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mimitatis_buecherkiste
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Krefeld

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Insgesamt 713 Bewertungen
Bewertung vom 03.07.2024
Die Entführung
Grisham, John

Die Entführung


ausgezeichnet

Fünfzehn Jahre ist es her, dass Mitch McDeere in Memphis eine Erfahrung machte, die er bis heute nicht vergessen hat. Zwischenzeitlich lebt er mit seiner Frau Abby und seinen Söhnen in New York und arbeitet in einer der größten Anwaltskanzleien der Welt, in der er mittlerweile Partner ist. Als ein Kollege in Italien erkrankt, soll Mitch ihn in einem Routinefall vertreten; die libysche Regierung schuldet der türkischen Firma Lannak mehr als vierhundert Millionen Dollar für ein Bauwerk in der Wüste, bei dem der libysche Regierungschef Gaddafi das Budget völlig überzogen hat und sich weigert, zu zahlen. Der italienische Anwalt bittet Mitch, seine Tochter Giovanna, die in einer britischen Niederlassung der Kanzlei in London arbeitet, mitzunehmen. Eine erste Besichtigung der Baustelle in der Wüste geht schief, Giovanna, ihre zwei libyschen Fahrer sowie vier türkische Leibwächter von Lannak werden entführt. Nach einiger Zeit taucht das erste Video auf mit der Hinrichtung eines der Fahrer. Es steht zu befürchten, dass dies erst der Anfang war.

John Grishams Debütroman „Die Jury“ war 1989 für mich der Beginn einer jahrzehntelangen und bis heute ungebrochenen Leidenschaft für seine Bücher. Er ist ein Meister des Justizthrillers, seine Bücher wurden weltweit mehr als 300 Millionen Mal verkauft, dabei in 42 Sprachen übersetzt, und er ist den Informationen auf der Verlagsseite nach einer von nur drei Autoren, von denen zwei Bücher mehr als eine Million Mal als E-Book verkauft wurden. Mehrere seiner Werke wurden erfolgreich verfilmt und ich hoffe, dass ich noch viele seiner Geschichten werde genießen können. Den Protagonisten des vorliegenden Buches, den Anwalt Mitch McDeere, kenne ich bereits aus dem im Jahr 1992 in Deutschland erschienenen Buch „Die Firma“, das 1993 sehr erfolgreich verfilmt wurde mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Man muss es nicht zwingend gelesen haben, um den aktuellen Roman genießen zu können, sollte aber wissen, dass hier alle wichtigen Details aus dem vorherigen Buch verraten werden.

Ich habe mich oft gefragt, was aus Mitch geworden ist, und mich auf ein Wiedersehen mit ihm gefreut. Anfangs empfand ich die Geschichte dennoch etwas zäh, nicht uninteressant, aber unspektakulär und nicht ungemein fesselnd. Das Vorgeplänkel nahm über fünfzig Seiten ein und ich befürchtete schon, dass es so bleibt, als Bewegung in die Sache kam. Das Mandat von Lannak entpuppte sich als ein Bauwerk, das tatsächlich existiert, was ich bei meiner Recherche kaum glauben konnte. Niemals hätte ich erwartet, dass jemand eine solche wahnwitzige Idee umsetzen würde, aber da wurde ich tatsächlich eines Besseren belehrt. Diesen Mix aus Fakten und Fiktion fand ich einfach großartig und ab da ging es ab mit einer rasanten Story, die mich dermaßen gefesselt hat, dass ich vollkommen versunken bin im Buch. Teilweise war es so nervenaufreibend, dass ich von einem Thriller sprechen würde. Ich habe dem Showdown entgegengefiebert, war gespannt darauf, welchen Abschluss mir der Autor präsentiert, und wurde nicht enttäuscht. Wieder einmal hat John Grisham mich bestens unterhalten, vielen Dank dafür.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.07.2024
City in Ruins / City on Fire Bd.3
Winslow, Don

