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MaWiOr
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Insgesamt 3704 Bewertungen
Bewertung vom 06.08.2023
Die Entflogenen
Kern, Etienne

Die Entflogenen


ausgezeichnet

Der französische Schriftsteller und Essayist Étienne Kern erzählt in seinem ersten Roman „Die Entflogenen“, der gleich mit dem Prix Goncourt du premier roman ausgezeichnet wurde, die Geschichte von Franz Reichelt, einem österreichischen Schneider aus Böhmen, der nach Paris kam und eines Tages im Jahr 1912 starb, als er mit dem von ihm erfundenen Fallschirmanzug vom Eiffelturm sprang.

Kern schildert einfühlsam Reichelts Lebensweg von der Kindheit in Böhmen, von seinem Traum vom Fliegen und den Anfängen in der Pariser Couture in der Rue Gaillon und seinen ersten Flugversuchen. Nur allmählich wird er in Frankreich aufgenommen. Unerschütterlich glaubt er jedoch an seinen Erfolg und hält seine kühnsten Träume als Realität. Vielleicht würde die französische Armee seine Fallschirme bestellen. So würde er seinen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft leisten. Doch dann das Unglück am Morgen des 4. Februar 1912 vor versammelten Polizisten, Journalisten, Neugierigen und laufender Filmkamera.

Die spannende Reichelt-Geschichte bietet dem Autor die Gelegenheit, kurze Passagen der Reflexion oder des Dialogs in die Erzählung einzubauen. Darüber hinaus setzt er sich mit Fragen auseinander, die ihn seit dem Tod zweier geliebter Menschen durch einen Fenstersturz beschäftigen.

Bei der Lektüre erfasst die LeserInnen eine gewisse Traurigkeit, besonders durch die persönlichen Reflexionen des Autors. Eine ergreifende Geschichte, in der Kern eine wahre Begebenheit von den Anfängen der Luftfahrt mit seiner persönlichen Geschichte vermischt. Eine weitere Stärke des Kurzromans besteht in der Schilderung des Lebens der Pariser Einwanderer auf der Suche nach Anerkennung und Aufstieg.

Der Schreibstil des sowohl biografischen wie auch historischen Teils des Romans ist feinfühlig und durchaus poetisch. Die 170 Seiten überraschen immer wieder mit Präzision, Sensibilität und Tiefe. Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Bewertung vom 27.07.2023
Literatur Tagesabreißkalender 2024. Tischkalender für jeden Tag mit den Größen der Literatur. Tageskalender 2024 zum Abreißen mit Literatur-Quiz für Bibliophile
Anders, Ulrike;Lotz, Brigitta;Michel, Dirk

Literatur Tagesabreißkalender 2024. Tischkalender für jeden Tag mit den Größen der Literatur. Tageskalender 2024 zum Abreißen mit Literatur-Quiz für Bibliophile


ausgezeichnet

Der Harenberg Literatur Tageskalender ist seit vielen Jahren ein literarischer „Dauerbrenner“ auf meinem Schreibtisch. Jedes Jahr steckt der Kalender voller Überraschungen - auch für einen langjährigen Literaturfreund. So bietet die 2024-Ausgabe wieder an allen 366 Tagen des folgenden Jahres Informationen über deutschsprachige und internationale Literatur. Auf der Vorderseite der Kalenderblätter wecken Fotos, Gemälde oder historische Abbildungen (z.B. Autorenporträts, Buch-Cover oder Szenefotos von Theateraufführungen) in Farbe oder Schwarz-Weiß das tägliche literarische Interesse, während man auf der Rückseite Kurzporträts von Autoren und Verlegern, Hinweise auf Erstveröffentlichungen, berühmte Theater-Uraufführungen und Verfilmungen findet.

Im Mittelpunkt des Tageskalenders stehen literarische Jubiläen und die gibt es reichlich im kommenden Jahr. So wird am 22. Januar an den 175. Geburtstag des schwedischen Dramatikers August Strindberg erinnert, an den 100. Todestag von Franz Kafka (3. Juni), den 50. Todestag von Erich Kästner (29. Juli) oder den 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin Friederike Mayröcker (20.12.). Aber keine Angst, es ist kein nostalgischer Kalender, denn es überwiegt die zeitgenössische Literatur, sodass man aktuelle Lektüreanregungen erhält. Da wird z.B. die nigerianische Schriftstellerin Sefi Atta (8. Mai) oder der ghanaisch-amerikanische Shootingstar Yaa Gyasi (20. Januar) vorgestellt.

