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Elchi130
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Essen

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Insgesamt 458 Bewertungen
Bewertung vom 18.04.2021
Jaffa Road
Speck, Daniel

Jaffa Road


ausgezeichnet

Ein großer Roman, der ein wenig Zeit braucht, bis er einen packt

Der Autor, Daniel Speck, schildert die Entstehung des Staats Israel aus der Sicht zweier Parteien. Da ist Joelle, sie ist mit Moritz und ihrer Mutter übers Meer gekommen, um hier in dem neu zu gründenden Staat eine Heimat zu finden. Es soll ein Ort entstehen, der den Juden in aller Welt ein Zuhause bietet. Und dann ist da Amal, sie wird die dritte Liebe von Moritz. Sie ist christliche Palästinenserin und wird aus ihrer Heimat Jaffa vertrieben. Sie wird heimatlos, damit dieser neue Staat entstehen kann.

Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich in die Geschichte eingelesen hatte. Das lag vor allem daran, dass mir die Figuren so fremd geblieben sind. Ich konnte einfach keine Nähe bzw. kein Gefühl zu ihnen aufbauen. Doch nach etwa 200 Seiten hatte mich der Konflikt der Erzählung gefangen. Die Errichtung des Staates Israel aus der Sicht von Juden, die hoffen, hier endlich in Sicherheit und Frieden leben zu können und eine Heimat zu finden. Und dann das Geschehen aus der Sicht der Vertriebenen, der Palästinenser, die durch einen Eroberungskrieg ihre Heimat verlieren und kein Zuhause mehr haben. Sie können nirgendwo hin und verstehen nicht, warum ihr Staat plötzlich nicht mehr existiert. Dazu kommt, dass ich als Deutsche zwischen den Stühlen sitze und mich immer wieder gefragt habe, inwieweit ich mir ein Urteil erlauben darf, wer hier der Gute und wer der Böse ist. Denn hat Deutschland nicht einen großen Anteil daran, dass es zu dieser Situation gekommen ist?

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Da ist die Erzählung in der Vergangenheit. Hier wird die Geschichte von Moritz, Yasmina und Amal erzählt. Doch ein Strang spielt in der Gegenwart. Moritz ist gestorben und seine Nachkommen treffen aufeinander. Da ist Nina, seine Enkelin aus der Beziehung zu einer deutschen Frau. Dann Joelle, aus der Ehe mit seiner jüdischen Frau Yasmina. Und Elias, sein Sohn mit Amal. Diese drei treffen aufeinander, wollen teilweise verstehen, was Moritz bewegt hat. Doch da steht auch die Unversöhnbarkeit zwischen Juden und Palästinensern im Raum. Dazu gesellt sich Eifersucht und Unverständnis, warum der Großvater bzw. Vater gegangen ist. Diese Konstellation treibt das Geschehen immer wieder voran, vor allem getrieben von Nina, die die beiden Geschwister nach dem Leben ihrer Eltern fragt und sich die Geschichten aus der Vergangenheit erzählen lässt. Zudem strebt Nina die Versöhnung der drei Nachkommen an.

Ist mir die Hauptfigur, Moritz Reincke alias Maurice Sarfati, zu Beginn des Buches fremd und erscheint er mir distanziert, so schleicht er sich im Laufe des Buches, Seite um Seite in mein Herz. Dieser warmherzige, fürsorgliche, hilfsbereite, treue Mann, der stets den tragischen Helden zu verkörpern scheint. So gerne würde ich ihm beistehen, ihn an die Hand nehmen, um ihm den richtigen Weg zu weisen.

Der Autor hat die Gabe, uns mit jeder Seite der Geschichte mitfühlen zu lassen. Es gibt nicht die Guten oder die Bösen. Jede Gruppe hat ihre guten und ihre bösen Facetten. Ich konnte die Handlungen und Motive von allen Gruppierungen gut nachvollziehen, ihre Gefühle, Träume, Wünsche und doch konnte bzw. musste ich mich für keine Seite entscheiden. Es gibt nicht viele Autoren, die das so gut hinbekommen.

