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seschat
Buchflüsterer: 

Bewertungen

Insgesamt 954 Bewertungen
Bewertung vom 05.04.2021
Liebe schmeckt so süß
Gercke, Martina

Liebe schmeckt so süß


ausgezeichnet

Die Geschichten rund um die bunte Frauen-WG in Notting Hill sind allesamt eine Lektüre wert. Und wer einmal damit angefangen hat, der kann so schnell nicht wieder von den "Portobello-Girls" lassen.

Auch die vorliegende Geschichte ist wieder süß wie Zucker. Darin bekommt die 29-jährige Meisterköchin Zoey einen neuen schottischen Souschef an die Seite gestellt. Die taffe Küchenchefin des In-Lokals "Heaven's Place" kommt ihrem zwei Meter großen Kollegen mit Hang zur Besserwisserei anfangs überhaupt nicht klar und sieht in ihm einen Konkurrenten. Doch Coles kulinarische Künste und sein attraktives Äußeres bleiben auch ihr nicht verborgen.

Martina Gerckes neuer Band aus der "Portobello-Girls-Reihe" hat mich wieder vollkommen von sich überzeugen können. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden Alphaköchen wurde humorvoll mit einer Prise Drama inszeniert und las sich ungemein flüssig. Vorsicht, Pageturnergefahr ;-)

Die Hauptprotagonisten sowie die gesamte Portobello-Clique waren mir sympathisch, weil jeder seine charakterlichen Eigenheiten ausleben durfte und alle freundschaftlich miteinander verbunden sind. Vor allem unter den Portobello Girls wird Freundschaft großgeschrieben, inklusive spaßiger Neckereien. Ein Highlight waren auch dieses Mal die zwischenmenschlichen Kabbeleien zwischen den beiden Verliebten - Zoey und Cole. Als Figur mochte ich Zoey sehr, weil sie eine starke Persönlichkeit hat, nicht auf den Mund gefallen ist, im Job alles gibt und zu ihren Rundungen steht. Nur der ebenso kochverrückte Kollege Cole kann ihr die Stirn bieten bzw. sie zum Schweigen bringen :-) Bei den kulinarischen Kreationen der beiden Spitzenköche bekam ich nicht nur einmal ad hoc Appetit.

Der lockerleichte Sprachstil und Gerckes Humor ließ mich förmlich über die Seiten fliegen, so dass ich das Buch innerhalb von 2 Tagen gelesen hatte.

FAZIT
Ein humorvoller Roman, bei dem die Liebe redensartlich durch den Magen geht. Ich wünsche mir, dass die Portobello-Reihe fortgesetzt wird.

Bewertung vom 03.04.2021
Pretty Happy
Schink, Nena;Wulf, Vivien

Pretty Happy


sehr gut

Viele junge Frauen machen den Fehler, sich selbst und ihr Glück allein über Äußerlichkeiten zu definieren. Auch bei die beiden Autorinnen Nena Schink (*1992, Journalistin) und Vivien Wulf (*1994, Schauspielerin) verhielt es sich so. Seit dem Kindergarten wurde ihnen als Mädchen vermittelt, schön zu sein und auf ihr Aussehen zu achten. Das Ziel war Makellosigkeit, die sie dann später auf Instagram ausgiebig inszenierten. Heute, 2021, sind beide Frauen zwar immer noch auf Instagram aktiv, aber sie machen ihr (Lebens-)Glück nicht mehr von dieser "Scheinwelt" und dem Schönheitsdiktat der Medien abhängig. Ihre Werte haben sich verschoben. Individualität und Klugheit sind nun wichtiger als Perfektion.

