und folgt diesem nach dem Krieg in seine Heimat. Dort kommt als drittes Kind Miriam zur Welt, die Mutter von Alma.
Anna Maschik braucht nicht viele Seiten für ihre vier Generationen umspannende Familiengeschichte. Das gelingt ihr, indem sie sich auf wenige prägende Ausschnitte beschränkt. Vieles steht zwischen den Zeilen.
Und vieles wiederholt sich. Das Schweigen zwischen den Figuren, die Bevorzugung einzelner Kinder, die Liebe zur Natur.
Anna Maschik macht ihre Geschichte vorrangig an den Frauenfiguren fest. Jede hat Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Mutter und jede möchte es anders, besser machen. Trotzdem, oder gerade vielleicht deshalb, verfallen sie in die gleichen Muster.
Die einzelnen Episoden werden durch Listen ergänzt, so z.B. eine knappe Aufzählung der Mahlzeiten, die die Großmutter kocht, aber auch solche:
„Dinge, die hängen:
Das Schaf am Haken
Die Schinken in der Räucherkammer
Der Urgroßvater am Balken
Die Puppen an der Deckenlampe
Das Kind an der Nabelschnur“
Eine weitere Besonderheit des Romans sind die magischen Elemente, die sich neben den realistischen Beschreibungen des Alltäglichen, zuhauf finden lassen. So wird das Gemüse im Garten blass angesichts des Todes, ein Kind verschläft viele Jahre seines Lebens, ein anderes erscheint dem Bruder als ein Stück Holz, Menschen werden zu Pflanzen usw.
Und zwei alterslose Figuren durchziehen den ganzen Roman, sind nicht gebunden an Ort und Zeit. Das ist zum einen Anna, die Hebamme des Dorfes, die bei jeder Geburt den Müttern zur Seite steht, aber auch bei unerwünschten Kindern Abhilfe weiß. Und am Ende eines Lebens erscheint Nora, die Leichenfrau, die unter ihrem schwarzen Kleid bunte Farben trägt. Tröstlich auch die Vorstellung, dass auf die Verstorbenen schon ihre Vorfahren warten, die vorangegangen sind.
Obwohl ich ansonsten kein Freund von surrealen Texten bin, so fügen sich hier die phantastischen Elemente hervorragend in das Gesamtkonzept des Romans.
Anna Maschik hat mich mit ihrem Debut mehr als überzeugt. Ihr Gefühl für Rhythmus und Magie, ihre poetische Sprache und ihre eigenwillige Erzählform wirken lange nach.

