Die Parteien der Bundesrepublik gestern und heute!
Das Handbuch der deutschen Parteien schließt eine Lücke in der Parteienliteratur. Erstmals wieder werden alle wichtigen Parteien in der Geschichte und Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland, insgesamt mehr als 80, umfassend und systematisch in einem Band behandelt. Neben die Darstellung der einzelnen Parteien treten zudem Beiträge, die die Einzeldarstellung in einen umfassenderen Zusammenhang einordnen.
Inhaltsverzeichnis:
Inhaltsübersicht
Vorwort 7
Inhalt und Systematik des Handbuches 9
Kurzbezeichnungen der Parteien 12
Allgemeiner Teil
Frank Decker
Parteiendemokratie im Wandel 19
Paul Lucardie
Zur Typologie der politischen Parteien 62
Heike Merten
Rechtliche Grundlagen der Parteiendemokratie 79
Oskar Niedermayer
Die Entwicklung des bundesdeutschen Parteiensystems 114
Lexikalischer Teil
Die Parteien von A - Z 139
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 431
Autoren 434
Personenregister 436
Vorwort:
Die bundesdeutsche Parteienlandschaft ist in Bewegung geraten. Spätestens mit der Bundestagswahl 2005 wurde zur Gewissheit, was sich schon seit längerem angebahnt hatte, in seinen vollen Konsequenzen aber noch nicht sichtbar geworden war: dass die âra des stabilen Parteiensystems, das bisher noch stets die Bildung einer Regierung nach dem vertrauten Muster (kleiner) Zweierkoalitionen ermöglichte, fürs erste vorüber ist. Obwohl man diese Entwicklung hätte vorausahnen können, hinterließ sie die parteipolitische Klasse am Wahlabend des 18. September ratlos. Plötzlich erschien alles machbar und kein Tabu mehr heilig - von der schwarz-gelb-grünen "Jamaika"-Koalition bis hin zum israelischen Modell einer rotierenden Kanzlerschaft. Selbst über die Möglichkeit einer lediglich geduldeten Minderheitsregierung wurde munter schwadroniert - so als ob es das "Magdeburger Modell" oder die heftige Debatte um die Rolle des SSW nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein nicht gegeben hätte. Union und SPD trösteten sich in der Folge mit der vermeintlichen Gewissheit, dass die von ihnen widerwillig gebildete Große Koalition ohnehin nur eine Übergangslösung sein werde. Diese Erwartung wurde auch vom Mainstream der Politikwissenschaft ausgesprochen oder unausgesprochen geteilt. Allein auf die Frage nach möglichen Auswegen wusste und weiß man sich auch hier keinen rechten Reim.
Die neuen Herausforderungen für die Regierungsbildung stehen in engem Zusammenhang mit der Wechselmobilität der Wähler, die seit den achtziger Jahren deutlich zugenommen hat. Zweistellige Veränderungen von Wahl zu Wahl sind dabei längst keine Ausnahme mehr. Dieser Trend macht sich nicht nur in den neuen Ländern bemerkbar, wo die Bindungen der Wähler an die Parteien und deren Vorfeldstrukturen traditionell schwach ausgeprägt sind. Das Abschneiden der Schill-Partei bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2001, die aus dem Stand 19,4 Prozent der Stimmen erreichte, oder der Stimmenverlust der CDU bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im selben Jahr (minus 17 Prozentpunkte), dokumentieren eine ähnlich hohe Wechselbereitschaft in der Altbundesrepublik. Auch die Beteiligungsraten schwanken von Wahl zu Wahl und zwischen den verschiedenen Wahlebenen erheblich. Warum die Wähler sich so verhalten, von welchen Motiven sie sich bei ihrer Stimmabgabe leiten lassen, bleibt zunehmend im Nebel. Protest, Unzufriedenheit, Unsicherheit, Desinteresse, Verlust sozialer Einbindung oder Atomisierung machen die Wahlentscheidung
gleichermaßen emotional, unmittelbar und somit unberechenbar. Dies hat zu einer neuen Dynamisierung des Parteiensystems geführt, die mehr Fragen aufwirft als mit der traditionellen Wahlforschung bislang beantwortet werden können.
