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seschat
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Bewertungen

Insgesamt 956 Bewertungen
Bewertung vom 19.06.2019
Fünf Sterne für dich
Lucas, Charlotte

Fünf Sterne für dich


ausgezeichnet

Charlotte Lucas hat mit ihrem neuesten Roman genau meinen Geschmack getroffen und sich sofort in mein Leserherz geschrieben. Zum einen waren die beiden Hauptprotagonisten Pia und Konrad 100 % authentisch und zum anderen mochte ich Lucas' kurzweiligen und modernen Erzählton sehr. Der Plot wurde nicht nur äußerst unterhaltsam angelegt, sondern auch recht vielschichtig. Pia als engagierte junge Hamburger Gymnasiallehrerin mit ausgeprägtem Kümmerergen und Konrad als alleinerziehender Vater konnten in ihren Rollen von Anfang an überzeugen. Während sich Pia das erste Mal als Klassenlehrerin beweisen muss, trägt Konrad ein dunkles Geheimnis mit sich herum und verdient sein Geld mit dem Schreiben von Fake-Rezensionen im Internet. Beide wollen nur das beste für die Kinder und doch schießt man fortwährend persönliche Eigentore. Vor allem Konrad, der sich freiwillig als Elternvertreter meldet, hat anfangs keinen guten Stand bei der attraktiven Junglehrerin, weil er sie beim ersten Elternabend in seiner Rezension zum "Mäuschen" degradiert. Pia hingegen will den klasseninternen Mobbingfall um Neuschüler Finn-Lasse unbedingt befrieden. Wie Konrad Pia hilft und sich dabei leise in ihr Herz schleicht, davon erzählt dieser Roman. Mehr noch, es geht um den ganz normalen Schulalltag in einer 7. Klasse und um einen alleinerziehenden Vater, der seiner 12-jährigen Tochter endlich die Wahrheit sagen muss. Mir hat vor allem Lucas' einfühlsame wie humorvolle Erzählweise gefallen.

FAZIT
Ein zeitgemäßer Roman, der gleichzeitig ans Herz und an die Lachmuskeln geht. Deswegen gibt's von mir wohlverdiente 5 Sterne ;-)

Bewertung vom 10.06.2019
Ihre Seite der Geschichte
Specht, Heike

Ihre Seite der Geschichte


ausgezeichnet

Heike Specht gibt in ihrem Sachbuch den 18 Ehefrauen der deutschen Bundespräsidenten und Bundeskanzler der letzten 70 Jahre ein Gesicht. In die rein repräsentative Rolle wollten sich die wenigsten Gattinnen pressen lassen. Vielmehr wirkten sie nicht nur optisch auf ihre "Staatsmänner" ein, sondern agierten als wichtige Ratgeber, Vermittler oder Sparringspartner. Auch wenn viele Frauen den eigenen Beruf zum Wohle des Mannes aufgaben, so ließen sie sich nie ihre eigene Meinung verbieten. Specht schließt mit diesem Buch eine große Lücke innerhalb der deutschen Geschichte. Denn noch immer herrscht das männlich dominierte Geschichtsbild vor, das die starken Frauen außen vor lässt. M. E. ist es wichtig und richtig, dass nun endlich auch diese Seite der Geschichte beleuchtet wird (s. Buchtitel).

Ich habe Spechts wohl recherchiertes Sachbuch mit viel Freude gelesen, weil es unzählige neue Einblicke in das Leben der Kanzler und Bundespräsidenten und gerade auch in die Wirkmacht der Partnerinnen liefert. Dementsprechend war der persönliche Erkenntnisgewinn sehr hoch. Als besonders spannend empfand ich die Zitate bzw. Nacherzählungen der noch lebenden First Ladys oder die Berichte von ihren Nachkommen.

FAZIT
Ein informatives, längst überfälliges Sachbuch, das sich zudem sehr flüssig liest. Auf dieses weibliche Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte sollte zudem von Universitäten und Geschichtsforschern stärker eingegangen werden.

Bewertung vom 06.06.2019
Die 48 Briefkästen meines Vaters
Fouchet, Lorraine

Die 48 Briefkästen meines Vaters


ausgezeichnet

Lorraine Fouchet erzählt in ihrem neuesten Roman die Geschichte zweier Schicksalsgenossen. Die junge Italienerin Chiara und der junge Franzose Gabin haben ihren Vater nie kennengelernt. Noch dazu konnte Chiaras Mutter nie Gefühle zeigen und Gabins Mutter starb früh. Kurzum, beide wuchsen nur mit wenig elterlicher Zuneigung auf und habe dies bis heute nicht wirklich überwunden. Während Chiara auf der Insel Groix nach ihren vermeintlichen Vater sucht und dabei zur Inselpostbotin mutiert, gibt Gabin über Jahre hinweg den Hochstapler. Mal ist er, der zweimal durch die Arztprüfung gerasselt ist, Arzt in einer Pariser Klinik, mal gibt er sich auf Groix als Schriftsteller aus. Ist es Zufall oder doch Schicksal, dass sich beide auf der bretonischen Insel begegnen und letztendlich ineinander verlieben?