Bewertung vom 10.11.2025
Großmutters Geheimnis
Koppel, Benjamin

Großmutters Geheimnis


gut

Zwiespältiger Eindruck


Wer wie ich den Debutroman von Benjamin Koppel „Annas Lied“ gelesen hat, dürfte voller Vorfreude zu seinem neuesten Buch „ Großmutters Geheimnis“ gegriffen haben. Der bekannte Musiker und Autor hat sich auch dieses Mal wieder von seiner eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen.
Auch hier entwickelt er seine Erzählung auf zwei Ebenen.
In einem jüdischen Altersheim in New York spricht eine sehr alte Dame ihre Erinnerungen auf Band. Adressiert sind die Bänder an ihren in Dänemark lebenden Enkel, zu dem sie keinen Kontakt hat. Ihm möchte sie von ihrer Vergangenheit erzählen, damit er seine eigenen Wurzeln kennt und Verständnis für das komplizierte Familienverhältnis entwickeln kann.
Aufgewachsen ist die Ich-Erzählerin Ruth in Kopenhagen inmitten einer weit verzeigten jüdischen Familie. Ursprünglich aus dem polnischen Schtetl kommend, hat sich die Familie in Dänemark eine neue Existenz aufgebaut. ( Wer den Vorgänger gelesen hat, kennt die Koppelmanns. Die Ich- Erzählerin ist Annas Cousine.)
Es sind glückliche Jahre, bis die Nazis in Dänemark einmarschieren. Ruth, die im Anfang ihrer Karriere als Opernsängerin stand, wird 1943 mit ihrem Vater zusammen verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Eindringlich schildert der Autor die Geschehnisse im Lager. Einzig die Musik und die Beziehung zu einem jungen Mann geben Ruth die Kraft zum Überleben.
Im zweiten Erzählstrang wechselt der Autor von der Ich-Erzählung zur personalen Erzählweise und in das Dänemark der Gegenwart. Hier steht im Zentrum Ruths Enkel, der Musiker Alexander. Er ist unglücklich in seinem Job als Mitglied einer Cover-Band. Viel lieber würde er seine eigene Musik machen, doch dazu fehlt ihm der Mut.
Noch belastender für ihn ist aber seine private Situation. Seit einiger Zeit schon versuchen er und seine langjährige Partnerin Gry ein Kind zu bekommen, bisher vergeblich. Nun hoffen sie auf medizinische Hilfe in einer Kinderwunschklinik. Die Behandlung ist für die beiden und ihre Beziehung äußerst belastend.
Dazu kommt noch das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter. Lilian, einst eine gefeierte Musicalsängerin, ist egozentrisch und übergriffig. Ständig mischt sie sich völlig empathielos in Alexanders Leben ein. Schon als Kind fühlte er sich ungeliebt, immer stand ihre Karriere an erster Stelle..
Benjamin Koppel erzählt nun abwechselnd von Ruth und Alexander. Das konnte mich von Anfang an fesseln und ich fand beide Erzählstränge gleichermaßen interessant.
Nicht nur das tragische Schicksal von Ruth und ihrer Familie hat mich berührt, auch wenn ich schon viel über das Thema Judenverfolgung gelesen habe.
Ebenso eindringlich beschreibt Benjamin Koppel, was ungewollte Kinderlosigkeit für ein Paar bedeutet. Heute verspricht der medizinische Fortschritt Abhilfe. Doch der hat seinen Preis und ist nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Dabei geht jeder der Beteiligten anders mit einer solchen Situation um. Auch das wirkt glaubwürdig im Roman.
Doch der anfangs positive Eindruck verschwand leider im Verlauf der Lektüre. Das lag zum einem an einem strukturellen Problem, denn der Roman bekam ein Ungleichgewicht. Während bei Ruth Dramatisches passiert, dreht sich Alexanders Geschichte im Kreis. Hier wäre eine Straffung unbedingt notwendig gewesen. Später dann aber wird auf wenigen Seiten alles zu einem positiven Ende gebracht. Das wirkt unglaubwürdig und kitschig.
Außerdem hat Benjamin Koppel zu wenig Vertrauen in seine Leserschaft. Es wird sehr bald klar, dass Alexanders Zerrissenheit und Unzufriedenheit tiefere Gründe haben muss, Gründe, die in der familiären Vergangenheit liegen. Und auch, dass er seine Probleme erst in Griff bekommt, wenn er mehr über das familiäre Trauma weiß. Ein Thema des Romans ist also die sekundäre Traumatisierung , d.h. die transgenerationale Weitergabe von Traumata. Damit das auch jeder Lesende begreift, lässt er Alexanders Partnerin an einem Forschungsprojekt zu diesem Thema arbeiten. Das ist wenig elegant und wirkt didaktisch.
Positiv aufgefallen sind mir aber die vielen Passagen, in denen es um Musik geht. Da spürt man, dass sich der Autor, selbst Musiker, auf vertrautem Terrain bewegt. Hier vermag er es, einzelne Musikstücke einfühlsam zu interpretieren , aber auch die Bedeutung der Musik für seine Protagonisten rüberzubringen.
Insgesamt ist „ Großmutters Geheimnis“ ein Roman, der einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Bewertung vom 04.11.2025
Lebensbande
Borrmann, Mechtild