Ein toller Roman, der mit jeder Seite süchtiger macht und deshalb eine klare Leseempfehlung von meiner Seite erhält.

Bewertung vom 15.04.2021
Der ehemalige Sohn
Filipenko, Sasha

Der ehemalige Sohn


gut

Ein wichtiges Buch, das mich nicht immer erreichen konnte

Franzisk, kurz Zisk genannt, wächst in Belarus auf. Als Teenager hat er einen schweren Unfall und liegt für fast 10 Jahre im Koma. Während dieser Zeit kümmert seine Großmutter liebevoll um ihn und versucht alles, um ihn aus dem Koma zu erwecken. Als er schließlich aufwacht, hat sich sein privates Umfeld natürlich gewandelt, doch im Land gibt es kaum Änderungen…

Sasha Filipenko lässt uns an einer Geschichte, die in seiner Heimat spielt, teilhaben. Zu dieser grauen, tristen und gefühlskalten Welt habe ich beim Lesen leider kaum Zugang gefunden. Ich kam mir vor, als ob ich das Geschehen durch eine Plexiglasscheibe beobachte. Zu sehr unterscheidet sich diese Welt von meiner Wirklichkeit.

Die Figuren, wie z.B. die Ärzte, sind in ihrer schonungslosen Offenheit sehr grausam. Ich merkte, wie ich vor Empörung und Entsetzen beim Lesen nach Luft geschnappt habe, weil ich gerne eingeschritten wäre. Vielen Figuren fehlte es an Mitgefühl und Sensibilität. Vielmehr waren sie abgestumpft und stets auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Das Unglück, welches dazu führt, dass die Hauptfigur Franzisk, kurz Zisk, ins Koma fällt, hat der Autor sehr eindrücklich geschildert. Sowohl die Grausamkeit des Geschehens, aber auch die Dynamik und Arglosigkeit der Menge, werden sehr plastisch geschildert. Eine tolle Szene!

Sehr eindrucksvoll führt uns der Autor die politischen Verhältnisse des Landes vor Augen. Dazu bedient er sich häufig der Ironie oder wird sarkastisch. Doch zum Teil lässt er uns auch schonungslos an der Machtausübung des Diktators teilhaben. Dies waren für mich neben der Schilderung des Unglücks die stärksten Szenen des Buches.

Der Autor Sasha Filipenko und seine Bücher sind für sein Land sicherlich sehr wichtig. Ich bewundere seinen Mut, mit dem er die Zustände in Belarus anprangert. Leider konnte mich die Geschichte jedoch oft nicht überzeugen, da ich die Distanz zu den Figuren und ihrem Handeln nicht überbrücken konnte. Dadurch stand ich den Figuren und ihrem Schicksal letztendlich gleichgültig gegenüber. Doch genau dieses Miterleben, Mitleiden und Mitfiebern macht einen guten Roman für mich aus.

Bewertung vom 04.04.2021
Die Mitternachtsbibliothek
Haig, Matt

Die Mitternachtsbibliothek


ausgezeichnet

Inspirierendes Buch

Nach einem schrecklichen Tag will sich die depressive Nora Seed das Leben nehmen. Zu ihrem Erstaunen befindet sie sich kurz darauf in der Mitternachtsbibliothek. Hier gibt es eine Unmenge an Büchern, die alle ihr Leben zum Inhalt haben. Jedes Buch beinhaltet ein Alternativleben. Irgendwann in der Vergangenheit wurde eine Entscheidung getroffen, die zu diesem Leben in einem Paralleluniversum geführt hat. Und sie kann sie nun alle besuchen, um das perfekte Leben zu finden.

Schon alleine die Idee, dass ich mir alle meine Parallelleben ansehen kann, finde ich toll. Wie gerne würde ich manchmal wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich an einem bestimmten Punkt eine andere Entscheidung getroffen hätte. Wäre ich glücklicher? Wäre ich im Chaos gelandet? Hätte ich ein erfolgreicheres Leben geführt? Oder hätte ich eine Katastrophe ausgelöst? Genau diese Möglichkeiten hat Nora Seed in dem Buch „Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig.