Mit ihrem Buch wollen die Autorinnen der sog. Generation Filter positive Überzeugungsarbeit bei Frauen leisten. Dazu führen sie im ersten Kapitel Beispiele von perfekten jungen Frauen an, die trotz Schönheit unglücklich sind und mehr als nur ein "schönes Anhängsel" sein wollen. Wiederrum wollen viele Männer keine starken Frauen an ihrer Seite, die gar noch klüger als sie selbst sind und Karriere machen wollen. Die alten Rollenbilder sind noch längst nicht aus allen Köpfen verschwunden, denn dazu braucht es Zeit und mutige Frauen als Vorbilder. Doch können wir glücklich werden, wenn wir unser Glück nur über Äußerlichkeiten oder andere definieren? Ich denke nein und unterstütze die positive Message des Buchs, das von Frauen mehr Natürlichkeit und Selbstbewusstsein bzw. Selbstliebe einfordert.

Mit den verschiedenen Ausprägungen von Glück und dem individuellen (Glücks-)Weg beschäftigen sich die anschließenden Kapitel. Um glücklich zu werden, sei es unumgänglich, sich um sich selbst zu kümmern und Negatives loszulassen. Pretty Happy ist damit jeder, der seine Träume verwirklicht und sich dabei wenig um gängige Schönheitsideale und Statussymbole schert. Wer mit sich im Reinen ist, der strahlt das auch aus, so meine Erfahrung.

Ich habe das vorliegende Buch mit Interesse gelesen. Die pointiert geschriebenen Geschichten waren allesamt spannend und aufschlussreich. Etwas Probleme hatte ich allerdings damit, die persönlichen Beiträge von Schink und Wulf auseinanderzuhalten, da entsprechende Hinweise bei den Überschriften und Kapiteln fehlten. Auch bin ich mir hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Textes etwas unsicher, wenn sich beide Autorinnen weiterhin makellos auf Instagram zeigen. Nichtsdestotrotz ist "Pretty Happy" ein wirklich flüssig zu lesendes Buch, das sich kritisch mit den Themen Perfektion und Glück beschäftigt. Letztendlich ist jeder selbst für sein Glück verantwortlich und muss sich entscheiden, ob er selbst- oder fremdbestimmt leben/glücklich sein möchte.

Bewertung vom 02.04.2021
Fertig ist die Laube / Online-Omi Bd.15
Bergmann, Renate

Fertig ist die Laube / Online-Omi Bd.15


ausgezeichnet

Ich weiß gar nicht so recht, wie viele Bände der Renate-Bergmann-Reihe ich bis heute gelesen habe. Ich kann nur sagen, es waren einige. Das Schöne an dieser Reihe ist allerdings, dass sie wirklich nie langweilig wird.

Nachdem die 82-jährige Berliner Rentnerin und Vierfachwitwe Renate Bergmann das letzte Mal zur Camperin mutierte, geht sie für den neuesten Band unter die Laubenpieper. In der Gartenkolonie "Abendfrieden" greift sie ihrer Freundin Gertrud unter die Arme, welche sich um die Parzelle ihres Partners Gunter kümmert, während dieser eine Bandscheiben-OP mit Reha hat. Doch nur mal gießen reicht in Gunters verwahrlostem Garten nicht. Hier ist eine Grundsanierung nötig.

Ich habe mich herrlich über Renate Bergmanns Gärtnerambitionen amüsiert und weiß nun u.a., dass man Maulwürfe mit Menschenhaar fernhält und wie man Tomaten ausgeizt. Unerschrocken und offen begegnet die resolute Ich-Erzählerin den täglichen Herausforderungen und anderen Gartenbesitzern, wobei es zum ein oder anderen spaßigen Wortwechsel kommt. Allerdings ist Renate Bergmanns unnachahmliches englisches Sprachwissen auch in diesem kurzweiligen Erzählband wieder Quell meiner Freude gewesen. Ob sie nun über "Jockinghosen", "Händi", die beliebte Suchmaschine "Gockel" oder das Online-Lexikon "Wickipeter" spricht, Frau Bergmann weiß Bescheid und zeigt, dass sie noch lang nicht zum alten Eisen zählt. Die "Online-Omi" gerät einfach gern ins Plaudern und gibt dabei allerhand heitere wie patente Bergmannsche Lebensweisheiten aus längst vergangenen Zeiten an den Leser weiter.

