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Benutzername: 
Dreamworx
Wohnort: 
Berlin

Bewertungen

Insgesamt 1369 Bewertungen
Bewertung vom 04.09.2020
DANCE OR DIE
Westen, Jessika

DANCE OR DIE


ausgezeichnet

Todestanz
Seit 1989 wurde aus der als Demonstration eingetragenen „Love Parade“, die bis 2006 ausschließlich als Techno-Veranstaltung in Berlin stattfand, ein wachsender Event, der Menschen aus aller Welt anzog, um zu harten Beats gemeinsam zu feiern und zu tanzen. Ab 2007 wanderte die Veranstaltung ins Ruhrgebiet ab, wo die 19. Love Parade am 24. Juli 2010 in Duisburg auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände mit 21 Toten und über 650 Verletzten ein sehr grausames jähes Ende fand.
Am Unglückstag war die Journalistin Jessika Westen live vor Ort, um die Stimmung der Veranstaltung einzufangen und der Öffentlichkeit Bericht zu erstatten. Sie hat das Unglück hautnah miterlebt, viele Interviews mit Opfern, Rettungssanitätern, Augenzeugen etc. geführt und legt nun mit ihrem Buch „Dance or Die“ einen Roman vor, der den Leser aus drei unterschiedlichen Perspektiven den Ablauf der Katastrophe regelrecht miterleben lässt. Pragmatisch, aber auch mit viel Empathie und Feingefühl zieht Westen den Leser mit bildhaften Worten in die Geschichte hinein, wo er selbst Teilnehmer dieser bunten und lauten Großveranstaltung wird, die wogende Menschenmenge auf engstem Raum zu spüren bekommt, die aufkommende Panik aufgrund von Platzmangel und schlussendlich das brutale Ende in Form von Toten und Verletzten miterlebt. Die gewählten Perspektiven sind besonders gut ausgewählt, denn der Leser bekommt nicht nur die Sichtweise von Veranstaltungsteilnehmern Katty serviert, sondern erhält ebenfalls Einblick in das der Reporterin Emma sowie des dort eingesetzten Sanitäters René. Der Wechsel zwischen Katty, René und Emma geht so fließend ineinander über, dass die Perspektiven sich übereinanderlegen und sich so ergänzen. Die Autorin handelt in ihrem Buch nicht nur Fakten ab, sondern vermittelt durch ihre Schilderung zum einen, wie groß der Druck und die Belastung für die Rettungskräfte war, zum anderen zeigt sie auf, welche psychischen und physischen Auswirkungen es auf Besucher, Opfer, Familien, Retter hat, die bis heute an den Folgen tragen. Gerade der Empathie und Sensibilität der Autorin ist es zu verdanken, dass der Leser von Beginn an eine Achterbahn der Gefühle durchlebt, die in Beklemmung, Klaustrophobie, Atemnot, erhöhtem Puls, Entsetzen und unendlicher Trauer zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig wächst beim Leser ein ohnmächtiger Zorn ob der Entscheidungen geprägt durch politische und wirtschaftliche Interessen derjenigen, die im Nachhinein jedwede Schuld und Verantwortung von sich weisen.
10 Jahre ist es her, doch Westen hat den Tag erneut lebendig werden lassen, als wäre es gestern gewesen. Mit all den Bildern, Gefühlen und Gedanken, die man am Tag des Geschehens bereits empfunden hat und immer wieder fühlt, wenn man daran denkt. Wie muss es für all jene sein, die an jenem Tag einen geliebten Menschen verloren haben oder Szenen miterlebt haben, die ihnen seither nicht mehr aus dem Kopf gehen? „Dance or Die“ mit seinem farbenfrohen Cover und dem Trauerflor am Leseschnitt ist ein Abbild und ein Mahnmal, damit die Opfer in den Köpfen lebendig bleiben. Absolute Leseempfehlung!

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.09.2020
Eisblumenwinter
Barns, Anne

