Von den etwa 600 erhaltenen Zeichnungen Michelangelos sind 80 % Männerdarstellungen. Doch was bedeutet das konkret im Kontext seiner Zeit und seiner Werke? Dieser Frage geht „Michelangelo and Men“ im Detail nach.
Dass sich der Künstler zu jungen Männern hingezogen fühlte, ist eine unbestrittene
Tatsache, wobei Michael Rocke in seinem Beitrag die Sexualität Michelangelos kontrovers diskutiert.…mehrVon den etwa 600 erhaltenen Zeichnungen Michelangelos sind 80 % Männerdarstellungen. Doch was bedeutet das konkret im Kontext seiner Zeit und seiner Werke? Dieser Frage geht „Michelangelo and Men“ im Detail nach.
Dass sich der Künstler zu jungen Männern hingezogen fühlte, ist eine unbestrittene Tatsache, wobei Michael Rocke in seinem Beitrag die Sexualität Michelangelos kontrovers diskutiert. Er stellt fest, dass in Florenz um 1500 männlicher Sexualverkehr zwar weit verbreitet war, aber nach bestimmten Regeln und unter Rollenmustern praktiziert wurde, die sich letztlich aus der griechischen Kulturgeschichte ableiten. Rocke schließt daraus, dass Michelangelo nicht im heutigen Sinn homosexuell war, da er sich offenbar nur zu Heranwachsenden hingezogen fühlte. An Frauen hatte er nachweislich kein Interesse. Dem Argument, dies sei keine Spielart der Homosexualität in unserem „modernen“ Sinn, muss man nicht folgen, denn kulturgeschichtliche Veränderungen von sexuellem Rollenverhalten haben bisher niemanden zum Umkehrschluss verleitet, in der Renaissance habe es auch keine Heterosexualität im „modernen“ Sinn gegeben. Das folgt einem längst überwundenen Verständnis der Homosexualität als „wählbarer“ Präferenz, im Gegensatz zur biologisch vorbestimmten. Es ist ein weit verbreiteter, ideologisch begründeter Irrtum der aktuellen Gender„forschung“, die beide Kategorien als willkürlich austauschbar betrachtet und dem letztlich auch Rocke folgt, auch wenn seine Hintergrundrecherche ansonsten hochinteressant ist.
Die folgenden Beiträge bleiben dagegen auf dem Boden der Tatsachen und widmen sich konkret seinen Briefen, Madrigalen, Sonetten, Zeichnungen, Gemälden und Bildwerken. Die Autoren setzen sie in den kunsthistorischen und biografischen Kontext, wobei insbesondere die Beziehungen zwischen Michelangelo und seinen Liebhabern im Fokus stehen, denn nicht selten verschmelzen hier künstlerische Inspiration und sexuelle Anziehung, wenn auch nur in idealisierter Form. Auch der Einfluss der gerade wiederentdeckten Antike auf Werk und Wahrnehmung wird diskutiert und Beispiele belegen, dass zahlreiche Posen antiker Bildwerke in abgewandelter Form in Michelangelos Werk wieder auftauchen. Hier wird auch sehr deutlich, dass Michelangelos Männer keine realen Personen, sondern Idealfiguren sind. Sehr interessant ist der Beitrag von Jenifer Sliwka, die sich mit den Christusdarstellungen bei Michelangelo befasst. Der tief religiöse Künstler hinterfragte Zeit seines Lebens seine Herangehensweise, gab viele (vor allem Bildhauer)versuche vorzeitig auf und nur wenig wurde vollendet. Dieser innere Kampf scheint ihn gegen Ende seines Lebens zunehmend belastet zu haben.
Ein eigenes Kapitel hat das nie begonnene Fresco „Die Schlacht von Cascina“. Die originalgroße Vorlage ist verloren, aber eine zeitgenössische Teilkopie von Sangallo vermittelt einen kompositorischen Eindruck und erlaubt zusammen mit den erhaltenen Vorzeichnungen eine mögliche Rekonstruktion.
Der letzte Beitrag untersucht die „strategischen“ Männerfreundschaften Michelangelos zu Auftraggebern, Künstlern und Biografen, denn der Künstler war auch ein hervorragender Netzwerker und guter Geschäftsmann, der seine „Kunden“ auch bei Laune hielt, wenn er nicht lieferte.
„Michelangelo and Men“ zeichnet ein sehr ausdifferenziertes Bild, das sowohl das Ringen um den künstlerischen Ausdruck als auch das körperliche Verlangen angemessen darstellt. Bis auf die ideologisch fragwürdige Episode von Michael Rocke eine sehr überzeugende Darstellung.