Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
PMelittaM
Wohnort: 
Köln

Bewertungen

Insgesamt 597 Bewertungen
Bewertung vom 28.12.2024
A Song to Drown Rivers
Liang, Ann

A Song to Drown Rivers


gut

Xishi ist überirdisch schön, weswegen sie dazu ausersehen wird, den König der Wu für sich zu gewinnen, um ihrer Heimat, dem Königreich der Yue zu ermöglichen, sich an diesem zu rächen.

Die Geschichte basiert auf einer chinesischen Legende, und klang für mich daher sehr viel versprechend. Die Autorin lässt Xishi selbst in Ich-Form erzählen, wodurch man als Leser:in nah dabei ist und alles aus Sicht der Protagonistin erlebt, man also an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann. Man kann auch schnell verstehen warum sie sich auf so einen Deal einlässt der sie in extreme Gefahr bringen könnte. Hin und wieder konnte ich ihre Gedanken jedoch nicht nachvollziehen.Begleitet wird sie von ihrer Freundin Zhengdan, die als Palastdame eingeführt wird und ihre eigene Agenda hat.

Neben diesen beiden Frauen gibt es vor allem männliche Charaktere, die das Geschehen leiten, die beiden Könige und deren Berater, wobei vor allem Fanli, der Berater des Yue-Königs heraussticht. Nicht nur, dass er Xishi ausgesucht hat und sie vorbereitet, beide entwickeln auch Gefühle füreinander. Auch Fuchai, der König der Wu, steht im Mittelpunkt, er ist nicht ganz so wie Xishi erwartet hat, und so entwickelt sie ambivalente Gefühle für ihn.

Ambivalent stehe ich auch der Geschichte gegenüber, die leider einige Längen hat. Dennoch habe ich immer wieder gespannt gelesen. Wie wird Xishi aufgenommen werden am Hof der Wu? Kann sie den König für sich gewinnen? Und was wird passieren, wenn sie ihren Auftrag erfüllt hat?

Letzteres fand ich sehr gelungen gelöst, aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Was dann kommt, hat mich überrascht, auch wenn es am Ende schlüssig ist. Ich bin trotzdem nicht ganz sicher, ob ich es mag. Genauso wenig, ob ich die Geschichte mag die mich manchmal fesseln konnte, von der ich mir aber mehr versprochen hatte. Ich bin auch nicht ganz sicher, in welches Genre man den Roman einordnen könnte. Historisch passt nicht, dafür gibt es zu wenig echten historischen Hintergrund. Fantasy passt ebensowenig, sieht man von einer relativ kurzen Passage ab, die man dort einordnen könnte.

Mich hat vor allem das Setting und dass der Geschichte eine Legende zu Grunde liegt, angesprochen. Die Liebesgeschichten, sind hier passend und fühlen sich auch richtig an. Natürlich ist hier einiges vorgegeben, die Autorin hatte aber auch genug Freiheit, um ihre eigene Geschichte zu schreiben, ohne die Legende zu verwässern. Leider hat der Roman immer wieder Längen und hat mich daher nicht durchgehend packen können.

Bewertung vom 26.12.2024
Rath / Kommissar Gereon Rath Bd.10
Kutscher, Volker

Rath / Kommissar Gereon Rath Bd.10


sehr gut

1938: Gereon Rath ist, allerdings incognito, wieder in Deutschland, da sein Vater im Sterben liegt. In Berlin ist Fritz Thormann derweil immer noch bei den Rademanns und soll zu einem strammen HJ-Kameraden ausgebildet werden, um später in die SS einzutreten. Als es aber schlechte Nachrichten von seiner Freundin Hannah gibt, hält ihn nichts mehr. Dann werden zwei HJ-Mitglieder ermordet, und Charlie setzt alles daran, zu ermitteln, was genau mit Hannah passiert ist, und Fritz zu entlasten, der der Morde verdächtigt wird.

Der zehnte Band der Reihe ist auch der letzte. Ich war sehr gespannt darauf, hatte aber schnell ein ungutes Gefühl, bereits der Prolog ließ mich befürchten, dass die Geschichte nicht gut ausgehen könnte. Ob ich damit recht hatte, verrate ich natürlich nicht, muss aber sagen, dass ich mir mehr vom Abschlussband erhofft hatte, am Ende habe ich den Roman eher enttäuscht zugeklappt.

