Das Rot spielt eine große Rolle
Das Buch überzeugt durch die plastische Darstellung der Landschaft und seine kluge Verknüpfung von Kunst, Literatur und Krimihandlung.
Schon das Cover gibt die Tonalität des Krimis vor: das intensive Rot der Ockerfelsen, scharf kontrastiert vom klaren, wolkenlosen
Blau des provenzalischen Himmels. Es ist ein Bild, das Hitze, Weite und eine unterschwellige…mehrDas Rot spielt eine große Rolle
Das Buch überzeugt durch die plastische Darstellung der Landschaft und seine kluge Verknüpfung von Kunst, Literatur und Krimihandlung.
Schon das Cover gibt die Tonalität des Krimis vor: das intensive Rot der Ockerfelsen, scharf kontrastiert vom klaren, wolkenlosen Blau des provenzalischen Himmels. Es ist ein Bild, das Hitze, Weite und eine unterschwellige Bedrohung in sich vereint. Und genau in diesem Spannungsfeld entfaltet Tom Burger seinen 2025 erschienenen Krimi rund um Commissaire Luc Vidal. Der Titel Das Rot der Vaucluse ist mehr als eine geografische Verortung, er ist programmatisch. Das Rot steht für Landschaft, Blut, Bühne, Leidenschaft und Gefahr. Der Roman greift das Cover-Motiv erzählerisch immer wieder auf: die roten Böden, die an der Sonne glühen, die von Xavier auf dem Mountainbike überquert werden, die Farben, die in „Warten auf Godot“ erwähnt werden. Die Provence ist hier nicht Kulisse, sondern Charakter. Sie ist ein atmender, rauer, wunderschöner, aber auch gnadenloser Mitspieler. Burger gelingt es, die dramatische Fallhöhe des Plots mit feinem Lokalkolorit zu verbinden, ohne in Folklore abzurutschen. Der Tod des unbekannten Mannes beim Sturz vom Aquädukt bei Fontaine-de-Vaucluse wirkt zunächst wie ein tragischer Unfall, doch schon bald wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Die Ermittlungen führen Vidal und die wunderbar kantige, unbeirrbar direkte Gerichtsmedizinerin Chloé Nikolaou in die Welt der Theatermenschen – eine Welt, in der das Spiel mit Wahrheit und Illusion zum Berufsalltag gehört. Der Autor nutzt das kunstvolle Chaos dieser Szene erzählerisch klug, um Spannung aufzubauen und falsche Fährten zu legen. Besonders gelungen wirkt der Perspektivwechsel hin zu Xavier Leroy, der als Verdächtiger und Flüchtender zum tragischen Gegenpol Vidals wird. Seine Flucht vor der Polizei und einem geheimnisvollen Verfolger ist ein atemloses, fast filmisches Element des Romans. Burgers Beschreibungen der wilden Bergwelt des Plateau de Vaucluse sind so bildhaft, dass man beim Lesen fast Staub im Mund spürt und die trockene Hitze auf der Haut zu fühlen meint. Dass sich der Fall letztlich immer stärker um die Bedeutung eines Satzes aus „Warten auf Godot“ rankt, macht die Geschichte nicht nur literarisch reizvoll, sondern auch thematisch vielschichtig. Wie das Cover, das uns visuell in die Tiefe zieht, zieht der Roman den Leser in einen roten Faden aus Symbolik, Täuschung und existenziellen Fragen: Warum töten Menschen? Was treibt sie an? Was bleibt, wenn alle Masken fallen? Ein Krimi, der nicht nur Spannung liefert, sondern auch anregt, sich mit dem „Warum“ hinter den Taten zu beschäftigen.