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Lesefreundin
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Düsseldorf

Bewertungen

Insgesamt 61 Bewertungen
Bewertung vom 10.04.2025
Good Girl
Aber, Aria

Good Girl


sehr gut

Sprachlich und emotional eine Wucht

"Good Girl" von Aria Aber befindet sich aktuell auf der Shortlist des Womens' Prize for Fiction und das - aus meiner Sicht - völlig zu Recht!

Es ist die Geschichte einer 19jährigen, deren Eltern aus Afghanistan nach Deutschland geflohen sind und nun in Berlin leben. Nila will ausbrechen, aus den starren Regeln, denen sie als Mädchen in ihrer Familie ausgesetzt ist, aus den ärmlichen Verhältnissen und dem heruntergekommen Stadtteil, in dem sie nach dem Tod der Mutter alleine mit ihrem Vater lebt. Gleichzeitig hadert sie mit ihrer Identität als muslimische Afghanin, mit Rassismus und Vorurteilen.

Ihr Weg führt sie in das Berliner Partyleben, wo Drogen und eine toxische Beziehung zu einem älteren Künstler ihr Leben bestimmen.

Es ist ein raues, hartes Buch, das uns ein von Drogen und Gewalt geprägtes junges Leben zeigt, gleichzeitig bezaubert der Roman durch eine unglaublich schöne Sprache. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich emotional so nah an eine Protagonistin herangeführt hat. Aria Aber schafft es auf herausragende Weise, dass ich mich Nilas Gefühlswelt sehr nah gefühlt habe.

"Good Girl" thematisiert weibliche Zwänge, Identität, Rassismus, Gewalt und soziale Ungleichheiten. Es ist ein sprachlich und emotional herausragendes Buch, das ich allen empfehle, die sich auf "schwere Kost" einlassen möchten, denn insbesondere der exzessive Drogenkonsum zieht sich durch das komplette Buch und ist damit vermutlich nicht für jede Leserin geeignet.

Bewertung vom 02.04.2025
Oh Sunny
Yun, Ta-Som Helena

Oh Sunny


ausgezeichnet

Zwischen familiären Zwängen und Selbstbestimmung

"Oh Sunny" von Ta-Som Helena Yun war eine Überraschung für mich, denn mit Blick auf dieses farbenfrohe Cover und dem Blurb von Mithu Sanyal, die von einem "herrlich rebellischen Trip" spricht, hatte ich kaum mit einer so tiefgründigen und gar bedrückenden Geschichte gerechnet.

In dem Buch begleiten wir Sunny, die aus den Zwängen und strengen Regeln ihres Elternhauses ausbricht und in einer Turnhalle landet, wo sie den koreanischen Heimatverein ihrer Freundin Ha unterstützt. In ihrer Jugend musste sie eine Entscheidung treffen (oder haben ihre Eltern diese Entscheidung für sie getroffen?!), über die sie stillschweigen muss, um das Ansehen ihrer Eltern nicht zu beschädigen. Es wirkt Paradox, dass ihr Vater ein anerkannter Freiheitskämpfer ist, er für seine Tochter jedoch ganz andere moralische Vorstellungen hat. Auch die Mutter ist Sunny keine Unterstützung. Im Gegenteil ist auch sie es, die Sunny psychisch erniedrigt. Das Erlebte in ihrer Jugend hat Sunny bis ins Erwachsenenalter nicht überwunden, wie ein Schatten liegt dieses Ereignis über ihrer Seele, das sie aufzufressen droht. Als sie ausbricht und im koreanischen Heimatverein landet, wird ihr umso deutlicher, dass auch ihre Freundin mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat.

Der Autorin ist ein starkes Debüt gelungen, das uns in einer klaren Sprache in die Gefühlswelt der Protagonistin mitnimmt und den Leserinnen zeigt, wie belastend familiäre Zwänge und gesellschaftliche Erwartungen sein können. Besonders gelungen fand ich die Einbindung von historischen Tatsachen aus der koreanischen Geschichte, über die ich mich nach der Lektüre des Buches noch weiter informiert habe. So greift Ta-Som Helena Yun u.a. die grausame Geschichte der sogenannten koreanischen "Trostfrauen" auf, die im zweiten Weltkrieg als Se*sklavinnen für japanische Soldaten herhalten mussten. Im Roman möchte der Kulturverein eine Friedensstatue in Berlin aufstellen lassen, die eine koreanische Frau zeigt und so auf das konkrete Leid der Koreanerinnen, aber auch allgemein auf das Leid von Frauen in Kriegsgebieten aufmerksam machen soll. Diese Statue gibt es tatsächlich und auch die politische Kontroverse um dieses Mahnmal sind keine Fiktion.

