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Benutzername: 
Lesezauber_Zeilenreise
Wohnort: 
Eggenstein-Leopoldshafen
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Buchnerd durch und durch

Bewertungen

Insgesamt 762 Bewertungen
Bewertung vom 11.11.2021
Das Haus am Rande der Magie Bd.1
Sparkes, Amy

Das Haus am Rande der Magie Bd.1


ausgezeichnet

Ein urkomisches Fantasiefeuerwerk – irre lustig und einfach nur genial

Das Mädchen Neun ist Waisenkind und als Elster (Straßendiebin) verdient sie sich Unterkunft und ein bisschen was zu Essen. Eines Tages stiehlt sie ein Miniaturhaus. Dieses verwandelt sich in ein riesengroßes, völlig abstruses Haus. Als sie an die Tür klopft, öffnet ihr ein Troll mit Staubwedel und bittet sie hinein. Drinnen kommt ihr ein durchgeknallter Zauberer namens Eiderdaus in Pantoffeln entgegen und ein sprechender Holzlöffel im Schottenrock. Die erzählen ihr, dass das Haus verflucht worden sei und seit dem alles drunter und drüber geht. Die Toilette befindet sich jedes Mal woanders (gelegentlich sieht man sie durchs Haus flitzen, mit spitzen Zähnen), wenn man den Küchenschrank berührt, verwandeln sich alle in der Küche kurzfristig in die verrücktesten Wesen (was dazu führt, dass man keinen Tee machen kann – was für ein Jammer), die Zuckerdose rülpst grünen Rauch, die Kochbücher sind in Zwergisch geschrieben, was zur Folge hat, dass der Haustroll Erik nur noch grauenhafte Gerichte kochen kann und überhaupt: alles funktioniert nicht so, wie es soll. Um den Fluch der Hexe zu brechen, muss ein Rätsel gelöst werden – und Neun soll das für die Hausbewohner tun und erhält dafür als Belohnung ein wertvolles Juwel. Davon angespornt setzt Neun nun – anfangs widerwillig – alles daran, das Rätsel zu lösen und erlebt dabei so manches absurde Abenteuer.

Was für ein überbordendes, fantasievolles und unfassbar witziges Buch! Ich würde alles dafür geben, dieses Haus betreten und dessen so liebenswerte Bewohner treffen zu können. Allen voran den herzensguten Troll Erik, den ich wirklich liebe! Amy Sparkes versteht es vorzüglich, ihre Leser in das Buch hinein zu saugen und sie fortan mit den abstrusesten, witzigsten und fantasievollsten Erlebnissen und Situationen zu fesseln. Alles in einem Schreibstil, der lebendiger nicht sein könnte und der mich jede Szene und alle Charaktere voller Genuss und mitunter laut lachend erleben ließ. Zwischendurch ist es mal ein klitzekleines bisschen gruselig, aber immer mit ordentlich Humor unterlegt, so dass es nie zu dolle wird. Und mal im Ernst: in welchem Buch gibt es einen lebendigen Holzlöffel namens Dr. Löffel, der mit einem Schottenrock bekleidet ist und durchaus schlagfertig daher kommt?

„Darf ich vorstellen, Dr. Löffel. Und das hier…“
„Dr. Löffel?“, unterbrach Neun ihn. „Komischer Name.“
„Ach ja?“ Der Löffel richtete sein Schwert auf sie. „Und wie heißt du?“
„Neun.“
Er hob eine Augenbraue. „Aye. Damit steht´s wohl unentschieden.“
(Kapitel 3)

Die Dialoge sind allesamt erfrischend, frech, witzig. Leider ist das Buch viel zu kurz, ich hätte gerne noch ewig weitergelesen. Schaut euch nur mal dieses umwerfende Cover an, auf dem das verrückte Haus zu sehen ist ebenso wie fast alle Protagonisten (sogar das wandelnde WC und Dietrich, das sprechende Wandschrankskelett).

Ein wundervolles, irre lustiges, fantasievolles Buch für Jungs und Mädels von 10 bis 100! Wer hier nicht lachen kann, ist nicht lebendig. Doch nicht nur Jux und Dollerei ist hier Programm, sondern natürlich werden auch Botschaften vermittelt zu den Themen Freundschaft, Vertrauen, Mut, Mitgefühl, Loyalität. In meinen Augen ein rundum empfehlenswertes Buch! Lest es.