Eisblumenwinter


ausgezeichnet

"Es gibt Freunde im Leben, und es gibt Freunde fürs Leben." (Anne Barns)
Die drei Schwester Katharina, Pia und Jana wurden von ihrer Großmutter Anni auf Rügen großgezogen, nachdem die Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Nun steht bei jeder von ihnen eine Entscheidung an, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Während Katharina noch nicht weiß, ob sie ihren Freund Miro wirklich heiraten will, stellt Küken Jana ihr Studium in Frage. Pia dagegen ist bisher zwischen Rügen und Juist hin und her gependelt, weil Freund Paul dort ein Restaurant eröffnen will, während sie sich mit ihrer Karamellwerkstatt einen Traum erfüllt hat. Doch momentan ist Sendepause zwischen Paul und ihr, denn Pia will unter keinen Umständen nach Juist ziehen. Wie gut, dass Oma Anni gerade erst erfahren hat, dass deren Tante Hedwig noch am Leben ist und ihr eine Einladung zum 94. Geburtstag zukommen ließ. Die Auszeit mit Anni in deren alter Heimat Schönberg ist genau das Richtige für Pia, um sich über einiges klar zu werden. Die Begegnung mit neuen Verwandten und alten Geschichten aus der Vergangenheit tut ihr Übriges dazu…
Anne Barns lädt den Leser mit „Eisblumenwinter“ ein, erneut ins Haus von Oma Anni einzuziehen, um in der Weihnachtszeit als unsichtbarer Gast die Geschicke der einzelnen Frauen zu begleiten, während ihm aufgrund der Koch- und Backfähigkeiten der Protagonistinnen ständig das Wasser im Mund zusammenläuft. Gefühlvoll und warmherzig lässt die Autorin den Leser nicht nur an den Schicksalen der vier Frauen teilhaben, sondern webt auch eine alte Geschichte aus der Vergangenheit mit ein, bei der Liebende durch Flucht und den Eisernen Vorhang voneinander getrennt wurden, und als Folge neue und liebenswerte Protagonisten ins Licht treten lässt. Mit überraschenden Wendungen und sowie der Offenlegung der Gedanken- und Seelenwelt ihrer Protagonisten vermittelt die Autorin dem Leser das Gefühl, nicht nur dabei zu sein, sondern auch mit dazu zu gehören. Farbenfrohe und bildhafte Beschreibungen öffnen dem Leser zudem das Auge für die wunderschöne Insel Sylt, lassen aber auch den rauen Charme der Nordseeküste lebendig werden, so dass man während der Lektüre einen vorweihnachtlichen knackigen Seeurlaub verbringen darf. Innerhalb der wunderschönen Geschichte darf der Leser sich auch wieder allerhand Kulinarik um die Ohren hauen lassen, deren Rezepte als Schmankerl im Anhang zum Nachmachen einladen.
Die Charaktere sind liebevoll mit menschlichen Ecken und Kanten ausgestattet, die ihnen nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch Authentizität verleihen. In ihrer Mitte fühlt man sich als Leser sofort pudelwohl und aufgehoben, lässt sich von ihrer engen familiären Beziehung regelrecht anstecken. Pia, Katharina, Jana und Anni sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber jede von ihnen trägt das Herz auf der Zunge, ist offen, ehrlich und selbstsicher. Thea und Erika gehören einfach dazu, ob als Freundin oder Annis Schwester, sie geben der Geschichte Schwung und so manches Rätsel auf. Hedwig ist einmalig, etwas spröde, aber nicht auf den Mund gefallen. Sie redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, aber mit 95 Jahren sollte man auch nicht mehr mit Dingen hinter dem Berg halten. Mads, Hanna und der Dänenclan sind einfach liebenswert und geben der Geschichte nicht nur den letzten Pfiff, sondern tragen auch zu dem einen oder anderen Rezept bei.
Mit „Eisblumenwinter“ ist Anne Barns erneut ein richtig schöner Wohlfühlroman gelungen, der den Leser auf Seeurlaub schickt, um mit den Protagonisten nicht nur Probleme zu wälzen, sondern eine alte Familiengeschichte und so manches Geheimnis zu Tage zu fördern. Absolute Leseempfehlung für ein wunderschönes Wohlfühlbuch mit alten Bekannten!

27 von 43 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.08.2020
Kinder ihrer Zeit
Winter, Claire

Kinder ihrer Zeit


ausgezeichnet

Schwestern - ein Band für die Ewigkeit
Rosa flieht 1945 mit ihren 11-jährigen Zwillingstöchtern Emma und Alice vor den Russen aus ihrer Heimat Ostpreußen. Unter unglücklichen Umständen wird Alice von ihrer Mutter und ihrer Schwester getrennt. Rose verzweifelt an dem Verlust der Tochter, einzig Emma hält an dem Gedanken fest, ihre Schwester irgendwann doch wieder in die Arme schließen zu können. In Westberlin bauen sich die zwei Frauen ein neues Leben auf. Zwölf Jahre gehen ins Land, bevor sich die Zwillingsschwestern sich wiedersehen, wobei ihnen beiden deutlich vor Augen steht, wie sehr sie sich doch in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Alice lebt in Ost-Berlin und macht Emma mit dem Physiker Julius Laakmann bekannt, in den sich Emma verliebt. Julius sitzt zwischen zwei Stühlen, denn er wird von der Stasi beobachtet und möchte doch nur zu gern in den Westen. Als Alice auf einmal wie vom Erdboden verschwunden ist und Julius seine Beziehung zu Emma abbricht, fällt Emma in ein tiefes Loch. Doch sie gibt nicht auf und versucht auf eigene Faust, die Menschen, die sie liebt, zu retten, bevor die Grenzen zwischen West und Ost sich für immer schließen…
Romane von Claire Winter sind wie seltene Edelsteine, über die man sich riesig freut, wenn man endlich wieder einen in die Finger bekommt, denn die Autorin besticht nicht nur mit akribischer Hintergrundrecherche und Faktennähe, sondern greift mit ihrem flüssigen, berührenden und atmosphärisch-dichten Erzählstil nach des Lesers Herz und Seele. „Kinder ihrer Zeit“ ist wieder so ein Exemplar, dessen Seiten einem durch die Finger rinnen, während man als Leser mit Rosa, Emma und Alice fiebert zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang kurz vor der Erstellung stand und dann jahrzehntelang als Schandfleck Deutschlands Bevölkerung, Familien und Freunde voneinander trennte. Wunderbar webt Winter ihre fiktive Geschichte von einer getrennten Familie mit den politischen Ereignissen der damaligen Zeit, die das Ende des Krieges sowie die Aufteilung Deutschlands in BRD und DDR thematisiert. Konnten sich die Menschen in der Anfangszeit noch zwischen Ost und West bewegen, kam dies mit dem Mauerbau völlig zum Erliegen. Der Leser hat einen Logenplatz sowohl in West- als auch in Ost-Berlin, um das Schicksal von Emma und Alice hautnah mitzuerleben. Besonders eindrucksvoll sind die Einblicke, die Winter dem Leser über die unterschiedlichsten Methoden der Geheimdienste gewährt. Der KGB sowie die Stasi waren nicht zimperlich, um ihre Forderungen durchzusetzen. Ohne Rücksicht auf Verluste setzen sie Menschen einem immensen Druck aus. Mit wechselnden Perspektiven strickt die Autorin eine Geschichte voll atemloser Spannung, wobei die Schicksale der Protagonisten den Leser weder kalt- noch loslassen.
Die Charaktere sind wunderbar ausgestaltet und mit der Geschichte verankert. Menschliche Eigenschaften sowie ihre Lebendigkeit lassen sie authentisch und glaubwürdig wirken. Zwischen ihnen und dem Leser gibt es von Beginn an eine besondere Nähe, die das Mitfühlen und Mitfiebern selbstverständlich machen. Emma ist ein fürsorglicher und mitfühlender Mensch, dem die Freiheit über alles geht. Dafür geht sie auch große Risiken ein. Alice ist mit einer Ideologie aufgewachsen, die den Klassenfeind verachtet und aus dessen Fängen sie sich nicht befreien kann. Rosa kann sich ihrer Schuldgefühle nicht erwehren und wird immer mehr zu einem Schatten ihrer selbst. Markov vom KGB ist das personifizierte Böse. Sergej ist ein hilfsbereiter und warmherziger Mann. Max ist ein Freigeist, der sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt. Irma war Alice erst eine Freundin, doch zu welchem Preis. Julius hat sich unbewusst in eine schwierige Lage gebracht, die ihm einiges abverlangt.
„Kinder ihrer Zeit“ ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Kleinod: ein brillanter Mix aus gefühlvoller Familiengeschichte, exzellenter Hintergrundrecherche und Politthriller. Besser kann man Geschichte nicht lebendig werden lassen – Prädikat

