Reine Absichten
Wie viel haben Agenten des Geheimdienstes und Whistleblower wie Snowden gemeinsam? Das weite und explosive Feld der Daten ist natürlich beider Metier, und eingesetzt werden die gesammelten Informationen von beiden Seiten; von den Whistleblowern natürlich mit bestem Gewissen für die gute Sache, mit reinen Absichten. Doch das würde vermutlich auch jeder Geheimdienst für sich beanspruchen. „Purity“ (Reinheit), so heißt Jonathan Franzens neuer Roman, und wer hier alles in bester, reinster Absicht agiert, das stellen wir nun vor.
Purity Tyler, genannt Pip: 23 Jahre jung, auf der Suche nach ihrem Vater
Da ist zum einen – und bei diesem Namen muss man einfach mit ihr anfangen – Purity Tyler, genannt Pip. Die 23-Jährige lebt zu Anfang des Romans in einer WG in einem besetzten Haus in Oakland. Ihre Studienschulden von 130.000 Dollar machen ihr zu schaffen, ganz zu schweigen davon, dass sie nicht weiß, wer ihr Vater ist. Pips Mutter, Anabel, weigert sich, das Geheimnis preiszugeben und lebte mit ihrer Tochter in selbstgewählter, weil „reiner“ Armut. Alles Fake! Denn Anabel stammt aus einer steinreichen Familie und Pip ist eigentlich milliardenschwer. Das weiß sie nur nicht, und Anabel hält Pip auch sonst klein. Alles getarnt als „Mutterliebe“. Ständig läuft Pip mit einem schlechten Gewissen durch die Gegend, als wäre es ein Verbrechen, ein eigenes Leben zu führen, aufs College zu gehen oder als Ökostrom-Vermarkterin zu jobben.
Dass Pip in Stephen, einen ihrer Mitbewohner auf Zeit verliebt ist, mach es nicht einfacher. Kaum hat sich dessen Lebensgefährtin von ihm getrennt, versucht Pip ihr „Glück“. Unwahrscheinlich schlechtes Timing. Stephen wirft ihr vor, anormal zu sein und Pip erwidert: „Ich weiß, ich bin anormal. Das ist wie der Refrain meines Lebens.“ Es läuft so viel schief, dass Pip nur eins will: weg, weit weg. Das Angebot für ein Praktikum beim „Sunlight Project“ kommt da gerade recht, und Pip reist nach Bolivien. Wer, wenn nicht das renommierte Whistleblower-Projekt, könnte ihr bei der Suche nach ihrem Vater helfen? So taucht sie ein in die Welt des charismatischen Gründers Andreas Wolf.
Andreas Wolf: DDR-Vergangenheit, heute Whistleblower – und Mörder mit reinen Absichten
Wolf ist, neben Pip, eine weitere Hauptfigur. Er wuchs in der DDR – der „Republik des schlechten Geschmacks“ – auf, als Neffe von DDR-Spionagechef Markus Wolf, und gehörte zur sozialistischen und linientreuen Elite. Regimekritische Gedichte treiben ihn in die Widerstandsszene und er findet Heimat in einer Kirchengemeinde. Dort betreut er Jugendliche. Für ihn der ideale Platz, um reihenweise Eroberungen zu machen und junge Mädchen flachzulegen. Annagret – eine, bei der er vor hat, keusch zu bleiben – beichtet ihm den Missbrauch durch ihren pädophilen Stiefvater, der auch noch, klar, ein Stasispitzel ist. Andreas fackelt nicht lange, plant den Mord an Annagrets Peiniger und setzt diesen Plan um.
Tom Aberant: guter Amerikaner, Journalist und Mitwisser
Nach dem Fall der Mauer begegnet Wolf nach der Stürmung des Stasi-Hauptquartiers „dem guten Amerikaner Tom Aberant“. Tom ist Journalist, die Männer freunden sich an, und Andreas gesteht ihm schließlich im Überschwang der Sympathie den Mord und bittet Tom, ihm beim Verschwindenlassen der vergrabenen Leiche zu helfen. „Ich werde dir das alles nicht vergessen, Tom. Niemals.“ Das ist Jahre her. Heute verfolgt Andreas Wolf das Leben und Tun von Tom Aberant zwar genau, aber nicht, weil er ihm am Herzen liegt. Er will wissen, ob ihm Gefahr droht. Und er hat etwas über Tom herausgefunden, dass dieser selbst noch nicht weiß. Er wäre nicht Andreas Wolf, wenn er nicht wüsste, wie er mit dieser Information Tom treffen könnte … Tom, der mittlerweile als Chefredakteur einen Onlinepressedienst, den „Denver Independent“, betreibt.
Durch welches Band diese Figuren in „Unschuld“ miteinander verbunden sind, wird nach und nach klar. Franzen breitet all diese Leben kunstvoll und natürlich unterhaltend vor uns aus, verschränkt deren Schicksale und Begierden, Abhängigkeiten und Sehnsüchte im Privaten wie im Beruflichen. Ob Pip dem Charisma des beziehungsgestörten Andreas Wolf erliegen und ihren Vater finden wird, lassen wir hier genauso offen wie die Auflösung der Frage, welche Intrige Wolf für Aberant eingefädelt hat …
Wie rein bleiben in einer Welt, die vom Kapital regiert wird?
Dass immer alles mit allem zusammenhängt und jede Tat, jedes Verschweigen oder Unterlassen etwas auslöst – wenn auch Jahre später und vielleicht in einem ganz anderen Teil der Welt –, das erzählt Franzen hier virtuos zwischen Oakland, Berlin und Bolivien. Wie er es schafft, z. B. die Atmosphäre der Guru-Hörigkeit im „Sunlight-Projekt“ zum Leben zu erwecken oder natürlich – seine große Meisterschaft – die dysfunktionalen Beziehungen zu beschreiben, in denen eigentlich alle im Buch gefangen sind, ist großartig: „Kein Telefonat war komplett, bevor sie einander nicht unglücklich gemacht hatten.“ Ja, Franzen ist ein Virtuose der „Zweisamkeitsexzesse“ und die Fragen, die er in „Unschuld“ aufwirft, sind allemal hochaktuell und gehen jeden an. Wie moralisch integer, rein bleiben in einer Welt, die vom Kapital regiert wird? Dass man dabei Franzens als eher konservativ gescholtene Kritik des Internets nicht teilen muss, ist klar. Aber einen Gedanken oder mehrere ist das nachfolgende Zitat allemal wert:
„Man konnte mit dem System kooperieren oder es ablehnen, aber was überhaupt nicht möglich war, ganz gleich, ob man ein sicheres, angenehmes Leben genoss oder im Gefängnis saß, war, gar nicht mit ihm in Beziehung zu treten. Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.“
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