Natürlich sind alle wichtigen Charaktere wieder mit dabei, wir treffen auf Ernst Gennat, Wilhelm Böhm und Reinhold Gräf, um nur einige zu nennen. Gereon aus den USA begleitet haben sein Bruder Severin und Marion Goldstein, die von Gereon etwas unmögliches verlangt. Auch die historischen Hintergründe spielen wieder eine große Rolle, was man Hannah antun will, haben zum Beispiel viele Mädchen und Frauen erleben müssen, und gegen Ende erleben wir auch die Reichsprogromnacht mit. Da Gereon unter anderem bei Konrad Adenauer unterschlüpft, bekommt auch der Alte ein paar interessante Szenen.

Erzählt wird wieder aus mehreren Perspektiven, so dass wir einen guten Überblick über das Geschehen erhalten. Die Auflösungen der Fälle bergen Überraschungen, sind aber nachvollziehbar.

Ich bin nicht ganz sicher, woran es liegt, vielleicht nur an den Umständen, in denen sie jetzt leben müssen, aber ich hatte beim Lesen öfter das Gefühl, als wären Gereon und Charlie im zehnten Band nicht die Menschen, die ich vorher neun Romane und mehrere Kurzgeschichten lang begleitet habe. Insgesamt hat mich der Roman nicht ganz so abgeholt wie die meisten der vorherigen, auch, wenn ich ihn durchaus gespannt gelesen habe.

Irgendwie hoffe ich ja, dass Volker Kutscher doch noch einmal zu den Raths zurückkehrt, vielleicht einen Nachkriegsroman schreibt.

Band 10 der Reihe konnte mich nicht so abholen wie erhofft und hat mich etwas enttäuscht. Vor allem hätte ich mir ein anderes Ende gewünscht. Ich empfehle dennoch die ganze Reihe weiterhin, Band 10 erhält von mir 3,5 Sterne, die ich, wo nötig, wie gewohnt aufrunde.

Bewertung vom 23.12.2024
Ein Gebet für die achtsam Schreitenden
Chambers, Becky

Ein Gebet für die achtsam Schreitenden


ausgezeichnet

Helmling und Dex verlassen die Wildnis und machen sich auf zu den Menschen, denn Helmling hat noch eine Aufgabe zu erledigen.

Im zweiten Band der Dilogie lernen wir weitere Menschen kennen, darunter auch Dexs Familie. Dex und Helmling sind sich bereits sehr nahe gekommen, das vertieft sich hier noch, da sie sich nun auch im Umgang mit anderen erleben. Auch wir Leser:innen bekommen weitere Einblicke in das Wesen der beiden.

Es gibt in diesem Band noch mehr philosophische Überlegungen als im ersten, So steht zum Beispiel, als etwas in Helmling kaputt geht, die Frage im Raum, ob man es reparieren sollte, und wenn ja wie. Natürlich wird diese Frage, wie könnte es bei Becky Chambers auch anders sein, gut gelöst, hinterlässt aber auch etwas zum Nachdenken.

So ist auch der zweite Band der Dilogie ein wunderbarer Wohlfühlroman, den ich bestimmt noch einmal lesen werde, und der mich nicht so schnell loslassen wird. Ich empfehle beide Bände uneingeschränkt.

Bewertung vom 22.12.2024
Spellshop
Durst, Sarah Beth

Spellshop


sehr gut

In der Stadt Alysium wütet die Rebellion, viele Häuser gehen in Flammen auf, auch die Bibliothek, in der die Zauberbücher aufbewahrt werden. Die Bibliothekarin Kiela weiß sich nicht anders zu helfen, als mehrere Kisten mit Büchern vollzuladen und dann mit diesen zu fliehen. Gemeinsam mit Caz, einer Pflanze mit Bewusstsein versucht sie über das Meer zu entkommen und landet schließlich auf ihrer Heimatinsel Caltrey. Dort hat sie vor unter dem Radar zu bleiben, doch die Insel braucht ihre Hilfe und die Magie der Zauberbücher.