Mich konnte Torsten Rohde alias Renate Bergmann mit "Fertig ist die Laube" wieder auf ganzer Linie überzeugen. Er hat einfach einen guten Blick für das gegenwärtige Alltagsgeschehen und mit Renate Bergmann eine ungemein sympathische Protagonistin geschaffen, die ich gern einmal persönlich treffen würde. Noch jetzt habe Lachmuskelkater.

Bewertung vom 20.03.2021
Rechtsstaat am Ende
Knispel, Ralph

Rechtsstaat am Ende


ausgezeichnet

Der Berliner Oberstaatsanwalt Ralph Knispel nimmt in seiner Bestandsaufnahme der deutschen Justiz kein Blatt vor den Mund. Er kann auf fast 30 Jahrzehnte im Staatsdienst zurückblicken. Doch die derzeitige Zahl an Problemlagen im Polizei- und Justizapparat war noch nie bedrückender. So werden deutschlandweit Strafverfahren eingestellt, weil es einerseits zu wenig Personal in Gerichten & Co. gibt und andererseits die Frist abgelaufen ist. Auch führt die geringere Bezahlung im Vergleich zur freien Wirtschaft dazu, dass sich fähige Nachwuchskräfte gegen eine Karriere im Justizbereich entscheiden. Zudem herrsche auch innerhalb der Gerichte Notstand. Neben fehlenden Richtern und Staatsanwälten fehlten Verhandlungsräume sowie Büroangestellte und Wachtmeister, so dass wenige Angestellte eine Vielzahl von Prozessen und sonstiger Arbeit auf kleinem Raum oder außerhalb des Gerichts stemmen müssen, was nicht selten zulasten der Gesundheit geht. Auch das Ansehen des Rechtsstaats im Volk leide immens, wenn Prozesse Jahre dauern oder gar aus Mangel an Personal abgesagt werden.

Für das Versagen des Rechtsstaats führt Knispel verblüffende statistische Erhebungen an, die bei der Politik zum Umdenken führen müssten, tun sie aber nicht. Auch der sog. Pakt für den Rechtsstaat ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was passiert, wenn immer weniger in Justiz und Polizei investiert wird, sehen wir an der niedrigen Aufklärungsquote, Bagatellisierung von Delikten, dem blühenden Drogenhandel in Haftanstalten und dem Erstarken der arabischer und libanesischer Clans in Deutschland.

Es wird Zeit, dass der Staat bzw. die Politik handelt, wenn der deutsche Rechtsstaat noch eine Zukunft haben soll. Knispels Weckruf kommt zur rechten Zeit. Denn spätestens jetzt vor der großen Pensionierungswelle müssen mehr Menschen eingestellt statt eingespart werden. Auch sollte die technische und räumliche Ausstattung von Gerichten & Co. überdacht werden.

Ich finde es mutig, dass Knispel sich derart dezidiert zu den Missständen äußert und damit seinen langjährigen Arbeitgeber scharf kritisiert. Wenn entsprechende Stellen dieses Buch lesen, bekommen sie von ihm gar noch Lösungsstrategien an die Hand.

Mir hat dieses Buch die Augen geöffnet und ich kann die Lektüre all jenen empfehlen, die einmal hinter die ach so hehren Rechtsstaatsmauern schauen und sich allgemeinverständlich und sachlich über den Status quo informieren lassen wollen. Knispels Erfahrungen und Beobachtungen sind zugleich aufschlussreich und niederschmetternd.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.03.2021
Prost, auf die Erben
Kalpenstein, Friedrich

Prost, auf die Erben


ausgezeichnet

Als Kalpenstein-Fan der ersten Stunde konnte ich mir seinen zweiten Kriminalroman natürlich nicht entgehen lassen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil, der zweite Fall für Kommissar Constantin Tischler gefiel mir wesentlich besser als der Erstling. Dies lag zum einen am wirklich ausgefeilten Plot und zum anderen an der konstanten Gagdichte, vom überzeugenden bayerischen Lokalkolorit ganz zu schweigen. Wer die TV-Formate "Hubert und Staller" oder "Die Rosenheim Cops" mag, der ist bei Friedrich Kalpensteins Krimireihe bestens aufgehoben.