Bewertung vom 06.11.2021
Zwei wie Sonne und Wind / Doppelgaloppel Bd.1
Schreiber, Chantal

Zwei wie Sonne und Wind / Doppelgaloppel Bd.1


ausgezeichnet

Zwei Kinder, ein Opa, zwei Fohlen, Island, Natur und ganz viel dazwischen – ein wundervolles (Vor-)Lesebuch

Als die Geschwister Jon und Fanndis wie so oft wieder einmal streiten, weckt Opa Valdi ihr Neugier mit dem Satz: „Vielleicht solltet ihr euch mal an Kappi und Skoppa ein Beispiel nehmen“. Und so erzählt er von Kappis Geburt und wie die am selben Tag geborene Skoppa ihn stürmisch begrüßt und gleich zu ihrem allerbesten besten Freund erklärt. Kappi ist ruhig, etwas klein geraten und wird dadurch von den anderen Pferden immerzu aufgezogen. Skoppa dagegen ist ein kleiner Wirbelwind, immer gut gelaunt, immer Flausen im Kopf und sehr abenteuerlustig. Eines Tages führt Skoppa Kappi weg von der Herde, runter zum Strand. Dort treffen sie auf eine Menge Spaß und toben den Strand entlang. Bis sie auf das gerade schlüpfende Gelege einer Küstenseeschwalbe stoßen, das von einem hungrigen Polarfuchs bedroht wird. Kappi wird selbstbewusst und mutig („…meine Mama hat mir beigebracht, mich nicht rumschubsen zu lassen, nur weil ich klein bin!“) und beschützt die „Vogelfohlen“ vor dem Fuchs.

Hier sind auf wunderbare Weise zwei Geschichten miteinander verknüpft und werden abwechselnd in kurzen Kapiteln erzählt. Zum einen die Geschichte der ewig streitenden Geschwister Jon und Fanndis und dann die von Opa Valdis erzählte Geschichte von Kappi und Skoppa. Die Kapitel sind schön kurz, der Schreibstil kindgerecht und leicht verständlich, ohne platt zu wirken und die vielen bunten und sehr schönen Illustrationen lassen einen noch tiefer in die Story eintauchen. Aus jeder Seite dringt so viel Liebe, Wärme und Spaß, die Botschaft hinter der spannenden und lustigen Geschichte (Selbstbewusstsein, seinen Mut finden, Freundschaft, Familie, Zusammenhalt) ist wichtig und deutlich und das ganze Buch ist von vorne bis hinten absolut liebens- und lesenswert! Die Figuren sind allesamt herzallerliebst und ich glaube, jedes Kind würde sich so einen Opa wie den Opa Valdis wünschen, der so viel Wärme und Geborgenheit und Ruhe ausstrahlt.

Schon allein der Titel „DoppelGaloppel“ ist ja wohl mal megasüß und das Cover ebenso. Die Optik und Haptik ist matt und ein wenig rau und vermittelt dadurch direkt ein Gefühl von Natur und Freiheit und passt so sehr gut zum Schauplatz Island. Die Zeichnungen sind so schön lebendig mit Mimiken, die einfach passen und die das gerade Gelesene direkt widerspiegeln.

Ein zauberhaftes, lustiges, spannendes und lehrreiches (Vor-)Lesebuch für Kinder ab 4 Jahren mit Charakteren, die einem ans Herz wachsen und die man unbedingt wieder treffen möchte. Gut, dass eine Fortsetzung kommen wird.

Bewertung vom 05.11.2021
Streuner - Auf der Suche nach Hoparion
Bertram, Rüdiger

Streuner - Auf der Suche nach Hoparion


ausgezeichnet

Drei Kinder, drei Hunde und die gefährliche Suche nach einem bestimmten Ort – düster, dystopisch und sowas von fesselnd!

Erste Regel: Hunde sind gefährlich. Alle.
Zweite Regel: Halt dich fern von ihnen.
Dritte Regel: Überlebe.

Seit dem die Eltern von Judith und Abrogast gemeinsam mit so vielen anderen Menschen an oder nach dem TAG gestorben sind, sind die beiden Kinder auf sich allein gestellt und auf der Suche nach Hoparion, dem Ort, an dem das Leben wieder lebenswert sein soll, voller Nahrung, voller Menschen und ohne Hass und Leid. Vor seinem Tod hat ihr Vater ihnen diese drei Regeln mit auf den Weg gegeben. Denn: seit dem TAG haben sich die Hunderudel vermehrt, greifen andere Tiere und Menschen an, um diese zu fressen und zu überleben. Die Kinder wandern durch eine trostlose Landschaft, die Sonne kommt hinter dem über alles liegendem Staub und der Asche nicht mehr hervor, es gibt kaum noch Leben und die wenigen, die den TAG und die gefährliche Zeit danach überstanden haben, können niemandem trauen. Es gibt keinen Strom, die Häuser sind verlassen, jeder ist darauf aus, sich selbst zu schützen und geht dafür über Leichen. Eines Tages treffen die Geschwister auf Bilkis, ein Mädchen in Judiths Alter. Fortan gehen sie ihren Weg gemeinsam, doch Judith ist sich sicher: Bilkis hat etwas zu verbergen. Und dieses Etwas hat mit Salomon zu tun, dem selbsternannten Elektrokönig, Herrscher des Gebiets und seiner Armee aus Kamelreitern. Als eines Tages Nipper, Dash und Stubby – drei Streunerhunde – auftauchen, verstoßen die Kinder gegen Regel Nr. 1 und 2 und bilden mit den Hunden gemeinsam ein eigenes Rudel. Werden sie Hoparion finden? Oder kommt ihnen Salomon oder eins der großen Hunderudel in die Quere?

