Der spektakuläre Fund der Gurlitt-Sammlung hat den größten Kunstraub der Geschichte wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Nationalsozialisten hatten von jüdischen Besitzern rund 650.000 Kunstwerke enteignet. Seit dem Zweiten Weltkrieg bemühen sich Geschädigte und Erben bis heute um die Rückgabe ihrer
„verlorenen Bilder“, meist jedoch nur mit mäßigem Erfolg, denn nach wie vor kennt Deutschland keine…mehrDer spektakuläre Fund der Gurlitt-Sammlung hat den größten Kunstraub der Geschichte wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Nationalsozialisten hatten von jüdischen Besitzern rund 650.000 Kunstwerke enteignet. Seit dem Zweiten Weltkrieg bemühen sich Geschädigte und Erben bis heute um die Rückgabe ihrer „verlorenen Bilder“, meist jedoch nur mit mäßigem Erfolg, denn nach wie vor kennt Deutschland keine rechtsverbindliche Grundlage für die Rückerstattung von Beutekunst.
Wenn heute darüber gestritten wird, warum jüdische Erben nicht schon früher, vor Ablauf von Fristen, die Kunstwerke ihrer Vorfahren zurückgefordert haben, dann muss man sagen: Wie hätten sie das machen sollen, wo doch Sammler und Museumsdirektoren jahrelang die Kunstwerke bewusst in Depots und Kisten vor den früheren Eigentümern versteckt hielten? Nur wenigen Anspruchstellern gelang es, einzelne Gemälde, Zeichnungen oder Skulpturen aufzufinden.
In dem vorliegenden Bild-Text-Band, der jetzt in einer aktualisierten Neuauflage erscheinen ist, werden anhand von fünfzehn Beispielen die Geschichten von Kunstwerken, die nach 1933 ihren jüdischen Besitzern entzogen wurden, bis in die Gegenwart verfolgt. Die beiden Autorinnen Melissa Müller und Monika Tatzkow wollen dabei dem Vergessen entgegenwirken. In den Biographien erzählen sie von Sammlern, die als Förderer, Bewahrer, Wegbereiter oder einfach als Liebhaber der Kunst wesentlich zur Wertschätzung der Moderne beigetragen haben. Ihre Sammeltätigkeit wurde von einem besonderen Bildungsbewusstsein getragen und etablierte so ein neues kulturelles Selbstverständnis.
Da ist der exemplarische Fall von Paul Westheim, der in der Weimarer Republik einer der wichtigsten Förderer der modernen Kunst war. Für seine Sammlung erwarb er Werke u.a. von Paul Klee, Otto Dix, George Grosz oder Ernst Barlach. Bereits Mitte 1933 musste Paul Westheim aus Deutschland fliehen und seine Sammlung einem ungewissen Schicksal überlassen. In den 50er Jahren bemühte er sich in Deutschland um seine zurückgelassene Sammlung. Doch bis zu seinem Tod 1963 hat er vergeblich nach seinen Kunstschätzen gesucht. „Die Geschichte eines schmutzigen Verbrechens“, wie Monika Tatzkow abschließend bemerkt.
Das bemerkenswerte Buch will neben dem kunstgeschichtlichen Aspekt vor allem informieren, denn nur wer das Schicksal der Sammler und ihrer Bilder kennt, kann die aktuellen Forderungen nach Rückgabe von Raubkunstwerken auch verstehen. Mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende müssen die Anspruchsteller immer noch in zähem Ringen um Gerechtigkeit kämpfen. Auch diesem Buch gingen jahrelange und mühsame Forschungsarbeiten der beiden Autorinnen voraus. Erst nach detektivischer Arbeit in Archiven, Bibliotheken und Nachlässen sowie in privaten Gesprächen kamen diese aufgeschriebenen Geschichten zutage, in denen die Einzelschicksale mit der historischen Dimension des NS-Kunstraubs verbunden werden konnten.