Darüber hinaus punktet der abwechslungsreiche Tageskalender durch regelmäßig wiederkehrende Rubriken: Autorenporträt, Krimi, Gedicht, Roman, Hörbuch, literarische Auszeichnung, Sachbuch, Theater oder Literaturverfilmung. Diese Rubriken sind alle (auf Vorder- und Rückseite) farblich unterschiedlich gekennzeichnet und so auf den ersten Blick erkennbar.

Eine lange Tradition hat auch die tägliche Quizfrage „LiteraLogisch“, wo man sein Wissen testen kann. Am 24. Mai lautet z.B. die Frage: „Heinrich Böll war Teilnehmer welcher Schriftstellervereinigung?“ - a) Gruppe 39, b) Gruppe 47 oder c) Gruppe 53. Der pfiffige Literaturfreund weiß natürlich, dass die Antwort b richtig ist. Doch keine Bange, am darauffolgenden Tag gibt es stets die Auflösung.

Die Kalenderrückseiten bieten neben den Hintergrundinformationen zum jeweiligen Tagesthema weitere Namen literarischer Geburtstagskinder, das Sternzeichen und die Namenspatronen des Tages sowie die Auf- und Untergangszeiten von Sonne und Mond. Ein Serviceteil im Anhang bringt neben einem Register aller vorgestellten Autoren/innen und ihrer Werke zusätzlich noch eine Übersicht über die Schulferien in Deutschland sowie eine Jahresübersicht für 2024 und 2025.

Fazit: Der Harenberg Literatur Tageskalender, der eine stabile Vorrichtung besitzt, ist zum Aufstellen und Aufhängen geeignet. Mit seiner beeindruckenden Vielfalt gibt er jeden Tag eine literarische Anregung - so wird Vergessenes aufgefrischt und Neues wartet auf Entdeckung.

Bewertung vom 19.07.2023
Secessionen

Secessionen


ausgezeichnet

In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts gründeten junge Künstler und auch Künstlerinnen in München, Wien und Berlin die Secessionen als Gegenentwurf zu den etablierten Künstlervereinen sowie dem offiziellen Ausbildungs- und Ausstellungs-programm, das die Akademien betrieben. Die Ausstellung „Secessionen – Klimt – Stuck – Liebermann“ in der Berliner Alten Galerie (23. Juni bis 22. Oktober 2023) widmet sich erstmals den drei Kunstmetropolen an der Jahrhundertwende im Vergleich. Die Ausstellung umfasst rund 200 Gemälde, Skulpturen und Grafiken von 80 Künstler*innen. Darüber hinaus werden auch einige Werke von Gustav Klimt präsentiert, die erstmals in Berlin zu sehen sind.

Im Hirmer Verlag ist der vorzügliche Begleitkatalog zu dieser bemerkenswerten Ausstellung erschienen. In mehreren Essays von renommierten KunsthistorikerInnen wird die große Bedeutung der Secessionen für die europäische Kunstentwicklung bis in die Gegenwart hinein beleuchtet, wobei der Blick besonders auf die herausragenden Künstlerpersönlichkeiten (Gustav Klimt, Franz von Stuck, Max Liebermann, aber auch Edvard Munch, Ferdinand Hodler, Käthe Kollwitz oder Auguste Rodin) gerichtet ist. Darüber hinaus sind aber auch Arbeiten von KünstlerInnen vertreten, deren Namen heute nur noch regional bekannt sind. Die Gegenüberstellung der drei Secessionen verdeutlicht gemeinsame Ziele und Ambitionen. Durch ihre Netzwerke miteinander verbunden, strebten sie nach Anschluss an die internationale Kunstentwicklung.

Der Katalog schafft es wie die Ausstellung, die Vielfalt und Einzigartigkeit der drei Secession-Kunstmetropolen auf eindrucksvolle Weise zu dokumentieren. Er bietet außerdem viel Hintergrundwissen zur Geschichte und Bedeutung der Secessionen. Durch seine überaus üppige Illustration lässt sich die Ausstellung gut nachvollziehen. Sehr empfehlenswert!