Etwa 600 zivilgesellschaftliche Geschichtsinitiativen haben im Ruhrgebiet im Zeitraum zwischen 1970 und der Jahrtausendwende zur Geschichte der Region geforscht. Zu ihnen zählten unter anderem Historische Gesellschaften und Heimatvereine ebenso wie Arbeitersiedlungsinitiativen, Geschichtswerkstätten, Einrichtungen der Erwachsenenbildung, Verfolgtenverbände, Basisorganisationen aus SPD und Gewerkschaften, Frauengeschichtsinitiativen und Gruppen zur Erforschung lokaler Bergbaugeschichte. In dieser Publikation werden ihre Herkunfts- und Funktionszusammenhänge sowie ihre Themen und Aktivitäten vorgestellt und analysiert. Dabei kommen Elemente der Citizen Science als analytische Instrumente zum Einsatz. Sie verdeutlichen Partizipationszusammenhänge zwischen bürgerwissenschaftlichen Gruppen sowie akademischen und wissenschaftsnahen Institutionen wie beispielsweise Einrichtungen der Erwachsenenbildung und Stadtarchiven. Daraus lassen sich Erkenntnisse zur Demokratisierung von Geschichtskultur und zur Frage der Deutungshoheit über historische Entwicklungen gewinnen. Der methodische Einsatz von Aspekten der Bourdieuschen Kapitaltheorie verdeutlicht die Milieugebundenheit zivilgesellschaftlicher Geschichtsforschung. Im Ergebnis wird die umfangreiche und vielgestaltige Geschichtsszene als Feld der Identitätssuche eines aufsteigenden postindustriellen Bürgertums sichtbar. Daraus erwächst die kritische Neubewertung der gesellschaftlichen Verankerung des industriekulturellen Narrativs, das ab Mitte der 1980er Jahre durch Funktionsträger aus Politik und Kulturwirtschaft zur beherrschenden Identitätskonstruktion des Ruhrgebiets ausgebaut worden war. Zudem wird eine differenzierende und relativierende Beurteilung der so genannten "Geschichte von unten" möglich, die in den 1980er Jahren als basisdemokratische Bewegung neue Impulse in der bundesdeutschen Geschichtskultur gesetzt hat.
Bitte wählen Sie Ihr Anliegen aus.
Rechnungen
Retourenschein anfordern
Bestellstatus
Storno