Dieses Mal wird der umtriebige Brunngrieser Bauunternehmer Ludwig Holzinger, Wickerl genannt, tot in seiner Badewanne aufgefunden. Bald stellt sich heraus, dass es kein Selbstmord gewesen sein kann und auf das Ermittlerteam Tischler-Fink eine Menge Arbeit zukommt. Der ortsbekannte Lebemann Holzinger hat nichts anbrennen lassen, lebte auf großem Fuß und war mit seinen Geschwistern verkracht.

Das 346-seitige Werk ließ sich flüssig-leicht lesen. Häufige Szenenwechsel und Einblicke ins Privatleben des Hauptkommissars Tischler belebten die Story ungemein. Mir gefiel vor allem das kongeniale Ermittlerduo Tischler-Fink. Beide Polizisten sind so herrlich authentisch und eigen, was im Laufe der Handlung zu allerhand lustigen Momenten führte. Ich habe mich jedenfalls sehr über die bayerischen Mannsbilder und deren unterschiedliche Weltbilder amüsiert. Zudem fand ich Tischler im zweiten Teil sympathischer und würde ihn gern mal auf der Wache besuchen ;-) Der Kriminalfall verlor trotz allerlei regionaler Einsprengsel nicht an Spannung, weil irgendwie jeder Nebencharakter einmal ins Fadenkreuz der Ermittler geriet. Auch das Ende wurde m. E. stimmiger als im ersten Teil konstruiert, da alle Erzählstränge blitzlichtartig zu Ende geführt wurden.

FAZIT
Eine überzeugende Fortsetzung, die auf weitere Teile hoffen lässt. Wirklich Cosycrime-Unterhaltung nach Maß. Saubere Arbeit, Herr Kalpenstein!

Bewertung vom 16.03.2021
Hollywood Kisses
Fink, Stella

Hollywood Kisses


sehr gut

INHALT
Der Szenenbildner Finn Berger (34) verliebt sich unsterblich in das Lächeln einer ihm unbekannten Frau und tut alles, um die Angebetete wieder zu treffen. Bald stellt sich heraus, dass er an das Hollywood Starlet Estelle Warren sein Herz verschenkt hat. Doch hat er bei ihr, die offiziell mit einem amerikanischen Boygroupmitglied liiert ist, überhaupt eine Chance? Jedenfalls haben beide schon mal denselben Arbeitsort - die Filmstudios in Babelsberg.

MEINUNG
Ich habe Stella Finks locker-leichten Liebesroman mit Freude gelesen. Das Setting, den Plot und die handelnden Figuren fand ich auf Anhieb charmant. Noch dazu mochte ich Finks humorvollen wie flüssigen Erzählstil sehr. Inhaltlich fand ich es spannend, mal die Geschichte eines männlichen Groupies lesen zu dürfen. Finns Verhalten ist aber keinesfalls kitschig oder stereotyp, wie man es von weiblichen Groupies erwarten würde. Er nähert sich Estelle zaghaft und authentisch an, wobei das junge Glück einige Irrungen und Wirrungen zu durchleben hat. Aber was wäre eine "hollywoodreife" Erzählung ohne Drama und Herzschmerz? Neben der wirklich schön konstruierten Romanze fühlte ich mich von Finns besten Freunden sehr gut unterhalten. Sie stützen ihn in unglücklichen Momenten, haben sympatische Macken und fanden im Verlauf der Handlung durch Finn gar ihr eigenes Liebesglück. Daneben habe ich die kenntnisreichen Stadtführungen durch Berlin und Babelsberg sehr genossen. Der sympathische Hauptprotagonist Finn ist nicht nur ein versierter Tourguide, sondern auch ein leidenschaftlicher Cineast. Sein Filmwissen, gerade im Bereich Lovestory, ist außergewöhnlich und inspiriert ihn gar zur Malerei. Einzig das allzu rosa eingefärbte Happy End fand ich etwas überzogen und zu viel des Guten.