Der Roman ist eindeutig ein Wohlfühlroman. Kiela mag eigentlich keine Menschen um sich, aber die Inselbewohner, zumindest die meisten, sind so liebenswürdig und ihr zugewandt, dass sie gar nicht anders kann, als sich ihnen ebenfalls zuzuwenden, das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich. Mir hat gut gefallen, wie alles ineinandergreift und im Grunde hätte es für mich bis zum Ende so weitergehen können. Ich hätte gar nicht die Gefahrenmomente gebraucht, die sich nach einiger Zeit ergeben haben, sie haben mich sogar eher gestört.

Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, und obwohl ich auf diese meist verzichten könnte, hat mir diese gut gefallen, sie passt einfach in die Wohlfühlatmosphäre. Gut gefallen haben mir auch die Charaktere, die Bewohner:innen dieser Welt sind größtenteils keine Menschen, wenn auch oft menschenähnlich, manchmal sind es nur Nuancen, die sie von Menschen unterscheiden, so hat Kiela zum Beispiel blaue Haut. Es gibt aber auch unter anderem Zentauren und Wesen mit Schuppen oder Fell und Hörnern. Im Meer schwimmen Meermenschen und Seepferde, die aber ganz anders sind als die uns bekannten Seepferdchen. Und, natürlich, gibt es auch Magie, die allerdings vom Kaiser beherrscht wurde, der nun aber gestürzt ist.

Spellshop ist ein schöner Roman, der gut in die Cosy Fantasy passt und angenehme Lesestunden verspricht. Gerne empfehle ich ihn weiter und bin nun gespannt auf andere Romane Sarah Beth Dursts.

Bewertung vom 19.12.2024
Legenden im Exil / Fables Bd.1
Willingham, Bill

Legenden im Exil / Fables Bd.1


sehr gut

Von einem starken Feind überfallen, müssen die überlebenden Märchenfiguren fliehen und landen in den USA, wo sie unerkannt leben.

Eine interessante Idee, die in einer Reihe mit einigen Bänden verwirklicht wurde. Dieser ist Band 1 und erzählt von einem Kriminalfall. Rose Reds Wohnung ist verwüstet, alles ist voller Blut, die Wohnungsinhaberin verschwunden. Rose Reds Schwester Snow White setzt Bigby auf deren Spur, der am Ende in Hercule-Poirot-Manier den Fall auflösen kann.

Snow White ist hier eher Schneeweißchen als Schneewittchen, und Bigby ist überraschenderweise der Böse Wolf. Dessen Verwandlung in einen Menschen kann man in einer Kurzgeschichte am Ende des Bandes nachlesen. Neben diesen beiden trifft man auf eine ganze Reihe weiterer Märchengestalten, nicht alle kann man vielleicht auf den ersten Blick zuordnen, doch hier hilft das Personenverzeichnis am Ende des Bandes, das auch die jeweiligen Märchen- beziehungsweise Fabelwesen erklärt.

Die gelungenen Zeichnungen wirken etwas altmodisch, was aber sehr gut zur an Crime Noir angelehnten Geschichte passt. Auch diese gefällt mir gut, die Auflösung des Falls ist zudem nachvollziehbar.

„Legenden im Exil“ macht Lust auf mehr, die Zeichnungen sind gelungen, die Idee ist gut und die Geschichte unterhaltsam.

Bewertung vom 15.12.2024
Drei Tage im Juni
Tyler, Anne

Drei Tage im Juni


sehr gut

Gail und Max sind schon lange geschieden. Zur Hochzeit ihrer gemeinsamen Tochter Debbie reist Max an, muss ungeplant bei Gail schlafen, und die beiden scheinen sich wieder näher zu kommen.

Von drei Tagen erzählt der Roman, vom Tag vor der Hochzeit der Tochter, dem Hochzeitstag selbst und dem Tag danach. Anne Tyler war früher eine meiner Lieblingsautorinnen, lange Zeit habe ich sie leider vernachlässigt, doch auch hier war ich wieder direkt in der Geschichte angekommen.

Gail mochte ich sofort, bei Max brauchte ich ein bisschen länger, nach und nach bilden sie mehr und mehr Persönlichkeit heraus. Auch die anderen Charaktere kann man sich gut vorstellen. Man erlebt nicht nur die gemeinsamen Feierlichkeiten mit, nach und nach erfährt man auch mehr über Gail, Max und Debbie als Familie, auch, woran die Ehe letztlich gescheitert ist.

