Ziemlich überdreht und weit weg von der Wirklichkeit
Ohne Zweifel wird dieser Krimi seine Fans haben. Ich gehöre nicht dazu, weil ich mir auch von Krimis eine gewisse Erzähltiefe, glaubwürdige Figuren und einen halbwegs nachvollziehbaren Bezug zur Realität wünsche. Nichts davon enthält diese
Geschichte.
Eine IT-Spezialistin wird in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden, und im Rummelsburger…mehrZiemlich überdreht und weit weg von der Wirklichkeit
Ohne Zweifel wird dieser Krimi seine Fans haben. Ich gehöre nicht dazu, weil ich mir auch von Krimis eine gewisse Erzähltiefe, glaubwürdige Figuren und einen halbwegs nachvollziehbaren Bezug zur Realität wünsche. Nichts davon enthält diese Geschichte.
Eine IT-Spezialistin wird in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden, und im Rummelsburger Hafen schwimmen vier zerstückelte Leichen älteren Datums. Natürlich weiß man als Leser, dass diese Fälle irgendwie zusammenhängen werden. Aus Frankfurt reist unter seltsamen Umständen ein suspendierter Polizist an, der als Personenschützer für ein Mitglied einer reichen Unternehmerfamilie tätig werden soll. Sein Onkel leitet die Ermittlungen in den Mordfällen.
Das alles erfährt man in einem rasenden Telegrammstil, in dem das ganze Buch verfasst wurde. Es ist voller orthografischer, grammatikalischer und logischer Fehler. Der Erzählstil führt zu einer gewissen Spannung, die künstlich erzeugt wird, weil das Gehirn des Lesers durch die schnellen Schnitte in eine ähnliche Raserei verfällt wie der Text, denn es versucht zwanghaft sich die ganzen Lücken und Sprünge der Geschichte zu erklären. Das ist gerade der Trick. Dieser Stil verhindert aber auch eine hinreichende Erzähltiefe, was man aber wegen des hohen Tempos erst einmal nicht bemerkt. Die Figuren bleiben vielleicht bis auf den Haupthelden völlig blass. Man weiß schließlich nicht allzu viel über sie.
In der Unternehmerfamilie geht es heiß her. Der Vater und seine drei Söhne sind zerstritten. Was da genau los ist, erfährt man ebenfalls nur stückweise, aber nicht wirklich richtig. Der Telegrammstil verharrt in Andeutungen. Und dann kommt es ganz dick. Aus den Krimis im ÖRR weiß man ja, dass Unternehmer eigentlich immer kriminell sind. Hier handelt es sich um Pharmaproduzenten, natürlich stinkreich und gemeingefährlich. Sie besitzen ein Grundstück mit einem Atombunker, in dem aber seltsamerweise ihre Feinde hausen und eine Privatklinik mit einer merkwürdigen Ausrichtung, in der man erst einmal eine Spritze bekommt, wenn man sie betreten will. Ist dort Standard, wie der Autor meint. Nun ja.
Und natürlich machen sie Menschenversuche, soll heißen, sie testen ihre Produkte an Obdachlosen, die dann auch mal dabei verrecken. Dass das kompletter Unsinn ist, fällt nur jemandem auf, der etwas von Produktentwicklung versteht. Wenn ein Versuch nicht detailliert überwacht werden kann, ist er sinnlos. Obdachlose sind also wenig hilfreich als Versuchskaninchen.
Das Buch enthält noch eine Reihe anderer Klischees, die im Kopf von Autoren entstehen, denen ein praktisches Verständnis der Wirklichkeit fehlt, die sich also Geschichten der Geschichten wegen ausdenken und dabei in die Falle ihrer ahnungslosen Realitätsferne tappen. Das versuchen sie durch einen Übereifer an Knalleffekten auszugleichen. Beim Publikum kommt das aber teilweise an.
Bekanntlich ist der deutsche Humor eher derb. Deutsche Krimis sind es merkwürdigerweise auch. Wenn man das einmal verstehen will, sollte man zu schwedischen Krimis greifen. Oder zu guten amerikanischen. Die sind weniger ideologisch angehaucht, zeigen eine tiefere Betrachtung von Motiven der Figuren und neigen oft zu einem humorlosen Realismus. Plattheiten wie in diesem Buch sind da eher selten.
Mein Fall war dieser Krimi nicht, dennoch bewerte ich ihn neutral, weil er sicher auch manchem Leser gefallen wird.