Symptomatisch für die Fragmentierung der Parteienlandschaft sind die wachsenden Stimmenanteile für die kleinen Parteien. Hierzu gehören zum einen - als etablierte Vertreter - die FDP und die Grünen, zum zweiten die systemoppositionellen bzw. -kritischen Parteien am rechten und linken Rand und zum dritten die übrigen nicht-etablierten Kleinparteien, die in der Wahlberichterstattung gerne unter den "Sonstigen" abgelegt werden. Letztere kamen in der âra des stabilen Parteiensystems in den sechziger und siebziger Jahren zusammengenommen nur selten über zwei Prozent der Stimmen hinaus. Heute erreichen sie mitunter zehn Prozent oder mehr wie etwa bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin im September 2006 (13,7 Prozent). Dennoch wurde ihnen in der Parteienforschung bislang wenig Beachtung geschenkt.
Diese unbefriedigende Situation hat die Herausgeber bewogen, sich an einer lexikalischen Bestandsaufnahme des bundesdeutschen Parteiensystems zu versuchen. Wir knüpfen dabei bewusst an die Konzeption des 1983 erschienen, mehrbändigen "Parteien-Handbuches" von Richard Stöss an, das 1986 in einer identischen Taschenausgabe wieder aufgelegt, anschließend aber nicht mehr fortgeschrieben wurde. Frank Schindler hat das Projekt als Lektor des VS-Verlages von Beginn an ermutigt und positiv begleitet. Für die Aufsätze im allgemeinen Teil und die Bearbeitung der insgesamt 82 Parteien konnten 27 Autorinnen und Autoren gewonnen werden, von denen einige dankenswerterweise gleich mehrere Beiträge übernommen haben. Die Anfertigung des Personenregisters, die Zusammenstellung des Zahlenmaterials und die übrigen angefallenen Recherche- und Korrekturarbeiten wurden von Dominik Rudolf und Marcel Solar zuverlässig erledigt. Prof. Dr. Werner Müller hat sich die Mühe gemacht, das abschließende Manuskript gründlich durchzusehen. Ihnen allen möchten die Herausgeber für ihre Unterstützung und Mitarbeit herzlich danken.
Bonn und Berlin im Januar 2007
Frank Decker / Viola Neu
Inhalt und Systematik des Handbuches
Das vorliegende Handbuch möchte eine Bestandsaufnahme des aktuellen Parteiensystems in der Bundesrepublik liefern und dessen Entwicklung insbesondere seit den achtziger Jahren im Detail beleuchten. Das Buch gliedert sich in einen allgemeinen und einen lexikalischen Teil. Im allgemeinen Teil, der vier Beiträge umfasst, werden grundlegende Fragestellungen erörtert. Der Einleitungsbeitrag von Frank Decker lenkt den Blick zunächst auf die zunehmenden Legitimationsprobleme des parteiendemokratischen Systems, deren Ursachen, Erscheinungsformen und Konsequenzen am Beispiel der Bundesrepublik dargestellt werden. Der niederländische Politikwissenschaftler Paul Lucardie unternimmt es anschließend, die verschiedenen Begriffsmerkmale und Typologisierungsversuche politischer Parteien systematisch zu ordnen. Unterschieden wird dabei nach der Programmatik oder Ideologie der Partei, ihren Zielen und Funktionen im politischen System, dem Ursprung der Partei, der Parteiorganisation sowie der soziologischen Basis und Wählerstruktur. Der dritte Beitrag wendet sich schließlich den rechtlichen Grundlagen der Parteiendemokratie in Deutschland zu. Die Düsseldorfer Rechtswissenschaftlerin Heike Merten behandelt hier zum einen die im Parteiengesetz geregelten Modalitäten des Parteiwesens und des Parteienwettbewerbs (Chancengleichheit, innerparteiliche Demokratie, Parteienfinanzierung, Parteienverbot u.a.), zum anderen die für die Strukturen des Parteiensystems nicht minder bedeutsamen Wahlrechtsregelungen. Den Abschluss des allgemeinen Teils bildet Oskar Niedermayers Versuch, die Entwicklungslinien des bundesdeutschen Parteiensystems von 1949 bis heute in einem kompakten Überblick nachzuzeichnen. Die gängigen Kriterien der deskriptiven Parteiensystemanalyse verwendend (Fragmentierung, Symmetrie/Asymmetrie, Polarisierung u.a.), unterscheidet der Berliner Politikwissenschaftler dabei insgesamt fünf Phasen, die von der Formierung des Systems in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur fluiden Fünfparteienstruktur der Gegenwart reichen.