City in Ruins / City on Fire Bd.3


ausgezeichnet

Danny Ryan hat sich in Las Vegas etwas aufgebaut, er ist reicher, als er es sich jemals erträumt hätte, was für einen Hafenarbeiter, Mafiamitglied und geflüchteten Gesetzesbrecher eine große Leistung ist. Als er ein altes Hotel auf dem Strip kaufen will, das ein anderer bereits zugesagt bekommen hat, löst er eine Kettenreaktion aus, die ernste Konsequenzen nach sich zieht. Plötzlich sieht sich Danny wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

„Danny und Jimmy sehen einander an, und es gibt einen kurzen Moment engster Vertrautheit - alles, was sie gemeinsam erlebt haben, blitzt darin auf. Ihre Kindheit, ihre krummen Touren, die Kriege, die sie gekämpft, die Freunde, die sie verloren, und das Leben, das sie anderen genommen haben.“ (Seite 41)

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den letzten Teil der Trilogie mit Danny Ryan. Dieser kann nicht unabhängig von den anderen Teilen gelesen werden, da alle Bücher aufeinander aufbauen. Don Winslow fasst zwar auch hier die wichtigsten Fakten immer wieder zusammen, dennoch ist ein gewisses Grundwissen erforderlich, um den Gesamtzusammenhang richtig interpretieren zu können. Jedes der drei Bücher beinhaltet eine eigene Geschichte, die zusammen ein großartiges Epos ergeben, an dem der Autor eigenen Angaben zufolge sein ganzes Schriftstellerleben lang gearbeitet hat. Und mit diesem soll nach über 30 Jahren nun Schluss sein, denn in der Danksagung am Ende des Buches, die sehr emotional ausgefallen ist, verabschiedet sich Don Winslow nach einer langen und wunderbaren Karriere, um in die Politik zu gehen. Selten tat ein Abschied mehr weh, in diesem Genre wird er mir sehr fehlen, denn seit vielen Jahren begeistert er mich mit seinen Werken.

Sehnsüchtig habe ich auf den Abschlussband der City on Fire-Trilogie gewartet, freute mich auf ein Wiedersehen mit Danny, war gespannt darauf, wie es weitergegangen ist und wurde nicht enttäuscht. Neben der Hauptgeschichte über Danny verband der Autor viele lose Enden geschickt miteinander, beantwortete eine Menge Fragen aus der zurückliegenden Zeit und ließ seine Akteure unausweichlich auf ein Finale zusteuern, dem ich ungeduldig, aber auch ängstlich entgegenfieberte. So brutal und skrupellos wie Danny sein konnte, so liebevoll und menschlich durfte ich ihn erleben. Natürlich erscheint es auf den ersten Blick seltsam, Mitgefühl und Sympathie für ein Mitglied der Mafia zu empfinden, aber das Leben ist nun mal nicht nur Schwarz oder Weiß. Die unterschiedlichen Schattierungen dazwischen machten den Charme von Danny sowie der Trilogie aus und ich bin traurig, dass diese Reise nun zu Ende ist. Wobei es einen kleinen Lichtblick gibt, denn zumindest der erste Band City on Fire soll verfilmt werden und die restlichen Bücher danach hoffentlich auch. Ich kann es kaum erwarten. Große Leseempfehlung gibt es von mir!

6 von 6 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.06.2024
Promise Boys - Drei Schüler. Drei Motive. Ein Mord.
Brooks, Nick

Promise Boys - Drei Schüler. Drei Motive. Ein Mord.


sehr gut

An der Urban Promise Prep School gibt es für die Schüler nichts zu lachen, Schuldirektor Kenneth Moore führt die Schule mit eiserner Hand, nicht einmal ein fröhliches Grinsen wird geduldet, für jede noch so kleinste Verfehlung gibt es einen Punkteabzug zur Strafe hinzu. Als der Direktor ermordet aufgefunden wird, werden schnell drei Verdächtige gefunden, die an diesem Tag nachsitzen mussten. Jeder der Jungs hätte Gründe gehabt, Moore etwas anzutun, aber alle bestreiten vehement ihre Schuld. Fast zu spät merken sie, dass sie nur gemeinsam herausfinden können, was geschehen ist.