Max und Gail sind beide bereits in den Sechzigern, so wie ich auch, wahrscheinlich fühlte ich mich ihnen auch dadurch näher. Beide haben ihre Macken, aber auch liebenswürdige Züge. Da die Autorin Gail selbst in Ich-Form erzählen lässt, sieht man alles aus ihrer Perspektive, was das Geschehen aber auch intensiver wirken lässt und man das Gefühl hat, mit dabei zu sein. Gail nimmt dabei selten ein Blatt vor den Mund, gegen Ende hat sie mich dann überrascht. Das Ende selbst hat mir richtig gut gefallen.

Anne Tyler hat einen berührenden, aber auch humorvollen Roman über ein älteres geschiedenes Paar geschrieben, dass vielleicht doch noch mehr gemeinsam hat, als gedacht. Gerne empfehle ich diesen Roman weiter.

Bewertung vom 10.12.2024
Lupus
Rode, Tibor

Lupus


sehr gut

Der Vater der Tierärztin und Wolfsbeauftragten des Landkreises, Jennifer Rausch, verschwindet spurlos und läst sein Auto, seinen Hund und eine große Blutlache zurück. Joachim Rausch wollte auf die Jagd gehen und so schaut man zunächst an seinem Hochsitz nach, wo man eine Leiche findet, bei der es sich aber nicht um ihn handelt. Staatsanwalt Frederik Bach nimmt selbst Ermittlungen auf, an denen er Jennifer sogar beteiligt. Als schließlich bei ihr eingebrochen wird, wird der Fall immer undurchsichtiger und auch gefährlicher.

Zu selben Zeit werden immer wieder Wölfe gesichtet, die sich untypisch verhalten und schließlich wird eine Herde Schafe von einem Wolf nahezu komplett gerissen. Auch in der Nähe von Rauschs verlassenem Auto wurde ein Wolf gesichtet. Derweil ist die Firma Fenceattack damit beschäftigt einen intelligenten Zaun zu entwickeln, der Wölfe effektiv abwehren kann.

Tibor Rode hat sich wieder eines interessanten Themas angenommen, zu dem er viel recherchiert hat, das sich daraus entwickelnde Geschehen ist aktuell. Erzählt wird spannend, ich fühlte mich schnell in die Geschichte hineingezogen, die ich mir auch gut verfilmt vorstellen könnte. Leider hatte ich hin und wieder das Gefühl von Unlogik, nicht nur in Zusammenhang mit einem Meerschweinchen und einer Thermoskanne. Dennoch hat mich die Geschichte fasziniert und gepackt.

Die Charaktere allerdings kamen mir weniger nahe als ich es mir gewünscht hätte. Erzählt wird vor allem aus Sicht Jennys, für die das Ganze auf mehreren Ebenen sehr persönlich wird. Nahe kam sie mir dadurch leider nicht. Immer wieder fließen Erinnerungen verschiedener Personen in kursiver Schrift ein, die letztlich das Bild komplettieren.

Die Auflösungen sind im wesentlichen nachvollziehbar. Mich hat erstaunt, dass es auch hier so viel Realität hinter der fiktiven Geschichte gibt, aber wie Tibor Rode schon in einem anderen Roman sinngemäß schrieb, ist öfter das, was am unwahrscheinlichsten klingt, wahr. Im Nachwort kann man dazu noch einiges nachlesen.

Unterm Strich hat mir der Roman, trotz des hin und wieder auftretenden Unlogikgefühls, einige spannende Lesestunden beschert. Die Aktualität liefert zudem Stoff zum Nachdenken. Ich bin gespannt auf Tibor Rodes nächsten Roman.

Bewertung vom 06.12.2024
Ein Psalm für die wild Schweifenden
Chambers, Becky

Ein Psalm für die wild Schweifenden


ausgezeichnet

Vor Jahrhunderten wurden die Roboter sich selbst bewusst. Mit den Menschen kamen sie überein, sich die Welt zu teilen und zogen sich in die Wildnis zurück. Ohne Maschinen verzichteten die Menschen auf weitere Industrialisierung und lebten mehr mit der Natur in Einklang.