Im lexikalischen Teil werden - von 25 Autoren bearbeitet - insgesamt 82 Parteien abgehandelt. Berücksichtigung finden nur diejenigen Parteien, die ab 1982 an Bundestags-, Europa und / oder Landtagswahlen teilgenommen haben. Vollständigkeit sollte und konnte dabei nicht angestrebt werden; deshalb wurde eine Mindesterfolgs bzw. Teilnahmeschwelle festgelegt: Aufgenommen sind die Parteien, die auf allen drei Ebenen (Land, Bund, Europa) bei Wahlen angetreten
sind sowie jene Parteien, die bei mindestens einer Wahl (auf Landes-, Bundesoder europäischer Ebene) mehr als 0,5 Prozent der Stimmen erzielt haben. 1 Diese Marke ist gleichbedeutend mit dem Schwellenwert für die Inanspruchnahme der staatlichen Wahlkampffinanzierung bei Bundestags oder Europawahlen. Sie liegt unterhalb der Zwei-Prozent-Schwelle, die laut Sartori überschritten sein muss, um von einer relevanten Partei zu sprechen, doch geschieht das hier mit voller Absicht: Das Handbuch soll gerade den Klein und Kleinstparteien gebührenden Platz einräumen, die nicht nur in der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch von der Forschung regelmäßig vernachlässigt werden. Rechnung getragen wird dem zugleich durch eine Abstufung des Umfangs der Artikel, der zwischen 12 bis 20 Seiten für die Bundestagsparteien und 1 bis 5 Seiten für die marginalisierten (nicht-relevanten) Splitterparteien schwankt; die letztgenannten werden insofern überproportional berücksichtigt.
Die Artikel folgen einem identischen Muster. Nach einem einleitenden Überblick zur Entstehungs und Entwicklungsgeschichte der Partei werden zuerst die Wahlergebnisse und Wählerstruktur, sodann die Programmatik und schließlich die Organisation der Partei behandelt, bevor ein kurzes Fazit die Darstellung abrundet; einzig der Beitrag über die Freien Wähler, die als Dachorganisation kommunaler Wählergemeinschaften keine Partei im üblichen Sinne sind, weicht von diesem Schema geringfügig ab. Am Ende der Artikel wird - falls verfügbar - auf wissenschaftliche Literatur hingewiesen und die Internetadresse der Partei angegeben.
Die Bearbeitung gestaltete sich insbesondere bei denjenigen Kleinstparteien schwierig, zu denen es keine wissenschaftliche Literatur und auch ansonsten kaum Material gibt. Die Autoren mussten sich hier häufig mit nur wenigen Zeitungsartikeln sowie eigenen Angaben der Parteien behelfen, die natürlich immer mit Vorsicht zu genießen sind. Diese Quellen werden unter den Literaturangaben in der Regel nicht eigens aufgeführt. Dasselbe gilt für die Unterlagen der Wahlleiter sowie - im Falle extremistischer Parteien - die Verfassungsschutzberichte, soweit sie Informationen zu den betreffenden Parteien enthalten.
