Blanca ist 40, attraktiv, beliebt, hat zwei Kinder von zwei Ex-Ehemännern, die nach wie vor in ihrem Leben mehr oder minder präsent sind. Ihre Mutter ist vor Kurzem gestorben. Blanca nimmt ihre Familie und Freunde mit und fährt nach Cadaqués zu ihrem Sommerhaus.
Es ist ein langer Abschied, dessen
Bilder und Szenen, wenn man hinter die Kulissen blicken mag, einige Fragen aufwerfen: Ist es evtl.…mehrBlanca ist 40, attraktiv, beliebt, hat zwei Kinder von zwei Ex-Ehemännern, die nach wie vor in ihrem Leben mehr oder minder präsent sind. Ihre Mutter ist vor Kurzem gestorben. Blanca nimmt ihre Familie und Freunde mit und fährt nach Cadaqués zu ihrem Sommerhaus.
Es ist ein langer Abschied, dessen Bilder und Szenen, wenn man hinter die Kulissen blicken mag, einige Fragen aufwerfen: Ist es evtl. ein Abschied nicht nur von der geliebten Mutter und den Menschen, der Blancas Leben maßgeblich seit Kindheit beeinflusst hat? Ist es womöglich auch ein Abschied von sich selbst, von dem Teil, der dank und aus Trotz zur Meinung der Mutter Blanca durchs Leben getragen hat? Ist es eher so, dass die 40-Jährige nun dasteht, Großteil ihres Selbst nicht mehr da, und zu verstehen sucht, was ihr geblieben ist, und was sie damit anfangen soll? Versucht sie durch Alkohol, Sex und gelegentliche Joints ihre innere Leere zu füllen, den Schmerz zu stillen, den Kummer kleinzuhalten? Die Mutter hatte eine starke, bestimmende Persönlichkeit. Ist es deshalb so, dass Blanca unter Mutters Regie sich selbst hat nicht ausreichend kennenlernen können, daher weiß sie nicht so genau, wer sie eigentlich ist, was ihr im Leben wirklich wichtig wäre und was sie eigentlich erreichen will?
Milena Busquets zeigt Blanca , ihre Männer, ihre Freundinnen und somit einen Teil der Gesellschaft, der, sofern etwas Geld da ist und keine akute Notwendigkeit, dies schwer verdienen zu müssen, in Drogen, Alkohol und Sex flüchtet, statt sich Ziele zu setzen und daran zu arbeiten, diese auch zu erreichen, i.e. ihr Leben stellt im Wesentlichen eine Flucht vom erfüllten und erfüllenden Leben dar. Und hier taucht die nächste Frage auf: was heißt denn Leben für diese Menschen? Insofern steckt hier ggf. indirekte Gesellschaftskritik: Menschen in der Mitte des Lebens und voller Kraft finden keine Verwendung dafür. Sie sehen, dass sie in der Gesellschaft keine Rolle spielen (können), und verschwenden ihre Zeit und ihre Kraft an Drogenkonsum oder exzessives Sporttreiben. Der Autorin ist es hoch anzurechnen, dass sie es schafft, durchs Schildern der scheinbar belanglosen Bilder, bei denen es ums gute Miteinander, Tagesfahrten mit den Kindern auf dem Boot, Freundschaften und Liebschaften an lauen Sommerabenden am Meer beim Glas Weißwein geht, vor allem existentielle Fragen hervorzurufen.
Der Schreibstil ist einmalig: leicht und fließend, aber mit so einer Ausdrucksstärke, die alles lebendig und nah wirken lässt. Es ist, als ob Blanca eine alte Freundin wäre, die man wieder nach Jahren getroffen hat, und sie einem nun ihre Geschichte erzählt. Je länger man dabei ist, desto mehr fühlt man sich als Teil ihrer Gemeinschaft.
Philosophisch und poetisch anmutende Überlegungen, oft überraschend und an den Stellen, an denen man sie gar nicht erwartet, bereichern das Leseerlebnis. Der Roman wirkt manchmal wie ein Gedicht, das man aufgrund der Tiefe, Intensität und Reife der Gedanken zum Leben und Tod, Trauer, Partnerschaft, Freundschaft, Sex, Liebe, auch Mutter-Tochter Liebe, Kinder, Freiheit, usw. nur paar Seiten lesen kann und eine Pause anlegen muss, um dem Ganzen mehr Raum zu geben. Die Frische der Wahrnehmung spielt hier m.E. eine große Rolle. Manchmal wirkt der Roman wie ein innerer Monolog mit der Mutter, ein Gespräch, das Blanca wieder und aufs Neue mit ihr führt und etwas von sich und den eigenen Beweggründen preisgibt, auch etwas von den Treffen mit den Freunden erzählt, die ihr die unbekannten Seiten ihrer Mutter offenbaren. Die Geschichte wirkt jedenfalls authentisch und folgt ihrem eigenen Muster, wie das Leben selbst. Die humorig-ironische Seite, als guter Kontrast zum Trauer, hat mir besonders imponiert.
Fazit: Es ist ein sehr gelungenes, lesenswertes Stück Literatur. „Gefühl und Intelligenz in Reinform“, so Marie Claire auf der Rückseite des Buchumschlages. Passt wunderbar.
5 von 5 möglichen Sternen und eine klare Leseempfehlung.