Literatunten-Meinung
Zuerst einmal ist zu bemerken, dass es sich beim vorliegenden Werk definitiv NICHT um ein Buch mit schwulem Bezug handelt.
Die Meinung zur literarischen Qualität des Buches ging in der Gruppendiskussion extrem auseinander. Die meisten Anwesenden würdigten zwar die sehr
stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, bemängelten aber das Fehlen einer erkennbaren Handlung bzw.…mehrLiteratunten-Meinung
Zuerst einmal ist zu bemerken, dass es sich beim vorliegenden Werk definitiv NICHT um ein Buch mit schwulem Bezug handelt.
Die Meinung zur literarischen Qualität des Buches ging in der Gruppendiskussion extrem auseinander. Die meisten Anwesenden würdigten zwar die sehr stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, bemängelten aber das Fehlen einer erkennbaren Handlung bzw. einer Entwicklung der Protagonisten. Dem Autor seien (es ist ja auch ein Frühwerk) erkennbar Anfänger-Fehler unterlaufen: zentrale, wichtige Figuren seien nicht entwickelt und spielten dann plötzlich eine Hauptrolle; in zwei ausufernd langen Briefen beschreibe Gracq quasi, wie der Roman zu lesen und zu verstehen sei; als Leser könne man keinen Sinn im Gelesenen erkennen; der Text sei letztendlich langweilig.
Einige wenige der Anwesenden waren nicht bereit, den Text so in Grund und Boden zu verurteilen. während Gerds Meinung zum Buch ja bereits bekannt ist (s. o.), bemerkte ein weiterer Diskussionsteilnehmer, dass ihn der Text mit der Zeit regelrecht in den Bann geschlagen hätte und er die Figuren und ihre Entwicklung brennend interessant fände. Das Buch sei eben eher von innen heraus geschrieben und daher vielleicht nicht vielen Lesern ohne weiteres zugänglich, aber er zähle diesen Text unbedingt zu den guten.
Gerds Meinung
Nein, einfach zu lesen ist dieses Buch nicht. Der Autor folgt nicht dem Mainstream und füllt Buchseiten mit Handlungssträngen und “Action”.
Sein Werk hat zwei stilistisch sehr unterschiedliche Teile. Im ersten, längeren schreibt Gracq ganz von innen heraus. Es geht nicht um Gefühle, es geht um Stimmungen. Stimmungen, die nicht einfach mitgeteilt werden, sondern über die Beschreibung von Landschaften und die Anhäufung von Metaphern entstehen. Oft geraten ihm dabei (zumindest in der vorliegenden deutschen Übersetzung) die Sätze zu wahren Satzmonstern. Diesen Text muss man sich erarbeiten. Schnelles, fliehendes Lesen führt zu Unverständnis, Langeweile, regt so zu noch mehr Überfliegen, noch weniger Aufmerksamkeit an, entleert schließlich Absatz um Absatz. Aber so wie die Beziehungsgeflechte in der kleinen Protagonistengruppe des Romans entwirrt werden müssen, muss man sich teilweise durch die komplizierten Satzstrukturen des Textes kämpfen, um ihren semantischen Gehalt zu erfassen. Und dann plötzlich klappt es: eine melancholische Stimmung voll von Überdruss stellt sich ein, ein Starren auf die etwas verschwommene Landschaft mit den darin schwimmenden, wechselnden Personengruppen und ein Gefühl für deren verhängnisvolle Verstrickungen.
Im zweiten Teil – welche Erleichterung – kürzere Sätze, mehr imaginierbare Handlung, Zuspitzung der Verhältnisse und schließlich die so lange hinausgezögerte, erlösende Auflösung einer dekadent erscheinenden Feriengesellschaft, die konsequenterweise auch eine Auflösung der einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft ist.
Was also ist Gacqs Text? – Ein Experiment? Geglückt oder misslungen? – Eine eindeutige Antwort kann ich mir nicht vorstellen. Sie wird abhängen von der jeweiligen Situation, von der Stimmung des Lesers. Ein Jeder wird sie selbst finden müssen. Und sie wird sicher auch immer wieder anders ausfallen, sollte man den Text mehrfach lesen. Erneut lesen allerdings würde ich den Roman im Augenblick nicht.