14 von 15 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.08.2020
Schicksalssterne
Lark, Sarah

Schicksalssterne


gut

Diesmal nur Mittelmaß - leider!
1910 Hannover. Als die jüdische Bankierstochter Mia Gutermann auf den adligen Offizier Julius von Gerstorf trifft, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Aber der Erste Weltkrieg streckt schon seine Fühler aus, so dass das junge Paar mit dem Segen von Mias Vater Jakob nach Neuseeland auswandert, um dort ein Gestüt aufzubauen und Pferde zu züchten. Bald schon haben sich Mia und Julius in ihrer neuen Heimat eingelebt, doch dann bricht der Krieg aus, der auch im fernen Neuseeland seine Fühler ausstreckt und dem unschuldigen Paar zum Verhängnis wird. Der Spionage angeklagt werden Mia und Julius getrennt voneinander interniert, während das Schicksal des Gestüts nun in den Händen der jungen Wilhelmina liegt…
Sarah Lark hat mit „Schicksalssterne“ einen unterhaltsamen historischen Roman vorgelegt, der den Leser ins vergangene Jahrhundert zurückreisen lässt, um Mia und Julius durch eine schicksalsträchtige Zeit zu begleiten. Der eingängige und farbenfrohe Schreibstil führt den Leser vom biederen Hannover ins abenteuerliche Neuseeland, wo die Protagonisten sich alsbald eine Lebensgrundlage aufbauen. Die sehr ausführlichen Informationen über Pferde und alles, was mit ihnen zu tun hat, lassen die Geschichte phasenweise sehr langatmig werden und lenkt immer wieder von der eigentlichen Haupthandlung ab. Ebenso kam die Reise von Deutschland nach Neuseeland etwas zu kurz, denn solch eine Überfahrt war zur damaligen Zeit doch etwas Besonderes und nicht ganz ungefährlich. Die Autorin ist bekannt durch ihre Romane vor exotischer Kulisse, allerdings lässt sie diesmal eine intensivere Beschreibung des Handlungsortes nebst kulturellem Hintergrund und Lokalkolorit vermissen. Glaubhaft dargestellt sind dagegen die Anfeindungen, denen sich Deutsche im Ausland damals gegenüber sahen. Mit einigen Wendungen versucht die Autorin, die Spannung zu steigern, doch insgesamt plätschert die Geschichte mehr oder weniger vor sich hin, lässt sich zwar gut weglesen, besitzt jedoch kaum wirkliche Höhen.
Die Charaktere sind sehr unterschiedlich angelegt, während einige sehr detailliert und greifbar überzeugen können, wird bei anderen nur an der Schale gekratzt. Der Leser steht als Beobachtungsposten am Rand, denn wirkliche Nähe will leider nicht aufkommen. Mia ist zwar manchmal etwas naiv, strahlt aber einen Optimismus und eine Kraft aus, die man ihr gar nicht zutrauen würde. Sie stellt sich den Herausforderungen und gewinnt dadurch an Stärke und Mut. Julius wirkt dagegen völlig blass, schwächlich und aalglatt. Er ist zwar ein angenehmer Zeitgenosse, doch wirkt er oftmals wie ein Drückeberger. Er möchte immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen, was im normalen Leben aber nicht funktioniert. Julius hätte einige Ecken und Kanten vertragen können. Wilhelmine ist eine Kämpfernatur, die ohne Rücksicht auf Verluste auf ihre Ziele hinarbeitet. Dieser Egoismus gepaart mit Hinterhältigkeit lässt sie nicht gerade zum Leserliebling avancieren.
„Schicksalssterne“ ist ein unterhaltsamer historischer Roman, der sich gut für zwischendurch eignet, wenn man keine großen Ansprüche stellt und zudem zu den Pferdeverrückten gehört, die jede Info darüber wie einen Schwamm aussaugen. Diesmal kann die Autorin nicht überzeugen, Nicht das beste Buch, allenfalls unterer Durchschnitt – eingeschränkte Leseempfehlung!