Lebensbande


sehr gut

Freundschaft in schweren Zeiten
Wenn von Mechtild Borrmann ein neuer Roman erscheint, greife ich immer sofort zu. Denn bisher bin ich noch nie enttäuscht worden, verbindet sie doch äußerst gekonnt zeitgeschichtliche Ereignisse mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Dafür hat sie schon zahlreiche Preise erhalten. Ihrem Schreiben geht auch immer eine intensive Recherchearbeit voraus, das lässt ihre Geschichten lebensecht und stimmig wirken.
Ihrem neuesten Roman „Lebensbande“ ist ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson vorangestellt: „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Um die Freundschaft dreier Frauen in schweren Zeiten geht es im Buch.
Lene, eine junge Frau aus einem Dorf nahe der niederländischen Grenze, verliebt sich Anfang der 1930er Jahre in den Holländer Joop. Ihre Eltern sind strikt gegen diese Verbindung und tun alles, um sie zu unterbinden. Mehr oder weniger ungewollt schlittert Lene dann in eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kommt es zu Komplikationen mit Folgen für den Sohn. Leo stottert und hat leichte Lernverzögerungen, nichts Schlimmes eigentlich. Doch in Nazi-Deutschland ist das Urteil „Schwachsinn“ schnell gefällt. Lene wird die elterliche Fürsorge entzogen und ihr Sohn kommt im Winter 1940 als „Reichsausschusskind“ in die Kinderabteilung der Heil - und Pflegeanstalt Bonn.
Hier arbeitet die Krankenschwester Nora, eine Cousine von Lene. Diese kümmert sich nun fürsorglich um Leo. Als dem Jungen die Verlegung in eine andere Einrichtung droht, die Schlimmes ahnen lässt, riskiert sie ihr Leben, um ihn zu retten.
Lieselotte, eine glühende Anhängerin der Nazi- Ideologie, begegnet Nora im Zug zu ihrem Arbeitseinsatz in Danzig. Trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauung freunden sich die beiden Frauen an. Diese Freundschaft ist ihr Halt in den folgenden Jahren. Denn kurz vor Kriegsende werden sie als Arbeitskräfte in den russischen Gulag verschleppt; wie 900.000 andere sind sie Teil der Reparationsleistungen, die Stalin zugesichert wurden. Sie ertragen unvorstellbaren Hunger, Kälte und erbarmungslosen Arbeitseinsatz. Als Adenauer sechs Jahre nach Kriegsende beginnt, die deutschen Kriegsgefangenen zurückzukaufen, bewährt sich die Freundschaft auf dramatische Weise.
Mechtild Borrmann entwickelt ihre Geschichte auf zwei Ebenen. Während man den Lebensweg von Lene von 1931 an verfolgen kann, setzt ein zweiter Erzählstrang im Herbst 1991 an.
In einem kleinen Ort an der Ostsee in der ehemaligen DDR wird eine ältere Witwe durch einen Brief an ihre lang verdrängte Vergangenheit und damit an ihre Lebenslüge erinnert. Schreibend versucht sie nun, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten.
Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich hier deutsche Geschichte über sechs Jahrzehnte. Dabei werden die Zeitumstände am Schicksal der Figuren festgemacht. Es sind Erfahrungen, die viele Frauen in diesen Zeiten durchlitten haben, schmerzhafte, grausame, leidvolle. Aber auch solche, die von Liebe, Freundschaft, Mut und Fürsorge geprägt sind. Als Lesender fühlt man mit, ist ganz nah bei den Figuren, gerade weil die Autorin das alles ohne Pathos beschreibt.
Mechtild Borrmann gelingt es erneut, präzise und voller Empathie die Lebenswege verschiedener Charaktere in Zeiten von Terror und Krieg nachzuzeichnen, mit einer authentischen Geschichte, die berührt und fesselt.