Fouchet ist eine sehr poetische Erzählerin, die vor allem durch schwermütige Passagen zu überzeugen weiß. Die Gefühlskälte und die z. T. recht unwürdige Kindheit der beiden Protagonisten beschreibt sie sehr bildreich und damit realistisch. Das Erlebte schweißt beide letztendlich zusammen und lässt sie über sich hinaus wachsen. Die Autorin macht dadurch sichtbar, dass jeder irgendwo und sei es auf einer kleinen bretonischen Insel neu anfangen und zugleich Schönes erleben kann. Die raue Landschaft bildet den passenden Kontrast zur herzlichen französischen Lebensart. Einen Stern musste ich allerdings abziehen, weil sich die Story insgesamt etwas hinzog und sich die Abschnitte der beiden Erzähler - Chiara und Gabin - auf Anhieb nicht immer eindeutig zuordnen ließen.

FAZIT
Eine interessante Geschichte mit bemitleidenswerten Charakteren, die zu viel Längen, prall gefüllt mit französischem Liedgut, besaß.

Bewertung vom 03.06.2019
Meistens kommt es anders, wenn man denkt / Hamburg-Reihe Bd.6
Hülsmann, Petra

Meistens kommt es anders, wenn man denkt / Hamburg-Reihe Bd.6


ausgezeichnet

NHALT
Nele (28) hat ihren Traumjob als PR-Beraterin bei einem renommierten Hamburger Start-up ergattert. Nach dem desaströsen Ende mit Ex-Freund Tobi stehen nun alle Zeichen auf Karriere. Zudem wollen ihre Eltern nach 30 Jahren wilder Ehe endlich heiraten und ihr Bruder Lenny, der am Down-Syndrom leidet, möchte nicht nur eine eigene Wohnung beziehen, sondern auch Tierpfleger werden. Nele hat also alle Hände voll zu tun. Damit dass ihr neuer Chef Claas ihre selbst verordnete Männerpause gefährden würde, hat sie allerdings nicht gerechnet...

MEINUNG
Petra Hülsmann hat einfach ein gutes Händchen für kurzweilige, witzige Frauenliteratur. Mit Ich-Erzählerin Nele ist der Autorin eine sympatische Hauptprotagonistin gelungen, die es allen Personen in ihrem Umfeld immer recht machen will, aber dabei stets sich selbst vergisst. All ihre Energie investiert sie in ihre neue Arbeit und in ihre Familie. Kein Wunder, dass die pfiffige Arbeitsbiene anfangs von ihren plötzlichen Gefühlen für Claas nichts wissen will. Aber dem charmanten, attraktiven und tierlieben Kerl kann sie letztendlich nicht widerstehen (vgl. Buchtitel). Neben Musterknabe Claas (36) samt herzensguter Hündin Sally konnte vor allem der lebensfrohe wie smarte Lenny in seiner Rolle überzeugen. Neles Bruder ist einfach ein Goldstück. Seine offene Herzenswärme und sein Wagemut rühren einfach an. Er zeigt, dass Behinderung nicht zwangsläufig das Leben behindern muss. Darüber hinaus waren mir Neles-WG-Freunde durch ihren gelebten Zusammenhalt mega sympathisch. Insgesamt las sich Hülsmanns Geschichte, wie gewohnt, sehr flüssig, was vor allem an der modernen wie humorigen Sprache lag. Hülsmanns Vergleiche und Anspielungen auf Personen des aktuellen Zeitgeschehens boten köstliche Unterhaltung. Neles extravaganter Friseur war humortechnisch mein Highlight. Auch emotional packte mich die keineswegs kitschige Liebesgeschichte zwischen Nele und Claas.

FAZIT
Ein rundum gelungener Frauenroman, der vor allem die weibliche Leserschaft zwischen 20 und 40 Jahren ansprechen wird und zeigt, dass im Leben nicht alles nach Plan verläuft - getreu dem Motto: Kopf aus, Herz an!