Egal, was ich hier als Inhaltsangabe schreibe, es wird der Story nicht gerecht. Diese ist eigentlich einfach und dennoch so umfassend. Diese drückende Stimmung, dieses Düstere, die Trockenheit, der Hunger, die Gefahr, die das Leben der Kinder Tag und Nacht bestimmt, die gefährlichen Hunderudel und nicht minder gefährlichen Überlebenden der Menschen, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, die Ungewissheit, wie es weitergeht oder ob überhaupt. All das auf der einen Seite. Und auf der anderen dann diese Warmherzigkeit, dieses Verstehen, der Zusammenhalt zwischen den Kindern und den drei Hunden. Diese Story hat mich total gepackt und nicht mehr losgelassen. Kopfkino vom Feinsten und Charaktere (Kinder und Hunde), die einen nicht mehr loslassen.

Das Ganze wird dadurch noch intensiver, dass die Kapitel jeweils aus der Sicht von Judith und dann aus der Sicht von Nipper erzählt werden. Das ist erkennbar erst mal rein Optisch, da es jeweils ein anderer Schrifttyp ist, aber auch von der Art der Sprache. Wenn Nipper aus seiner Hundesicht erzählt, sind die Sätze kürzer, pregnanter, auf den Punkt, ohne groß außen rum zu reden. Das ist so gut gelungen und hat mich echt beeindruckt! Die Gefühle – Judiths Liebe zu ihrem kleinen Bruder, die bedingungslose Pflicht, diesen zu beschützen, die Gefühle der Hunde, die sie ihren früheren Menschen immer noch und den drei Kindern jetzt entgegenbringen und die sie untereinander haben und die zwar instinktgesteuert sind, aber eben nicht nur, die Angst, die allesamt umtreibt und jeden von Ihnen jede Minute des Tages und in der Nacht begleitet. Das ist schon großartig umgesetzt. Spannung von vorne bis hinten, ich konnte „Streuner“ nicht aus der Hand legen und war völlig im Sog der Geschichte. Sehr düster, traurig, gefühlvoll, spannend, emotional und einfach irre gut!

Als ich das Cover zum ersten Mal gesehen habe dachte ich: „oh wow! Das gefällt mir! Das muss ich lesen“ – und ich bin so froh, dass ich es lesen durfte und dass das Buch meine Erwartungen von Cover und Klappentext weitaus übertroffen hat.

Ich empfinde das vom Verlag empfohlene Lesealter ab 10 Jahren als zu früh. Ich denke, dass 12 oder sogar erst 13 Jahre besser wäre, da doch auch einiges an Gewalt, Tod, Blut, Brutalität

Bewertung vom 03.11.2021
Mia Raloris
Wolfsland, Alexander

Mia Raloris


sehr gut

Lehrreiche Geschichte rund um Umweltschutz, Ökosystem und Verhandlungsgeschick, fantasievoll verpackt

Ich vergebe 3,75 Punkte – da es hier aber keine anteiligen Punkte gibt, runde ich auf 4 auf.

Mia Müller lebt in einer Wohngruppe, fühlt sich ungeliebt, im Stich gelassen und ausgegrenzt. Wirklich glücklich ist sie nur, wenn sie die Ferien bei ihrer Oma verbringen kann – bei der sie jetzt auch endlich angekommen ist. In Omas Schrank findet Mia eine Kette und zieht sie an. Urplötzlich findet sie sich in einer vollkommen anderen Welt wieder – einer Welt voller Elfen, Oger, Panzerschweine und Magie. Sie hat durch die Kette einen Zauber ausgelöst, der sie in den Körper der Elfe Raloris verbracht hat – doch das bleibt nicht lange geheim. Mia fliegt auf. Um wieder in ihren Körper, ihre Welt zurück zu gelangen und nicht zuletzt auch, um Raloris aus ihrem „körperlosen Zwischengefängnis“ zu befreien, muss sie einiges an Magie lernen und viele gefährliche Abenteuer erleben. So muss sie z.B. als Botschafterin der Oger mit Menschen verhandeln, die durch Aluminiumfabrikation das Grundwasser vergiften und damit die Natur und letztlich die Bewohner gefährden.

