Bildungschancen in der deutschen Klassengesellschaft
„Und so liegt Deutschland in der Kategorie Bildungsgerechtigkeit noch immer ziemlich weit hinten, und die Schulleistung ist stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Damit ist unser Schulsystem weder gerecht noch schlank, noch effizient, noch
schön anzusehen. Es verschenkt Chancen wie Deutschlands Rumpelfußball früherer Tage.“ (305)
Autor…mehrBildungschancen in der deutschen Klassengesellschaft
„Und so liegt Deutschland in der Kategorie Bildungsgerechtigkeit noch immer ziemlich weit hinten, und die Schulleistung ist stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Damit ist unser Schulsystem weder gerecht noch schlank, noch effizient, noch schön anzusehen. Es verschenkt Chancen wie Deutschlands Rumpelfußball früherer Tage.“ (305)
Autor Marco Maurer bringt zielsicher auf den Punkt, worum es geht. Er selbst ist Subjekt und Objekt der Analysen zur Bildungsmisere in Deutschland. Als Arbeiterkind mit Empfehlung für die Hauptschule aber mittlerweile Hochschulabschluss ist er sensibilisiert für die Fallstricke unserer Bildungslandschaft.
Von 100 Akademikerkindern in Deutschland studieren 77 und von 100 Nichtakademikerkindern lediglich 23. Maurer analysiert die Ursachen. Dabei liegt sein Fokus auf dem Einfluss der sozialen Herkunft und nicht auf den Auswirkungen der Veranlagung. Er behauptet nicht, dass jeder die gleichen Fähigkeiten hat. (37)
„Das Problem in Deutschland ist nur, dass es zu viele Menschen gibt, die gar keine Chance bekommen, ihr Können zu zeigen.“ (37) Wer es schaffen will, muss sich gegen widrige Umstände (Geldnot, mangelnde Förderung, fehlende Beziehungen, Vorurteile) mühsam hoch arbeiten.
Die Zuordnung der Kinder zu verschiedenen Bildungsklassen erfolgt bereits nach der Grundschule. Und hier setzt der Autor, im Hinblick auf das Modell Finnland, den Hebel an. Einen Vergleich mit Finnland halten deutsche Schulen nicht stand.
Eine umfassende Schulreform ist in Deutschland nicht in Sicht. Ole von Beust, der die Bildungssituation in Hamburg gerechter gestalten wollte, ist am Widerstand des gehobenen Bürgertums gescheitert. Statt Kooperation und Chancengleichheit zu wagen, wurden die Nachteile von Kindern aus weniger begüterten Haushalten zementiert.
Chancengleichheit ist ein wichtiges Ziel, dennoch wirken Maurers Ausführungen manchmal auch klischeehaft. Warum wird beim Besuch einer Berliner Hauptschule ein Diebstahl thematisiert, den es auch an jeder anderen Schule geben kann? (134)
Maurer hat den Aufstieg geschafft, auch ohne Lob von seinen Lehrern und ohne Empfehlung für das Gymnasium. Wird der Einfluss der Lehrer da nicht überbewertet? Auch gibt es Menschen, die unabhängig von schulischen Empfehlungen, die Schule abbrechen und als Selbstständige erfolgreich Unternehmen gründen.
Daher hat Rüdiger Grube recht, wenn er sagt, dass „Schulnoten nur begrenzt etwas über die Fähigkeiten eines Menschen aussagen“. (299) So stellt sich die Frage, ob die besten Abiturienten auch die besten Ärzte werden? Wie wird soziale Kompetenz nachgewiesen, zumal ein empathischer Arzt Wunder bewirken kann?
Trotz relativierender Einwände ist Chancengleichheit notwendige Voraussetzung für freie Entscheidungen. Letztlich muss jeder den für sich persönlich passenden Weg finden und auch realisieren können. In diesem Sinn kann ein Studium für ein Arbeiterkind sinnvoll sein aber auch eine Berufsausbildung für ein Akademikerkind.
Das Buch ist politisch, sozialkritisch, verständlich und informativ. Erfahrungen des Autors sowie einiger Interviewpartner, die trotz schwieriger Startbedingungen Karriere gemacht haben, fließen ein. Aber es sind auch Lücken erkennbar: Der Autor verliert kein Wort darüber, dass Jungen mittlerweile die großen Verlierer unserer Bildungspolitik sind.
Maurer spart nicht mit Selbstkritik, wenn er thematisiert, dass Journalisten kaum aus bildungsfernen Milieus stammen und im Allgemeinen auch nicht die Anwälte der sozial Schwachen sind. (273) Er hat ein wichtiges Buch geschrieben, welches unsere Gesellschaft spiegelt. Chancengleichheit gehört in Deutschland auf die Tagesordnung.