FAZIT
Ein kurzweiliger Roman mit Witz, Drama und 'ner Menge Kino.

Bewertung vom 13.03.2021
Das Faultier bewegt sich wie Opa
Dignös, Eva;Schnitzler, Katja

Das Faultier bewegt sich wie Opa


gut

"Kindermund tut Wahrheit kund!" Dieser Spruch kann als Leitsatz für das vorliegende Buch von Eva Dignös und Katja Schnitzler herangezogen werden. Beide Autorinnen sind hauptberuflich Redakteurinnen bei der Süddeutschen Zeitung und haben in dieser Funktion eingesendete Kindersprüche für ihr Buch zusammengestellt.

Als Faultierfanatikerin hat mich das Buchcover auf Anhieb magisch angezogen. Der markige Spruch hat ebenso seine Wirkung nicht verfehlt.

Das Buch bietet durchweg kurzweilige Unterhaltung. Die Kindersprüche sind größtenteils witzig, manches Mal gar verblüffend weise und oftmals entwaffnend ehrlich. Deshalb mag ich die unverstellte Kinderlogik sehr.

Weniger haben mich die Infotexte zur Kindererziehung etc. zwischen den verschiedenen Kapiteln angesprochen. Diese hätte es m. E. nicht gebraucht. Zudem hat mein E-Book-Reader die genannten Erklärtexte nicht vollständig darstellen können und ist ist beim Umblättern stets zwischen den Seiten hin- und hergesprungen.

Hier meine Lieblingssprüche:
"Mama, du bist die Wertvollste in unserer Familie." "Weil du die Einzige bist, die einen Goldzahn hat." (S. 32)

"Hat der Opa das trojanische Pferd gesehen?" (S. 41, hier bezogen auf sein fortgeschrittenes Alter)

"Wenn Kinder Milchzähne haben, dann haben Erwachsene Kaffeezähne." (S. 53)

Bewertung vom 07.03.2021
Das kleine Friesencafé Bd.1
Mommsen, Janne

Das kleine Friesencafé Bd.1


ausgezeichnet

Urlaub für die Seele

Janne Mommsens Romane verzaubern mich jedes Mal mit ihrem ganz eigenwilligen, leisen Inselcharme. Man kann sich beim Lesen sehr gut zurücklehnen und dem stressigen Alltag entfliehen. Mehr noch, es fühlt sich wie nach Hause kommen an.

Mommsens aktuelles Werk "Das kleine Friesencafé" ist der Auftakt zu einer neuen Inselromanreihe, die in Wyk auf Föhr spielt. Im Fokus der Handlung steht Floristin Julia (30), die auf der nordfriesischen Insel eine Auszeit vom Alltag nimmt. Die junge Frau aus dem Ruhrgebiet reist auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter und entdeckt beim Malen ihre Liebe für die Insel und deren Bewohner. Ihr grummeliger Vermieter, Fährkapitän Hark Paulsen a.D., macht es ihr anfangs nicht leicht. Es gefällt ihm nicht, dass Julia neben der Malerei in seiner Scheune auch eine Art kleines Café betreibt. Der attraktive und etwas wortkarge Bürgermeister Finn-Ole scheint Julia allerdings sehr zu mögen.