Bewertung vom 28.05.2019
It's A Nerd's World
Schrödel, Tobias

It's A Nerd's World


ausgezeichnet

Sicherlich hat jeder schon mal etwas über Mark Zuckerberg und Steve Jobs aufgeschnappt und sei es nur durch die Nutzung von Facebook oder Apple-Geräten. Doch welcher Erfindergeist und welche Geschichte verbirgt sich hinter Youtube, Microsoft oder dem WWW? Tobias Schrödel, Fachinformatiker und Comedy-Hacker, liefert im vorliegenden Buch pointierte Antworten und zugleich spannende Einblicke in die "nerdige" IT-Welt. Informativ, leicht verständlich und unterhaltsam lernt der Leser wichtige Wegbereiter der Digitalisierung vom 19. Jh. bis in die Gegenwart kennen. Herbei erfährt man auch allerhand Überraschendes und Neues. So gab es neben den bekannten männlichen anglo-amerikanischen Programmierern und Tüftlern auch weibliche ITler, die bei der Mondlandung von 1969 oder bei der Entwicklung von WLAN, Bluetooth & Co maßgeblich mitwirkten. Zudem werden auch die Schrullen und Charakterzüge der Entwickler nicht verschwiegen, was den an sich trockenen Stoff enorm belebt. Mehr noch, Schrödels lockere Herangehensweise sowie Schreibe und die moderne, abwechslungsreiche Illustration des Sachbuchs machen die Lektüre leicht und interessant. Somit ist das vorliegende Buch nicht nur für Kinder und Jugendliche, die anvisierte Zielgruppe, eine lohnenswerte Lektüre. Nein, auch Erwachsene bekommen damit eine schnelle und kurzweilige Einführung in die Thematik; lernen gar diese recht diverse "digitale Welt" mit Social Media und smarten Technologien zu verstehen. Und wer seine Daten und Technik sicher verschlüsseln will, für den hält das Buch zudem nützliche Tipps und Ratschläge bereit.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.05.2019
Im Leben bleiben
Dyk, Paul van

Im Leben bleiben


ausgezeichnet

Paul van Dyk (geb. 1971 in Eisenhüttenstadt) ist ein international erfolgreicher und gefeierter DJ, als er 2016 einen schweren Schicksalsschlag erleidet. Während eines Konzerts in Utrecht fällt er auf der abgedunkelten und mangelhaft markierten Bühne in ein sechs Meter tiefes Loch. Dabei bricht er sich nicht nur zweimal die Wirbelsäule, sondern zieht sich auch ein schwerwiegendes Schädel-Hirn-Trauma zu. Auf einmal steht das Leben des umtriebigen Künstlers auf Messers Schneide. Die Musik gerät in den Hintergrund, was nun zählt ist einzig und allein das Überleben. Und mithilfe seiner starken Frau Margarita gelingt das Unmögliche, aus dem darniederliegenden Hirnkoma-Patienten wird entgegen der ärztlichen Prognose wieder ein Mensch, der sich bewegen, sprechen und Musik machen kann. Den beschwerlichen Weg dorthin, beschreibt das Ehepaar in sehr offener und damit emotionaler Weise. Die enge Bindung zu seiner kolumbianischen Ehefrau Margarita ist Pauls Stütze. Die Liebe ist stärker als das Unglück und gibt Hoffnung trotz hoffnungsloser Diagnose. Als Leser leidet man mit den beiden Erzählern mit. In einfachen, doch sehr emotionalen Worten schildern beide, wie sie diese Ausnahmesituation erlebt haben. Doch trotz Pauls unerwarteter Genesung ist nicht alles wie vorher. Die chronischen Schmerzen, Probleme bei der Artikulation, Taubheiten in Extremitäten uvm. bleiben bzw. heilen über Jahre und müssen weiterhin therapiert werden. Aber für den Künstler zählt, dass er wieder am Leben teilhaben kann. Dabei war und ist die elektronische Musik seine Triebfeder. Und er ist froh, dass er wieder Konzerte geben kann, wenngleich er danach erschöpfter ist als vor dem Unfall. Dementsprechend wird neben seinen Unfall und dessen Bewältigung auch umfangreich auf seinen musikalischen Werdegang eingegangen. Von den Anfängen in der DDR, seinen ersten Versuchen in der Nachwendezeit, jetzigen Auftritten und dem technischen Wandel berichtet er sehr ehrlich und mit Verve.

