Eine junge Frau kündigt ihren Job in einer Anwaltskanzlei und zieht zu ihrem Bruder, der von Frau und Kindern verlassen wurde. In dem abgelegenen Dorf in einem nördlichen Land lebten schon die Vorfahren der Familie, es ist ihnen dort nicht gut ergangen. Als jüngstes von zahlreichen Geschwistern scheint es der jungen Frau nichts auszumachen, sich als Haushälterin des Bruders aufzuopfern. Doch nach einer Reise erkrankt er unter ihrer hingebungsvollen Pflege an einer mysteriösen Krankheit. Von den Dorfbewohnern, deren Sprache sie nicht spricht, wird sie argwöhnisch betrachtet. Rätselhafte, beunruhigende Ereignisse häufen sich: Die Kartoffelernte verfault, eine Sau zerquetscht ihre Ferkel. Ein Gefühl wachsender Bedrohung stellt sich ein. Wer kontrolliert hier wen? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Und wofür?Sarah Bernstein gilt dank ihres präzisen, geradezu kaltblütigen Stils als eine der aufregendsten und originellsten Stimmen ihrer Generation. »Übung in Gehorsam« ist in einer verstörenden Gegenwart angesiedelt und viel zu lebendig, um sich auf offensichtlichen Botschaften auszuruhen.
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Der Antisemitismus war nie weg und gerade ist er mal wieder besonders stark, so Kritiker Kai Sina, und Sarah Bernstein erzählt in ihrem neuen Roman davon: Die namenlose Protagonistin zieht zu ihrem Bruder aufs Land, um ihn zu pflegen. Wo das besagte Dorf liegt, ist nicht klar, "irgendwo im Norden" heißt es, aber dem Kritiker stehen die "Bloodlands" vor Augen, "jene Landschaften zwischen Ostsee und Schwarzem Meer", wo so viele dem Nazi- und Stalin-Terror zum Opfer fielen. Sie versucht, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, erfährt aber nur Ablehnung und Schuldzuweisungen, die Handlung kulminiert in einer Demütigungsszene, bei der ein totes Schwein in der Kirche liegt, schildert Sina. Ihn fasziniert, wie Bernstein die doppelte Verwicklung und Wirkung des Antisemitismus bei Opfern und Tätern zeigt und wie sie ein intellektuelles Netzwerk zwischen Ingeborg Bachmann, Franz Kafka und Trinh Thi Minh Hà spannt. Ein verstörendes und überzeugendes Buch, wie er resümiert.
© Perlentaucher Medien GmbH
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