4 von 6 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.08.2020
Schicksalhafte Zeiten / Hebammen-Saga Bd.3
Winterberg, Linda

Schicksalhafte Zeiten / Hebammen-Saga Bd.3


ausgezeichnet

Jedes Leben ist ein Geschenk
1942 Berlin. Während der Zweite Weltkrieg die Bevölkerung durch die Hölle jagt, kämpft Luise als Hebamme in der Neuköllner Klinik um jedes der Neugeborenen. Ihren Status als Oberhebamme hat sie verloren, weil sie um keinen Preis in die NSDAP eintreten wollte. Zusätzlich kümmert sie sich um die Kinder der Zwangsarbeiterinnen, die als minderwertig eingestuft werden und deshalb weniger Betreuung erhalten. Margot hat die Klinik verlassen, weil die Zwangssterilisationen sie sehr belastet haben. Als freie Hebamme in einem Frauengefängnis behandelt sie die Insassinnen, die schon bald von ihren Babys getrennt werden, um dem Tod entgegenzugehen, weil sie sich gegenüber der Partei kritisch geäußert haben. Margot versucht alles, um den Frauen zu helfen und bringt sich in eine gefährliche Lage. Edith hat es mit ihrem Ehemann gerade noch rechtzeitig geschafft, in die Schweiz zu gehen, bevor die Nazi-Häscher sie als Jüdin in ihre schmutzigen Finger bekommen. Die Distanz zwischen den Freundinnen wird derweil mit einem regen Briefverkehr überbrückt immer mit der Hoffnung verbunden, doch bald wieder miteinander vereint zu sein…
Linda Winterberg hat mit „Schicksalhafte Zeiten“ den dritten Teil ihrer historischen Hebammen-Saga vorgelegt, der den Zweiten Weltkrieg und die Machenschaften der Nazis sehr lebendig in das Gedächtnis des Lesers rückt. Mit flüssigem, bildhaften und atmosphärisch-dichtem Erzählstil fesselt die Autorin den Leser an die Seiten, lässt ihn abtauchen ins vergangene Jahrhundert, um dort an der Seite von Luise, Margot und deren Freundin Christa mitzuerleben, mit welchen Schicksalen sie konfrontiert waren und unter welchen Arbeitsbedingungen sie ihren Beruf bzw. ihre Berufung ausübten. Empathisch, aber auch pragmatisch vermittelt die Autorin die grausamen, unmenschlichen Gesetze der Nazis, die es erlaubten, dass Frauen zur Abtreibung oder Sterilisation gezwungen wurden oder Föten aus dem Mutterleib geschnitten wurden. Meinungsfreiheit bedeutete oftmals den Tod, denn Andersdenkende sahen die Nazis als Gegner an, der ausgemerzt werden musste. Geburtshilfe fand in Bunkern oder Luftschutzkellen statt, während immer das Damoklesschwert über den Hebammen schwang, nicht im Sinne der Nazis gehandelt zu haben, dabei entdeckt und denunziert zu werden. Die eingeschobenen Briefe von Edith sind geschickt gewählt, so bleibt der Leser über den Werdegang aller Freundinnen auf dem Laufenden. Die Verknüpfung von historischem Hintergrund gepaart mit fundierter Recherche und fiktiver Geschichte ist hier wieder einmal hervorragend gelungen.
Die Charaktere sind eindrucksvoll in Szene gesetzt, wirken mit ihren menschlichen Eigenschaften nicht nur lebendig und glaubwürdig, sondern vor allem authentisch. Der Leser findet sich schnell wieder im Kreis liebgewonnener Frauen, mit denen er nicht nur durch ein wahres Gefühlsbarometer läuft, sondern Höhen und Tiefen teilt, hofft, bangt und fiebert. Luise ist ob ihrer Gradlinigkeit nur zu bewundern. Ihre Hilfsbereitschaft und Engagement verdient den größten Respekt, zumal sie immer das Wohl der anderen ohne Blick auf den sozialen oder religiösen Hintergrund im Sinn hat. Margot, die bisher immer sehr kämpferisch rüberkam, wirkt in diesem Band etwas sensibler. Doch auch sie hilft ohne Rücksicht auf Verluste, selbst wenn sie sich selbst Gefahren aussetzen muss. Christa ist ebenfalls eine zupackende Frau, der das Wohl ihrer Patienten am Herzen liegt. Aber auch Edith, Johanna, Elise und weitere Protagonisten leisten ihren Beitrag in dieser wohldurchdachten Geschichte.
„Schicksalhafte Zeiten“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung aus dem Leben der Freundinnen, die man liebgewonnen hat und gern weiterhin begleitet, um an ihrem Schicksal teilzuhaben. Akribische Recherche und sehr informative Einblicke gepaart mit einer fesselnden, gefühlvollen Handlung lassen den Leser an den Seiten kleben. Absolute Leseempfehlung!

6 von 6 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.08.2020
Das Bild der Vergangenheit
Walker, Noa C.