Wer den lexikalischen Teil etwas genauer durchmustert, wird eine Unzahl von Querverbindungen zwischen den meisten der behandelten Parteien feststellen. Auch die Herausgeber waren überrascht, wie viele Abspaltungen, Neugründungen, Fusionen und Kooperationen es in der bundesdeutschen Parteienland
schaff im fraglichen Zeitraum gegeben hat, als sie die Summe der Einzelartikel in Augenschein nahmen. Um dem Benutzer die Orientierung zu erleichtern, sind in die Beiträge bei Bedarf Verweisungspfeile auf andere Parteien eingefügt worden; darüber hinaus findet sich am Ende des Bandes ein umfangreiches Personenregister.
Im lexikalischen Teil werden die Parteien alphabetisch nach ihrem vollen Namen aufgelistet - für alternative (frühere oder spätere) Namensgebungen oder Zusatzbezeichnungen, wie sie gerade von den Kleinstparteien gerne verwendet werden, finden sich entsprechende Verweise. Die Schreibweise folgt der offiziellen Benennung im Verzeichnis des Bundeswahlleiters. Bestimmte Artikel bleiben als Namensbestandteil bei der Alphabetisierung unberücksichtigt. In den Artikeln selbst werden die Parteien in der Regel bei ihrem offiziellen Kürzel genannt; dasselbe gilt für die anderen dort erwähnten (und im Handbuch berücksichtigten) Parteien. Eine alphabetische Auflistung der Parteien nach ihren Abkürzungen bzw. Kurzbezeichnungen ist dem allgemeinen Teil vorangestellt. Parteien oder Vereinigungen, die im Handbuch nicht eigens behandelt werden, sind in den Artikeln stets mit vollem Namen genannt.
1 Eine vollständige Liste aller Parteien und Vereinigungen, die seit 1946 bei Landtags-, Bundestags und Europawahlen angetreten sind, ist beim Bundeswahlleiter erhältlich. Statistisches Bundesamt, Hg. (2005), Wahl zum 16. Deutschen Bundestag am 18. September 2005. Heft 1: Ergebnisse und Vergleichszahlen früherer Bundestags-, Europa und Landtagswahlen sowie Strukturdaten für die Bundestagswahlen, Wiesbaden, S. 191 ff.
Das Handbuch der deutschen Parteien schließt eine Lücke in der Parteienliteratur. Erstmals wieder werden alle wichtigen Parteien in der Geschichte und Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland, insgesamt mehr als 80, umfassend und systematisch in einem Band behandelt. Neben die Darstellung der einzelnen Parteien treten zudem Beiträge, die die Einzeldarstellung in einen umfassenderen Zusammenhang einordnen.
Inhaltsverzeichnis:
Inhaltsübersicht
Vorwort 7
Inhalt und Systematik des Handbuches 9
Kurzbezeichnungen der Parteien 12
Allgemeiner Teil
Frank Decker
Parteiendemokratie im Wandel 19
Paul Lucardie
Zur Typologie der politischen Parteien 62
Heike Merten
Rechtliche Grundlagen der Parteiendemokratie 79
Oskar Niedermayer
Die Entwicklung des bundesdeutschen Parteiensystems 114
Lexikalischer Teil
Die Parteien von A - Z 139
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 431
Autoren 434
Personenregister 436
Vorwort:
Die bundesdeutsche Parteienlandschaft ist in Bewegung geraten. Spätestens mit der Bundestagswahl 2005 wurde zur Gewissheit, was sich schon seit längerem angebahnt hatte, in seinen vollen Konsequenzen aber noch nicht sichtbar geworden war: dass die âra des stabilen Parteiensystems, das bisher noch stets die Bildung einer Regierung nach dem vertrauten Muster (kleiner) Zweierkoalitionen ermöglichte, fürs erste vorüber ist. Obwohl man diese Entwicklung hätte vorausahnen können, hinterließ sie die parteipolitische Klasse am Wahlabend des 18. September ratlos. Plötzlich erschien alles machbar und kein Tabu mehr heilig - von der schwarz-gelb-grünen "Jamaika"-Koalition bis hin zum israelischen Modell einer rotierenden Kanzlerschaft. Selbst über die Möglichkeit einer lediglich geduldeten Minderheitsregierung wurde munter schwadroniert - so als ob es das "Magdeburger Modell" oder die heftige Debatte um die Rolle des SSW nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein nicht gegeben hätte. Union und SPD trösteten sich in der Folge mit der vermeintlichen Gewissheit, dass die von ihnen widerwillig gebildete Große Koalition ohnehin nur eine Übergangslösung sein werde. Diese Erwartung wurde auch vom Mainstream der Politikwissenschaft ausgesprochen oder unausgesprochen geteilt. Allein auf die Frage nach möglichen Auswegen wusste und weiß man sich auch hier keinen rechten Reim.
