Sie waren der Schrecken in der Schulzeit: Gedichtinterpretationen. Im Literaturunterricht waren sie das am meisten gefürchtete Aufsatzthema. Was will der Autor uns mit dem Gedicht sagen? Analysieren Sie die Aussage des Gedichtes genauer! Werten Sie das Gedicht vom heutigen Standpunkt aus! … O Graus,
wie zermarterten wir uns die Köpfe damit. Nicht, dass uns Goethes „Osterspaziergang“ oder Schillers…mehrSie waren der Schrecken in der Schulzeit: Gedichtinterpretationen. Im Literaturunterricht waren sie das am meisten gefürchtete Aufsatzthema. Was will der Autor uns mit dem Gedicht sagen? Analysieren Sie die Aussage des Gedichtes genauer! Werten Sie das Gedicht vom heutigen Standpunkt aus! … O Graus, wie zermarterten wir uns die Köpfe damit. Nicht, dass uns Goethes „Osterspaziergang“ oder Schillers „Der Taucher“ missfielen - aber interpretieren, kommentieren und analysieren?! Nein danke, nie wieder Gedichtinterpretationen!
Aber nun doch wieder … und zwar mit Freude. Der Literaturprofessor und mehrfach ausgezeichnete Autor zahlreicher Bücher Peter von Matt (Jg. 1937) stellt in „Wörterleuchten“ sechzig Gedichte vor, vom Mittelalter bis zur zeitgenössischen Lyrik und präsentiert so an wenigen Beispielen das breite und volle Spektrum deutscher Dichtung. Vorgestellt und erläutert werden natürlich Klassiker wie Goethe, Schiller, Hölderlin, Heine oder Brecht, aber auch kaum bekannte Lyriker mit interessanten Versen finden Beachtung.
Zunächst wird der Leser mit dem jeweiligen Gedicht vertraut gemacht. Dem Originaltext folgt dann eine kurze und prägnante Interpretation, die auf die lyrische Sprache und die Besonderheiten des Textes eingeht. Daneben werden auch literaturgeschichtliche und historische Hintergründe beleuchtet, ja sogar Mehrdeutigkeiten und versteckte Geheimnisse aufgespürt.
Peter von Matt entpuppt sich als ein Meister der kleinen Form. Glänzend geschrieben, nicht hochwissenschaftlich, sondern einfallsreich und oftmals neue, unbekannte Gesichtspunkte erwähnend, sind die Texte eine wunderbare Lyrikeinladung. Dabei findet der Autor auch zu eigenen Gedanken über die Schönheit der Sprache, über die Natur, die Liebe und den Tod.
Es ist ein wahres Vergnügen, diese Gedichtdeutungen (klingt viel besser als Gedichtinterpretationen) zu lesen, denn sie bringen die Gedichte gewissermaßen zum Leuchten. Die meisten Texte des vorliegenden Bandes entstanden für die bereits 1974 durch Marcel Reich-Ranicki begründete „Frankfurter Anthologie“. Diese Reihe deutschsprachiger Gedichte mit Interpretationen erscheint seither wöchentlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Seit 1998 wird jährlich der Preis der Frankfurter Anthologie an einen ihrer Interpreten verliehen. Peter von Matt war der erste Preisträger.
Fazit: Ein unterhaltsames und anregendes Buch, dass den Leser wieder zum Gedichtband greifen lässt und ihn anregt, zu eigenen Deutung und Auslegungen zu finden. Ein Plädoyer für die Poesie!
Zum Schluss eine persönliche Bemerkung: Mein Lieblingsgedicht war und ist Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ (23 Strophen!). Nach fast fünfzig Jahren kann ich sie noch auswendig. Es lebe die Lyrik!
Manfred Orlick