Bewertung vom 24.10.2025
Die Frau der Stunde
Specht, Heike

Die Frau der Stunde


sehr gut

Frauenpower
Von der Historikerin Heike Specht stammt das Buch „Die Ersten ihrer Art. Frauen verändern die Welt“ Hierin porträtiert sie bekannte Frauen, die sich einen Platz in einer männerdominierten Welt erobert haben. Unter anderem Frauen wie Margaret Thatcher, Angela Merkel und Kamela Harris, die als erste britische Premierministerin, als erste deutsche Bundeskanzlerin und als erste US- Vizepräsidentin in die Geschichtsbücher Eingang gefunden haben. Die Recherchearbeit und die Interviews zu dem Buch dürften Auslöser gewesen sein für ihren ersten Roman.
Hierin wagt sie ein interessantes Gedankenspiel: Was wäre gewesen, wenn in Deutschland schon viel früher eine Frau eine herausragende Rolle in der Politik gespielt hätte? Wie wären die Parteifreunde, die Opposition, die Presse und die Bevölkerung mit der Situation umgegangen?
Der Roman spielt Ende der 1970er Jahre. Der liberale Außenminister stolpert über eine Affäre und muss deshalb zurücktreten. Seine Parteikollegin Catherina Cornelius soll seinen Job als Außenminister und Vizekanzler übernehmen und damit die Regierungskoalition retten. Catharina steht vor einer schwierigen Entscheidung. Ist ihre Partei und ist das Land schon reif für eine Frau in dieser Position? Sie nimmt die Herausforderung an, obwohl das Risiko zu scheitern groß ist. Schonfrist wird ihr keine gegönnt. Mit Argwohn wird jeder ihrer Schritte beobachtet und kommentiert. Aber Catharina ist klug und weiß mit Selbstbewusstsein, Kompetenz und Charme zu überzeugen. Schwäche darf sie keine zeigen, denn im Hintergrund werden schon Intrigen gegen sie geschmiedet.
Doch Catharina hat Verbündete, die sie unterstützen und ihr mit Rat zur Seite stehen. Da sind zum einen ihre beiden Freundinnen aus Internatstagen Suzanne und Azadeh, auf die sie sich immer verlassen kann. Aber auch ihre politische Mentorin Hilde von Rochow, die Grande Dame der Partei, lässt sie nicht im Stich. Es ist eine ganze Riege von starken Frauen, die Heike Specht hier auftreten lässt. Zu den schon genannten kommen noch die resolute Büroleiterin Sieglinde und die zurückhaltende junge Referentin Juliane hinzu. Catharina ist keine Einzelkämpferin, sondern kann auf ein ganzes Netzwerk zurückgreifen.
Das ist auch notwendig, denn die Altherren-Riege, aus der sich die Politik-Elite jener Zeit zusammensetzt, tut sich schwer mit einer Frau an der Spitze. Gerne wird sie unterschätzt. Doch mit Catharina und ihrer Frauenclique zeigt die Autorin, dass nun eine neue Frauengeneration herangewachsen ist. Eine, die unabhängig und zielstrebig ihren Weg geht.
Catharinas Privatleben spielt im Roman eine zweitrangige Rolle und das ist gut so . Der Lesende erfährt zwar manche Details aus ihrem Leben, vieles im Hinblick auf ihre neue Aufgabe, aber das Hauptaugenmerk liegt auf ihrer politischen Arbeit.
Dabei bietet Heike Specht einen glaubwürdigen Einblick in den Bonner Politikbetrieb. Reale Ereignisse, die in die fiktive Handlung eingebaut werden, verstärken diesen Eindruck. Wer wie ich diese Zeit noch miterlebt hat, dem kommt vieles bekannt vor. Es macht auch Spaß zu rätseln, wer mit manchen der fiktiven Figuren gemeint sein könnte. Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Petra Kelly sind leicht zu erkennen. Aber die Autorin hat keinen Schlüsselroman geschrieben; die meisten Protagonisten sind wohl ein Konglomerat aus den unterschiedlichsten Personen.
Ein zweiter Schauplatz im Roman ist der Iran, in dem sich zu diesem Zeitpunkt gewaltige Veränderungen ankündigen. Unruhen erschüttern das Land und führen zum Sturz des Schahs. Catharinas Freundin Azadeh, eine engagierte Dokumentarfilmerin, reist in ihre frühere Heimat, um hautnah dabei zu sein. Doch die Lage dort wird gefährlich für Frauen. Und Catharina muss als Außenministerin Position beziehen.
Das alles macht aus „Die Frau der Stunde“ einen äußerst realistischen zeitgeschichtlichen Roman, trotz der fiktiven Prämisse. Vieles lässt sich auch auf die Gegenwart übertragen. Machtspiele und Konkurrenzgerangel findet man auch heute im politischen Betrieb. Und viele der internationalen Probleme sind leider immer noch aktuell. Auch die Aussage über die Deutschen trifft nach wie vor zu: „Die Deutschen waren ein scheues Reh, man musste ihnen lange gut zureden, wenn man ihnen irgendeine Veränderung präsentieren wollte. Eine unbedachte Bewegung, ein lautes Geräusch, und sie verschwanden wieder im undurchdringlichen Dickicht der bösen Ahnungen, alten Ängste und Furcht einflößenden Zukunftsszenarien.“
Zwar sind Frauen heutzutage in einer Führungsposition keine Ausnahme mehr, aber auch nicht die Regel.
Das Ende schreit geradezu nach einer Fortsetzung und ich wäre wieder mit dabei.