Das Bild der Vergangenheit


ausgezeichnet

Wenn die Vergangenheit noch immer präsent ist...
20 Jahre ist es her, seit Lanas Freundin Klara-Isabell bei einem gemeinsamen Ausflug auf mysteriöse Weise verschwand. Seither hat die 29-jährige Kunsttherapeutin Lana außer ihrer Familie niemanden mehr näher an sich herangelassen, zu sehr liegt ihr der Verlust der Freundin noch auf der Seele. Als Lana eines Abends nach der Eröffnung ihrer eigenen Gemäldeausstellung von zwei vermummten Fremden angegriffen wird und verschleppt werden soll, kann sie sich in letzter Minute durch Selbstverteidigung retten. Lana meldet den Angriff der Polizei, was sofort einige ihrer Brüder auf den Plan ruft, die fürs BKA arbeiten. Kaum ist Lana vor ihrem einsam gelegenen Strandhaus angekommen, steht ein Amerikaner vor ihr, der sich als Connor Landauer vorstellt und sie des Kunstdiebstahls und -schmuggels beschuldigt. Als erneut Angriffe nicht nur auf Lana, sondern auch auf Connors Stiefschwester Carly stattfinden, die in letzter Minute vereitelt werden können, bestehen Lanas Geschwister darauf, sie in Sicherheit zu bringen, wobei auch Connor seine Hilfe anbietet, der bereits sein Herz an Lana verloren hat. Sämtliche Kontakte Lanas werden durchleuchtet, doch was hat es mit Lanas angeblicher Kunstschmuggelei auf sich? Immer mehr führen die Spuren in die Vergangenheit…
Noa C. Walker hat mit „Das Bild der Vergangenheit“ einen neuen packenden Roman um die Wieland-Familie vorgelegt, der den Leser von der ersten Seite nicht nur durch eine spannungsgeladene Geschichte, sondern auch mit gefühlvollen Passagen und dem tollen Familienzusammenhalt der Wielands zu fesseln weiß. Der flüssige, bildhafte und emotionale Erzählstil schleust den Leser mit wenigen Worten an die Seite von Lana, wo er ihr als unsichtbarer Schatten auf Schritt und Tritt folgt, wobei ihm nicht nur deren Gedankenwelt wie ein offenes Buch präsentiert wird, sondern ihn auch durch eine Achterbahn der Gefühle jagt. Der farbenfrohe Schreibstil der Autorin lässt vor dem inneren Auge des Lesers die Handlung wie einen Kinofilm ablaufen, schon mit dem ersten Kapitel wird der Puls auf Hochtouren gejagt, was auf sehr gut angelegten Spannungsbogen zurückzuführen ist. Wechselnde Perspektiven, die auch den Täter miteinbeziehen, puschen die Spannungskurve immer weiter nach oben. Der enge Zusammenhalt der Familie Wieland wird in diesem Roman erneut sehr deutlich, jeder steht für den anderen ein, niemand wird mit seinen Sorgen allein gelassen, wobei sie sich spielerisch und mit viel Humor gegenseitig liebevoll necken. Dem Leser selbst wäre so viel Einmischung bis in die privatesten Details fast schon zu viel, doch in Anbetracht der einzelnen Schicksalsschläge ist die Fürsorglichkeit gut nachvollziehbar. Kriminalistische Elemente sind hier mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte wunderbar miteinander verwoben.
Die Charaktere sind liebevoll ausgestaltet und in Szene gesetzt. Mit ihren menschlichen Eigenschaften wirken sie lebendig und authentisch. Der Leser findet sich von Beginn an in der Mitte von alten Freunden wieder, hofft, bangt und fühlt mit ihnen. Lana ist eine selbstbewusste und schlagkräftige Frau, die niemanden außer ihrer Familie an sich herankommen lässt, zu sehr hat die Vergangenheit Spuren auf ihrer Seele hinterlassen und sie zusätzlich Schuldgefühle plagen. Connor ist ein selbstsicherer, offener Mann mit großem Beschützerinstinkt. Aber auch die Wielands sind nicht ohne, sei es T, Lars, Jonas, Thomas oder Timo. Zusätzlich spielen Peter und Klara-Isabells Familie nicht unerhebliche Rollen in der Geschichte.
Mit „Das Bild der Vergangenheit“ schreibt sich Walker einmal mehr ins Herz des Lesers, denn sie versteht es auf wunderbare Weise, abenteuerliche Spannung und emotionale Liebesgeschichte miteinander zu verbinden. Das gut konzipiertes Handlungskonstrukt sowie der Wechsel zwischen Dramatik, humorvollen, schlagfertigen Dialogen und gefühlvollen Momenten ist unwiderstehlich und lässt den Leser an den Seiten kleben. Absolute Leseempfehlung!!

7 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.08.2020
Hill House - Der Wind in den Lilien
Bell, Annis