FAZIT
Ein sehr bewegendes Buch, das Hoffnung gibt, die Kraft der Liebe beschwört und gleichzeitig zeigt, wie zerbrechlich unser Glück und Dasein ist. Danke für diese noch lang nachwirkende Lektüre.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.05.2019
Gala Éluard
Kulin, Katja

Gala Éluard


ausgezeichnet

Gala Éluard (1894-1982) ist weithin als Muse des surrealistischen Künstlers Salvador Dalí, der sie in unzähligen Bildern verewigte, bekannt. Doch Gala war mehr als das schöne Anhängsel des großen Maestro. Die aus Russland stammende Jelena Dmitrijewna Djakonowa wuchs in einfachen Verhältnissen auf und liebte die schönen Künste. Während eines Kuraufenthalts in Clavadel lernt sie 1913 den ebenfalls lungenkranken Paul Éluard ihren späteren ersten Ehemann kennen. Beide kommen trotz des aufziehenden Ersten Weltkriegs und Widerstände der Eltern bald zusammen. Auch beruflich harmonieren sie wunderbar miteinander, gemeinsam arbeiten sie an seiner Zweitkarriere als Lyriker. Später lernt sie durch ihn dann den deutschen Dadaisten Max Ernst kennen und lieben - ein Zustand den Paul anfangs goutiert. Doch mit der Zeit leben sich Paul und Gala trotz der Tochter Cécile, die bei den Großeltern aufwächst, auseinander. Nach einen abermaligen Versuch, die offene Ehe zu retten, fällt ihr Augenmerk auf den katalanischen Ausnahmekünstler Salvador Dalí. Für beide ist es die große Liebe. Der scheue Verrückte aus Spanien wird zu ihrem Projekt und zweiten Ehemann. Sie inspiriert ihn und managt zudem alles Geschäftliche, wozu er keine Lust hat. Lange Zeit sind sie ein eingespieltes Team, weil beide im jeweils anderen einen Seelenverwandten entdecken. Ob in Spanien, Amerika oder Frankreich, überall gibt es Dalí und Gala fortan nur im Doppelpack. Doch die ewige Show und Dalís öffentliche Verrücktheiten und Schaffensdrang reichen ihr irgendwann nicht mehr und man lebt nebenher bzw. Gala zieht sich mehr und mehr ins Private zurück.

Katja Kulins biografischer Roman las sich ausgesprochen spannend und leichtfüßig. Obschon die Autorin nicht chronologisch erzählt, sondern zwischen den interessantes Lebensphasen von Gala hin und her springt, ist das 221-seitige Werk recht aufschlussreich; auch weil Kulin hinter die Fassade von Dalís Muse schaut, auf persönliche Wunden eingeht und die zeithistorisch prägenden Ereignisse (Weltkrige, Spanischer Bürgerkrieg) miteinbezieht. Gala war eine starke, emanzipierte Frau in Zeiten des spanischen Machismo & Co. Kein Wunder, dass sie deshalb auch als Hexe galt, gerade weil sie wechselnde Beziehungen unterhielt und sich extravagante Mode etc. leisten konnte. Dass sie eine große Kunstfördererin mit eigenen geheimen Ambitionen war, wollte niemand sehen. In ihr Innerstes ließ sie zeitlebens nie wirklich jemanden blicken. Eine Ausnahme stellen hierbei die 2001 entdeckten unveröffentlichten Aufzeichnungen von Gala dar, welche Kulin mit in den Roman einfließen ließ. Weiterhin nutzte die Autorin Galas vielfach erhaltenen Briefverkehr als Quelle für ihre luzide und gleichermaßen effektvolle Darstellung. Anders als ihre berühmten Lebensgefährten wollte sie nie selbst berühmt werden bzw. scheiterte an den eigenen hohen Ansprüchen. Kurzum, Gala polarisierte und polarisiert immer noch. Letzteres fängt das Cover, welches Gala mit dem typischen Dalíbart zeigt, sehr treffend ein. Zudem kann sich der Leser mithilfe der im Buch enthaltenen Fotos ein gutes Bild von Gala machen.

FAZIT
Eine Biografie, die versucht Gala Éluards Wirken und Denken auf kurzweilige Weise gerecht zu werden, was Kulin sehr überzeugend gelungen ist.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.05.2019
Gebrauchsanweisung fürs Laufen
Schmidt, Jochen

Gebrauchsanweisung fürs Laufen


ausgezeichnet

Autor und Journalist Jochen Schmidt (*1970) hat sich in seinem Buch "Gebrauchsanweisung fürs Laufen" seine ganz eigenen Gedanken zum Thema Laufen und Laufsport gemacht. Herausgekommen ist dabei ein persönliches und zugleich faktenreiches Werk. Ausgehend von der eigenen Läufervita beschreibt Schmidt die Licht- und Schattenseiten dieses Breitensports. Ob Schuhwahl, die Übermacht der kenianischen Marathonläufer, die richtige Lauftechnik oder Besuche bei Fachärzten, der Autor lässt nichts unerwähnt. Ganz nebenbei erfährt der Leser auf diese Weise, dass der Laufsport aus dem antiken Griechenland stammt, Jogging in den 1960ern entstanden ist und es durchaus reizvoll sein kann, sich eine unbekannte Stadt zu erlaufen.

