Prolog des Autoren zum Buch: Wie soll ich dieses Buch betreten? Am besten durch den Titel. Ich mag Bücher mit langen Titeln. Früher war ein Buch umso beliebter, je länger sein Titel war. Die Ausführlichkeit auf einem Buchdeckel wurde als einladend empfunden und erweckte Vertrauen. Titel von Jonathan Swift, Mary Shelley oder Alexandre Dumas umfassten manchmal das Äquivalent einer halben DIN-A4-Seite. Den längsten bekannten Titel trägt mit 4558 Wörtern ein Buch des indischen Mathematikers N. Srinivasan über die Begriffsgeschichte der Unendlichkeit. Heute wirkt solche Ausführlichkeit eher suspekt, weil man sich in einer zunehmend komplexen Umgebung nach Vereinfachung sehnt, und nach Büchern, die dem ökonomischen Grundsatz der Sparsamkeit folgen, indem sie maximalen Erkenntnisgewinn mit minimalem Einsatz verheißen. In einer Welt, in der Buchtitel nur aus einem einzigen Wort bestehen dürften, wäre der Titel dieses Bandes einfach "Honks". Was ein Honk ist, weiß man. Zumindest hat man eine ungefähre Ahnung davon. Viel mehr ist auch nicht zu verlangen, denn Honks fühlen sich im Ungefähren am wohlsten. Trotzdem wäre es schön herauszufinden, woher das Wort kommt und wie es entstanden ist. Dazu sind verschiedene Hypothesen in Umlauf: Honk sei die Abkürzung für Helfer ohne nennenswerte Kenntnisse. Honk sei ein Mensch wie eine Hupe, weil er nur tätig werde, wenn man ihn quetscht. Honk sei ein verkürzter Hungarian, also ein Einwanderer aus Ungarn in die USA, der als Neuling erst einmal Anschluss im örtlichen Saloon oder Honkytonk sucht - verallgemeinernd ein Hungerleider, Osteuropäer, Landesunkundiger, Trinker, Katholik oder einfach Mann. Keine dieser Behauptungen wollte sich bisher beweisen lassen. Wahrscheinlich war es ein Honk, der das Wort hervorgerufen und in Umlauf gebracht hat. Denn das ist es, was Honks tun: Sie setzen Dinge in die Welt, von denen erst einmal niemand weiß, wozu sie gut sein sollen. Honks sind Leute, die es mit der Arbeit irgendwie vermasselt haben. Nicht mit einer bestimmten Arbeit, sondern mit dem Konzept des Arbeitens insgesamt. Obwohl sie nichts richtig gelernt haben, sind sie schwer beschäftigt, aber niemand kann erklären womit. Man könnte sie als Berufsuntätige bezeichnen. Magellan war ein Honk. Kopernikus und Buddha waren Honks. Eulenspiegel, Luther und Maria Magdalena waren Honks. Mao, Trotzki, Pol Pot und die Schwestern Brontë: alles Honks. Isaac Newton: Meister langer Buchtitel ("Die mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie oder das System der Bewegung der Körper, nebst einigen dazugehörigen Abhandlungen, in denen die Ursache der Schwerkraft, die Bewegung der Körper und die Bahnen der Planeten erklärt werden") und Honk. Künstlerinnen sind Honks, die ihre Ahnungslosigkeit durch Virtuosität zu überspielen versuchen. Spekulanten und Diktatoren sind Honks, ebenso Revolutionäre, denn auch sie gehen keiner geregelten Arbeit nach. Sportlerinnen: Honks, die sich in Schweiß bringen, um das Gegenteil zu beweisen. Überdurchschnittlich oft sind es Männer, denn die sind im Arbeiten einfach nicht so gut. Aber es gibt auch Frauen unter ihnen, besonders in Wissenschaft, Literatur und Religion, und wie immer, wenn sie eine ursprünglich männlich dominierte Sparte erobern, überstrahlen sie bald alles, was vor ihnen war. "Arbeitet nie!" malte ein berühmter Honk Mitte des vorigen Jahrhunderts einmal an eine Pariser Hauswand. Spraydosen gab es damals noch nicht, deshalb musste er sich mit dieser Beschriftung in der Rue de Seine richtig Arbeit machen, mit Farbtopf, Pinsel und Aufbleiben bis nach Einbruch der Dunkelheit. Genauso gut hätte er schreiben können: "Arbeitet immer!" Es liefe auf dasselbe hinaus. Denn Honks wissen nicht genau, was Arbeit ist, und diese Unwissenheit, nicht ihr mangelnder Wille, ist das Problem, das sie mit der Arbeit haben. Ich möchte sogar behaupten, dass ein echter Honk gar nicht anders kann als zu arbeiten, weil ihm das ganze Leben Arbeit ist. In jede Tätigkeit verstrickt er sich, bis er nicht mehr heraus findet. Deshalb kommt er zu spät zu anderen Tätigkeiten, zu denen er sich vielleicht gerade auf den Weg gemacht, die er aber dank der vielen wundervollen Hindernisse auf seiner Strecke aufgeschoben oder einfach vergessen hat. Die vergeblich auf ihn Wartenden werden ihn als Faulenzer, Drückeberger, Schussel, Chaoten und Träumer beschimpfen. Obwohl doch gerade sein Fleiß, in Gestalt seiner Genauigkeit, Beharrlichkeit und Rechthaberei, ihn immer wieder vor Probleme stellt, die den Normtätigen mit ihrem oberfaulen Zur-Arbeit-Gehen und Wieder-von-der-Arbeit-Weggehen viel zu anstrengend wären. Ginge es nach mir, würde der Buchhandel diesen Band bei der Ratgeberliteratur einsortieren. Denn was wäre hilfreicher, als vor dem systematischen Einstieg in ein bestimmtes Fachgebiet des Lebens sich erst einmal mit der Arbeit selbst auseinanderzusetzen, indem man ihren Nullpunkt sucht? Vielleicht legt man darüber die diversen Dummie-Bücher, mit denen man sich ursprünglich weiterbilden wollte, wieder zur Seite, stapelt sie aufdringlich sichtbar auf dem Schreibtisch, als Ablenkungsmanöver für Vorgesetzte, um im Schatten der Tischplatte heimlich von denen zu lesen, die sich lieber ihre eigenen Berufe bauen.
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