Das Leben der Frauen am Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts
Mit „Montmartre – Traum und Schicksal“ schließt Marie Lacrosse ihre zweibändige Montmartre-Saga. Der exzellent und aufwändig recherchierte historische Familienroman erzählt die Geschichte zweier Frauen verschiedener Herkunft mit großem
Talent: von Valérie, der begeisterten Kunstmalerin, und Elise, der begabten Revue-Tänzerin. Für…mehrDas Leben der Frauen am Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts
Mit „Montmartre – Traum und Schicksal“ schließt Marie Lacrosse ihre zweibändige Montmartre-Saga. Der exzellent und aufwändig recherchierte historische Familienroman erzählt die Geschichte zweier Frauen verschiedener Herkunft mit großem Talent: von Valérie, der begeisterten Kunstmalerin, und Elise, der begabten Revue-Tänzerin. Für Quereinsteiger auch ohne Vorkenntnisse kein Problem, aber ich empfehle dringend, mit Band 1 zu beginnen, um die Entwicklung und die Vorgeschichte der Protagonistinnen in allen Facetten zu erleben.
Das Cover mit dem Blick auf die Seine, im Vordergrund eine im Stil des 19. Jhs gekleidete elegante Dame, stimmt bereits wunderbar auf die Lektüre ein. Der 2025 erschienene Roman gliedert sich in vier Teile, deren Untertitel (Wunsch und Wirklichkeit, Hoffnung und Träume, Harte Wahrheiten, Schwere Entscheidungen) widerspiegeln, wie schwierig es sich für die Protagonistinnen gestaltet, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Träume zu verwirklichen. Die Kapitel sind mit Überschriften versehen, die Zeit-und Ortsangaben umfassen, was den Perspektivenwechsel zwischen den beiden Handlungssträngen – also zwischen Elises und Valéries Leben – sehr übersichtlich machen. Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von rund 6 Jahren (1889 bis 1895) und spielt vorwiegend am Montmartre, Paris. Der umfangreiche Personenkreis ist anhand der detaillierten Liste mit Kennzeichnung der historischen Persönlichkeiten gut überschaubar. Auch der Stadtplan vom Montmartre Ende des 19. Jhs ist sehr hilfreich.
Der Schreibstil ist flüssig, anschaulich beschreibend, ohne auszuufern. Fakten und Fiktion sind exzellent miteinander verwoben. Der Roman basiert auf sehr gründlichen Recherchen, primär geht es ums Gesellschaftsbild mit Schwerpunkt Kunstmaler und Varietetanzlokale. Bedeutende Ereignisse jener Zeit wie der Bau von Sacre Coeur, aber auch Schicksalhaftes und Dramatisches wie der Panamaskandal, die anarchistische Bewegung und die Affäre Dreyfus spielen in die Handlung mit hinein. Meisterhaft gelingt es der Autorin, en passant, verwoben mit den Lebensumständen der Protagonistinnen, Wissen zu vermitteln, wobei es stets spannend und lebendig wirkt. Im Nachhang wird ausführlich Wahrheit und Fiktion erklärt. Neben dem Quellennachweis sind sowohl die im Roman erwähnten Gemälde aufgelistet, als auch die Stilrichtungen näher erläutert. Ich fand all diese Hinweise stets sehr hilfreich bzw. habe ich mir immer wieder Gemälde übers Internet angesehen. Vielmals hätte ich mich gerne in die Museen gebeamt, um die Werke in natura betrachten zu können.
Die Handlung entwickelt sich chronologisch parallel. Primär leben die beiden Frauen in verschiedenen Welten, doch kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Die handelnden Personen, ob fiktiv oder historisch belegt, wirken allesamt sehr lebendig, authentisch. Je mehr sie im Mittelpunkt stehen, desto facettenreicher sind ihre Charaktere dargestellt, mit Schwächen und Stärken und gefühlsstark. Valèrie und Elise sind sympathische, willensstarke, begabte Frauen, die nicht dem damals üblichen Frauenbild entsprechen. Sie wollen ihre eigenen Wege gehen, ihre Selbstständigkeit bewahren. Ein Wunsch, der zuzeiten des geltenden Code Civil in Frankreich besonders herausfordernd ist, denn Napoleons Gesetz gibt den Ehemännern jedwedes Recht über ihre Partnerinnen. Diese sind ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das bekommt nicht nur die in die Prostitution abgerutschte Simone, Elises Schwester, zu spüren, als sie von ihrem Mann, einem Zuhälter, gnadenlos in die miesesten Bordelle von Paris gesteckt wird, sondern auch Valèrie als Gattin eines vermögenden Kunstmalers, als er auf ihren Drang nach Eigenständigkeit mit maßloser Gewalt reagiert. Trotz aller Widrigkeiten erkämpfen sich die beiden Frauen ihr Glück und Freiheit.
Beide Romane haben mich begeistert. Angefangen von den sympathischen Protagonistinnen, deren Leben spannend erzählt wird, abwechslungsreich, mit romantischen Momenten, dramatischen Ereignissen, mit Szenen voller Emotionen und Lebendigkeit, und einem umfassenden Einblick in die damalige Künstlerszene am Montmartre.
Unbedingte Leseempfehlung und 5 Punkte.