Fazit: Ein überraschend tiefgründiges Buch, das mich insbesondere durch das Einbinden historischer Tatsachen, aber auch durch das Schicksal von Sunny sehr berührt hat. Ich konnte Sunnys Verhalten nicht immer nachvollziehen, aber dennoch konnte ich ihren Schmerz spüren. Von mir gibt es 4,5 Sterne und eine Leseempfehlung!

Bewertung vom 23.03.2025
Was ich von ihr weiß
Andrea, Jean-Baptiste

Was ich von ihr weiß


ausgezeichnet

Ein Roman zum Abtauchen

"Was ich von ihr weißt" von Jean-Baptise Andrea, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und Lieblingsbuch der französischen Buchhändler*innen, hat mit mir eine weitere Leserin begeistert!

Wir begleiteten den Lebensweg des Bildhauers Mimo Vitaliani, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst und als Kleinwüchsiger Spott und Hohn erfährt. Doch das Blatt wendet sich für das künstlerische Ausnahmetalent als er in die Kreise der einflussreichen Adelsfamilie Orsini stößt. Es ist die Zeit des aufstrebenden Faschismus in Italien zu Beginn des 20. Jhd., in der Mimo mit Hilfe der Osini-Brüder Stefano und Francesco zu immer mehr Ruhm kommt. Der entscheidende Mensch in Mimos Leben ist allerdings Viola Orsini. Schon als Kinder verbindet die beiden eine heimliche, tiefe Freundschaft. Die beiden, kosmische Zwillinge wie sie sich nennen, brauchen einander und stoßen sich dennoch immer wieder ab. Dabei sei angemerkt, dass es hier tatsächlich nicht um eine Liebesbeziehung geht, sondern um eine enge Freundschaft.

Jean-Baptiste Andrea hat einen Roman geschrieben, der die fiktive Lebensgeschichte eines ruhmreichen Bildhauers in die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten Italiens rund um Mussolinis Herrschaft einbettet. Besonders beeindruckt hat mich Violas Geschichte, die als junges Mädchen wunderbar eigen, höchst intelligent und voller Phantasie ihren Träumen nachgegangen ist. Doch die damalige Zeit und ihr gesellschaftlicher Stand sahen dies nicht vor. Mit dem Erwachsen werden ist sie in den patriarchalen Strukturen und der Macht ihrer Brüder gefangen, ihre Lebensfreude und ihre Träume schwinden.

Ich konnte beim Lesen tief in die Geschichte abtauchen, die Tiefgang besitzt, historische Gegebenheiten aufgreift und eindrücklich das damalige Gesellschaftsbild nachzeichnet. Nicht zuletzt haben der Sprachstil und auch der hier und da eingeflossene, sarkastische Humor von Mimo, mich überzeugt. Insbesondere das Ende und die Auflösung rund um das Geheimnis von Mimos Pieta empfand ich als ausgesprochen gelungen.

Bewertung vom 15.03.2025
In ihrem Haus
van der Wouden, Yael

In ihrem Haus


ausgezeichnet

Intensiv, bedrückend und herausragend

"In ihrem Haus" von Yael van der Wouden stand schon auf so mancher Buchpreis-Liste (aktuell steht der Roman auf der Women's Prize for Fiction - Longlist) und das absolut zu recht! Yael van der Wouden hat mit einem nüchternen und klaren Schreibstil eine intensive und bedrückende Geschichte zweiter Frauen geschaffen, die durch ein Haus miteinander verbunden sind. Mag man als Leserin zu Beginn der Lektüre noch denken, dass es sich hier schlichtweg um das Verhältnis zweier Frauen zueinander dreht, so entwickelt sich die Geschichte zum Ende hin zu so viel mehr.
Der Roman wartet mit einer ganz eigenen Atmosphäre auf, die durch eine latente Spannung geprägt ist und das Buch zu einer besonderen Lektüre für mich gemacht hat.