Insgesamt habe ich Julias Reise sehr genossen. Gerade in Zeiten von Corona tun solch kleine (Lese-)Auszeiten wirklich gut. Mommsens leichter wie beschwingter Erzählstil hat mich durch die gesamte Handlung getragen. Das ruhige Erzähltempo und die eingebundenen Liebeleien taten ihr Übriges dazu. Immer nachdem ich das Buch aufschlagen und einige Seiten gelesen hatte, fühlte ich mich tiefenentspannt und konnte die Seeluft förmlich riechen. Auch der Hunger auf gebackenen Kuchen stellte sich ein :-)

Die handelnden Figuren mochte ich alle, ohne Ausnahme, weil sie so lebensecht und insel- bzw. ruhrpotttypisch eigen daherkamen. Meine Lieblinge waren Julias rüstige Oma Anita und der kauzige Kapitän Paulsen.

FAZIT
Ich hoffe auf weitere (Insel-)Geschichten aus Wyk, weil ich die Insel und ihre Bewohner auf Anhieb in mein (Leser-)Herz geschlossen habe.

Bewertung vom 05.03.2021
Komplett Gänsehaut
Passmann, Sophie

Komplett Gänsehaut


ausgezeichnet

Sophie Passmanns (*1994) neuestes Werk "Komplett Gänsehaut" geht hart mit der zunehmenden spießigen Bürgerlichkeit ihrer Generation ins Gericht. So beklagt sie, dass man nicht mehr feiern gehe, lieber zuhause Freunde zum essen einlade und alles sei vorhersehbar. Mit viel schwarzem Humor und Zynismus beurteilt sie die Entwicklungen in den Soziotopen Wohnung, Straße und Stadt. Ich habe mich herrlich über ihre treffsichere und zugleich demaskierende Analyse amüsiert und mich selbst, wie die Autorin, bei der ein oder anderen "bürgerlichen" Angewohnheit wie Risottokochen wieder entdeckt. Andererseits merkt Passmann, dass sie nicht derart "kleinbürgerlich" und damit alt sein möchte. Neben all der Realsatire steckt in dieser literarischen Generationsstudie viel Wahres und zum Nachdenken Anregendes.

Fazit
Ein wirklich lesenswertes Buch über 27-Jährige in der heutigen Zeit, welche ihre Rolle zwischen wilder Jugend und spießigem Erwachsenensein noch suchen.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.03.2021
Wolfgang Niedecken über Bob Dylan
Niedecken, Wolfgang

Wolfgang Niedecken über Bob Dylan


gut

In seinem Buch aus der Reihe KiWi Musikbibliothek beschreibt der Kölner Musiker Wolfgang Niedecken (*1951) seine besondere Beziehung zum amerikanischen Musiker Bob Dylan (*1941). Der geniale Songwriter und Literaturnobelpreisträger Dylan hat Niedecken seit seiner Jugend musikalisch geprägt. Für das vorliegende Buch hat sich Niedecken noch einmal auf die Spuren Dylans begeben und ist 2017 alle wichtigen amerikanischen Stationen seines Schaffens abgereist. Herausgekommen ist dabei eine persönliche Verneigung vor seinem Idol, die nicht mit Exkursen zur eigenen musikalischen Sozialisierung und zur Bandgeschichte von BAP spart. Mir geriet der Autor in seiner Hommage viel zu häufig ins Plaudern und verlor sich dabei in allerhand nicht immer spannenden Details. Kurzum ich hätte mir weniger BAP und Kölsche Mundart, die man als Nichtkölner nur bedingt versteht, gewünscht. Bob Dylan als eigenwilliger und zurückgezogen lebender Musiker ging dabei zwar nie verloren, spielte aber eine deutlich untergeordnete Rolle. Niedeckens Biografie war präsenter. So erfährt man u.a., dass der Kölner Musiker einst Kunst studierte, seine Tochter nach einem Dylan Song benannte und sein Idol umfangreich studiert und sogar mehrmals persönlich getroffen hat.

Dylans Metamorphose vom Folk- zum Rockmusiker finde ich immens spannend. Durch Niedeckens Ausführungen habe ich jedenfalls Lust dazu bekommen, mich intensiver mit diesem Ausnahmemusiker und seinem Œuvre zu beschäftigten. Meine persönliche Playlist ist dank der Lektüre nun um einige Bob Dylan Hits reicher.

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.