Der Nahostkonflikt. Zwei Worte, mit denen ganze Politgruppen gespalten werden können. Bücher zum Thema gibt es viele, häufig entweder mit deutlicher Schlagseite oder einer oberflächlichen, performativen Glättung dieser Widersprüche. „Frenemies“ möchte keins von beidem sein.
Über 40 Beiträge sind
zusammengekommen, wodurch der Sammelband eine reichhaltige Aufnahme der aktuellen Diskussion ist.…mehrDer Nahostkonflikt. Zwei Worte, mit denen ganze Politgruppen gespalten werden können. Bücher zum Thema gibt es viele, häufig entweder mit deutlicher Schlagseite oder einer oberflächlichen, performativen Glättung dieser Widersprüche. „Frenemies“ möchte keins von beidem sein.
Über 40 Beiträge sind zusammengekommen, wodurch der Sammelband eine reichhaltige Aufnahme der aktuellen Diskussion ist. Zugleich wird das zum Problem: Die häufig nur drei oder vier Seiten langen Beiträge bleiben oft oberflächlich und setzen doch häufig schon so viel Vorkenntnis voraus, dass sich die Frage stellt, an wen sich der Sammelband eigentlich genau richtet.
Das Problem ist auch, dass schon eine gemeinsame Definition von Antisemitismus und Rassismus nicht möglich ist. Denn während die postkolonial geprägte Seite auf die rassistische Ebene des Antisemitismus abzielt und diesen als eine Form des Rassismus versteht, ist ein Ergebnis der intensiven Antisemitismusforschung, dass Rassenantisemitismus eben nur eine spezifische Form ist, Antisemitismus sich aber in vielen Punkten von Rassismus unterscheidet.
Auch „Frenemies“ kann diese unterschiedlichen Verständnisse nicht umgehen: immer wieder folgt ein Text, der diese Unterscheidung benennt, auf einen, der Antisemitismus und Rassismus ganz selbstverständlich gleichsetzt. Es gibt aber kaum Dialog darüber, inwiefern genau das eines der Kernprobleme ist. Genau das wäre aber einer der Punkte gewesen, den ich gern viel ausführlicher thematisiert gesehen hätte.
Es stellt sich auch die Frage, wie gleichberechtigt zwei Positionen nebeneinandergestellt werden sollten, wenn der Umgang mit der „Gegenseite“ sich doch sehr unterscheidet. So hat die Antisemitismusforschung immer schon sehr differenziert auch den deutschen Kolonialismus mit behandelt, wird schon in frühen Texten der Frankfurter Schule ein hohes Maß an Differenzierung deutlich. Umgekehrt nehme ich aber eine solche konstruktive Lesart vonseiten postkolonial geprägter Autor*innen wie Zimmerer, Moses et cetera kaum wahr.
Kurz vor der Veröffentlichung wurde bekannt, dass einige Autor*innen ihre Beiträge aufgrund zweier eingeplanter, BDS-naher Personen zurückgezogen hatten - Monika Schwarz-Friesel, Karin Stögner, Steffen Klävers, also Namen, die in der gegenwärtigen Antisemitismusforschung nicht unbedeutend sind.
Insgesamt bleibt dadurch das Gefühl, dass auch Frenemies bestimmte Spannungen nicht überbrücken kann, dass nur bis zu einem bestimmten Punkt innerhalb des Diskurses vorgedrungen werden kann, obwohl gerade für Diejenigen, die sich mit dem Thema auskennen, der eine Schritt weiter der spannendste gewesen wäre.
Ich habe das Buch im Austausch gelesen und immer wieder wurde in unseren Gesprächen die Spannung deutlich zwischen Anerkennung und Lob für dieses Buchprojekt und der Frage, ob es nicht eigentlich auf vielen Ebenen scheitern muss, gerade weil die Diskussion so verfahren ist und sich nicht durch kurze Essays voranbringen lässt.
Trotz der hier geäußerten Kritik möchte ich diese Anerkennung betonen, denn ich halte solche Sammelbände für wichtig. Ungeachtet der damit verbundenen Probleme bietet „Frenemies“ einen Einstieg und zwingt die Leser*innen, sich mit der Vielstimmigkeit auseinanderzusetzen, wütende Notizen an den Rand zu kritzeln, aber auch ehrlich anzuerkennen, wenn ein Punkt der „Gegenseite“ nicht von der Hand zu weisen ist. Es ist bereichernd und ermutigend, dass über 40 Menschen mit ganz unterschiedlichen Positionen zu diesem Sammelband bereit waren. Ich würde mir wünschen, dass die Debatte hier nicht aufhört, sondern nun erst richtig losgeht – kritisch, solidarisch, nicht überheblich und vor allem tiefgehender.