Als aktive Hobbyläuferin fand ich Schmidts Sachbuch nicht nur sehr inspirierend, sondern auch aus historischer Sicht sehr interessant. Denn wer sich bisher nur wenig mit der Läuferszene beschäftigt hat, kann mithilfe des Buchs bald mitreden. Zudem will der Autor mit seinem Buch weder belehren noch mit Siegen oder Leistungen beeindrucken, was ihn sehr sympathisch macht.

Bewertung vom 04.05.2019
Oliven zum Frühstück
Casell, Pia

Oliven zum Frühstück


ausgezeichnet

INHALT
Lisa Stadlers lang gehegter Traum wird endlich wahr. Für zwei Wochen darf die promovierte Archäologin in Roussolakos auf Kreta eine Ausgrabung leiten. Hier im verschlafenen Dorf nahe Palekastro soll sich eine minoische Palastanlage befinden. Doch sie hat nicht mit dem sturen, aber attraktiven Olivenbauern Charis gerechnet, der sein Land keineswegs für wissenschaftliche Zwecke hergeben will. Als dann auch noch der Sponsor aufgrund ausbleibender Funde kurzfristig abspringt, gerät Lisas Leben gehörig ins Wanken...

MEINUNG
Pia Casells Debütroman vermochte mich ab der ersten Seite zu begeistern. Das lag einerseits an der willensstarken Hauptprotagonistin und ihrer archäologischen Leidenschaft sowie andererseits am zauberhaften Handlungsort Kreta.

Mittdreißigerin Lisa Stadler ist eine starke, überkorrekte Person, die für ihr Fach, die klassische Archäologie, hundert Prozent brennt, aber privat kein Fettnäpfchen auslässt und noch dazu nur schwer abschalten kann. Mir war sie von Beginn an sympathisch, weil ich selbst studierte Archäologin bin, ihre Faszination für Kreta und Sprachen teile und dadurch sehr gut mit ihr mitfühlen kann. Charis ist der Gegenpol zu ihrer hektischen, wissbegierigen Natur. Der gut aussehende Olivenbauer liebt das Inselleben und möchte das alles so bleibt, wie es ist. D.h., er will unbedingt verhindern, dass die starrköpfige deutsche Archäologin in seinem Olivenhain gräbt und damit Medien und Touristen anlockt. Blöd nur, dass entgegen der täglichen Zwistigkeiten beide einander bewundern und es bald schon um mehr als den verborgenen minoischen Palast gehen wird. So viel sei verraten, allein schon ihre süffisanten Wortgefechte und Lisas ungewollte Showeinlagen sind einen Lektüre wert. Abgesehen von den beiden Streithähnen bildet Charis Familie mit Großmutter, Schwestern, Tanten usw. eine wirklich herzliche Gemeinschaft, wie man sie heute in Deutschland nur noch selten findet. Keiner missgönnt einen etwas, im Gegenteil man unterstützt einander, kocht gemeinsam und nimmt einfach Anteil am Leben des Anderen. Neben dieser Komponenten fürs Herz gibt es auch Einiges für den Verstand. Die Exkurse zur Geschichte Kretas sowie die archäologischen Schilderungen ergänzen den Roman auf wunderbar stimmige Weise. Wer einmal auf einer Grabung gewesen ist oder selbst Archäologie studiert hat, wird sich schnell wiederfinden. Auch die Schattenseiten des Business, wie Antikenhandel, Mobbing und Kampf um finanzielle Mittel, werden nicht verschwiegen. Darüber hinaus gibt es den Ort der Handlung wirklich, so dass der geneigte Leser diesen bei der nächsten Kretareise einmal besuchen kann.

Pia Casells locker-leichter Erzählstil traf vollkommen meinen Geschmack. Ihr Humor und ihre Begeisterung für Land und Leute sprachen aus jeder Zeile. Ich habe mich herrlich über Lisa amüsiert, aber gleichzeitig auch mit ihr mitgelitten, als sie auf einmal alles verloren zu haben schien. Zudem mochte ich es, wie spielerisch sie neugriechische Sätze und Wörter mit in den Text einfließen ließ.

FAZIT
Endlich mal wieder ein belletristischer Roman, der mich von Anfang bis Ende bestens unterhalten hat und nebenbei gehörig Fernweh entfachte.