Die Themen dieses Buches sind brandaktuell: geht es doch um Umweltschutz und darum, dass auch schon Kinder etwas tun können, um die Welt zum besseren zu verändern. Doch es wird auch aufgezeigt, dass das nicht einfach so funktioniert, sondern jeder einzelne seine Ziele mit viel Arbeit und Ausdauer erreichen kann, mit Verhandlungsgeschick und Selbstbewusstsein, aber auch mit der Hilfe von anderen. Verpackt sind diese wichtigen Botschaften in eine abenteuerliche und fantasievolle Geschichte, die in einer anderen Welt spielt. Mia – zunächst durch ihre Vorgeschichte eigenbrötlerisch, eher unsozial und unmotiviert, entwickelt sich im Lauf der Geschichte zu einem Mädchen, das es Dank der Hilfe vor allem von der sie begleitenden Elfe geschafft hat, über den Tellerrand zu sehen, Zusammenhänge zu erkennen, Dinge zu hinterfragen, statt sofort zu urteilen und ganz generell offener und „gesellschaftsfähiger“ zu werden.

Mit 154 Seiten ist es ein eher kurzes Buch – diese umfassenden Themen in dieser Kürze zu vermitteln, stelle ich mir schwierig vor. Und so erkläre ich mir auch, dass der Schreibstil recht sachlich ist. Mir fehlt so ein bisschen der Tiefgang, die Dateilverliebtheit. Ich hätte gerne viel mehr über Mia erfahren, über ihre Vergangenheit, über ihre Familie. Darüber, warum sie in einer Wohngruppe lebt. Auch hätte ich mir im Laufe der Geschichte mehr Lebhaftigkeit, Fantasie und fesselnde Situationen gewünscht und auch die Elfen näher kennengelernt. Sämtliche Charaktere blieben für meinen Geschmack zu unnahbar und distanziert. Aber wie gesagt: auf knapp über 150 Seiten ist das anders kaum zu schaffen. Für mich gehört dieses Buch daher vor allem in alle Schulen ab der 6. Klasse als Lektüre in den Lehrplan. Kinder lernen hier sicher sehr viel, bekommen vielleicht einen anderen Blickwinkel, erhalten viele Informationen, wie man selbst geschickt seinen Standpunkt behauptet, ohne andere vor den Kopf zu stoßen.

Zum Cover: es zeigt schön die zwei Welten, in denen das Buch spielt und die Verbundenheit zwischen ihnen. Ich finde es daher sehr passend zur Geschichte.

Da eine Fortsetzung geplant ist, wird ja vielleicht der eine oder andere meiner Wünsche nach mehr Tiefgang und Details erfüllt – wer weiß? Auf jeden Fall ein gutes Buch mit wichtigen Themen, geschickt verpackt und recht kurzweilig. Gleichermaßen geeignet für geübte Leser wie Anfänger, aber auch zum Vorlesen und anschließendem darüber diskutieren.

Bewertung vom 01.11.2021
Die Toten von Lindau / Bosse und Grimm Bd.1
Fraunhoffer, Thomas J.

Die Toten von Lindau / Bosse und Grimm Bd.1


ausgezeichnet

Ich vergebe für das Buch 4,5 Sterne – da es hier keine halben Sachen gibt, runde ich tendenzmäßig auf 5 Sterne auf.

Niklas Grimm hat Mist gebaut und wird von der Großstadt München zur Kripo in die Provinz Lindau versetzt. Gleich an seinem ersten Tag hat er mit der typisch bayerischen Direktheit zu kämpfen und wird sofort zu einem mörderischen Tatort gerufen. Dort ist er entsetzt über die ländliche Gleichgültigkeit und will den Tatort erst mal von den Schaulustigen räumen. Eine davon ist allerdings seine Chefin – Emma Bosse, die rein optisch mit Gummistiefeln und Bauernaufzug wenig an eine vorgesetzte Polizeichefin erinnert. Kein guter Anfang für eine dienstliche Beziehung. Doch mit der Zeit kommen die beiden miteinander klar und Niklas ist zwar von seiner neuen Stelle nicht begeistert, kann sich jedoch damit abfinden. Da Wohnungen in Lindau schwer zu bekommen sind, zieht er in einen Schuppen auf Emmas Gnadenhof, den sie zusammen mit ihrem Mann führt. Während der Ermittlungen im Mordfall taucht auch noch ein übler Hundehändlerring auf. Oder steckt das etwa zusammen? Und was hat die Tierschutzorganisastion freedog, deren Anführerin das Opfer ist, mit allem zu tun? Die Ermittlungen bringen nicht nur Niklas, Emma und die anderen Kollegen ein Stück weit näher zusammen, sondern alle auch gehörig in Gefahr.

