Leser kann sich dem Spannungs-Sog nur schwer entziehen
Albert, der Ich-Erzähler, hatte sich seit Jahren eingerichtet in seinem Leben. Wenn er auch seine bisherige Arbeit als Leder-Designer nach der Wende nicht mehr ausüben kann, so ist er doch auch als Grafik-Designer (wenigstens kommt ja auch
das Wort Design drin vor!) zufrieden und hat sein Auskommen.
Mit seiner schönen Frau, Karola,…mehrLeser kann sich dem Spannungs-Sog nur schwer entziehen
Albert, der Ich-Erzähler, hatte sich seit Jahren eingerichtet in seinem Leben. Wenn er auch seine bisherige Arbeit als Leder-Designer nach der Wende nicht mehr ausüben kann, so ist er doch auch als Grafik-Designer (wenigstens kommt ja auch das Wort Design drin vor!) zufrieden und hat sein Auskommen.
Mit seiner schönen Frau, Karola, führte er, auch nach Jahren noch, eine sehr sinnliche Beziehung. Da scheint es fast bedeutungslos zu sein, dass die Ehe bisher kinderlos blieb.
Alles bestens also? Ja. Bis, ja, bis Albert eines Tages glaubt, seinen Jugendfreund und Blutsbruder, Wilhelm, im Berliner Menschengewimmel entdeckt zu haben. Nach mehr als dreißig Jahren.
Und von diesem Moment an ist in Alberts geordnetem und doch auch so lustvollem Leben nichts mehr wie es einmal war.
Die Geschichte ihrer Rivalität ergreift so sehr Besitz von Albert, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Er vernachlässigt seine Arbeit aufs gröblichste. Von seinem Liebesleben ganz zu schweigen. Seine Bemühungen, mit seiner Frau zu schlafen, scheitern gar kläglich.
Als Albert schließlich erfährt, dass Wilhelm Schriftsteller geworden ist, treibt ihn die Angst noch mehr um. Hat er etwa über ihn, Albert, geschrieben?
Über ihre Rivalität? Dabei geht es allerdings nicht nur um die Rivalität um das Mädchen Bettina, das von Albert sehr geliebt, das aber schließlich doch von Wilhelm geschwängert und dann verlassen wurde.
Nein, es ist vor allem seine eigene Unbedachtheit, die Albert so sehr zu schaffen macht. Denn er hatte vor langer Zeit eine Frage nach Wilhelms tschechischen Zeitschriften und Flugblättern wahrheitsgemäß beantwortet. Aber genau bei jenem Fragesteller hätte er das besser bleiben lassen sollen. Damals, als der Prager Frühling niedergeschlagen wurde.
Wird sich Wilhelm für diesen Verrat rächen? Öffentlich? Vielleicht sogar in einem seiner Bücher?
Als dann seine Frau Karola auch noch auf die Idee kommt, seinen Rivalen, den Schriftsteller Wilhelm Brandt, zu einer Lesung in ihre Galerie einzuladen, spitzt sich Alberts Gewissensnot fast unerträglich zu.
Was sich gleichermaßen zuspitzt, ist der Spannungs-Sog, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Das kann nun aber nicht an der aktionsreichen Handlung des Romans liegen, denn die fehlt fast gänzlich. Aber das ist in diesem Falle absolut kein Nachteil, ist doch stattdessen die innere Befindlichkeit des Helden umso spannender gestaltet.
Es ist ein selten gewordener Lesegenuss, mit welcher Intensität der Autor seinen Protagonisten auf dessen unweigerlich verhängnisvolles Ende zusteuern lässt.
Es ist das fünfte Buch von Michael G. Fritz, der als Freier Schriftsteller in Dresden und Berlin lebt. Sein dritter Roman neben dem Erzählband „Vor dem Winter“ und der Prosasammlung „Der Geruch des Westens“.
Was mir bei seinen Büchern (aber natürlich nicht nur bei seinen) immer wieder auffällt: Die direkte Wiedergabe von wörtlicher Rede kommt gänzlich ohne An- und Ausführungszeichen aus. Vielleicht gewöhne ich mich ja noch irgendwann daran …
© Monika Kunze (2/2007)