„Denn wir müssen wirklich herausfinden, wer das war. Nicht bloß, um deinen Namen reinzuwaschen, sondern auch, damit die Cops den Mord nicht als Vorwand nutzen können, um jeden Schwarzen oder Braunen Typ zu schikanieren, der ihnen über den Weg läuft.“ (Seite 233)

Das Cover zog meinen Blick auf sich, der Klappentext machte mich neugierig und die Leseprobe überzeugte mich vollends, dass ich das Buch unbedingt lesen möchte. Das Glück war mit mir und kurze Zeit später konnte ich loslegen mit der Geschichte von J.B. Williamson, Trey Jackson sowie Ramón Zambrano und wie es dazu kam, dass sie des Mordes an ihrem Schuldirektor beschuldigt wurden. Zu Wort kamen dabei nicht nur die drei Jungs, sondern Lehrer, Mitschüler und andere Personen, die mit der nach außen hin so feinen Privatschule zu tun hatten. Wie das so ist, passte hier das bekannte Sprichwort, dass zu viele Köche den Brei verderben, denn wo viele Zeugen sind, gibt es auch unterschiedliche Aussagen und nicht alle sind wahr, obwohl sie nicht gelogen sind. Aber auch die drei Verdächtigen benahmen sich manchmal seltsam, jeder deutete etwas an, warf mir kleine Happen an Informationen zu, hielt andere zurück und machte sich immer wieder bei mir verdächtig. Natürlich beteuerten sie ihre Unschuld, ich hätte es selbst kaum anders gemacht.

Das vorliegende Jugendbuch wird ab 14 Jahren empfohlen und da würde ich es (plus minus ein Jahr) auch ansiedeln. Es ist ein ruhiges Buch mit Krimi-Elementen, allerdings liegt der Fokus hier mehr darauf, zu zeigen, welche Bedürfnisse junge Menschen haben und warum es besser ist, miteinander zu sprechen und offen zu kommunizieren, als allen gegenüber misstrauisch zu sein und gegeneinander zu kämpfen. Etwas weichgespült, das würde manch einer sagen, aber ich finde, es muss nicht immer blutig und voller schockierender Elemente sein. Natürlich spielt dabei der Umstand mit, dass der Autor Nick Brooks früher als Pädagoge mit gefährdeten Jugendlichen arbeitete. Dieser Umstand ist aus vielen Zeilen herauszulesen, aber nicht belehrend, was mir sehr gefallen hat.

An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht, auch viele Geheimnisse waren vorauszusehen und keine große Überraschung für mich. Das ein oder andere Klischee war ebenfalls vorhanden, aber wenn ich berücksichtige, dass ich nicht die Zielgruppe bin, dann wurde ich erstaunlich gut unterhalten und hatte eine tolle Lesezeit. Wer einen unblutigen und unaufgeregten Jugendroman sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Mir hat die Story jedenfalls viel Spaß gemacht.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.06.2024
Die Influencerin
Russ, Rebecca

Die Influencerin


gut

Sarah Rode ist eine erfolgreiche Lifestyle-Influencerin, führt eine gute Ehe und lebt mit Mann und Tochter in einem schönen Haus. Als sich eine junge Followerin umbringt, die zuvor einen Kommentar mit einem persönlichen Hilferuf unter einem ihrer Bilder hinterlassen hat, den Sarah ignoriert, schlägt ihr so viel Häme und Hass entgegen, dass sie ihr Profil vorübergehend deaktiviert. Sarah verkriecht sich zu Hause und will niemanden sehen. Es fängt mit seltsamen Päckchen an, dann eröffnet eine unbekannte Person einen Fake-Account mit Sarahs Namen und postet Bilder, die vermuten lassen, dass ihr jemand folgt. Um sich und ihre Familie zu schützen, versucht sie, auf eigene Faust herauszufinden, wer ihr schaden möchte.