Bewertung vom 13.10.2025
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
Abel, Susanne

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104


sehr gut

Fesselnd und berührend
Susanne Abel hat mit ihren ersten beiden Büchern Bestseller gelandet und auch dieser Roman hat das Zeug dazu. Wieder versteht sie es, mit einer intensiven Familiengeschichte zu fesseln und zu berühren.

Über 300.000 Kinder suchten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Familie bzw. wurden gesucht. Hardy ist einer von ihnen. Mit einem Kindertransport aus Danzig kommt er an, ohne Angaben zu seiner Herkunft und seiner Person. Man schätzt ihn auf ca. drei Jahre und gibt ihm den Namen Hartmut. Er kommt, wie viele Kinder mit ähnlichem Schicksal, in ein von Nonnen geleitetes katholisches Kinderheim. Doch von christlicher Nächstenliebe ist nichts zu spüren. Statt Liebe und Zuwendung erfahren die elternlosen Kinder Kälte, Gewalt und Hunger. Hardy verstummt angesichts dessen, wird deshalb als „debil“ eingestuft. Einzig die Fürsorge der 11jährigen Margaret, die wie er alles verloren hat und im Heim lebt, hilft ihm, den schrecklichen Alltag zu ertragen. Sie nennt ihn liebevoll „Hardy“ und beschützt ihn, so gut sie kann.

Obwohl ich schon wusste, welche unmenschlichen Zustände in den Kinderheimen im Nachkriegsdeutschland geherrscht haben, war ich doch schockiert beim Lesen. In vielen eindringlichen Szenen beschreibt die Autorin, wie die Kinder seelisch und körperlich misshandelt wurden.