„Die Toten von Lindau“ ist natürlich kein Cosy-Crime, sondern ein stimmiger, durchdachter, spannender und nicht vorhersehbarer Krimi. Dennoch hatte ich die ganze Zeit über ein warmes Gefühl beim Lesen, da Landschaft und vor allem die Leute einfach liebenswert sind! Die Charaktere werden vom Autor detailliert und bildhaft gezeichnet, das Setting mit Gnadenhof und dem heimeligen Ambiente voller Tiere, die typisch bayerisch grantelige Ausdrucksweise – herrlich! Spannung und Mitfiebern kommt dabei jedoch absolut nicht zu kurz und man erfährt auch einiges an medizinforensischen Hintergründen, was das Ganze sehr realistisch macht. Dennoch überwiegt der Humor, das Zwischenmenschliche oder steht doch zumindest im Vordergrund. Und das ist auch gut so, da ich so einen Narren an den Charakteren gefressen habe und alle sehr gerne wiedersehen möchte. Wie z.B. Emma Bosse, die zwar eine lockere Art an den Tag legt und keinen Wert auf Hierarchien legt, die aber dennoch ihre Frau steht und als Chefin von allen akzeptiert und respektiert und gemocht wird. Oder Niklas Grimm, der etwas versnobt daher kommt, aber eben doch ein weiches (und tierliebes) Herz hat. Oder den sehr direkten Rechtsmediziner Dr. Lange mit seiner trockenen, teils etwas unverschämten Art. Oder auch Bobby, den immerhungrigen, rundlichen Polizisten, der mit im Ermittlerteam ist und den ich einfach sehr mag!

Für alle, die durchdachte, nicht vorhersehbare Krimis mit Hand und Fuß mögen, dabei aber auch auf eine gute Portion bayerischen Humor nicht verzichten wollen, kann ich „Die Toten von Lindau“ wärmstens empfehlen.

Bewertung vom 30.10.2021
Mord am Strandweg
Powelz, Mike

Mord am Strandweg


gut

Klassischer Kriminalroman, dem es ein bisschen an dem gewissen Etwas fehlt

Nachdem das kleine Mädchen Elisa an Heiligabend in der elterlichen Wohnung ermordet wird, ruft das neben der Polizei auch eine ermittelnde Person aus der Nachbarschaft auf den Plan. Diese gibt sich als von der Kirche geschickte/-r Seelsorger/-in aus und verschafft sich so Zutritt zum Tatort und zum illustren Täterkreis, der da besteht aus Elisas Eltern, ihren beiden kleinen Geschwistern, ihrer Tante, einem mit den Eltern befreundeten Ehepaar samt 17-jährigem Sohn, dem Kindermädchen und zwei Angestellten der Cateringfirma. Durch geschickte Fragen und schlaues Kombinieren versucht die ermittelnde Person nun, dem Mord an Elisa auf die Spur zu kommen. Doch es bleibt nicht bei dem einen Mord und die Lage spitzt sich dramatisch zu.

Nach alter Agatha-Christie-Manier wird hier eine Art Kammerspiel präsentiert, dass sich in Hamburg ansiedelt. Die Morde sind interessant, die Motive und damit der Mörder bis zuletzt unklar. Es spielt sich – bis auf wenige Ausnahmen – zunächst alles in dem Appartement von Elisas Eltern, dem Tatort, ab. Später kommen dann wenige weitere Orte hinzu. Ich fühlte mich durchaus an Hercule Poirot und Miss Marple erinnert (zumal nicht bekannt ist, ob die ermittelnde Person ein Mann oder eine Frau ist, das bleibt komplett im Dunklen), vermisste jedoch das gewisse Etwas, dass diese beiden Kultfiguren bzw. die Romane, in denen sie die Hauptrolle spielen, ausmacht. Mir war die Hauptfigur hier tatsächlich unsympathisch. Wenn man so jemanden als Nachbarn hat, braucht man keine Feinde mehr. Auch waren sämtliche Figuren hölzern und statisch (nicht zu verwechseln mit der mir sehr sympathischen britischen Steifheit, die in den Christie-Romanen vorkommt). Die Aufklärungsarbeit war zwar einerseits spannend (klar wollte ich wissen, wer den nun die Morde begangen hat und warum), andererseits war mir dann doch zu vieles schlicht unrealistisch – allem voran die Informationsbeschaffung durch die/den Ermittler/in, die zu fast 100% durch Erpressungen und Nötigung eingeholt wurden (wie gesagt: unsympathische Figur).

Dieser Krimi hat sicher seinen Charme, mir persönlich hat er dennoch nicht so richtig gut gefallen. Alles ein bisschen zu inszeniert, zu gewollt „Christie“ und dabei wohl irgendwie übers Ziel hinausgeschossen.