Hill House - Der Wind in den Lilien


ausgezeichnet

Agent Marigold
1917 Frankreich. Während der Krieg Europa fest im Griff hat und ihre Freundinnen Rose Mandeville und Alice Buxton mit ihren Familien in England weilen, versorgt Vera Lyttleton offiziell als Krankenschwester Kriegsversehrte in einem Lazarett in Nordfrankreich. Doch insgeheim ist Vera auch für den englischen Geheimdienst aktiv und sammelt Informationen. Ihr Herz schlägt doppelt so schnell, wenn der schottische Arzt Frederick Redmond in der Nähe ist, der gleichzeitig ihr Vorgesetzter beim Geheimdienst ist und für den ihr Herz Sturm schlägt. Für einen gefährlichen Geheimdienstauftrag muss Vera nach Lille reisen, wo sie sich gegen die deutschen Besatzer behaupten muss. Als Vera erfährt, dass Redmond bei einem Angriff getötet wurde, fällt sie wegen des Verlusts ihrer großen Liebe in ein tiefes Loch. Sie hofft, sich in einer kenianischen Missionsstation mit medizinischen Tätigkeiten ablenken zu können. Ob Vera sich von dem Schlag erholen und wieder glücklich sein wird?
Das Autorenduo Annis Bell hat mit „Wind in den Lilien“ einen spannungsgeladenen und unterhaltsamen Abschlussband ihrer historischen Hill House-Trilogie vorgelegt, der den Leser wieder von Beginn an zu fesseln weiß. Mit flüssigem, packendem und bildhaftem Erzählstil wird der Leser schnell ins damalige Jahrhundert gebeamt, um sich an der Seite von Vera wiederzufinden, während das Kopfkino anspringt. Diesmal wurden Frankreich sowie Kenia als Handlungsorte gewählt und geben dem Leser mit den Schilderungen nicht nur einen guten Einblick in die jeweiligen Örtlichkeiten, sondern zeigen auch die Diskrepanz zwischen den Ländern auf, die sich nicht nur gesellschaftlich, sondern auch landschaftlich sehr voneinander unterscheiden. Tiefgründig lässt die Autorin den Leser an der Doppelbelastung Veras teilhaben, denn das Jonglieren zwischen Krankenpflege und Dienst am Vaterland als Agentin „Marigold“ gehen auch an Vera nicht spurlos vorüber, rufen dabei aufgrund ihres Mutes und ihrer Einsatzbereitschaft nicht nur jede Menge Respekt beim Leser hervor, sondern lassen ihn auch tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineintauchen. Der historische Hintergrund wurde sehr gut recherchiert und mit der Handlung verknüpft. Der Spannungsbogen ist von Beginn an hoch angelegt und steigert sich im Verlauf der Geschichte immer weiter in die Höhe, so dass der Leser das Buch kaum aus der Hand legen kann.
Liebevoll ausgestaltete und in Szene gesetzte Charaktere überzeugen mit ihren menschlichen Ecken und Kanten, was sie authentisch und lebendig wirken lässt. Der Leser heftet sich lautlos in das Geschehen ein und fiebert mit den Protagonisten mit. Vera hat sich zu einer selbstbewussten und mutigen Frau gemausert, die sich nicht nur dem Dienst am Vaterland verschrieben hat, sondern auch ihre Aufgabe als Krankenschwester ernst nimmt. Sie ist warmherzig und mitfühlend, beweist aber auch Stärke und Kampfgeist. Redmond ist ein Mediziner mit Herzblut, der ebenfalls einen Spagat hinlegt. Trevor Ingram ist ein zurückhaltender Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der dem Leser schnell ans Herz wächst. Aber auch Mary McGregor, die Portmans, Jodie Green und weitere altbekannte Gesichter bereichern die Geschichte und machen dem Leser den Abschied schwer.
Mit „Wind in den Lilien“ geht eine furiose Trilogie seinem Ende entgegen. Der Roman vereint Freundschaft, Liebe, Schicksalsschläge, Kriegsgeschehen und Abenteuer in sich, was für den Leser eine unwiderstehliche Mischung bedeutet und ihn am Buch kleben lässt. Absolute Leseempfehlung für einen Pageturner!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.08.2020
Wer nicht liebt, der nicht gewinnt / Mischief Bay Bd.3
Mallery, Susan