Dieses Buch ist das erste Buch, das ich von dem Autor lese. Und schon auf den ersten Seiten ist mir der tolle Schreibstil aufgefallen. Ein Schreibstil, der mich neugierig auf die Geschichte macht, der mich mitten ins Geschehen hineinzieht. Sofort habe ich Mitgefühl für Nora. Ich möchte sie trösten, ihr Hilfe anbieten und doch kann ich verstehen, dass sie immer weiter den Mut verliert; den Mut, dieses Leben weiterzuführen.

Und als Nora in der Mitternachtsbibliothek landet und ein Leben nach dem anderen ausprobiert, erlangt nicht nur sie Lebensweisheiten. Auch ich lerne mit ihr, was das Leben lebenswert macht. Ganz ehrlich, ich beneide sie um die Möglichkeit, sich diese verschiedenen Versionen ihres Lebens anzuschauen bzw. zu leben.

Im Laufe des Lesens konnte ich mir zwei mögliche Enden für das Buch vorstellen. Und Matt Haig hat eine davon wirklich umgesetzt. Er ist dabei einen anderen Weg gegangen, als ich es gemacht hätte. Doch ich finde das Ende des Buches logisch und gut und zudem folgerichtig. Für mich ein Buch, das Mut macht.

Also klare Leseempfehlung!

Bewertung vom 29.03.2021
Gefangen und frei
Sheff, David

Gefangen und frei


sehr gut

Interessantes Buch

Das Leben von Jarvis Jay Masters ist geprägt von Armut und Gewalt. Im Alter von 19 Jahren wird er wegen 13-fachen bewaffneten Raubüberfalls zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis San Quentin schließt er sich einer militanten Gang an. Als ein Mitglied der Gang einen Wärter ermordet, wird Jarvis der Mithilfe angeklagt und zum Tode verurteilt. Während dieser Zeit kommt er mit Meditation und dem Buddhismus in Berührung und folgt diesem Weg konsequent…

David Sheff beschreibt in seinem Buch „Gefangen und frei“ den buddhistischen Weg von Jarvis Jay Masters, der in der Todeszelle von San Quentin sitzt. Wir begegnen einem Mann, der seit seiner Geburt fast ausschließlich Gewalt und Verbrechen erfahren hat. Sein gewalttätiger Vater hat die Familie früh verlassen. Seine Mutter war drogensüchtig und hat die Sucht durch Prostitution finanziert. Auch die wechselnden Männerbekanntschaften der Mutter waren gewalttätig gegenüber der Mutter, Jarvis und seinen Geschwistern. Als Jarvis und seine Geschwister ins Heim und zu wechselnden Pflegefamilien kommen, erleben sie auch hier immer wieder Verrat und Gewalt. So gerät Jarvis in eine Spirale, die auch ihn zu einem gewalttätigen Mann und Verbrecher macht.

Erst im Gefängnis, als er Melody Ermachild, eine Kriminalistin, die von seiner Verteidigung beauftragt wurde, kennenlernt, kommt er mit Meditation und dem buddhistischen Glauben in Berührung. Zu Beginn wehrt er sich dagegen. Doch dann probiert er es aus und findet hier einen Weg, sich mit seiner Vergangenheit, seinen Zukunftsängsten und seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Im Laufe des Buches wird die Entwicklung sichtbar von Jarvis, dem harten, gefühllosen Gangster zu Jarvis, dem gefühlvollen, bewussten Menschen. Diese Fortentwicklung ist in dem Buch sehr gut und nachvollziehbar dargestellt. Wir erfahren, wie Jarvis Fortschritte macht. Doch wir sehen auch, wo er hadert, strauchelt, zweifelt. Doch immer wieder steht er auf und geht seinen Weg weiter.

Im Laufe der Zeit findet Jarvis auf seinem Weg Lehrer, die ihn begleiten. Unter anderem die bekannte Buddhistin Pema Chödrön. Es bilden sich Gruppen, die für seine Freilassung kämpfen und erreichen wollen, dass das Gerichtsverfahren, welches ihm die Todesstrafe eingebracht hat, neu aufgerollt wird. Jarvis beteuert stets, dass er nichts mit der Ermordung des Wächters zu tun hatte und viele Menschen glauben ihm und kämpfen für ihn. Jarvis geht seinen buddhistischen Weg über mehr als 30 Jahre konsequent. Er baut sich einen großen Freundeskreis jenseits des Gefängnisses mit tiefen Freundschaften auf.