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Bewertung vom 27.10.2021
Merdyns magische Missgeschicke: Zaubern will gelernt sein! / Merdyn Bd.1
Farnaby, Simon

Merdyns magische Missgeschicke: Zaubern will gelernt sein! / Merdyn Bd.1


ausgezeichnet

Vom finsteren Mittelalter in die heutige Zeit - verrückt, spritzig, rasant und überaus komisch!

Rosie´s sehnlichster Wunsch ist es, Sängerin zu werden. Merdyns sehnlichster Wunsch ist es, in seine Zeit (Mittelalter, Jahr 511) zurück zu kommen. Als die beiden aufeinandertreffen ist schnell klar: wenn Merdyn Rosie einen Sangeszauber braut, hilft sie ihm dabei, einen Weg zurück zu finden. Doch keiner hat damit gerechnet, dass dies ein überaus schwieriges Unterfangen ist und überhaupt: ein echter Hexenmeister zieht einfach mal viel Aufmerksamkeit auf sich. Gut, dass Rosie´s depressive Mutter meint, in Merdyn den Bruder von Rosie´s verstorbenen Vater, Onkel Martin, wiederzuerkennen. Er darf also bei ihnen wohnen. Doch auch das ist nicht ideal – er ist einfach zu auffällig und Rosei wird so schon von ihren Mitschülern geschnitten und findet keine Freunde. Dann stiftet Merdyn mit einem Liebestrank Verwirrung, bringt Pupsie zum Sprechen, fährt das Auto des Nachbarn zu Schrott, zerstört fast ein Einkaufszentrum, landet beinahe im Knast, sabotiert eine Zauberbühnenshow und wird plötzlich gar zum gefeierten Superstar! Doch als sein Erzfeind Jerabo auftaucht, der über Leichen geht, um Merdyn zu vernichten, wird es für alle gefährlich.

Ich war ein paar Mal direkt an Catweazle erinnert und fühlte mich mindestens so gut unterhalten, wie bei der damaligen TV-Serie. Farnaby schreibt wunderbar witzig und entführt in eine magische Geschichte voller Fantasie und Verrücktheit, die einfach mal erfrischend anders ist, als die Zauberergeschichten, die man sonst so kennt. Er erzählt die Geschichte aus seiner Sicht, wendet sich dabei oft direkt an den Leser, was richtig genial ist. Auch die diversen Fußnoten sind super witzig (und lehrreich). Aufgelockert werden die Kapitel (die übrigens schön kurz sind und jeweils mit einem Reim beginnen) durch einzelne Wörter und Sätze, die durch abweichende Schriftypen und -größen hervorstechen. Auch die vielen schwarz-weiß Zeichnungen tun das ihre dazu (auch wenn mir persönlich deren Stil nicht sooo gut gefällt). Das Cover dagegen, mit den auffälligen Farben, mit Merdyn, Rosie und Pupsie darauf, finde ich ausgesprochen toll. Ein echter Blickfang.

Doch es geht nicht nur rasant, actionreich und lustig zu zwischen den Buchdeckeln. Es stecken auch Botschaften darin und es geht um so wichtige Themen wie Familie, Trauer, Freundschaft, Mobbing und – ganz vorne mit dabei – Selbstbewusstsein.
Die Geschichte spielt im (erfundenen) englischen Bashingford und teils am (echten) Schauplatz Stonehenge. Das Setting hat man Dank der guten Beschreibungen immer vor Augen. Sämtliche Charaktere sind so bildhaft und detailliert aufs Papier gebracht, dass es einfach Spaß macht, mit diesen das Abenteuer mitzuerleben.

Alle kleinen und großen Magie-Fans ab 8 Jahren (nach oben hin offen) können mit Merdyn, Rosie & Co. für einige Stunden in ein irrsinnig witziges Zauberabenteuer eintauchen und finden ganz hinten auf einer Doppelseite sogar noch einen informativen Gräser-Leitfaden. Für mich von A-Z absolut ein empfehlenswertes Buch!

Bewertung vom 25.10.2021
Winterland / Juncker und Kristiansen Bd.1
Faber, Kim;Pedersen, Janni