Wer nicht liebt, der nicht gewinnt / Mischief Bay Bd.3


sehr gut

Gute Freunde helfen dir Dinge wieder zu finden, wenn du sie verloren hast
Im beschaulichen Küstenort Cedar Cove leidet Zoe darunter, dass ihre engste Freundin Jen kaum noch Zeit für sie hat. Aber die frischgebackene Mutter muss Jen sich selbst erst einmal in ihrer neuen Rolle zurechtfinden und ihr Söhnchen Jack gebührend anbeten, sehr zum Leidwesen ihres Umfelds, neigt sie doch zur Übervorsichtigkeit. In ihrer Einsamkeit wendet sich Zoe an Jens Mutter Pam, um sich nach der Trennung von ihrem Freund Chad mal auszusprechen und eine neue Sichtweise auf ihr Leben zu erhalten. Pam sieht die Chance, Zoe mit ihrem Sohn Steven zu verkuppeln, während sie selbst bald mit Zoes Vater Miguel ein Herz und eine Seele ist. Diese Verwicklungen führen zu einigen Komplikationen…
Susan Mallery hat mit „Wer nicht liebt, der nicht gewinnt“ den dritten Teil ihrer Mischief Bay-Serie vorgelegt, der den Leser auch diesmal wieder an jeder Menge turbulenter Verwicklungen und Liebesreigen teilhaben lässt. Der locker-leichte, humorige und gefühlvolle Erzählstil lädt den Leser dazu ein, sich schnell in dem malerischen Küstenort Cedar Cove einzufinden, sich unter die Bewohner zu mischen und sich vor allem Zoe an die Fersen zu heften. Mit geübtem stilsicherem Blick bringt die Autorin so manchen Thema tiefgründig aufs Tablett: da geht es um Einsamkeit, Neuanfang, eine Übermutter sowie die typischen Alltagsprobleme, die gelöst werden wollen. Die unterschiedlichen Perspektiven von Jen, Zoe und Pam sind sehr schön herausgearbeitet, so dass es dem Leser leicht fällt, der Gedanken- und Gefühlswelt jeder einzelnen Protagonistin zu folgen und die Herausforderungen zu erkennen, der jede einzelne von ihnen sich gegenüber sieht. Unterhaltsame, teils humorvolle Dialoge lassen den Leser durch die Seiten fliegen, während sich vor seinem inneren Auge ein regelrechter Film abspult. Komplikationen, Verwicklungen sowie ungeahnte Wendungen machen die Geschichte abwechslungsreich und kurzweilig, zeigt es doch, dass das Leben eben nicht planbar ist, sondern immer neue Herausforderungen an einen stellt und wie schön es ist, gute Freunde an seiner Seite zu haben.
Die Charaktere sind liebevoll inszeniert, wirken lebendig, glaubwürdig und realistisch, so dass der Leser sich als Teil von ihnen fühlt, mit ihnen hofft, bangt und fiebert. Durch die Trennung von ihrem Freund fühlt sich Zoe sehr einsam und verlassen. Sie hat noch keine Ahnung, wie es mit ihr weitergehen soll. Zoe trägt aber auch Zuversicht in sich, die ihr die Tür für einen Neustart öffnet. Pam ist ein herzensguter Mensch, der für alle da ist. Dabei leidet sie innerlich, muss sich eingestehen, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen muss, um wieder offen für Neues zu sein. Steven ist ein Arbeitstier, der endlich mal wieder leben und auch die Liebe in sein Herz lassen muss. Jen ist ein Kontrollfreak und eine Übermutter, die immer krank vor Sorge ist und dabei die Schönheiten des Lebens nicht mehr sieht. Aber auch Lulu und Miguel spielen wichtige Rollen in dieser Geschichte.
„Wer nicht liebt, der nicht gewinnt“ ist ein Roman voller Freundschaft, Zweifel, Liebe und neue Chancen. Sehr unterhaltsam und mitreißend verpackt für schöne gefühlvolle Lesemomente. Verdiente Leseempfehlung!

3 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.08.2020
Die englische Gärtnerin - Weißer Jasmin / Die Gärtnerin von Kew Gardens Bd.3
Sahler, Martina

Die englische Gärtnerin - Weißer Jasmin / Die Gärtnerin von Kew Gardens Bd.3


sehr gut

Charlotte kämpft weiter...
1929 England. Der prächtige Garten von Summerlight House ist Dank Charlotte Windley-Brombergs Talent als Rosenzüchterin und Botanikerin ein richtiges Schmuckstück, dessen Bekanntheitsgrad immer größere Kreise zieht. Als Victor aufgrund der Wirtschaftskrise gezwungen ist, seine Fabrik zu schließen und der bisher nicht zu ermittelnde Erbe von Summerlight House plötzlich vor der Tür steht und darauf pocht, dass der Besitz ihm gehört, steht den Brombergs das Wasser bis zum Hals. Sie sind gezwungen das Anwesen zu verlassen. Noch bevor es soweit ist, stirbt Victor an den Folgen eines Herzinfarkts, die Sorgen sind ihm über den Kopf gewachsen. Charlotte geht mit ihrem Töchterchen Eliza Rose nach London und hofft dort darauf, noch einmal neu anfangen zu können. Vielleicht erneut in Kew Gardens?
Martina Sahler hat mit „Weißer Jasmin“ den letzten Band ihrer Gärtnerinnen-Trilogie um die Botanikerin Charlotte vorgelegt, der noch einmal mit einigen spannenden schicksalhaften Wendungen aufwarten kann. Der flüssig-leichte, gefühlvolle und farbenfrohe Schreibstil lässt den Leser ein letztes Mal gedanklich knapp 100 Jahre in der Zeit zurückreisen, um das Schicksal von Charlotte und ihren Lieben zu begleiten. Durch die bildhaften Beschreibungen entsteht nicht nur der wunderschöne Garten von Summerlight House vor dem inneren Auge des Lesers, sondern erweckt auch Charlotte zum Leben, die einigen harten Zeiten entgegen sieht. Als Leser erlebt man das Wechselbad ihrer Gefühle hautnah mit, während sie einerseits ihren Ehemann Victor als ihre größte Stütze verliert, sie aber auch ihren Traum von Summerlight House begraben und den Verlust von Gärtner Quinn als engen Freund verkraften muss. Die Autorin schickt nicht nur ihre Protagonistin Charlotte auf eine Achterbahn der Gefühle, sondern gleichzeitig auch den Leser, heißt es doch von vielen geliebten Dingen und Menschen Abschied zu nehmen und einer unbekannten Zukunft ins Auge zu blicken. Mit überraschenden Wendungen gelingt es Sahler, die Spannung innerhalb ihrer Geschichte gut zu steigern und ihr so zusätzlich Dramatik zu verleihen. Das Rollenbild der Frau zur damaligen Zeit wird erneut sehr gut transportiert, zeigt es doch erneut auf, wie wenig man auf deren Bedürfnisse Rücksicht nahm und wie wenig Rechte sie gehabt haben. Überhaupt ist der historische Hintergrund sehr gut mit der Handlung verknüpft.
Die Charaktere wurden von der Autorin glaubwürdig weiter entwickelt. Mit ihren Ecken und Kanten versprühen sie neben Lebendigkeit auch Authentizität, was es dem Leser sehr leicht macht, sie und ihr Schicksal zu verfolgen und sich ihnen verbunden zu fühlen. Charlotte ist eine echte Kämpfernatur, die sich trotz widriger Umstände immer wieder mutig voran wagt. Tochter Eliza Rose verleiht ihr die nötige Stärke, nach vorne zu schauen und nicht aufzugeben. Victor trägt seine Frau auf Händen und liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab, doch lässt er sie unverschuldet in den schlimmsten Momenten allein auf sich gestellt. Ebenso spielen Quinn, Laetitia, Eliza Rose und andere wichtige Rollen in dieser Geschichte und machen die Handlung abwechslungsreich und unterhaltsam.
„Weißer Jasmin“ rundet die historische Gärtnerinnen-Trilogie wunderbar ab. Überraschende Wendungen und einige Schicksalsschläge halten den Leser in Atem, in dessen Kopf beim Lesen ein schöner Film abläuft. Verdiente Leseempfehlung für kurzweilige Lesestunden.