Die neuen Herausforderungen für die Regierungsbildung stehen in engem Zusammenhang mit der Wechselmobilität der Wähler, die seit den achtziger Jahren deutlich zugenommen hat. Zweistellige Veränderungen von Wahl zu Wahl sind dabei längst keine Ausnahme mehr. Dieser Trend macht sich nicht nur in den neuen Ländern bemerkbar, wo die Bindungen der Wähler an die Parteien und deren Vorfeldstrukturen traditionell schwach ausgeprägt sind. Das Abschneiden der Schill-Partei bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2001, die aus dem Stand 19,4 Prozent der Stimmen erreichte, oder der Stimmenverlust der CDU bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im selben Jahr (minus 17 Prozentpunkte), dokumentieren eine ähnlich hohe Wechselbereitschaft in der Altbundesrepublik. Auch die Beteiligungsraten schwanken von Wahl zu Wahl und zwischen den verschiedenen Wahlebenen erheblich. Warum die Wähler sich so verhalten, von welchen Motiven sie sich bei ihrer Stimmabgabe leiten lassen, bleibt zunehmend im Nebel. Protest, Unzufriedenheit, Unsicherheit, Desinteresse, Verlust sozialer Einbindung oder Atomisierung machen die Wahlentscheidung
gleichermaßen emotional, unmittelbar und somit unberechenbar. Dies hat zu einer neuen Dynamisierung des Parteiensystems geführt, die mehr Fragen aufwirft als mit der traditionellen Wahlforschung bislang beantwortet werden können.
Symptomatisch für die Fragmentierung der Parteienlandschaft sind die wachsenden Stimmenanteile für die kleinen Parteien. Hierzu gehören zum einen - als etablierte Vertreter - die FDP und die Grünen, zum zweiten die systemoppositionellen bzw. -kritischen Parteien am rechten und linken Rand und zum dritten die übrigen nicht-etablierten Kleinparteien, die in der Wahlberichterstattung gerne unter den "Sonstigen" abgelegt werden. Letztere kamen in der âra des stabilen Parteiensystems in den sechziger und siebziger Jahren zusammengenommen nur selten über zwei Prozent der Stimmen hinaus. Heute erreichen sie mitunter zehn Prozent oder mehr wie etwa bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin im September 2006 (13,7 Prozent). Dennoch wurde ihnen in der Parteienforschung bislang wenig Beachtung geschenkt.
Diese unbefriedigende Situation hat die Herausgeber bewogen, sich an einer lexikalischen Bestandsaufnahme des bundesdeutschen Parteiensystems zu versuchen. Wir knüpfen dabei bewusst an die Konzeption des 1983 erschienen, mehrbändigen "Parteien-Handbuches" von Richard Stöss an, das 1986 in einer identischen Taschenausgabe wieder aufgelegt, anschließend aber nicht mehr fortgeschrieben wurde. Frank Schindler hat das Projekt als Lektor des VS-Verlages von Beginn an ermutigt und positiv begleitet. Für die Aufsätze im allgemeinen Teil und die Bearbeitung der insgesamt 82 Parteien konnten 27 Autorinnen und Autoren gewonnen werden, von denen einige dankenswerterweise gleich mehrere Beiträge übernommen haben. Die Anfertigung des Personenregisters, die Zusammenstellung des Zahlenmaterials und die übrigen angefallenen Recherche- und Korrekturarbeiten wurden von Dominik Rudolf und Marcel Solar zuverlässig erledigt. Prof. Dr. Werner Müller hat sich die Mühe gemacht, das abschließende Manuskript gründlich durchzusehen. Ihnen allen möchten die Herausgeber für ihre Unterstützung und Mitarbeit herzlich danken.