Aufgrund seines Glaubens findet Jarvis trotz seiner Gefangenschaft Erfüllung, Friede und Freiheit. Er führt ein erfüllteres Leben als so mancher Mensch, der in Freiheit den falschen Dingen hinterherjagt. Das Buch macht Mut, sich mit sich und seinem Leben auseinanderzusetzen, nicht vor seiner Vergangenheit und seinen Gefühlen zu fliehen.

Zum Schluss ist mir nicht ganz klar, ob der Autor David Sheff mit seinem Buch einen Menschen mit einem ungewöhnlichen Lebensweg darstellen wollte oder ob er hofft, dass er damit Jarvis und seinen Kampf für die Freiheit außerhalb der Gefängnismauern unterstützt. Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. Nichtsdestotrotz ist „Gefangen und frei“ ein interessantes Buch über ein außergewöhnliches Leben.

Bewertung vom 27.03.2021
Nordwesttod / Soko St. Peter-Ording Bd.1
Jensen, Svea

Nordwesttod / Soko St. Peter-Ording Bd.1


sehr gut

Neue Krimireihe mit großem Potential

Nach dem Tod seiner Frau hat Hendrik Norberg sich von der Mordkommission als Dienststellenleiter zur Polizei nach St. Peter Ording versetzen lassen, um sich besser um seine beiden Söhne kümmern zu können. Doch schon am ersten Arbeitstag auf der neuen Dienststelle trifft er auf Kommissarin Anna Wagner und ihren neuen Fall. Sie ist von München nach Schleswig-Holstein gekommen, um hier eine Stelle aufzubauen, in der sie Fällen von vermissten Personen nachgeht. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach Nina Brechtmann, die aus einer Hoteliersfamilie aus St. Peter Ording stammt…

Zu Beginn des Buches war ich skeptisch, ob die Autorin Svea Jensen mich mit ihrem Krimi „Nordwesttod“ überzeugen kann. Doch je weiter ich in dem Buch las, desto mehr nahmen mich die Geschichte und die Figuren gefangen.

Mit Hendrik Norberg, seiner Familie und seinem Team bei der Arbeit, hat die Autorin Figuren geschaffen, die mir sehr gut gefallen, mein Interesse geweckt haben und über die ich noch über dieses Buch hinaus gerne etwas lesen und erfahren möchte. Ebenso gut gefällt mir die Kommissarin der Sonderstelle, Anna Wagner. Sie ist ehrgeizig, mutig, humorvoll und lässt sich nicht für dumm verkaufen, weder von Kollegen noch von Zeugen bzw. Verdächtigen.

Der Fall der Vermissten Nina Brechtmann hat ebenfalls schnell meine Neugier geweckt. Nina Brechtmann ist sehr eigenbrötlerisch und es fällt den Ermittlern schwer, überhaupt etwas über die Frau in Erfahrung zu bringen. Doch je mehr sie über das Leben der Vermissten erfahren, desto mehr Verdächtige tauchen auf. Das Rätseln, was mit der verschwundenen Frau passiert sein könnte und ob sie noch lebt oder nicht, hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Die Auflösung ist nicht sonderlich originell, aber dafür sehr glaubwürdig. Es wird nicht gebogen und konstruiert, um eine gekünstelte, außergewöhnliche Lösung zu konstruieren, sondern es wird eine Geschichte erzählt, die genau so passiert sein kann. Ich hoffe, dass die Autorin diesen Weg in den weiteren Fällen der Ermittler Norberg und Wagner beibehält und freue mich schon auf die nächste Ermittlung der beiden.

