Am 27. Mai 1911, ihrem 14. Geburtstag, erhält in Metz im "Reichsland" Elsaß-Lothringen Katrin Lentz, ein hübsches Mädchen aus reichem jüdischen Haus, ein Tagebuch. Zwar kann sie dem Geschenk zunächst nichts abgewinnen, aber irgendwo muss sie dann doch ihren Eindrücken von Mitschülerinnen, Lehrern,
Schauspielern und den Eltern freien Lauf lassen, und Seite um Seite des roten Lederbandes füllt sich…mehrAm 27. Mai 1911, ihrem 14. Geburtstag, erhält in Metz im "Reichsland" Elsaß-Lothringen Katrin Lentz, ein hübsches Mädchen aus reichem jüdischen Haus, ein Tagebuch. Zwar kann sie dem Geschenk zunächst nichts abgewinnen, aber irgendwo muss sie dann doch ihren Eindrücken von Mitschülerinnen, Lehrern, Schauspielern und den Eltern freien Lauf lassen, und Seite um Seite des roten Lederbandes füllt sich mit den Erlebnissen und Gedanken des Teenagers. Reisen, ein Nähkurs, die Tanzstunde, die Liebe zu dem Primaner Lucien Quirin beschäftigen Katrin nach dem Schulabschluss. Als im Sommer 1914 der Krieg ausbricht, ist sie 17; als Lothringerin mit starker Neigung zu französischer Wesens- und Lebensart weiß sie anfangs nicht, auf welcher Seite ihre Sympathien sind. Das Pflichtbewusstsein macht ihr schließlich das Nichtstun einer höheren Tochter unerträglich, und sie meldet sich als Helferin beim Roten Kreuz am Metzer Bahnhof. Ihre etwas älteren Schul- und Tanzstundenkameraden sind alle als Soldaten zum deutschen Heer eingerückt.
Dem Begeisterungstaumel der ausziehenden Truppen begegnet die geistig über ihre Jahre gereifte Katrin mit ahnungsvoller Skepsis. Die Kämpfe um Metz mit den nachfolgenden Rücktransporten der Verwundeten erfüllen sie mit Entsetzen, und immer schwerer trägt sie an den grauenhaften Bildern der Zerstörung des Menschen und seiner Würde. Unter Aufbietung aller ihrer Kräfte sucht sie durchzuhalten, aber als Lucien fällt, sinkt ihr Lebensmut ...
Für mich zählt dieser Roman in Tagebuchform neben "Im Westen nichts Neues" zu den besten und überzeugendsten Antikriegsromanen der deutschen Literatur - leider ist Adrienne Thomas' Buch aber bei weitem nicht so bekannt. Während Remarque mit Erlebnissen aus dem Schützengraben schockiert, wird hier der Erste Weltkrieg an der Heimatfront und aus weiblicher Sicht geschildert. Das Grauen des Krieges wird dadurch aber nicht gemildert, im Gegenteil, Katrins Erlebnisse bei der Arbeit mit den Verletzten erschüttern genauso stark. Was wie ein normaler Entwicklungsroman eines Backfisches in der Wilhelminischen Zeit beginnt, endet als fesselnde Anklage gegen den Krieg - kein Wunder, dass die Nazis das Buch 1933 verbrannten.