Bonn und Berlin im Januar 2007
Frank Decker / Viola Neu
Inhalt und Systematik des Handbuches
Das vorliegende Handbuch möchte eine Bestandsaufnahme des aktuellen Parteiensystems in der Bundesrepublik liefern und dessen Entwicklung insbesondere seit den achtziger Jahren im Detail beleuchten. Das Buch gliedert sich in einen allgemeinen und einen lexikalischen Teil. Im allgemeinen Teil, der vier Beiträge umfasst, werden grundlegende Fragestellungen erörtert. Der Einleitungsbeitrag von Frank Decker lenkt den Blick zunächst auf die zunehmenden Legitimationsprobleme des parteiendemokratischen Systems, deren Ursachen, Erscheinungsformen und Konsequenzen am Beispiel der Bundesrepublik dargestellt werden. Der niederländische Politikwissenschaftler Paul Lucardie unternimmt es anschließend, die verschiedenen Begriffsmerkmale und Typologisierungsversuche politischer Parteien systematisch zu ordnen. Unterschieden wird dabei nach der Programmatik oder Ideologie der Partei, ihren Zielen und Funktionen im politischen System, dem Ursprung der Partei, der Parteiorganisation sowie der soziologischen Basis und Wählerstruktur. Der dritte Beitrag wendet sich schließlich den rechtlichen Grundlagen der Parteiendemokratie in Deutschland zu. Die Düsseldorfer Rechtswissenschaftlerin Heike Merten behandelt hier zum einen die im Parteiengesetz geregelten Modalitäten des Parteiwesens und des Parteienwettbewerbs (Chancengleichheit, innerparteiliche Demokratie, Parteienfinanzierung, Parteienverbot u.a.), zum anderen die für die Strukturen des Parteiensystems nicht minder bedeutsamen Wahlrechtsregelungen. Den Abschluss des allgemeinen Teils bildet Oskar Niedermayers Versuch, die Entwicklungslinien des bundesdeutschen Parteiensystems von 1949 bis heute in einem kompakten Überblick nachzuzeichnen. Die gängigen Kriterien der deskriptiven Parteiensystemanalyse verwendend (Fragmentierung, Symmetrie/Asymmetrie, Polarisierung u.a.), unterscheidet der Berliner Politikwissenschaftler dabei insgesamt fünf Phasen, die von der Formierung des Systems in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur fluiden Fünfparteienstruktur der Gegenwart reichen.
Im lexikalischen Teil werden - von 25 Autoren bearbeitet - insgesamt 82 Parteien abgehandelt. Berücksichtigung finden nur diejenigen Parteien, die ab 1982 an Bundestags-, Europa und / oder Landtagswahlen teilgenommen haben. Vollständigkeit sollte und konnte dabei nicht angestrebt werden; deshalb wurde eine Mindesterfolgs bzw. Teilnahmeschwelle festgelegt: Aufgenommen sind die Parteien, die auf allen drei Ebenen (Land, Bund, Europa) bei Wahlen angetreten
sind sowie jene Parteien, die bei mindestens einer Wahl (auf Landes-, Bundesoder europäischer Ebene) mehr als 0,5 Prozent der Stimmen erzielt haben. 1 Diese Marke ist gleichbedeutend mit dem Schwellenwert für die Inanspruchnahme der staatlichen Wahlkampffinanzierung bei Bundestags oder Europawahlen. Sie liegt unterhalb der Zwei-Prozent-Schwelle, die laut Sartori überschritten sein muss, um von einer relevanten Partei zu sprechen, doch geschieht das hier mit voller Absicht: Das Handbuch soll gerade den Klein und Kleinstparteien gebührenden Platz einräumen, die nicht nur in der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch von der Forschung regelmäßig vernachlässigt werden. Rechnung getragen wird dem zugleich durch eine Abstufung des Umfangs der Artikel, der zwischen 12 bis 20 Seiten für die Bundestagsparteien und 1 bis 5 Seiten für die marginalisierten (nicht-relevanten) Splitterparteien schwankt; die letztgenannten werden insofern überproportional berücksichtigt.
