Das Buch erhebt den Anspruch, das Denken des Silicon Valley zu erklären, konstruiert dabei aber ein homogenes ideologisches Gebilde, das es so kaum gibt. Das Valley ist kein kollektiver Denkapparat, sondern ein ökonomischer Möglichkeitsraum, in dem sehr unterschiedliche Interessen, Motive und
Weltbilder nebeneinander existieren. Die Zusammenfassung dieser Vielfalt zu einer kohärenten Ideologie…mehrDas Buch erhebt den Anspruch, das Denken des Silicon Valley zu erklären, konstruiert dabei aber ein homogenes ideologisches Gebilde, das es so kaum gibt. Das Valley ist kein kollektiver Denkapparat, sondern ein ökonomischer Möglichkeitsraum, in dem sehr unterschiedliche Interessen, Motive und Weltbilder nebeneinander existieren. Die Zusammenfassung dieser Vielfalt zu einer kohärenten Ideologie wirkt vereinfachend und verzerrt den Gegenstand.
Statt die ökonomischen Mechaniken zu analysieren – Geschäftsmodelle, Anreizstrukturen, Wettbewerb, Risikokapital –, verlegt sich das Buch stark auf Narrative, Selbstbeschreibungen und kulturkritische Deutungen. Das ist literarisch und intellektuell anregend, bleibt aber analytisch unvollständig. Technologie entsteht nicht primär aus Ideologie, sondern aus Machbarkeit, Marktchancen und Kapitalallokation. Diese Ebene wird zwar gestreift, aber nicht systematisch durchdrungen.
Auffällig ist zudem der moralische Grundton. Silicon Valley erscheint weniger als ambivalenter Innovationsraum denn als ideologisch vorbelastetes Gefahrenfeld. Zwar wird Ambivalenz beschworen, doch die Lektüre kippt häufig in eine implizite Schuldzuweisung. Technik wird stärker als Ausdruck problematischer Weltbilder gelesen denn als Werkzeug, dessen Wirkung vom konkreten Einsatz abhängt.
Hinzu kommt eine selektive Fallauswahl. Extreme Positionen, provokante Vordenker und prominente Milliardäre werden als repräsentativ herangezogen, während der alltägliche, pragmatische Innovationsbetrieb – das mühselige Testen, Scheitern, Verbessern – weitgehend ausgeblendet bleibt. Dadurch geraten Randphänomene ins Zentrum der Erklärung, was das Gesamtbild weiter zuspitzt.
Was schließlich fehlt, ist eine reflektierte Selbstkritik des europäischen Blicks. Die eigene Skepsis gegenüber Markt, Risiko und unternehmerischer Freiheit wird stillschweigend als neutraler Maßstab gesetzt. Dass genau diese Haltung zu Innovationsschwäche, Regulierungsüberhang und politischer Bequemlichkeit beigetragen haben könnte, bleibt unerörtert.
Unterm Strich ist das Buch eine gut geschriebene Kulturkritik, aber keine überzeugende Erklärung des Silicon Valley. Das Buch analysiert Erzählungen, nicht die Mechanik. Es zeigt, wie man über das Valley denken kann – erklärt aber nicht, warum es funktioniert. Wer das Valley verstehen will, muss weniger über Ideologien und mehr über Anreize, Märkte und Risiko sprechen.