Der Autor Klaus Heller, geboren 1937 im thüringischen Bad Salzungen, ist Historiker und emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte. Das erste Staatsexamen für das Lehramt in Russisch 1965 sowie folgend ein Geschichts-, Slawistik- und Germanistikstudium in Würzburg und Tübingen
qualifizieren den Autor für das gewählte, schwierige Thema:
Es geht um nicht weniger als den Schwenk des, im…mehrDer Autor Klaus Heller, geboren 1937 im thüringischen Bad Salzungen, ist Historiker und emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte. Das erste Staatsexamen für das Lehramt in Russisch 1965 sowie folgend ein Geschichts-, Slawistik- und Germanistikstudium in Würzburg und Tübingen qualifizieren den Autor für das gewählte, schwierige Thema:
Es geht um nicht weniger als den Schwenk des, im späten Scheitern unlängst rettungslos verwobenen, größten sozialpolitischen Experiments aller Zeiten. Des Kommunismus in der Sowjetunion und seiner Transformation in das heute kapitalistisch geprägte Russland. Ein Zeitensprung, der in der Geschichte seinesgleichen sucht. Im Kern fällt dieser nicht, wie weitläufig angenommen, in die Ära Gorbatschow. Den wirklichen Sprung wagte Jelzin. Ihm blieben rund achteinhalb Jahre für die Schaffung und Sicherung neuer Strukturen sowie deren politische und wirtschaftliche Umsetzung.
Heller holt zunächst weit aus, führt den Leser zu dessen Verständnis zunächst zurück in das Unternehmertum der Zarenzeit und die Umbrüche von 1917 zur sozialistischen Planwirtschaft. Mehrere Kapitel widmen sich dann der Ära Gorbatschow von 1985 bis 1991, in der die ersten Wirtschaftsreformen und „Kapitalistische Gehversuche“ in der UDSSR unternommen wurden. Als Jelzin Präsident wird, ist der Autor auf Seite 175 der 319 Seiten währenden Abhandlung. Wer die Komplexität der russischen Gesellschaft, ihrer Politik und Geschichte annähernd kennt, der weiß dieses als Leistung des Autors einzuordnen.
Im Hauptteil, ab Seite 175, kommt Heller zum eigentlichen Kern. Was war der Plan, um das riesige, kommunistische Staatseigentum auf die Gesellschaft zu übertragen? Welche Rahmenbedingungen und sich daraus ergebenden Möglichkeiten hatten die Akteure überhaupt? Welche Kompromisse waren erforderlich, um nicht einen Rückfall in den Kommunismus zu riskieren? Warum ist am Ende ein Großteil des Volksvermögens in die Hände so weniger gekommen? Welches Risiko und welche Funktion übernahmen dabei die sogenannten Oligarchen? Heller beschreibt die komplexe Situation schonungslos wie reflektiert. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, ordnet allerdings alles in den jeweiligen Kontext ein.
Der aus einfachen Verhältnissen stammende Bauingenieur, und spätere KPdSU-Sekretär des Gebietskomitees Swerdlowsk, Jelzin war mit seinem Streben, den ganzen Mief der Parteielite aufzustöbern, zu Beginn sehr erfolgreich und im Volk beliebt. Durch die in seiner Amtszeit erfolgte Coupon-Privatisierung trägt Jelzin ungewollt zum Entstehen der postsowjetischen Oligarchie bei. Später holen ihn zudem die realwirtschaftlichen Probleme in Form von Hyperinflation und veralteten Industriestrukturen ein. Um nicht alle Fortschritte zu verlieren ist Jelzin gezwungen, einen Pakt mit den Oligarchen zu schließen. Diese wiederum müssen aus selbem Grund noch einmal viel riskieren…
Heller geht auch auf die einzelnen Oligarchen wie Chodorkovskij, Beresowski pp. und ihre dann phänomenal profitablen „Investments“ in die russischen Großunternehmen ein.
Das letzte Kapitel widmet sich der Ära Putin und dem Untergang so manches Oligarchen. Der nochmalige Wandel drängt die reichen Eliten der Jelzin-Ära jetzt mit Macht aus der Politik.
Ergo:
Ein wirklich wichtiges Buch, ohne deren Inhalte ein Verständnis des heutigen Russlands und seiner Politik nahezu unmöglich scheint. Anspruchsvoll, kritisch, anklagend, objektiv, relativierend.
Leider versäumt es Heller, dieses spannende Kapitel der russischen Geschichte auch spannend zu erläutern. Ein paar Fotos historischer Momente hätten dem Buch genauso gutgetan, wie deren Erläuterung. So gibt es kaum ein Wort vom viel beachteten August-Putsch, geschweige denn über den Werdegang und das persönliche Umfeld Jelzins.
4 Sterne ****