Bewertung vom 25.03.2021
Das Flüstern der Bienen
Segovia, Sofía

Das Flüstern der Bienen


ausgezeichnet

Ganz großes Kino

Mexiko vor gut 100 Jahren. Die Großgrundbesitzerfamilie Morales findet auf seinem Grundstück ein ausgesetztes Baby. Das Baby, Simonopio, ist entstellt und von Bienen umgeben. Viele Bewohner des Ortes Linares und der Hacienda der Morales begegnen ihm mit Aberglauben und Misstrauen. Doch die Familie Morales nimmt Simonopio, der stets von Bienen umschwärmt wird, bei sich auf und betrachtet ihn als Ziehsohn. Im Laufe der Jahre bewahrt der Junge die Bewohner durch seine prophetische Gabe immer wieder vor Unheil…

Die Autorin Sofia Segovia entführt uns mit ihrem Roman „Das Flüstern der Bienen“ ins Mexiko der Jahre 1910 – 1930. Das Land wird erst von einem langen Bürgerkrieg und dann auch noch von der Spanischen Grippe erschüttert. Fürchteten die Großgrundbesitzer sich erst vor den kämpfenden Parteien, die ihnen die Ernte oder Frauen stahlen, so bangen sie bald um die Enteignung ihrer Ländereien.

Das Buch ist sprachgewaltig und teilweise poetisch. Die Autorin schreibt tiefgründig und ihre Beobachtungen und Überlegungen haben mitunter durchaus etwas philosophisches. Die Autorin bedient sich unterschiedlicher Erzählelemente, um uns als Leser in ihre Geschichte zu entführen bzw. „versinken zu lassen.“ Zu Beginn des Buches fiel es mir ein wenig schwer, den unterschiedlichen Erzählperspektiven zu folgen. Mir hätte es sehr geholfen, wenn den Kapitelüberschriften zusätzlich Jahreszahlen beigefügt worden wären. Doch nach der anfänglichen Verwirrung, breitet sich eine spannende, detailreiche und fantasievolle Geschichte vor dem Leser aus. Auch der Humor kommt in dem Buch nicht zu kurz. Dieser ist zum Teil subtil, oft sehr schwarz, aber Sofia Segovia trifft damit stets ins Schwarze. Über weite Strecken hinweg ist der Erzählstil warmherzig, doch durchaus auch brutal, wenn es um die Schilderung von Verbrechen geht. Die wichtigsten Figuren sind gut ausgearbeitet und dadurch sehr lebendig.

Den Roman hat die Autorin bereits im Jahr 2015 geschrieben. Umso erstaunlicher sind ihre Schilderungen zum Ausbruch der Spanischen Grippe und was diese für das Leben der Menschen bedeutete. Immer wieder werden der heutigen Leserin Parallelen zur Corona-Pandemie deutlich.

Mich hat die Mischung aus Familiengeschichte, magischer Erzählung um das Findelkind und Sozialstudie der damaligen Zeit sehr gut unterhalten. Ich habe gelacht, war geschockt, habe mich gefreut, hatte Tränen in den Augen, verspürte Wut und viele Emotionen mehr. Genauso sollte ein gutes Buch sein.

Bewertung vom 23.03.2021
Durch die Nacht und alle Zeiten
Völler, Eva

Durch die Nacht und alle Zeiten


ausgezeichnet

Flotter, humorvoller Schreibstil

Loris Eltern sind große Fans historischer Festivals. In historische Kostüme gekleidet, nehmen sie an der Nachstellung berühmter Schlachten und an Traditionen vergangener Zeiten teil. Die 16-jährige Lori und ihre jüngere Schwester Mia kennen es gar nicht anders, fühlen sich jedoch mittlerweile zu alt für diese Spektakel. Beim Blücherfest am oberen Mittelrhein trifft Lori eines nachts auf Thomas. Sie schwankt zwischen Schwärmerei und Sorge um seine geistige Gesundheit.