Ich scheue mich davor näher auf den Inhalt einzugehen, denn ich selber wurde durch eine Rezension gespoilert und konnte den Twist im letzten Drittel des Buchens nicht so intensiv erleben, wie ich es ohne den Spoiler getan hätte. Ich empfehle darum dringend, das Buch ohne viel Vorwissen zu lesen und sich so auf die herausragende Geschichte einzulassen.

Ich vergebe 4,5 Sterne für dieses gelungene Debüt!

Bewertung vom 13.03.2025
Die Summe unserer Teile
Lopez, Paola

Die Summe unserer Teile


weniger gut

Konnte mich nicht überzeugen

In "Die Summe unserer Teile" von Paola Lopez begleiten wir drei Frauen einer Familie - Großmutter, Mutter und Tochter - und ihr jeweils schwieriges Verhältnis zu einander. Erzählt wird auf verschiedenen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven heraus.
Der Klappentext des Buches hat mich sofort begeistert. Zum einen, weil ich ausgesprochen gerne Familienromane auf verschiedenen Zeitebenen lese und zum anderen, weil ich mehr über den Lebensweg der Großmutter erfahren wollte, die von Polen in den Libanon geflüchtet ist.

Leider haben mich die Handlung und die Zeichnung der Charakter nicht überzeugt.
Das lag zum einen daran, dass die entscheidenden Lebenswege der Großmutter erzählt und nicht gezeigt wurde. So wird beiläufig am Telefon erzählt, was die Großmutter Schlimmes in der Vergangenheit erfahren hat und was letztlich Kern der kompletten Beziehungsproblematik ist. Dabei wäre es mehr als lesenswert gewesen, die Geschichte wirklich zu erzählen, um so die Charaktere und ihre Beziehungen zu verstehen. Auch der Weg von Polen in den Libanon wird mehr oder weniger auf einer Seite abgehandelt, statt dem Ganzen einen Handlungsstrang zu widmen.

Damit bin ich auch den Protagonistinnen nicht nahe gekommen. Ich konnte die Frauen dieser Familie nicht greifen, das Schicksal der Großmutter nur wenig nachempfinden und die Dynamiken nicht verstehen. Letzteres gilt insbesondere für Lucy, deren grundsätzliches "Problem" mit ihrer Mutter mir auch nach der Lektüre nicht klar ist. Ebenso ihre Reaktion auf das Geständnis ihrer Mutter zum Ende der Geschichte konnte ich nicht nachvollziehen.

Zusätzlich zu dem recht langsamen Erzähltempo folgt ein Ende, das die Geschichte nicht wirklich abschließt. Es gab keinerlei richtige Aussprache, kein Aufarbeiten der schwierigen Beziehungen.

Trotz meiner Kritik sei erwähnt, dass Paola Lopez einen sehr angenehmen Schreibstil hat und ich ihre Sätze gerne gelesen habe. Ich denke es hätte dem Roman gut getan, wenn sich die Autorin auf die Geschichte der Großmutter konzentriert hätte (für mich brauchte es Lucy nicht) und wir ihren Lebensweg hätten lesen dürfen. Eine junge Frau die von Polen in den Libanon flüchtet, dort als Wissenschaftlerin Karriere macht und deren Traumata sie irgendwann einholen und ihre Rolle als Mutter prägen - davon hätte ich gerne mehr gelesen!

Bewertung vom 10.03.2025
Stromlinien (eBook, ePUB)
Frank, Rebekka

Stromlinien (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Große Leseempfehlung

Große Leseempfehlung für diesen packenden und atmosphärischen Roman von Rebekka Frank! Die Autorin verwebt gekonnt die Geschichte einer Familie mit einem Kriminalfall und historischen Tatsachen, und wählt als Hintergrundkulisse die Elbmarschen.

Ich bin nur so durch die Seiten geflogen und konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Die Geschichte rund um die Zwillinge Enna und Jale sowie ihrer Mutter Alea war ausgesprochen spannend und das Schicksal der Frauen bzw. der Familie hat mich sehr berührt. Insbesondere die verschiedenen Zeitebenen und Perspektivwechsel haben mir spannende Lesestunden beschert. Der Aussage, dass Stromlinien "packend wie ein Krimi" sei, kann ich mich an dieser Stelle absolut anschließen.