Winterland / Juncker und Kristiansen Bd.1


ausgezeichnet

Packender Auftakt einer dänischen Krimireihe – ein echter Pageturner

Während Signe Kristiansen in Kopenhagen den verheerenden Bombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt mit 19 Toten untersucht und aufzuklären versucht, wird Junckers als leitender Ermittler im Todesfall „Larsen“ in dem Örtchen Sandsted eingesetzt. Junckers wohnt nach seiner „Strafversetzung“ wieder dort, genauer: in seinem Elternhaus, bei seinem schwer an Demenz erkrankten Vater, mit dem ihm ein zwiespältiges Verhältnis verbindet. Zusammen mit zwei sehr jungen Kollegen (Polizeianwärterin und Polizeischüler) untersucht er eben jenen Mord, sowie eine Vergewaltigung, derer zwei Asylbewerber bezichtigt werden, die ebenfalls in Sandsted im Asylheim leben. So nach und nach kommen einige Dinge ans Tageslicht, die rechte Szene sowie islamistischer Terror sind Teil davon und bald schwant den Ermittlern, dass die Geschehnisse (Mord und Bombenanschlag und irgendwie auch die Vergewaltigung) nicht mehr einzeln betrachtet werden können. Dass sogar der dänische Geheimdienst seine Finger im Spiel zu haben scheint, setzt dem Ganzen die brisante Krone auf.

Ich bin durch die 591 (die restlichen sind eine Leseprobe zu Teil 2) geradezu geflogen. Der fesselnde, sehr gut zu lesende Schreibstil macht es einem leicht, sich in die Geschichte einzufinden. Ganz toll ist dabei die Struktur: die einzelnen Kapitel, die alle nicht so lang sind, wechseln sich ab. Erst wird aus Sicht von Signe erzählt, dann aus Sicht von Juncker. Immer im Wechsel. So erlebt der Leser einerseits die Geschehnisse in der Großstadt Kopenhagen, Signes Ermittlungen und ihre privaten Päckchen, die sie zu tragen hat. Andererseits dann die Mordermittlung Junckers in dem Provinzkaff Sandsted, in dem jeder jeden kennt sowie seine privaten Probleme mit Vater und derzeit getrenntlebender Ehefrau. Der Mix aus sehr interessanter und spannender Ermittlungsarbeit und privaten Anteilen der beiden Hauptcharaktere ist für meinen Geschmack perfekt gelungen. Hinzu kommen die politischen Einflüsse, das aktuelle Zeitgeschehen, beides sehr realitätsnah und brisant. Wie alle Stränge so nach und nach miteinander verwoben werden, ist meisterlich und ich war bis zum Schluss absolut gefesselt. Der Schreibstil mit Sogwirkung, die detaillierten, tiefgründigen Charaktere, der Bezug zur politischen Aktualität, die kriminalistischen Details – all das trug dazu bei, dass ich einen unheimlich packenden dänischen Krimi nicht nur gelesen, sondern erlebt habe. Große Klasse und ich werde diese Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen.

Für alle, die Wert auf realistische, sehr packende Thriller mit politischen Anteilen und fesselndem, unverschnörkeltem Schreibstil legen, ist Winterland absolut zu empfehlen.

Bewertung vom 23.10.2021
Fuchs und ich
Raven, Catherine

Fuchs und ich


weniger gut

Unstrukturiert, verwirrend, langweilig – eher eine persönliche Aufarbeitung als die Geschichte einer Freundschaft zwischen Mensch und Tier

Die Autorin erzählt hier über ihr selbstgewähltes Eremitendasein in der Wildnis von Montana. Sie beschreibt detailliert die dortige Flora und Fauna und ihre Begegnungen mit allen möglichen Wildtieren. Sie schreibt auch von ihren Kursen, die sie an der Uni gibt, von ihrem Familienleben und von ihrem kurzzeitigen Job als Rangerin. Und ja, sie schreibt – wenn auch nur eher am Rande – auch über den Fuchs.

Das Buch ist leider so überhaupt nicht meins. Nicht falsch verstehen: es ist sicher interessant und auch mit gewissem Humor zwischendurch geschrieben und lernen kann man eine Menge über Elstern, Pflanzen, Unkraut, Wühlmäuse, Antoine de Saint-Exupéry und seinen kleinen Prinzen und über andere Autoren/Geschichten. Was mir hier aber absolut fehlt, ist Struktur. Raven springt wild in der Zeit hin und her, erzählt von einem Kurs, den sie gibt und im Zuge dessen von einem sterbenden Kalb während ihrer Ranger-Zeit, um dann auf ihren alten Volvo ohne Rückwärtsgang zu sprechen zu kommen und - wie SEHR oft und dadurch auch echt nervig – ihren heißgeliebten Saint Ex zu zitieren/erwähnen, nur um dann wieder zum Kurs, zum Kalb, zur Uni, zum (wenn man Glück hat) Fuchs, zu Elstern zu gelangen und - in einem derartig ausufernden Monolog - über alle möglichen Pflanzen zu schwadronieren. Ich quäle mich durch das Buch, finde keinen Zugang - weder zur Geschichte noch zur Autorin. Ich hatte wohl eine falsche Erwartung an die Geschichte, dachte ich doch es ginge um "Fuchs und die Autorin". Um ihre Freundschaft zueinander, ums Annähern, ums Kennenlernen, um eine enge Beziehung. Doch bisher habe ich zwar viel über Wildtiere, über Professuren an der Uni, über ihre nicht so sonnige Kindheit und ihr damit verbundenes Eremitenleben erfahren, einige lustige Anekdoten über Elstern und Eidotter und Wühlmäuse gelesen, über Adler, Weißwedelkühe und Ameisenhaufen. Der Fuchs kam mir absolut zu kurz und die Beziehung der beiden zueinander, die ich aufgrund Titel, Cover und Kurzbeschreibung erwartet habe ebenso. Für mich leider eine völlig unstrukturierte Aneinanderreihung von Wildlife-Erlebnissen einer Außenseiterin. Mehr persönliche Aufarbeitung als Geschichte über eine tierische Freundschaft.