Der Klappentext versprach einen rasanten Thriller aus der Welt der Social Media, allerdings wollte die Spannung sich über eine lange Zeit nicht so recht einstellen. Die Protagonistin war erschüttert, was ich nachvollziehen konnte, allerdings war meine Geduld irgendwann auch aufgebraucht, weil ich zum Kern der Sache kommen und nicht immer mehr von ihrem Gejammer lesen wollte. Das mag sich empathielos anhören, aber mir war es einfach zu viel Drama und zu wenig Thriller. Sehr langsam tat sich etwas, Dinge kamen ins Rollen und im letzten Drittel wurde es erfreulicherweise endlich viel temporeicher. Einige unerwartete Wendungen erfreuten mein Herz, vereinzelte überraschende Enthüllungen taten ihr übriges. Emotionale Momente gab es zum Schluss hin auch, was ich sehr passend zum Ausgang fand und nicht bemängeln möchte. Alles in allem ein solider Thriller, dem weniger Drama und mehr Action gutgetan hätten.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.06.2024
Bis aufs Blut
Cranor, Eli

Bis aufs Blut


ausgezeichnet

Billy Lowe wächst mit einer alkoholkranken Mutter und einem gewalttätigen Stiefvater in einem Trailerpark auf. Sein einziger Halt im Leben ist der Football, aber Billy ist auf dem Spielfeld unberechenbar und mittlerweile so aggressiv, sodass er kaum noch zu bändigen ist. Trotzdem hält der Coach an ihm fest aus Gründen, die in seiner Vergangenheit liegen. Als Billys Stiefvater tot aufgefunden wird, zieht dies unausweichlich Konsequenzen nach sich, die ihn nah an einen Abgrund bringen.

„Irgendwie hab ich keine Lust, mit Ihm zu kämpfen, vielleicht weil Er unbedingt kämpfen will. Will Ihm nicht geben, was Er haben will. Bin schon fast wieder in meinem Zimmer, als ich höre, wie Er sein Feuerzeug anmacht. Mein ganzer Körper verkrampft sich bei dem Geruch, spüre wieder das Brennen. Dreh mich sofort um. Er sieht nicht mal zu mir hin, steht nur da und raucht, wie neulich, als Er mir die Zigarette im Nacken ausgedrückt hat.“ (Seite 52)

Zu Beginn hatte ich Probleme damit, ins Buch zu finden, was mit der ungewöhnlichen Art und Weise zusammenhing, wie die Geschichte erzählt wird. Zum einen erhebt Billy seine Stimme in der Ich-Perspektive, dies tut er passend zu seinem Alter und Bildungsstand. Zuerst irritierte mich dies ungemein, aber im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich daran und fand es passend. Daneben folgte ich den Erzählungen über die Ereignisse, erfuhr Dinge, die lange zurücklagen, folgte den Wegen der beteiligten Personen und durchlebte so manche Biografie. War ich anfangs also eher wenig begeistert über meine Lektüre, änderte sich das in dem Moment, wo der im Klappentext erwähnte Stiefvater tot aufgefunden wird. Als hätte sich in meinem Kopf ein Schalter umgelegt, zog es mich ab da in jeder freien Minute zum Buch.

Man könnte denken, dass ich ab diesem Augenblick gefesselt vom Buch war, aber dies blieb nicht durchgehend so. Der angekündigte Thriller entpuppte sich als Drama, gepaart mit einer Familiengeschichte, gespickt mit vielen sportlichen Erlebnissen und dem Coming of Age Moment, die sich abgewechselt und Hand in Hand miteinander gearbeitet haben. Durch diesen Mix gab es genug Abwechslung und Spannung, um mich bei der Stange zu halten, von einem Highlight würde ich allerdings nicht sprechen. Dennoch war es eine aufregende und außergewöhnliche Story, die mir packende Lesestunden beschert hat. Das letzte Drittel war so nervenaufreibend, dass ich fast durchgedreht bin. Die Auflösung nahm mir den Atem, die folgenden Ereignisse entsetzten mich. Die Spirale der Gewalt erreichte ihren Höhepunkt, explodierte mit einem großen Knall und ließ mich ermattet zurück. Großes Kino!

