Die neuere Geschichte Georgiens in einem Tag einer Familie zusammengefasst! Grandios!
Der 9. April ist in Georgien symbolträchtig. 1991 wurde die Unabhängigkeit ausgerufen, 1989 von den Sowjets eine friedliche Demonstration blutig niedergeschlagen. Milas Geburtstag.
In bedrückenden Bildern
schildert der Autor die Geschichte des gebeutelten Landes, ja der ganzen Region. Er bricht die komplette…mehrDie neuere Geschichte Georgiens in einem Tag einer Familie zusammengefasst! Grandios!
Der 9. April ist in Georgien symbolträchtig. 1991 wurde die Unabhängigkeit ausgerufen, 1989 von den Sowjets eine friedliche Demonstration blutig niedergeschlagen. Milas Geburtstag.
In bedrückenden Bildern schildert der Autor die Geschichte des gebeutelten Landes, ja der ganzen Region. Er bricht die komplette Handlung auf einen Tag herunter, umreißt anhand der Familie Simonyan das Leben in einer zerfressenen Stadt ohne große Perspektiven. Mila, ihr Mann Gena, ihre Tochter Zema und ihr Sohn Lazare werden zu den HandlungsträgerInnen.
Armenischstämmig flohen sie aus dem Kriegsgebiet Karabach nach Tiflis. Verbrechen und Korruption sind hier wie dort liebevolle Geschwister, ernährt von einer Politik, der das Wohl der Bevölkerung nichts bedeutet.
Mila lebt ihr Leben alleine, versucht sich neben der Familie ihre Existenz so angenehm wie möglich zu machen. Das Leben hat sie so gemacht, auch ihren Mann Gena. Dieser war für sehr kurze Zeit ein gefeierter Nationalheld, und wurde abgestoßen, zerbricht daran, und kümmert sich um nichts mehr, lebt in den Tag auf Kosten seiner Frau Mila. Lazare stellt sich den westlichen Verlockungen, vor allem der Musik und linken Strömungen und möchte unbedingt Rapper werden. Und Zema wird Polizistin. Aber nicht aus der Ideologie der Gerechtigkeit heraus, sondern alleine vom Gedanken beseelt, Rache zu nehmen für die eigene Genugtuung.
Sie versuchen ihr Leben auf ihre jeweilig erdenklich beste Art und Weise zu meistern, aber die Vergangenheit schläft nicht, holt auf …
Innerhalb dieses Tages, den uns der Autor in Episoden seiner handelnden Personen präsentiert, prasseln auf die LeserInnen die politischen Ereignisse ungestüm herein. Die postsowjetische Zeit mit all ihren Herausforderungen, den blutigen Auseinandersetzungen der ehemaligen Sowjetrepubliken untereinander. Ob Armenien, Kasachstan, oder Georgien – Selbstbestimmung und was es heißt, ein eigener souveräner Staat mit seinen verschiedenen ethnischen Volksgruppen zu sein, will erst gelernt werden.
Der Kommunismus stirbt langsam, verrottet stinkend. Der Titel „Müllschlucker“ wird symbolisch zum Programm, ein stinkender Mahlstrom gegen die Strömung der Zeit.
Präzise, in ungeschönten Bildern voller Wucht bringt uns Iwa Pesuaschwili, der mit diesem Roman 2022 den Preis der Europäischen Union für Literatur gewann, die Politik der Kaukasusregion näher, lässt teilhaben am korrupten System einer Stadt in der das Verbrechen regiert, und auch dem zerstörerischen Einfluss der Sowjetunion, die ihre giftigen Finger auch nach den Unabhängigkeitserklärungen nicht von den Staaten lassen kann.
Und das gerade mal auf 138 Seiten.
Das Buch ist zugebenermaßen schwierig, nicht einfach zu lesen, bedarf viel Konzentration um die Informationsflut zwischen den Handlungen aufzunehmen.
Nichtsdestotrotz gebe ich gerne eine Leseempfehlung für diesen wichtigen Roman, der ein Stück Georgische Zeitgeschichte zusammenfasst.