Geschwister Dex fühlt die Berufung, ein Teemönch zu werden, also zu reisen und Menschen mit Problemen jeglicher Art ein paar ruhige und entspannte Stunden zu gönnen, in dem ser ihnen zuhört und passenden Tee serviert. Nachdem ser in dieser Berufung erfolgreich ist, spürt ser das Bedürfnis auf mehr, und macht sich auf den Weg, eine ehemalige Einsiedelei zu finden. Unterwegs trifft ser auf den Roboter Helmling, eigentlich Grüngefleckter Helmling, denn Roboter benennen sich nach dem, was sie als erstes wahrnehmen. Helmling wurde ausgesandt, nach den Menschen zu sehen, und ist somit der erste, der wieder auf einen solchen trifft. Die beiden reisen fortan zusammen und erhalten nach und nach tiefe Einblicke in das jeweilige andere Wesen.

In Becky Chambers Wayfarer-Romanen bin ich das erste Mal auf queere Pronomen gestoßen, sehr passend, denn auf anderen Planeten gibt es andere Fortpflanzungsmöglichkeiten. Auch dieser Roman spielt nicht auf unserer Erde, auch wenn die Welt sehr erdähnlich ist, sondern auf einem Mond namens Panga.

Auch sonst sind die Romane der Autorin immer sehr aufgeschlossen für anderes, und tragen eine Botschaft in sich, die mir sehr zusagt, nämlich andere so zu nehmen, wie sie sind. Und so kommen sich auch der Helmling und Dex immer näher, verstehen nach und nach den anderen besser, akzeptieren Unterschiede, wobei es Helmling meist etwas besser gelingt.

Becky Chambers ist nicht umsonst eine meiner Lieblingsautorinnen. Ihre Widmung zu diesem Roman lautet „Für alle, die eine Auszeit gebrauchen könnten“ (Seite 5), und ja, das passt, und zwar nicht nur, weil Dex solche Auszeiten schafft. Ich mochte diesen Roman wieder sehr und freue mich, Dex und Helmling im zweiten Band der Dilogie wiederzutreffen. Absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 04.12.2024
Mirror: Weiß wie Schnee
Herbst, Lucia

Mirror: Weiß wie Schnee


gut

Stell dir vor, du bist gerade noch in deinem normalen Leben und im nächsten Moment in der Märchenwelt der Gebrüder Grimm und hast noch dazu mit der bösen Königin aus dem Märchen Schneewittchen die Rollen getauscht. Das passiert Lena in diesem Roman, und sie muss nun sehen, wie sie damit klar kommt, vor allem aber auch, nicht das Schicksal der bösen Königin, Schneewittchens Stiefmutter, zu teilen.

Ich mag Märchenadaptionen, und Lucia Herbst hat in ihrer Geschichte nicht nur eines verarbeitet, Lena trifft auf Gestalten aus verschiedenen Märchen, und hat, als Psychiaterin, immer wieder auch Verständnis für die Antagonist:innen, immerhin ist sie nun selbst eine. Doch nicht nur das Entkommen aus dieser Welt, wieder zurück in ihre eigene, steht nun auf ihrer Agenda, unter anderem gibt es immer wieder Hinweise, dass in der Märchenwelt auch etwas im Hintergrund vorgeht, auf das sie außerdem einen gewissen Einfluss zu haben scheint.

Klingt gut, oder? Leider ist es die Ausführung in meinen Augen nur bedingt. Zum einen dachte ich schnell, ich bin wohl in einem Jugendbuch gelandet, bin ich aber gar nicht, die Zielgruppe sollen Erwachsene sein. Die Geschichte wird sehr einfach erzählt, die Charakterzeichnungen gehen nicht in die Tiefe, Lena kommt mir nicht nahe, die Liebesgeschichte wirkt aufgesetzt. Und auch die Auflösung hat mir nicht gefallen. Da ich nicht spoilern möchte, kann ich letzteres nicht näher erklären, ich fand aber die Person, die die Fäden führt, nicht als Böse:r geeignet, liegt aber wohl auch daran, dass ich mir zu dieser Person schon lange vor dem Roman eine Meinung gebildet hatte.