8 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.06.2024
Und Großvater atmete mit den Wellen
Teige, Trude

Und Großvater atmete mit den Wellen


ausgezeichnet

Konrad, der Großvater von Juni, hat Zeit seines Lebens nie davon gesprochen, wo er gelernt hat, mit den Wellen zu atmen. Er hat seine Erlebnisse im Jahre 1943, als er zusammen mit seinem Bruder auf dem Handelsschiff Anitra im Indischen Ozean von einem japanischen U-Boot angegriffen wurde, nie in Worte gefasst, obwohl dort etwas passiert ist, das ihn für immer verändert hat. Die folgenden Ereignisse prägten ihn und machten aus ihm den Mann, der einen wichtigen Platz im Leben von Juni eingenommen hat.

„Es fühlte sich an, als wäre die Welt untergegangen. Mit ihm als einzigem Überlebenden. Er musste sich um die Toten kümmern, er musste Holzzapfen finden, um die Löcher abzudichten, er musste… Dennoch saß er in den nächsten Minuten einfach nur da, ohne etwas anderes zu tun, als zu weinen.“ (Seite 34)

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die Fortsetzung des großartigen Romans „Als Großmutter im Regen tanzte“. Die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden, sogar in falscher Reihenfolge würden diese einen Sinn ergeben, denn die Wege von Konrad und seiner Ehefrau Tekla kreuzen sich erst nach den dramatischen Ereignissen im Leben der beiden. Auch wenn die Bände nicht unmittelbar zusammenhängen, so ergeben diese erst gemeinsam ein vollständiges Ganzes, denn es werden einige Unklarheiten beseitigt und viele Fragen beantwortet. Jedes der Bücher ist außerdem besonders auf seine eigene Art und Weise und lesenswert.

Wurde die Geschichte von Tekla noch auf zwei Zeitebenen erzählt, spielt sich fast die gesamte Handlung des neuen Buches zwischen 1943 und 1945 ab mit einer abschließenden Episode im Jahr 1947. Sie handelt davon, was in den Kriegsjahren in den Gefangenenlagern auf Java in Indonesien geschah, die durch die japanischen Besetzer geführt wurden. Kenne ich solche Erzählungen sonst zur Genüge, war es dennoch eine Neuerung für mich, dass hier auch das Schicksal der internierten Frauen und Kinder einen großen Raum einnimmt, denn überwiegend sind es Männer, die in den Büchern über Gefangenenlager im Vordergrund stehen. Auch das Thema der Kolonialherrschaft war Neuland für mich und inspiriert mich dazu, mich zukünftig mehr mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Das Buch hatte dramatische, traurige, aber auch Momente voller Hoffnung, überwiegend schildert es jedoch die brutale Herrschaft der Besetzer auf der Insel, die katastrophalen Bedingungen in den Lagern und den Überlebenskampf der inhaftierten Menschen sowie in kurzen Sequenzen den der indonesischen Bevölkerung. Wer Wohlfühlszenarien erwartet, wird enttäuscht, denn die Fratze des Krieges zeigt hier ihr hässliches Gesicht. Erniedrigungen, Bestrafungen und Exekutionen sind an der Tagesordnung, sensible Menschen sollten damit rechnen, einige Grenzen überschreiten zu müssen. Wer sich darauf einlässt, wird aber mit einer emotionalen und hochspannenden Erzählung belohnt, die große Unterhaltung verspricht und liefert. Lesenswert!

8 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.06.2024
Krähentage / Gruppe 4 ermittelt Bd.1
Cors, Benjamin

Krähentage / Gruppe 4 ermittelt Bd.1


ausgezeichnet

Jakob Krogh und Mila Weiss sollen eine neugegründete Ermittlergruppe leiten, bereits ihr erster Fall scheint mehr als rätselhaft; obwohl das Opfer laut Gerichtsmedizin seit vielen Stunden tot ist, wurde es von vielen Menschen lebend gesehen, nachdem der Mord geschah. Abscheulich ist auch, dass die Täterperson Krähen in der Wohnung des Opfers gelassen hat, die sich an der Person zu schaffen gemacht haben. Jakob und Mila haben mit ihrem Team die Hände voll zu tun, als der nächste Mord geschieht. Der Täter dreht anscheinend langsam durch, hinterlässt aber kaum Spuren, die zu seiner Festnahme führen könnten.