Eva Völler hat mich von Anfang an durch ihre flotte und humorvolle Erzählweise in den Bann der Geschichte gezogen. Ich bin geradezu durch die Seiten geflogen, da die Erzählung so locker und leicht wirkt, dass es einfach nur Spaß macht, immer weiterzulesen.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Figuren Lori und Thomas. Bei den früheren Zeitreiseromanen der Autorin, in deren Mittelpunkt Anna und Sebastiano standen, hat mich die naive, tollpatschige und unbedarfte Art von Anna so manches Mal an den Rand der Verzweiflung getrieben. Auch Lori ist manchmal naiv und ein wenig unbedacht, was wohl ihrem Alter geschuldet ist. Zum Glück gibt es jedoch nur wenige Szenen, in denen Lori diese Eigenschaften zeigt, sodass ich es nicht als so störend empfunden habe. Lori ist sonst eine mutige und selbstständige Teenagerin, die sich den Abenteuern, die auf sie warten, offenen Auges stellt.

Und Thomas – ach, ich liebe Thomas. Er ist eine tolle Romanfigur. Stets der formvollendete Gentleman mit perfekten Manieren. Zudem stellt er sich immer vor Lori, um sie zu beschützen, sowohl sprichwörtlich als auch verbal. Selten bin ich in einem Jugendbuch einem so positiven Helden begegnet.

Das Buch „Durch die Nacht und alle Zeiten“ bietet großen Lesespaß, eine tolle und wie ich finde, spannende Geschichte und zudem eine schöne Liebesromanze. Die Reise durch die Zeiten zeigt auf spielerische und humorvolle Weise manche Unterschiede zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Schade finde ich, dass es sich bei dem Buch um einen Einzelband handelt. Viel lieber wäre es mir, ich könnte Thomas und Lori auf weiteren Abenteuern durch noch mehr Nächte und noch mehr Zeiten begleiten.

Bewertung vom 13.03.2021
Abels Auferstehung / Paul Stainer Bd.2
Ziebula, Thomas

Abels Auferstehung / Paul Stainer Bd.2


ausgezeichnet

Grandios!

Marlene Wagner, eine resolute Journalistin, fährt nach Basel, um sich die Leiche eines ertrunkenen Soldaten anzusehen, der ihr verschollener Bruder sein könnte. Dies ist nicht der Fall. Doch der Soldat trägt ein teures Zigarettenetui bei sich, das aus Leipzig stammt. Zurück in Leipzig begibt sie sich auf die Suche nach dem Besitzer des Etuis, in der Hoffnung, die Identität des Ertrunkenen zu ermitteln. Ungefähr zeitgleich werden Ermittler Paul Stainer und seine Mitarbeiter zur Leiche eines ermordeten Künstlers in ein Hotel gerufen. Auch er ist vor kurzem in Basel gewesen. Denn hier kommen die ehemaligen Kriegsgefangenen an, die aus Frankreich entlassen werden.

„Abels Auferstehung“ ist der zweite Fall um den Kriminalermittler Paul Stainer, der zwischen den beiden Weltkriegen in Leipzig ermittelt. Für mich ist es das erste Buch des Autors Thomas Ziebula und ich bin restlos begeistert.

Der Roman weist eine erzählerische Dichte auf, wie sie nicht oft zu finden ist. Die Geschichte wird mit Hilfe mehrerer Erzählstränge erzählt, die sich immer wieder berühren, auseinanderlaufen, um dann erneut aufeinander zu treffen. Als Leser tauchen wir tief ins Leipzig des Jahres 1920 ein. Wir erleben eine Stadt, die politisch zerrissen ist. Da sind die Deutschnationalen, die dem Kaiserreich nachtrauern, den Verlust des Krieges nicht verwinden können und sich autoritär und mittels Gewalt durch Leben bewegen. Ihre Feinde sind die Sozialisten, die sie als Zerstörer des Reiches sehen und entsprechend verfolgen. Die Sozialisten stehen für Fortschritt. Sie treten für die Rechte der Arbeiter, der Armen und der Frauen ein. Sie führen jedoch einen schweren Kampf, haben jedoch auch Sympathisanten in fast allen Gesellschaftskreisen.

Die Frauen in diesem Buch werden als starke, mutige und fortschrittliche Figuren dargestellt, die sich durch ihr Auftreten jedoch nicht nur Freunde machen. Da ist die Journalistin Marlene Wagner, die für die Leipziger Volkszeitung schreibt. Diese Zeitung wird immer wieder verboten, da sie zu sozialistische Ansichten vertritt. Marlene ist unabhängig, hat wechselnde Männerbekanntschaften und nimmt kein Blatt vor den Mund. Wenn sie einer Spur nachgeht, lässt sie sich nicht stoppen.