Die Artikel folgen einem identischen Muster. Nach einem einleitenden Überblick zur Entstehungs und Entwicklungsgeschichte der Partei werden zuerst die Wahlergebnisse und Wählerstruktur, sodann die Programmatik und schließlich die Organisation der Partei behandelt, bevor ein kurzes Fazit die Darstellung abrundet; einzig der Beitrag über die Freien Wähler, die als Dachorganisation kommunaler Wählergemeinschaften keine Partei im üblichen Sinne sind, weicht von diesem Schema geringfügig ab. Am Ende der Artikel wird - falls verfügbar - auf wissenschaftliche Literatur hingewiesen und die Internetadresse der Partei angegeben.
Die Bearbeitung gestaltete sich insbesondere bei denjenigen Kleinstparteien schwierig, zu denen es keine wissenschaftliche Literatur und auch ansonsten kaum Material gibt. Die Autoren mussten sich hier häufig mit nur wenigen Zeitungsartikeln sowie eigenen Angaben der Parteien behelfen, die natürlich immer mit Vorsicht zu genießen sind. Diese Quellen werden unter den Literaturangaben in der Regel nicht eigens aufgeführt. Dasselbe gilt für die Unterlagen der Wahlleiter sowie - im Falle extremistischer Parteien - die Verfassungsschutzberichte, soweit sie Informationen zu den betreffenden Parteien enthalten.
Wer den lexikalischen Teil etwas genauer durchmustert, wird eine Unzahl von Querverbindungen zwischen den meisten der behandelten Parteien feststellen. Auch die Herausgeber waren überrascht, wie viele Abspaltungen, Neugründungen, Fusionen und Kooperationen es in der bundesdeutschen Parteienland
schaff im fraglichen Zeitraum gegeben hat, als sie die Summe der Einzelartikel in Augenschein nahmen. Um dem Benutzer die Orientierung zu erleichtern, sind in die Beiträge bei Bedarf Verweisungspfeile auf andere Parteien eingefügt worden; darüber hinaus findet sich am Ende des Bandes ein umfangreiches Personenregister.
Im lexikalischen Teil werden die Parteien alphabetisch nach ihrem vollen Namen aufgelistet - für alternative (frühere oder spätere) Namensgebungen oder Zusatzbezeichnungen, wie sie gerade von den Kleinstparteien gerne verwendet werden, finden sich entsprechende Verweise. Die Schreibweise folgt der offiziellen Benennung im Verzeichnis des Bundeswahlleiters. Bestimmte Artikel bleiben als Namensbestandteil bei der Alphabetisierung unberücksichtigt. In den Artikeln selbst werden die Parteien in der Regel bei ihrem offiziellen Kürzel genannt; dasselbe gilt für die anderen dort erwähnten (und im Handbuch berücksichtigten) Parteien. Eine alphabetische Auflistung der Parteien nach ihren Abkürzungen bzw. Kurzbezeichnungen ist dem allgemeinen Teil vorangestellt. Parteien oder Vereinigungen, die im Handbuch nicht eigens behandelt werden, sind in den Artikeln stets mit vollem Namen genannt.
1 Eine vollständige Liste aller Parteien und Vereinigungen, die seit 1946 bei Landtags-, Bundestags und Europawahlen angetreten sind, ist beim Bundeswahlleiter erhältlich. Statistisches Bundesamt, Hg. (2005), Wahl zum 16. Deutschen Bundestag am 18. September 2005. Heft 1: Ergebnisse und Vergleichszahlen früherer Bundestags-, Europa und Landtagswahlen sowie Strukturdaten für die Bundestagswahlen, Wiesbaden, S. 191 ff.