Doch Susanne Abel geht es mit ihrem Roman um weitaus mehr als um das Schicksal von Heimkindern. Sie will aufzeigen, wie die traumatischen Kindheitserlebnisse sich auswirken auf das gesamte Leben, nicht nur des Einzelnen, sondern über Generationen hinweg. Deshalb schlägt sie auch den Bogen bis in die Gegenwart. Ein zweiter Erzählstrang setzt sechzig Jahre später an; dabei wechselt die Autorin gekonnt zwischen den Zeitebenen. Hardy und Margaret sind ein altes Ehepaar und kümmern sich fürsorglich um ihre Urenkelin Emily. Sie haben das Kind bei sich aufgenommen, weil deren Mutter mit der Erziehungsaufgabe überfordert war. Denn trotz ihrer Liebe und trotz ihren guten Willens schaffen es Margaret und Hardy nicht, ihrer Tochter das zu geben, was sie braucht. Tochter und Enkelin sind beides haltlose Frauen, die dafür ihrer Margaret die Schuld geben. Denn natürlich sind Margaret und Hardy gefangen in ihrer Welt voller Traumata und Dämonen. Sie haben zwar gelernt, damit zu leben, aber nur, indem sie verdrängen. Margaret schafft das aber meist nur mit Hilfe von Psychopharmaka und Hardy verfällt auch im Alter in Verhaltensweisen aus seiner Kindheit. Gerade wenn es auf sein Eingreifen ankäme, ergreift ihn eine Schockstarre, die ihn unfähig macht, richtig zu handeln. Und Margaret hat einen Kontrollzwang, unter dem auch Emily noch leidet. Erst als Jugendliche beginnt Emily sich mit der Vergangenheit ihrer Urgroßeltern auseinanderzusetzen.

Susanne Abel macht hier ganz eindringlich klar, dass Verdrängen und Verschweigen keine Lösung sein können. Doch das war gängige Praxis für diese Generation. Zu sehr war das Erlebte mit Schmerz und Scham verbunden und es galt, den Blick nach vorne zu richten. Wenn wir heutige Leser das Verhalten der Figuren beurteilen, sollten wir immer im Blick behalten, dass damals anders mit Problemen umgegangen wurde als heutzutage.

Die Autorin hat glaubhafte Charaktere geschaffen, deren Verhalten, auch wenn wir es nicht immer billigen, psychologisch nachvollziehbar wird. Als Lesender verfolgt man gespannt deren Lebensweg, leidet mit ihnen und hofft mit ihnen. Vor allem Hardy und die kleine Emily sind mir richtiggehend ans Herz gewachsen. Mag auch das Ende manchen kitschig erscheinen, so braucht man das nach all dem Schrecken. (Eine Wendung dagegen wäre nicht notwendig gewesen.)

Davon abgesehen gab es solche Schicksale, wie hier beschrieben. Die Autorin hat ausführlich recherchiert und belegt dies in ihrem Nachwort mit einer längeren Literatur- und Dokumentationsliste.

„ Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ ist ein zu Herzen gehender und ungemein fesselnder Familienroman, der zugleich einen tiefen Einblick in die Mentalitäts - und Zeitgeschichte liefert. Ein Roman, dem ich sehr viele Leser wünsche, gerade auch in heutigen Zeiten, wo wieder viele Flüchtlinge bei uns stranden.