Aus Band 1 „Der rote Judas“ kennen die Leser/innen bereits Rosa Sonntag. Sie spielt auch in „Abels Auferstehung“ wieder eine tragende Rolle. Auch sie ist eine weibliche Figur, die für sich und andere einsteht und den Herausforderungen des Lebens mutig ins Auge blickt.

Der Kriminalermittler Paul Stainer ist ein Mann, der zum einen noch die Erlebnisse im Krieg und die anschließende Kriegsgefangenschaft verarbeiten muss und zum anderen um seine ermordete Frau trauert. Zudem arbeitet er in einer Behörde, die ebenso politisch zerrissen ist, wie die restliche Bevölkerung. Nationalistisch gesinnte Kollegen und Vorgesetzte versuchen ihn mit aller Macht loszuwerden. Doch Stainer und seine Kollegen sind ganz mit der Aufklärung des Mordes an einem Künstler beschäftigt, die immer weitere Kreise zu ziehen scheint.

Das Buch hat mich schnell völlig in die damalige Zeit gesogen. Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche der Zeit nach dem ersten Weltkrieg werden eindrücklich geschildert. Immer wieder habe ich es als Leserin bedauert, dass ich weiß, wohin diese spannenden Entwicklungen geführt haben. Denn so, wie der Autor Thomas Ziebula die unterschiedlichen Strömungen und Kräfte schildert, klingt diese Zeit nach einer Chance, Deutschland zu einem gerechteren Ort zu machen, die das deutsche Volk vertan hat.

Mir ist zwar recht schnell klar gewesen, worauf die Geschichte hinausläuft. Das habe ich jedoch nicht als störend, sondern als sehr gelungen empfunden. Mein Lesevergnügen hat das nicht geschmälert.

Das Buch bietet dem Leser eine gelungene Zeitreise in Verbindung mit einem spannenden Kriminalfall.

Bewertung vom 20.02.2021
Der Solist
Seghers, Jan

Der Solist


sehr gut

Enttäuscht, aber auch begeistert

Neuhaus wechselt vom BKA nach Berlin zur Sondereinheit Terrorabwehr. Die erste Ermittlung liegt schon auf dem Tisch, bevor er Berlin überhaupt erreicht hat. Ein homosexueller Jude ist erschossen aufgefunden worden. Neuhaus, der bei Kollegen/Ermittlern/Polizei auch unter dem Namen Solist bekannt ist, weil er nicht im Team arbeitet, macht sich zusammen mit seiner neuen Kollegin Grabowski auf die Suche nach dem Täter.

Jan Seghers gehört für mich schon seit Jahren zu den besten Krimiautoren, die unser Land zu bieten hat. Seit Jahren habe ich sehnsüchtig auf ein neues Buch von ihm gewartet. Doch meine Erwartungen waren nach seiner Marthaler-Serie und hier besonders nach „Die Akte Rosenherz“ und „Menschenfischer“ hoch – wahrscheinlich zu hoch.

Schon auf den ersten Seiten des Buches „Der Solist“ ist mir wieder deutlich geworden, dass ich die Sprache von Jan Seghers wirklich mag. Er formuliert oft einfach wunderschön. Doch es gibt auch Passagen, die in einen sehr protokollartigen Schreibstil verfasst sind. Das liegt daran, dass der Ermittler Neuhaus sich in den Fall von Anis Amri einliest, auf der Grundlage von Dossiers und Protokollen. Trotzdem war mir der Erzählstil an diesen Stellen zu trocken und zäh.

Generell tue ich mich schwer mit Kriminalgeschichten, die im Milieu von Terroristen spielen. Diese Romane sind stets voller Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsschichten oder -gruppen. Das bereitet mir Unbehagen, da ich diese Pauschalverurteilungen nicht mag. Lieber sind mir Krimis, die im Privatleben von Täter und Opfer liegen und dadurch sehr individuell sind.

