Um sich den Verlust besonders nahestehender Menschen erträglicher zu machen, hatte Hermann Hesse die Gewohnheit, nachdem deren Todesnachricht ihn erreicht hatte und der Schmerz am empfindlichsten war, seine Erinnerungen an die Verstorbenen aufzuzeichnen. Denn eine der wichtigsten Funktionen der Literatur war für ihn das Aufbewahren des Vergänglichen im Wort, das Heraufbeschwören des Gewesenen durch möglichst genaue Schilderung. Solche Rückblicke, genannt »Gedenkblätter«, waren nicht nur Würdigungen der Verstorbenen, sondern stets auch Bestandteile seiner eigenen Lebensgeschichte. Zu den ergiebigsten dieser Aufzeichnungen gehören die Erinnerungen an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Hans, dem letzten der neun Nachkommen aus den beiden Ehen seiner Mutter. Wie es dazu kommen konnte, dass Hans sich im Alter von 53 Jahren das Leben nahm, berichtet der Dichter in dieser ergreifenden autobiografischen Erzählung. Das Nachwort schildert die Vorgänge aus anderen Quellen, ergänzt um diebeiden Gedichte, die Hesse dem Bruder gewidmet hat.
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Ein bewegendes Buch ist das, findet Rezensent Volker Weidermann, eines, das unbedingt eine Wiederentdeckung wert ist. Hermann Hesse schreibt hier über seinen jüngeren Bruder Hans und dessen Selbstmord. Hesse zeichnet seinen Bruder als einen Menschen, der ihm selbst im Inneren ähnelt, vor allem auch in der Veranlagung zum Selbstmord, obgleich er äußerlich ein ganz anderes Leben führte, nämlich nicht das eines bekannten Künstlers, sondern das eines kleinen Angestellten. Hesse geht dabei von zwei Schlüsselszenen aus: Den leuchtenden Augen des siebenjährigen Bruders beim Blick auf den Weihnachtsbaum und von dem Faustschlag, den er selbst ihm eines Tages verpasste. Davon ausgehend rekonstruiert er sein Verhältnis zum Bruder, der nicht, wie er selbst, die Möglichkeit hatte, sich beruflich zu verwirklichen und der sich stattdessen ins verlorene Paradies seiner Kindheit zurücksehnte, resümiert Weidermann. Natürlich ist nicht zu überprüfen, wie gut das alles Hans Hesses Leben wirklich trifft, räumt der Rezensent ein: Hermann Hesse bezieht letztlich Hans' ganzes Leben auf sich und lässt etwa Frau und Kinder des Bruders weitgehend außen vor. Das Buch, das von der Fallhöhe zwischen den gleichwohl aneinander gebundenen Brüdern lebt, fügt sich gut in das der Sinnsuche gewidmete Werk des Schriftstellers ein, meint der zugetane Weidermann.
© Perlentaucher Medien GmbH
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»Das Buch, von dem wir hier sprechen wollen, heißt Erinnerung an Hans ... [Es] ist ein wenig bekannter und sehr eindrucksvoller Text.« Volker Weidermann DIE ZEIT 20250522








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