Tatsächlich hatte ich zunächst etwas Humorvolles erwartet, zu dem Roman hätte auch deutlich mehr Düsternis gepasst, düster wurde es zwar gegen Ende, allerdings auch recht kitschig, bis dahin war es aber nicht sehr spannend. Gut gefällt mir, dass viele Personen, die Lena aus der realen Welt kennt, in der Märchenwelt eine Entsprechung haben.

Der Roman ist ein erster Band, aber vorerst in sich abgeschlossen, wenn auch mit der Option auf weitere Bände. Ich weiß noch nicht, ob ich einen zweiten lesen möchte. Ein bisschen neugierig bin ich schon, auf das, was passieren wird, weniger auf das, was mit den Protagonist:innen geschieht. Mal sehen.

Ich mag Märchen und auch Märchenadaptionen, hier wurde ich allerdings eher enttäuscht, der Erzählstil war mir zu einfach, zu wenig anspruchsvoll, die Protagonistin kam mir nicht nahe, und auch weitere Charaktere blieben oberflächlich. Ich vergebe 2,5 Sterne, die ich, wo nötig, aufrunde.

Bewertung vom 02.12.2024
Die Uhrmacher der Königin (eBook, ePUB)
Dorweiler, Ralf H.

Die Uhrmacher der Königin (eBook, ePUB)


gut

Wie viele andere Schwarzwälder Bauernfamilien verdient sich auch die Familie Faller ein Zubrot durch den Bau von Holzuhren. Ernst, der jüngste, 1824 geborene Sohn, hat ein besonderes Talent für den Uhrenbau, und so wandert er eines Tages mit seinem Bruder Johannes ins „Uhrenland“, nach London aus.

Sophia Carpenter fällt auf einen Betrüger herein, der sie mit hohen Schulden zurücklässt, die sie glücklicherweise abarbeiten kann. Auch sie macht sich eines Tages nach London auf, wo sie nicht nur die Gebrüder Faller trifft, sondern auch die junge Queen Victoria, sowie die Gebrüder Winterhalter, bekannte Maler, die ebenfalls aus dem Schwarzwald stammen, und von der Königin an den Hof eingeladen wurden.

Leider nimmt der Klappentext schon viel zu viel vorweg, am besten wäre, man liest ihn erst gar nicht und lässt sich überraschen. Auch sonst lässt mich der Roman zwiegespalten zurück. Das Thema ist interessant, und wie der Autor das Leben seiner fiktiven Charaktere mit dem historischer Persönlichkeiten verwebt, ist gelungen. Wer historische Persönlichkeit ist, kann man übrigens dem Personenverzeichnis entnehmen, das dem Roman vorangestellt ist. Mir hat auch gut gefallen, dass man tatsächlich viel über den Uhrenbau erfährt, und dass die einzelne Teile des Romans nach Uhrteilen wie Antrieb oder Unruh benannt sind, und die Namen auch ganz gut zum jeweiligen Geschehen passen.

Leider ist der Roman lange Zeit sehr langatmig, da wird ausführlich Ernsts und Johannes Kindheit und Jugend erzählt, und erst ab etwa der Mitte hat es der Roman dann geschafft, mich etwas mehr zu packen. Gestört hat mich auch, dass er zu Beginn fast wirkte, als sei er für Kinder geschrieben, sehr einfach, und eben aus Sicht von Kindern.

Die Charaktere sind recht gut gezeichnet, erzählt wird vorwiegend aus der Sicht Johannes‘ beziehungsweise Sophias. Dadurch wird das Leben der Uhrmacher nicht nur im Schwarzwald sondern auch in London, so wie auch das Umfeld der Königin lebendig.

Über das Ende kann man sicher streiten, aber mich machte es unzufrieden, obwohl ich normalerweise keine Probleme habe mit unerwarteten Enden beziehungsweise Enden, die meine Erwartungen nicht erfüllen. Diese hallt nach, aber eher negativ.

Ralf H. Dorweiler konnte mich mit anderen Werken schnell packen, hier ist ihm das nicht gelungen, der Roman ist mir in weiten Teilen zu langatmig erzählt. Interessant ist die Thematik des Uhrenbaus, die gut ausgearbeitet wurde. Auch die Einbindung historischer Persönlichkeiten hat mir gefallen. So hinterlässt mich der Roman zwiegespalten. Dennoch gibt es sicher viele Genrefans, dem er gefallen könnte.