Treue - ausgerechnet mit diesem Begriff aus dem Inventar bürgerlicher Ehen und populärer Romanzen wird im Jahrhundert des Realismus der nicht mehr abzuweisende Anspruch auf die Nachahmung der Wirklichkeit geltend gemacht. Das Problem der Wirklichkeitstreue rückt die ethische Dimension von Mimesis in den Blick. Ziel des Bandes ist es, die polyvalente Treue-Semantik auf ihre Brauchbarkeit für die Beobachtung des Realismus zu befragen. Das geschieht in Studien zu Stifter, Fontane, Keller, C.F. Meyer, Flaubert u.a. Die Semantik der Treue bezieht sich auf eine Ästhetik der Genauigkeit und eine Beziehung der Loyalität gleichermaßen: Im Ehe- und Ehebruchsroman birgt gerade die Ambivalenz der Semantik (Treue zum Anderen, Treue zu sich) ein schier unerschöpfliches Potential der narrativen Konfliktgestaltung. Politisch wird Herrschaftstreue im Programmrealismus nach 1848 vorausgesetzt, konfligiert allerdings mit dem Verlangen nach Gegenwartsromanen und der demokratischen Aufwertung aller möglichen Stoffe. Poetologisch korrespondiert das Postulat der Wirklichkeitstreue mit der Privilegierung zuverlässiger Erzählinstanzen und mittelmäßiger Helden und wirft damit die Frage nach der Glaubwürdigkeit nicht nur der Fiktion auf: Erzählung und öffentlicher Diskurs können den ökonomischen und moralischen Kredit des Publikums genießen oder einbüßen.
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