Der italienische Literaturnobelpreisträger (1934) Luigi Pirandello (1867-1936) gehörte zu den bedeutendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Aber auch mit Novellen und Kurzgeschichten erreichte er ein breites Lesepublikum. So verfolgte er mit „Novellen für ein Jahr“ ein ehrgeiziges Vorhaben, er
wollte genau 365 Erzähltexte, für jeden Tag des Jahres, schreiben. Am Ende sind es rund 250 Texte…mehrDer italienische Literaturnobelpreisträger (1934) Luigi Pirandello (1867-1936) gehörte zu den bedeutendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Aber auch mit Novellen und Kurzgeschichten erreichte er ein breites Lesepublikum. So verfolgte er mit „Novellen für ein Jahr“ ein ehrgeiziges Vorhaben, er wollte genau 365 Erzähltexte, für jeden Tag des Jahres, schreiben. Am Ende sind es rund 250 Texte geworden, die zunächst in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden und dann von 1922 bis 1937 in insgesamt 15 Bänden erschienen.
Der vorliegende schmale Manesse-Band versammelt zehn novellistische Kostproben von Luigi Pirandello, die dem Leser ein Kaleidoskop von Charaktertypen präsentieren. Die Protagonisten sind ganz gewöhnliche Menschen, die dem Alltag entfliehen wollen. In der Auftakt- und Titelgeschichte „Angst vor dem Glück“ (1911) begegnet uns z.B. Bibliotheksangestellte Fabio Feroni. Der Junggeselle sucht seit langem eine Frau, doch er hat Angst vor dem Glück - genau wie seine kleine Schildkröte daheim, die sich seit Jahr und Tag bemüht, von der Terrasse ins Speisezimmer zu gelangen. Wenn er sie dabei unterstützt und eine Stufe hochhebt, tritt sie jedoch den Rückzug an.
In „Der Lebensretter“ (1902/1919) ist es der armselige Sizilianer Bruno Celesia, der, von seiner Frau verlassen, in einer Gewitternacht zum Helden wird und den Liebhaber seiner Frau aus Seenot rettet. Ja, so spielt das Schicksal: der arme Teufel bekommt auch noch das Siegel des Spottes angeheftet. In „Papierene Welt“ (1909) entführt Pirandello uns in die Welt der Bücher, wo wir den Bibliomanen Valeriano Balicci kennenlernen, dem der Augenarzt eigentlich jegliche Lektüre verboten hat, will er nicht sein Augenlicht verlieren.
„Berecche und der Krieg“ (1915) ist mit knapp 90 Seiten die längste Geschichte der Auswahl. Sie spielt im Ersten Weltkrieg und beschreibt die italienische Sichtweise darauf. Pirandello erzählt von einem besorgten Vater, der um seinen Sohn besorgt ist und am liebsten statt seiner selbst zu den Waffen greifen würde.
Pirandello erweist sich in den Novellen nicht nur als Meister der kurzen literarischen Form sondern auch als exzellenter Beobachter der menschlichen Schwächen und Träume. Immer wieder überrascht er dabei mit Humor oder mit einem plötzlichen Umkippen von der realen Welt in surreale Situationen. Der Auswahlband ist ein guter Einstieg in den vielschichtigen Erzähl-Kosmos von Luigi Pirandello.