Bewertung vom 06.10.2025
Die Farbe des Schattens
Tägder, Susanne

Die Farbe des Schattens


sehr gut

Gelungene Fortsetzung


Die Juristin Susanne Tägder konnte mich schon mit ihrem Debut „Das Schweigen des Wassers“ überzeugen und gespannt erwartete ich die Fortsetzung.
Die schließt nahtlos an den Vorgänger an. Im Zentrum steht wieder Hauptkommissar Arno Groth, der im Herbst 1991, nach zwanzig Dienstjahren bei der Hamburger Polizei, als Aufbauhelfer Ost in seine Geburtsstadt Wechtershagen in Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist. Seit drei Monaten lebt er nun hier, doch richtig angekommen ist er noch nicht. Da landet eine Vermisstenanzeige auf seinem Schreibtisch: Der elfjährige Matti war nur kurz einkaufen und ist seitdem spurlos verschwunden. Groth ordnet eine großangelegte Suchaktion an, auch Nachbarn beteiligen sich, denn bei der Kälte ist Eile geboten. Doch die Suche bleibt ergebnislos. Zwei Tage später wird in einem Keller die Leiche des Jungen gefunden. Indizien weisen auf einen ortsbekannten Alkoholiker hin, der dann tatsächlich nach einem zermürbenden Verhör die Tat gesteht. Aber Groth hat seine Zweifel, berechtigt, wie sich bald herausstellt. Stattdessen beginnt er einer anderen Spur nachzugehen. Vor ein paar Jahren verschwand in der Gegend schon einmal ein Junge, der Fall wurde nie gelöst.
Die Ermittlungen führen Groth in eine Plattenbausiedlung in einem Brennpunktviertel. Viele hier haben nach der Wende ihren Job verloren; Frust und Wut sind die vorherrschenden Gefühle. „Da gibt es diejenigen, die an nichts mehr glauben, und diejenigen, die an das Falsche glauben. Dazwischen ist nicht viel.“ Groth trifft oft auf eine Mauer des Schweigens. Das Vertrauen in die Polizei ist nicht groß. Umso höher der Druck auf Groth, Ergebnisse zu liefern.
Susanne Tägder erzählt auch hier wieder in einem ruhigen Tempo. Detailliert beschreibt sie die tägliche mühsame Polizeiarbeit, ebenso die emotionale Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt.
Und mit Groth hat die Autorin einen besonderen Ermittler geschaffen. Einen, der nachdenklich und voller Selbstzweifel die Sache angeht und sich mehr von seinem Bauchgefühl leiten lässt. Und er ist ein Versehrter, wie viele der Figuren im Roman. Dazu passt auch, dass sich die Liebesbeziehung zu einer ehemaligen Schulkameradin nur langsam entwickelt. Groth ist ein Polizist, für den die betroffenen Menschen im Vordergrund stehen, nicht „ der Fall“.
Auch die Nebenfiguren werden vielschichtig und mit viel Empathie gezeichnet. Da ist das Opfer Matti, ein schweigsamer Junge, über den seine überforderte Mutter und der arbeitslose Vater wenig wissen. Oder die Taxifahrerin Ina, die mit ihrem Sohn vor ihrem saufenden und prügelnden Ehemann geflüchtet ist und deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei geht.
Oder Kollege Gerstacker, den man noch aus dem ersten Band kennt. Der ist mittlerweile wegen seiner früheren Stasi-Verbindung vom Dienst suspendiert, wird aber von Groth zu den Ermittlungen herangezogen, da er als Einziger mit dem alten Fall vertraut ist.
Obwohl der Grundton eher ruhig und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
„Die Farbe des Schattens“ ist ein atmosphärisch dichter und ungemein fesselnder Roman, der das Niveau des Vorgängers halten kann. Auch dieses Mal liefert die Autorin ein stimmiges Bild der Nachwendezeit. Ich freue mich schon auf weitere Bände mit dem sympathischen Ermittler.

Bewertung vom 25.09.2025
Das Haus mit der kleinen roten Tür
Easton, Grace

Das Haus mit der kleinen roten Tür


sehr gut

Rundum gelungen
Als erstes fällt die hochwertige Aufmachung dieses großformatigen Bilderbuchs ins Auge. Doch nicht nur damit kann das Buch punkten. Inhaltlich geht es um die Frage, was ein Haus zu einem richtigen Zuhause macht. In dem titelgebenden „Haus mit der kleinen roten Tür“ wohnt ein Mädchen namens Olivia. Und in einer alten Eiche hinten im Garten lebt die kleine Maus. Der Winter kommt und mit ihm viel Schnee, so viel, dass die Eiche unter seiner Last zerbricht. Wo soll nun das Mäuschen wohnen? Am Ende finden sie gemeinsam eine Lösung, die beide glücklich macht.
Mit wenig Text erzählt die Autorin eine warmherzige Geschichte über Freundschaft und Geborgenheit. Die farbenfrohen, in warmen Tönen gehaltenen Illustrationen sind eine wahre Freude. Abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail erzeugen sie eine zauberhafte Atmosphäre, voller Nostalgie. Auf beinahe jeder Seite finden sich ausgestanzte Klappen, die zum Entdecken einladen. Ein rundum gelungenes Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, ideal für die kommende Winterzeit.