Wer sich für Geschichte interessiert, findet in diesem Buch reichlich Nahrung. Benjamin Hasselhorn erklärt anschaulich, woher Geschichtsmythen kommen, wie sie entstehen, gefördert werden und auch zum Verlöschen gebracht werden können. Geschichtsmythen sind zweifellos wirksam, aber sie müssen von uns
hinterfragt und auf ihre tatsächliche Relevanz hinterfragt werden.
Dafür bietet dieses Buch…mehrWer sich für Geschichte interessiert, findet in diesem Buch reichlich Nahrung. Benjamin Hasselhorn erklärt anschaulich, woher Geschichtsmythen kommen, wie sie entstehen, gefördert werden und auch zum Verlöschen gebracht werden können. Geschichtsmythen sind zweifellos wirksam, aber sie müssen von uns hinterfragt und auf ihre tatsächliche Relevanz hinterfragt werden.
Dafür bietet dieses Buch jene kritischen Fragen, die wir im normalen Diskurs oft nicht bedenken. Besonders interessiert hatte mich der Mythos von Bismarck, entstanden nach der Reichsgründung 1871, und weiter gewachsen auch nach seiner Entlassung durch Wilhelm II.
Bismarck entsprach den mentalen Prägungen des deutschen Bürgertums, sie wurde durch den Reichsgründungstag und durch Bismarcks Geburtstag jährlich fortgeschrieben. Bismarck als Gründer der nationalen Einheit der Deutschen wurde nach seinem Tod noch stärker verehrt, geradezu transzendiert, von unterschiedlichsten Gruppen.
Heute wird der Name Bismarck aus der Namensgebung von Räumen der deutschen Regierung entfernt und dieser Vorgang ruft erneut Diskussionen hervor. Wir werden Geschichtsmythen nicht los und es lohnt sich, hinter die vordergründigen Argumente zu schauen, dieses Buch ist weit aktueller als es der Titel vermuten lässt, es liest sich spannend und befördert Themen, die man in der tagesaktuellen Nachrichtenlage nicht erhält.
Erzählungen, die aus der Vergangenheit kommen und uns die Hand sinnstiftend geben für die Gegenwart. Das sind Geschichtsmythen. England hat in Churchill einen wirkmächtigen Politiker, der nicht nur dort, sondern auch in Amerika heute noch wirkend agiert. Warum hat eine Büste von ihm im Oval Office für Stimmungen gesorgt? Warum wurde sie entfernt und was hat Obamas kenianischer Vater damit zu tun? Viele der Punkte in diesem Buch klingen unglaublich, aber sie sind real.
Ein Geschichtsmythos ist dann nachhaltig wirksam, wenn er eine Erzählung über die Vergangenheit bietet, die für eine bestimmte Gruppe in der Gegenwart Sinn und Bedeutung stiftet. Besonders spannend erscheint mir dabei die Frage, weshalb gerade die jüngere deutsche Geschichte keinen verbindenden Mythos mehr hervorbringt, der in die Zukunft getragen wird. Obwohl Persönlichkeiten wie Adenauer das Potenzial für einen solchen Mythos hätten, geraten sie zunehmend in Vergessenheit, anstatt in der kollektiven Erinnerung aktualisiert zu werden. Es könnte sein, dass der bewusste Bruch mit tradierten Geschichtsmythen dazu führt, dass auch kulturelle Identität und gemeinsames Erinnern verblassen. Wenn sich eine Gesellschaft – wie aktuell Deutschland – fast ausschließlich über Schuld und Sühne definiert, läuft sie Gefahr, orientierungslos und ohne positive Bezugspunkte in die Zukunft zu blicken.