Den Schreibstil kann ich leider nur als wirr, zusammenhanglos, strukturlos und langweilig beschreiben.

Vielleicht sind dieses Buch und ich auch nur zur falschen Zeit aufeinandergestoßen. Ich weiß es nicht. Doch es war mir schlicht nicht möglich, es zu Ende zu lesen. Nach etwas mehr als der Hälfte war meine Grenze erreicht. Allein der Gedanke daran, weiterzulesen, hat mir schlechte Laune beschert. Ich breche so gut wie nie ein Buch ab, in meiner über 40 jährigen Lesekarriere kann ich das an einer Hand abzählen. Aber hier war es leider der Fall.

Für die zumindest teilweise interessanten Naturschilderungen und das hübsche Cover gebe ich zwei wohlwollende Sterne.

Bewertung vom 22.10.2021
Tiefschwarze Schuld
Matiszik, Thomas

Tiefschwarze Schuld


sehr gut

Brutal, ungeschminkt und sehr spannend! Toller Reihenauftakt der Lust auf mehr macht

Die Witwe von Chefarzt Mallen glaubt nicht an einen Selbstmord ihres Mannes und engagiert Corinna Dupont, um die Umstände um seinen zweifelhaften Freitod aufzuklären. Sie gräbt auch so einiges aus, kann es aber noch nicht wirklich zusammenfügen. Den jeweiligen Stand ihrer Ermittlungen teilt sie mit ihrem Lebensgefährten, der zu dem Toten private Verbindungen hatte. Hängen die anderen Todesfälle – der Selbstmord des Gerichtsvollziehers und der erweitere Selbstmord des Leiters eines Pflegeheims und der Mord an einer jungen Frau, die im Schlaflabor des Krankenhauses gefunden wurde, zusammen? Und wenn ja, wie? Und was hat ein neu entwickeltes Medikament damit zu tun und ein Kinderhändlerring? Kann Corinna den Fall lösen? War es Mord? Oder doch nur Selbstmord? Und wie steckt ihr ehemaliger Chef, der veilchenpastillenlutschende Jochimsen, da mit drin? Und welches Geheimnis hütet die Krankenschwester Leyla?

Hier werden gekonnt und super fesselnd die verschiedensten Handlungsstränge verwoben, die man anfangs überhaupt nicht in Zusammenhang bringt. Zwischendurch habe ich dann auch mal kurz den Faden verloren, fand ihn aber recht flott wieder. Es gibt diverse Wendungen und Überraschungen und alles in allem handelt es sich um einen ziemlich harten Thriller, der jedoch auch mit einigem Humor gespickt ist. Gerade die Hauptfigur, Corinna Dupont, ist eine recht unorganisierte, aber bodenständige Frau, die weiß, was sie will, die aber auch herrlich normal ist. So spricht sie gern und ausführlich mit ihrem Kater Kalle, trinkt auch mal einen über den Durst, hat finanzielle Sorgen und ein zwiespältiges Verhältnis zu ihren Eltern und gesundheitlich hat sie auch ein paar Probleme, die sie sich aber zunächst nicht eingestehen möchte. Ihre Art, die Fälle anzupacken, ist erfrischend direkt und klar. Sie macht keinen großen Schnickschnack oder redet groß drumherum, sondern geht direkt und unerschrocken in die Vollen.

Ich war teilweise ziemlich entsetzt über die Brutalität. So kommt doch Gewalttätigkeit gegen schutzbefohlene Pflegepersonen vor ebenso wie Kinderhandel und Kindesmissbrauch. Und die Abgebrühtheit der einen oder anderen Figur sowie deren Gleichgültigkeit und Mitleidlosigkeit gegenüber Menschenleben hat mich echt erschreckt. Somit sicher kein Buch für zarte Gemüter. Wer damit zurecht kommt und das abgrenzen kann, wird mit einem wirklich fesselnden, starken Thriller belohnt, der Lust auf mehr macht. Ich bin auf jeden Fall auf die Fortsetzung gespannt.