Peter Handke (Jg. 1942) ist einer der produktivsten Autoren des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Fast im Jahrestakt meldet er sich mit einem neuen Buch zu Wort. Nur wenige Monate nach seinem Dramatext und der Familientragödie „Immer noch Sturm“, in dem sich Handke mit seinen slowenischen Wurzeln
auseinandersetzte, liegt nun ebenfalls im Suhrkamp Verlag mit „Der Große Fall“ die Geschichte eines…mehrPeter Handke (Jg. 1942) ist einer der produktivsten Autoren des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Fast im Jahrestakt meldet er sich mit einem neuen Buch zu Wort. Nur wenige Monate nach seinem Dramatext und der Familientragödie „Immer noch Sturm“, in dem sich Handke mit seinen slowenischen Wurzeln auseinandersetzte, liegt nun ebenfalls im Suhrkamp Verlag mit „Der Große Fall“ die Geschichte eines müßiggängerischen Schauspielers vor.
Der Prosaband erzählt dessen Tagesablauf vom frühen Morgen bis tief in die Nacht. Der bewusste Tag beginnt mit einem Morgengewitter und der Mann, von dem die 280 Seiten berichten, verlässt das Haus der Frau, das in der Peripherie der Stadt liegt. Hier hat er übernachtet. Zu Fuß macht sich der Schauspieler querfeldein auf den Weg, durchstreift gemächlich den Stadtwald und die Grenzgebiete einer fiktiven Stadt, die an Paris erinnert.
Unterwegs begegnen ihm eine Reiterin, eine Polizeipatrouille, ein Priester, eine Prostituierte und sogar der Staatspräsident, der mit seinem Tross auf dem Rückweg zum Regieren ist. Doch der einsame Schauspieler ist mit sich und seinen Gedanken an die Vergangenheit beschäftigt.
Mit seinen Filmen war er zum Star geworden. Sein Gesicht kennt man jedoch nur von der Leinwand, auf der Straße dagegen kennt ihn niemand. Sein Gehen ist eine Spielart des Erzählens. „Nur sollte sich das im Lauf jenes Tages, welcher schloss mit dem großen Fall, noch ändern.“ Je näher der Einsame dem Stadtzentrum kommt, desto endzeitlicher und entrückter werden seine Fantasien, desto dichter wird das Netz seiner Gedanken und Anspielungen. Sein Spaziergang wird immer mehr zu einer Erkundung des Inneren. Am Ende ist er mitten in der Nacht wieder mit der Frau verabredet.
„Der Große Fall“, bei dem sich Vergleiche mit Eichendorffs „Taugenichts“ aufdrängen, hat die Züge eines zeitlosen Märchens. Handke arrangiert unzählige Momentaufnahmen aus dem Leben seines Protagonisten zu einem beeindruckenden Prosawerk. Und wieder bewahrheitet sich, dass sich die jährlichen Novitäten des kreativen Autors in Stil und Thema grundlegend unterscheiden. So ist jede Neuerscheinung eine Überraschung für den Leser.
Manfred Orlick