Die Stadt Berlin hat der Autor sehr atmosphärisch eingefangen und die Orte teilweise durch tolle Geschichten untermalt. Dieser Spaziergang durch eine wunderschöne und aufregende Stadt, hat mir sehr gefallen.

Das Buch lebt jedoch vor allen Dingen aufgrund der tollen Figuren, die Jan Seghers schafft. Neuhaus und Grabowski sind super und passen wie die Faust aufs Auge zueinander. Ergänzt werden sie schließlich durch den IT-Nerd Naresh. Ich hoffe, dass ich noch weitere Bücher mit den drei Ermittlern lesen werde. Sie lohnen sich auf jeden Fall. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass die weiteren Fälle beim BKA spielen.

Bewertung vom 09.02.2021
Einspruch!
Brodnig, Ingrid

Einspruch!


ausgezeichnet

Gute Tipps, welche den ungeübten Laien beim Diskutieren jedoch oft überfordern dürften

Ingrid Brodnig beschäftigt sich in ihrem Buch „Einspruch!“ mit Verschwörungsmythen und Fake News. Sie zeigt uns, wie diese funktionieren und wie wir sie entschlüsseln können. Zudem liefert sie uns Werkzeug an die Hand, wie wir mit Menschen, die diesen Mythen oder News anhängen, umgehen und diskutieren können. Und sie zeigt uns auf, welche Fehler wir vermeiden sollten, wenn wir nicht den Kontakt zu diesen Personen verlieren möchten. In dem Buch finden sich zudem Hinweise auf interessante wissenschaftliche Studien und Experimente, die die Aussagen der Autorin bekräftigen. Am Ende des Buches finden wir einen Anhang mit Quellen und Anmerkungen, der auch noch einmal viele spannende Hinweise liefert.

Manches Wissen, das uns die Autorin nahebringt, ist nicht neu. Allerdings ist es gut, dieses Wissen noch einmal aufzufrischen. Z.B. steht auf S. 18 des Buches „Die gefühlte Wahrheit zählt mehr als harte Fakten“. Dazu liefert Ingrid Brodnig Belege. Doch ich denke, dass jeder schnell bei sich selbst Beispiele finden kann.

Zu Beginn des Buches war ich begeistert, weil mir noch einmal vor Augen geführt worden ist, dass wir unsere Welt unterschiedlich wahrnehmen und auch verschiedene Rückschlüsse aus demselben Sachverhalt ziehen können. Doch schnell fühlte ich mich auch überfordert von den ganzen Do und Don´t, die es bei der Kommunikation zu beachten gilt.

Wenn die Gespräche oder Diskussionen mit Menschen, die Verschwörungsmythen oder Fake News anhängen, erfolgreich sein sollen, sind von mir einige Voraussetzungen mitzubringen. Zum einen brauche ich eine gute Menschenkenntnis, um beim flexiblen Diskutieren zu bestehen. Hierzu gilt es, dem anderen die Fakten so zu präsentieren, dass sie zu seinem Weltbild passen und dadurch ein Nachdenken über die Fake Facts anstoßen. Zudem muss ich eine hohe Erfahrung bezüglich Diskussionstaktiken mitbringen, um flexibel auf die Person, mit der ich rede, zu reagieren. So kann ich z.B. Fragen zu seinen Behauptungen stellen, um diese zu widerlegen. Dafür benötige ich auch einiges an Wissen zu Verschwörungsmythen und Fake News und den tatsächlichen Fakten.

Das Buch liefert einen interessanten Einblick in Kommunikationsstile. Zudem habe ich viel darüber gelernt, was Fake News und Verschwörungsmythen bei manchen Menschen auslösen können, wie z.B. das erhebende Gefühl zu einer Elite Wissender mit dem Durchblick zu gehören. Gut ist auch, dass ich mehr Sicherheit darüber erlangt habe, wo ich die Mythen und News überprüfen kann und wie ich an Fakten komme.

Das Thema ist spannend und ich werde dazu bestimmt weitere Bücher lesen. Zudem denke ich, dass ich auch das Buch „Einspruch!“ immer mal wieder zur Hand nehmen werde, um das eine oder andere noch einmal nachzulesen.