Der Autor schildert weitaus mehr als nur 12 Tage...
Wer in seinem Geschichtsbuch aus der Schulzeit blättert und dabei auf der Seite der Proklamierung des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles aufschlägt, der wird das Gemälde von Anton von Werner
kennen. Die erste Fassung dieses Historiengemäldes, Öl auf Leinwand mit den beeindruckenden Maßen von…mehrDer Autor schildert weitaus mehr als nur 12 Tage...
Wer in seinem Geschichtsbuch aus der Schulzeit blättert und dabei auf der Seite der Proklamierung des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles aufschlägt, der wird das Gemälde von Anton von Werner kennen. Die erste Fassung dieses Historiengemäldes, Öl auf Leinwand mit den beeindruckenden Maßen von 4,34 × 7,32 m hing im Berliner Schloss. Es wurde bei einem der Bombenangriffe auf Berlin während des Zweiten Weltkrieges vernichtet.
Von dem Gemälde existieren drei weitere Fassungen, von Anton von Werner jeweils etwas geändert. Sei es der Blickwinkel, sei es die Aufstellung der anwesenden Personen etc.
Christoph Nonn erzählt hier die ganze Geschichte, wie Anton von Werner überhaupt an diesen Auftrag, die Proklamation des preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser bildhaft darzustellen. Er berichtet über die Entstehung der weiteren Fassungen des Gemäldes. Also von dieser Phase der deutschen Geschichte weitaus mehr als einen Tag.
Die Geschichte von Ferdinand August Bebel, einem der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, von Theodor Lohmann, der der eigentliche Begründer der Sozialversicherungen war, wird vom Autoren nachvollziehbar geschildert. Wobei auch hier die interessanten, teilweise mit Zitaten unterlegten Formulierungen die Lektüre recht spannend machen. Soweit ich mich entsinne, wurde im Geschichtsunterricht stets behauptet, Otto von Bismarck sei derjenige, der die Sozialversicherungen durchgesetzt habe.
Dem widerspricht das Zitat auf Seite 181: "Ebenfalls 1876 legte er [Th. Lohmann; Anm. WS.] das dicke Brett vor, an dem er seit vier Jahren gewerkelt hatte: eine Novelle der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes von 1869 mit Geltung für das ganze Reich. Wenn Lohmann gehofft hatte, damit zur Besänftigung des göttlichen Herrn beizutragen, bewirkte er bei seinem weltlichen Herrn [Bismarck; Anm. WS.] das genaue Gegenteil. Der Reichskanzler reagierte äußerst ungehalten. Im Interesse internationaler Konkurrenzfähigkeit könne man die Industrie, in der es seit dem Ende des Gründerbooms ohnehin schon kriselte, doch nicht noch durch staatliche Vorschriften zu Arbeitszeiten oder dem Schutz vor Arbeitsunfällen belasten, meinte Bismarck. Auch einen weiteren Ausbau der Fabrikinspektionen lehnte der Kanzler ab - erst recht, nachdem er als Inhaber einer Papiermühle mit deren Beamten selbst schlechte Erfahrungen gemacht hatte."
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und auf die Idee kommt, Ähnliches in der Gegenwart zu suchen...
In diesem Stil geht es durch die weiteren acht Kapitel. Die Zeit der deutschen 'Schutztruppen' in den damaligen westafrikanischen Kolonien mitsamt des ersten von Deutschen begangenen Völkermordes an den Herero. Mit allen damit zusammenhängenden Vorgängen, Absichten, Plänen Bismarcks.
Die Flottenpläne des Admirals Alfred Tirpitz anno 1896 (Stichworte 'Deutscher Flottenverein', deutsche Kolonien, 'Platz an der Sonne', 'Schaumweinsteuer zur Finanzierung der Kaiserlichen Kriegsflotte').
Die Geschichte von Wilhelm Voigt, besser bekannt als Hauptmann von Köpenick. Mit allem Drum und Dran.
Es ist für mich zwar nicht nachvollziehbar, wie der Autor stellenweise auf Details kommen kann wie zum Beispiels eine genaue Beschreibung des Wetters an diesem oder jenem Tag, wie die eine oder andere handelnde Person geschlafen hätte und so weiter. Derartige Details, und seien sie des Autors Phantasie entsprungen, ermöglichen aber ein flüssiges Lesen der 622 Seiten.
Was Christoph Nonn an Fakten beschreibt, lässt sich mittels des umfangreichen Anhangs mit Literaturverzeichnis und Anmerkungen, Fundstellenangaben etc. leicht überprüfen.
Das Buch ermöglicht ein gedankliches Abtauchen in die Zeit, in die gesellschaftlichen Gegebenheiten und Umstände des Deutschen (Kaiser-) Reiches zwischen 1871 und 1918.