Was mir neben den verschiedenen Zeitebenen und der konstanten Spannung besonders gut gefiel war die Einbindung historischer Tatsachen, denen sich Rebekka Frank in ihrem Nachwort noch einmal näher widmet. Hier habe ich einiges an Wissen mitgenommen.

Im übrigen bin ich kein Fan von ausschweifenden Naturbeschreibungen. Rebekka Frank hat jedoch genau das richtige Maß an Naturbeschreibungen gewählt und die Elbe als raue Schönheit eingebunden, die der Geschichte einen wunderbaren Rahmen verleiht, sich aber nicht in Vordergrund drängt.

Fazit: Ein toller Roman und eine große Leseempfehlung!

Bewertung vom 08.03.2025
Only Margo
Thorpe, Rufi

Only Margo


ausgezeichnet

Unterhaltend und feministisch

Die Geschichte über eine Neunzehnjährige, von ihrem Professor schwanger sitzen gelassen, verdient ihr Geld fortan über OnlyFriends und wird dabei von ihrem Ex-Wrestling-Profi Vater unterstützt. Ich gebe zu, dass diese Story auf den ersten Blick nicht wirklich in mein Leseschema passt. Allerdings ist die Wahl meines Lesekreises auf dieses Buch gefallen ist und so habe ich zu dieser Lektüre gegriffen. Und das war eine großartige Wahl!

Ich habe diesen erfrischenden Roman von Rufi Thorpe in einem Rutsch gelesen. Margo ist eine unglaublich sympathische Protagonistin, sie ist tough, meistert ihre Situation, folgt als junger Mutter ihrem Instinkt und lässt sich nicht unterkriegen. Sie muss für ihren Sohn sorgen und entdeckt OnlyFriends als Einnahmequelle. Auch wenn die Idee aus einer finanziellen Not entstanden ist, so entdeckt sie schnell, dass sie Spaß daran hat. Es gefällt ihr Videos zu drehen, sich zu zeigen. Doch schnell erfährt sie Ablehnung, sie wird für ihren Job verurteilt und es wird an ihrer Eignung als Mutter gezweifelt.

Rufi Thorpe verbindet ihre unterhaltsame Geschichte mit einer feministischen Kritik daran, wie die Gesellschaft mit Se*arbeiterinnen umgeht und wie diese Frauen verurteilt werden. Dabei beschönigt sie diese Branche nicht (es gibt im Buch mehrere Verweise darauf, dass Frauen in diesem Feld verstärkt von Depressionen, etc. betroffen sind und erwähnt Männer, die Margo in Privatnachrichten Gewalt androhen), aber sie spricht Margo zu, dass sie selbstbestimmt diesen Weg gegangen ist. Margo macht ihren Beruf gut, hat Spaß daran und dies macht sie eben nicht zu einer schlechten Mutter.

Ich spreche eine große Leseempfehlung aus, denn Margo ist eine liebenswerte und kluge Protagonistin, mit der ich mit gefiebert habe. Gleichzeitig ist dieser Roman feministisch, mit einer klaren Gesellschaftskritik. Großartig!

Bewertung vom 26.02.2025
Was ich von dir weiß
Chacour, Éric

Was ich von dir weiß


ausgezeichnet

Großartig!

Was für ein großartiges Debut Éric Chacour mit "Was ich von dir weiß" vorgelegt hat! Schon nach den ersten Seiten hatte mich die Erzählstimme eingefangen und ich konnte das Buch kaum zur Seite legen. Ich hatte im Vorhinein keine Leseprobe gelesen und wusste nur wenig über die Geschichte - und gerade das hat sich als Glücksgriff erwiesen! Denn letztlich ging es in dem Roman um viel mehr als nur um eine Liebesgeschichte.

Um künftige Leser*innen nicht zu spoilern, verzichte ich darauf mehr zur Handlung zu schreiben und spreche stattdessen eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus. Alle, die eine außergewöhnliche Erzählform ("Du-Form") schätzen, einen sprachlich herausragenden Roman suchen und eine Geschichte mit Tiefgang und Emotionen lesen möchten, werden mit diesem Debut fündig!