4 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.08.2020
So weit die Störche ziehen / Die Gutsherrin-Saga Bd.1
Graw, Theresia

So weit die Störche ziehen / Die Gutsherrin-Saga Bd.1


ausgezeichnet

"Gibt's kein höheres Übel doch als den Verlust der Heimat." (Euripides)
1939. im beschaulichen Ostpreußen auf dem Land ist 16-jährige Dora Twardy auf dem Pferdegestüt ihrer Eltern wohlbehütet und weit weg vom Kriegsgeschehen, dass sich immer mehr über ganz Europa ausbreitet. Zum ersten Mal ist sie verliebt und gönnt sich ein besonderes Kleid, um bei einer Hochzeitsgesellschaft herauszustechen und das Herz ihrer heimlichen Liebe Wilhelm von Lengendorff zu erobern. Aber dann verändert sich die Welt von einem auf den anderen Moment, denn die Deutschen haben sich die Eroberung Polens auf die Fahne geschrieben und marschieren in Doras Heimat ein. Ihr Vater, Bruder Hans und auch Wilhelm werden an die Front geschickt, während das Schicksal des Gutshofes in Doras Hände gelegt wird. Dort ist vom Kriegsgeschehen noch nicht viel zu spüren, aber Dora hat alle Hände voll zu tun, als die ersten Zwangsarbeiter das Gut erreichen und ihre geliebten Pferde für den Krieg beschlagnahmt werden. Der Krieg kommt immer näher und zwingt die Familie bald zur Flucht…
Theresia Graw hat mit „So weit die Störche ziehen“ einen wunderschönen fesselnden historischen Roman vorgelegt, in dem sie große Teile der eigenen Familiengeschichte mit fiktiven Elementen verbindet. Der flüssig-leichte, bildhafte und gefühlvolle Erzählstil packt den Leser vom ersten Moment an, zieht ihn in die Handlung hinein und schickt ihn auf Zeitreise, um das Leben von Dora und ihrer Familie hautnah miterleben zu können. Lässt die Autorin den Leser zuerst noch eine ländliche Idylle im malerischen Ostpreußen erleben, wo die Dorfgemeinschaft zusammenhält und eine Landhochzeit ein gesellschaftliches Ereignis darstellt, kündigt sich unterschwellig schon die drohende Gefahr durch den Krieg an, der dann mit aller Macht über alle hereinbricht und ihnen die Liebsten nimmt, um sie an die Front zu schicken. Das tägliche Leben auf dem Gestüt geht zwar normal weiter, liegt allerdings jetzt in den Händen einer jungen Frau, die erst in diese Aufgabe hineinwachsen muss, wurde sie doch bisher eher verwöhnt als zur Verantwortung herangezogen. Lebendig schildert die Autorin nicht nur das Leben und die Arbeit auf dem Hof, sondern auch das Kriegsgeschehen brennt sich in die Netzhaut des Lesers während der Lektüre, immer mit dem Gedanken, dass wahrhaftige Schicksale hinter dieser Geschichte stehen. Der Spannungsbogen wird zuerst gemächlich angelegt, steigert sich dann aber während der Handlung immer weiter in die Höhe und lässt den Leser eine wahre Gefühlsachterbahn durchlaufen.
Die Charaktere sind sehr liebevoll inszeniert und sprühen vor Leben, so dass man das Gefühl hat, sie leibhaftig an der Seite zu haben. Sie überzeugen mit realistischen Eigenschaften und Handlungsweisen, die den Leser mit ihnen leiden, bangen, hoffen und fiebern lassen. Dora zeigt sich zuerst von ihrer verwöhnten, lebenslustigen, aber auch naiven Seite, doch muss sie schnell erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Doch sie nimmt die Herausforderung an und stellt sich mutig und entschlossen allen Widrigkeiten. Wilhelm ist ein zurückhaltender und sanftmütiger Mann, der Doras Herz schnell erobert hat. Curt von Thorau ist ein Lebenskünstler und Abenteurer, der sich für ein gutes Foto in Gefahr begibt. Aber auch Doras Mutter Vera, Philippe, Kinderfrau Erna oder der Offizier Michail machen die Handlung mit ihren Auftritten spannend und abwechslungsreich.
„So weit die Störche ziehen“ ist eine fesselnde, berührende und wunderbar in Worte verpackte Geschichte über die Familie, die heimischen Wurzeln, die Liebe und den Krieg mit all seinem Schrecken. Absolute Leseempfehlung für ein echtes Lesehighlight – Chapeau – besser geht es nicht!!!

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