„Es war Jakob, der es aussprach, obwohl er es genauso wenig verstand wie die anderen. Aber vielleicht war dies die erste Wahrheit, die sie als Gruppe 4 akzeptieren mussten. Dass das echte Grauen manchmal erst nach dem Tod begann.“ (Seite 113)

Zwei Ermittler, die viele Geheimnisse voreinander und vor der Leserschaft haben, eine bunt zusammengestellte Truppe, deren Leichen noch im Keller liegen, ein ungewöhnlicher, fast schon skurriler Fall, eine Täterperson, die von vornherein verraten wird, was dem Nervenkitzel aber nicht abträglich ist, und schon hat man einen Thriller, der mich unfassbar gut unterhalten konnte. Der Schreibstil war flüssig, eine unterschwellige Spannung fast durchgehend vorhanden, schockende Momente gab es ebenfalls zur Genüge, mehr kann man sich fast nicht wünschen.

Der erste Thriller von Benjamin Cors lässt mich begeistert zurück. Die diversen Wege zur Lösung ließen mich immer wieder aufs Neue raten, ob meine Vermutung richtig war oder nicht. Ich fieberte der Lösung entgegen und war nicht weniger aufgeregt als das Team, als sich die Schlinge langsam zugezogen hat und absehbar war, was geschieht. Eine Anomalie im privaten Bereich beschäftigte mich lange, die Antwort auf meine Frage wurde aber erst spät enthüllt. Eine leise Ahnung hatte ich zwar, dennoch fand ich die Auflösung überraschend. Das Ende war dramatisch, der Epilog kam unerwartet, ich wurde phantastisch unterhalten und hoffe, dass eine Fortsetzung nicht zu lange auf sich warten lässt. Ich freue mich drauf!

12 von 12 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.06.2024
Im Eichtal
Bekeschus, Mario

Im Eichtal


ausgezeichnet

An einem nebligen Samstagabend findet ein Spaziergänger im Braunschweiger Eichtal Müllsäcke voller menschlicher Gliedmaßen. Kriminalhauptkommissar Wim Schneider, der gerade seinen Umzug beendet hat, wird von seiner neuen Kollegin Rosalie Helmer hinzugerufen, um sich ein Bild vor Ort zu machen, obwohl er erst am Montag seine neue Arbeitsstelle antreten wird. Die zerstückelte Leiche scheint unvollständig zu sein, was weitere Maßnahmen notwendig macht. Kurze Zeit später taucht eine Fingerkuppe im Naturhistorischen Museum auf, was nahelegt, dass dieser Fall mit dem Fund im Eichtal zusammenhängt. Der neue Kripochef macht Wim und Rosalie Dampf unter dem Hintern, die beiden ermitteln fieberhaft, als das Ermittlerteam durch den Täter aufs Korn genommen wird.

Bereits zum dritten Mal ermittelt der schrullige, um nicht zu sagen sehr spezielle Wim Schneider und vorab kann ich schon verraten, dass der vorliegende Band für mich persönlich der beste dieser Reihe ist. Ein wenig Vorwissen aus den vorherigen Teilen ist notwendig, um die Verwicklungen der beteiligten Personen zueinander nachvollziehen zu können, allerdings kann jedes Buch unabhängig voneinander gelesen werden, denn es gibt genug Hinweise, die zum besseren Verständnis beitragen. Die Fälle selbst sind immer abgeschlossen und rückwirkend verraten wird ebenfalls nichts, was von Belang ist.