Bewertung vom 23.02.2025
Der Gott des Waldes
Moore, Liz

Der Gott des Waldes


ausgezeichnet

Ich schließe mich dem Hype und den begeisterten Stimmen rund um "Der Gott des Waldes" an, denn Liz Moore hat einen packenden Pageturner geschrieben! Trotz der knapp 600 Seiten bin ich nur so durch die Seiten geflogen.

Geschickt verwebt die Autorin die Abgründe einer reichen Familie der US-amerikanischen Oberschicht zur Kritik an einer Gesellschaft, die von unterschiedlichen Machtgefällen und Ungleichheiten geprägt ist. Mit ihrem spannungsgeladenen Roman macht Liz Moore auf den Machtmissbrauch reicher Eliten aufmerksam und auf die Stellung von Frauen in den 1970er Jahren.

Ich war von den verschiedenen POV auf unterschiedlichen Zeitebenen begeistern, die trotz des allgemein eher langsamen Erzähltempo eine konstante Spannung aufrecht erhalten haben. Hier empfiehlt es sich den Roman in einem Rutsch zu lesen, weil man als Leserin ansonsten schnell den Faden verlieren kann.

Ich hätte mir zwar bei der Auflösung um Bears Verschwinden etwas "größeres" vorgestellt bzw. gewünscht und auch statt der klaren Kategorisierung in "Gut und Böse" hätte ich mir mehr Schattierungen gewünscht, aber das ist schon Meckern auf hohem Niveau.

Fazit: Großartiges Buch und unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 21.02.2025
Vermissen auf Japanisch
Tominaga, Yukiko

Vermissen auf Japanisch


sehr gut

Trauer und Liebe

Ein interessantes Debüt von Yukiko Tominanga, die die Geschichte der Japanerin Kyoko erzählt, die in San Francisco als Witwe ihren Sohn Alex großzieht. Als Leser:innen begleiten wir über mehrere hinweg Kyokos Gefühlswelt, welche die Autorin in einer philosophischen Sprache zu Papier gebracht hat. Es geht in dem Buch um Trauer, um Liebe, das Muttersein als Alleinerziehende, um Alltagssorgen sowie um das Leben als Witwe.

Mich haben insbesondere die Stellen bewegt, in denen Kyoko ihre Ehe und den Verlust ihres Mannes reflektiert. Denn es handelte sich nicht um die absolute, große Liebe, wenngleich ihre Ehe nicht unglücklich war. Nach dem Tod ihres Mannes empfindet die Protagonistin nicht nur Trauer, sondern auch eine große Wut. Sie ist wütend, dass ihr Mann gestorben ist, dass er keine Lebensversicherung abgeschlossen hat, dass er sie mit Schulden alleine gelassen hat. Sie hat Sorgen die Erziehung ihres Sohnes alleine zu vermasseln und reflektiert immer wieder die Liebe.
Diese ehrlichen Emotionen hat die Autorin überzeugend zum Ausdruck gebracht und sie bilden für mich die Stärke sowie den Kern dieses Romans, der durch einen ganz eigenen Stil besticht.

Kyokos Geschichte wird nicht als linear aufgebauter Roman erzählt, sondern eher episodenhaft und mit Zeitsprüngen. So lesen wir in einem Kapitel über Alex' erste Beziehung zu einem Mädchen und im nächsten Kapitel ist Kyokos Sohn wieder ein Kind. Diesen zeitlichen Sprünge und den örtlichen Wechsel zwischen den USA und Japan zu folgen empfand ich als durchaus anspruchsvoll. Schade fand ich es, dass Kyokos Schwiegermutter und die Beziehung zu ihr nicht mehr im Vordergrund stand. Denn gerade die Schwiegermutter empfand ich als wunderbar schrullig und herzlich. Hier hatte ich auf Grund des Klappentextes wohl mit einem stärkeren Fokus gerechnet.

Fazit: Ein Buch über Trauer und das Leben als Witwe, das anspruchsvoll ist und sprachlich überzeugt hat. Ich empfehle es besonders für Lesekreise, da es viele Aspekte zum Austausch anbietet!