Zu Beginn hatte ich kleine Probleme damit, die vielen Personen und Orte auseinanderzuhalten, wurde ein wenig erschlagen von den vielen Nebenschauplätzen. Hier hätte ich mir ein Verzeichnis gewünscht, das eine Zuordnung erleichtert hätte. Mit hoher Konzentration gelang es mir aber nach und nach, die Namen und Örtlichkeiten zu differenzieren, sodass ich den Kriminalfall genießen konnte. Und der hatte es in sich, denn viele verschiedene Spuren waren auszuwerten, Zeugen zu befragen und es war ein langer Weg bis zur Lösung, der spannend und abwechslungsreich gestaltet wurde. Erst nach und nach verstand ich die komplexen Zusammenhänge, Geheimnisse wurden gelüftet, Intrigen enthüllt. Genial verband der Autor die einzelnen Fäden miteinander und präsentierte eine Lösung, die stimmig und nachvollziehbar war. Erwähnen möchte ich hierbei den tollen Humor, der nie ins Lächerliche abrutschte, aber durch seine Derbheit mich manchmal laut auflachen ließ. Ein großartiger Krimi und ein toller dritter Teil, der mich ungeduldig auf die Fortsetzung warten lässt. Absolute Leseempfehlung dafür von mir.

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.06.2024
Marconi und der tote Krabbenfischer / Ein Italiener ermittelt an der Nordsee Bd.1
Palu, Daniele

Marconi und der tote Krabbenfischer / Ein Italiener ermittelt an der Nordsee Bd.1


ausgezeichnet

Ein Krabbenfischer wird tot aufgefunden, eine Harpune steckt in dem Mann. Dem früheren Kriminalhauptkommissar Massimo Marconi aus München, der soeben seine neue Stelle als Dienststellenleiter der Polizeistation in St.-Peter-Ording angetreten hat, sind leider die Hände gebunden, was die Ermittlung angeht, denn mit dem Umzug in den Norden ging gleichzeitig eine Degradierung einher. Eine andere Möglichkeit gab es nicht für Marconi, der sich als Vormund um die verwaisten Kinder seines Bruders kümmern soll und möchte. Das hindert aber den Münchner mit italienischen Wurzeln nicht daran, mit seinen zwei untergebenen Kollegen eigene Ermittlungen anzustellen. Ärger ist da natürlich vorprogrammiert.

Als der Autor mich gefragt hat, ob ich seinen Krimi lesen möchte, habe ich sofort begeistert zugesagt, ohne auch nur zu recherchieren, um was es inhaltlich geht. Hätte ich es gemacht, hätte ich wahrscheinlich abgewunken, weil das Buch auf den ersten Blick so überhaupt nicht in mein Beuteschema passt, aber bereits jetzt kann ich verraten, dass dies ein großer Fehler gewesen wäre. Krimis sind zwar tatsächlich immer noch mein bevorzugtes Genre, aber die Nordsee als Schauplatz spricht mich eigentlich überhaupt nicht an. Umso überraschter bin ich, wie kriminell es dort zugeht, wenn man Daniele Palu Glauben schenken mag. Ich hoffe, was meinen letzten Satz angeht, nimmt mich die Leserin und der Leser dieser Rezension nicht wirklich ernst, denn genauso wie die vorliegende Geschichte fiktiv ist, ist mein Wissen spärlich über die Gegend, in der die Handlung spielt, was ich nach der Lektüre jedoch dringend ändern möchte. Nicht fiktiv ist allerdings der ernste Hintergrund des Falls, der im Nachwort erläutert wurde und mich schaudern ließ.

Der herzzerreißende Prolog schmiss mich mitten ins Geschehen, bereits da war ich neugierig darauf, die genauen Hintergründe zu erfahren. Dies musste aber vorerst warten, denn die Tat folgte kurz darauf und los ging es mit der Ermittlung, die eigentlich verboten war. Der tolle Schreibstil und der feine Humor begleiteten mich durch das Buch, die Figuren waren schön ausgearbeitet und durch Weglassen oder Verschweigen konnte auch eine gewisse Spannung aufgebaut werden, die manchmal abflachte, was aber meinem persönlichen Geschmack geschuldet war. Zu Beginn war es mir etwas zu viel Natur und zu wenig Tempo, was natürlich mit daran lag, dass es der erste Teil einer Reihe ist, sodass die Umgebung und die Personen einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Was ich aber explizit thematisch meide, weil es in der Realität gegenwärtig ist, das ist Umwelt, Klima, Aktivisten und alles, was damit zusammenhängt. Zum Glück haben sich meine Befürchtungen nicht erfüllt, dass diese Themen im Vordergrund stehen, wenn sie auch viel Platz einnehmen im Buch. Die Mischung war genau richtig, sodass ich in dieser Hinsicht sehr zufrieden war.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich großartig unterhalten wurde; ehrlich gesagt rauschte ich förmlich durch das Buch, dass es nicht mehr feierlich war. Der Fall ist abgeschlossen, aber eine gewisse Enthüllung zum Schluss lässt vermuten, dass dies erst der Anfang einer wunderbaren Lesereise war. Ich freue mich drauf!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.06.2024
Mattanza
Fabiano, Germana

Mattanza


ausgezeichnet

Entgegen allen Hoffnungen gebärt die Tochter des Anführers des traditionellen Thunfischfangs nicht den ersehnten Enkelsohn, eine dritte Tochter ist es geworden. Die Inselbewohner Katrias sind erstaunt, als der Raìs das Mädchen trotzdem zu seiner Nachfolgerin erwählt, zu sich nimmt und ausbildet. Nora weiß noch nicht, was für ein schweres Erbe auf sie wartet, abhängig von den Besitzern der Tonnara, beeinflusst durch den Lauf der Welt.

„Eleonora war eine Mogelpackung; sie war das Kind, das sich an die Stelle eines anderen geschoben und das niemand gerufen hatte. In jener Februarnacht, in der sie geboren wurde, hatten die Tonnaroti erkannt, dass selbst Gott nicht unfehlbar war, an Eleonora klebte der Fluch der Insel, und niemand konnte etwas dagegen tun.“ (Seite 10)

Alles begann im Jahr 1960, als der ersehnte Enkelsohn ausblieb und das abergläubische Inselvolk schlimme Auswirkungen befürchtete. Über fünfzig Jahre lang durfte ich ihnen über die Schulter schauen, nahm Anteil, hab getrauert, die Daumen gehalten, fühlte ihre Freude genauso wie ihren Schmerz. Die Bewohner der Insel mit ihren Ängsten und Sorgen, ihren Marotten und dem unerschütterlichen Glauben, dass alles gut wird, egal, was kommt, schlichen sich in mein Herz, nahmen dort Platz, machten sich breit und hielten es gefangen bis zuletzt. Das Beharren an einer Tradition, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf Katria nicht verändert, aber irgendwann aus verschiedenen Gründen überholt hat, konnte ich verstehen, auch wenn der Thunfischfang auf eine blutige, um nicht zu sagen barbarische Art erfolgte. Die Beschreibungen faszinierten und stießen mich gleichermaßen ab.

„Die Tonnara mit ihren vier Phasen hatte gerade begonnen: Cruciatu, das Spannen und Fixieren der Verankerungsseile, Calatu, das Ausbringen der Netze, Mattanza, das Töten, und Salpatu, das Einholen und Einlagern der Reusenanlage, wonach alles bis zum nächsten Jahr aus dem Kopf verbannt war.“ (Seite 55)

Die Geschichte konnte leise und melancholisch, aber auch stürmisch und ungezügelt sein, genauso wie das Meer, das die Insel umgab. Zu Beginn irritierten mich die vielen italienischen Begriffe, die zum Glück später immer wieder übersetzt worden sind. Die Sprache war schön, manchmal fast poetisch, ich fühlte mich wohl und wäre gerne geblieben, auch wenn der Zauber verging und die Tradition mit ihm. Ich fühle Sehnsucht nach Katria, würde gerne aufs Meer hinaus, zu den Wellen und zu dem Wind, bleibe dankbar dafür, dass ich dabei gewesen bin.

10 von 10 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.