Anja und Milka wachsen in der Sowjetunion der 1980er auf. Sie sind, trotz aller charakterlichen und familiären Unterschiede, beste Freundinnen, die in der Schule und im Sommer in der Datscha von Anjas Familie unzertrennlich sind. Als sie älter werden, erweitert sich die Gruppe um zwei Jungs, Lopatin
und Trifonow – die vier rufen sich meistens bei ihren Nachnamen –, und langsam tritt auch mehr und…mehrAnja und Milka wachsen in der Sowjetunion der 1980er auf. Sie sind, trotz aller charakterlichen und familiären Unterschiede, beste Freundinnen, die in der Schule und im Sommer in der Datscha von Anjas Familie unzertrennlich sind. Als sie älter werden, erweitert sich die Gruppe um zwei Jungs, Lopatin und Trifonow – die vier rufen sich meistens bei ihren Nachnamen –, und langsam tritt auch mehr und mehr in ihr Bewusstsein, dass sie in einem Land leben, das ihre Freiheit einschränkt. Besonders Anja und Milka träumen davon, wegzulaufen und nach Paris zu ziehen. Doch bevor es dazu kommen kann, ereignen sich zwei Vorfälle, die die Gruppe zerbrechen und Milka das Leben kosten. Als kurz darauf die Grenzen fallen, packt Anja ihre Sachen und zieht in die USA.
Fast zwanzig Jahre soll es dauern, bis Anja in ihre Heimat zurückkehrt, um ihren Eltern beizustehen, deren Datscha, mit großem Druck auf die Besitzer, aufgekauft werden soll – ausgerechnet mit Lopatin als Mittelsmann des potenziellen Käufers. Erst als Anja in Russland eintrifft, spürt sie, dass sie ihre alte Heimat nie ganz zurücklassen konnte. Und dass es noch offene Wunden gibt, die nach Klärung verlangen.
Kristina Gorcheva-Newberry widmet ihren ersten Roman „Das Leben vor uns“ der „Generation Perestroika“, die sie als eine verlorene, übersehene und vergessene Generation beschreibt. Ich bin davon überzeugt, dass es diese Generation gibt, die in einem ganz eigenen Lebensgefühl aufgewachsen ist, aber so wirklich bewusste geworden, was es bedeutet, zu dieser Generation zu gehören, ist mir durch das Buch nicht. Sicherlich hat man gemerkt, dass die Geschichte in der Sowjetunion spielt, alleine schon durch die politischen Diskussionen von Anjas Eltern. Aber wenn ich jetzt das nehme, was ich als Hauptgeschichte empfunden habe, dann las es sich eher als eine Coming of Age Geschichte, die auch in jedem anderen Land so oder ähnlich hätte stattfinden können.
Was aber das Leseerlebnis nicht getrübt hat. Ich fand den Roman sprachlich überzeugend, auch wenn mir die Dialoge zwischen den Jugendlichen manchmal gekünstelt vorkamen, aber vielleicht war das zu jener Zeit der normale Umgangston. Anja ist eine überzeugende Ich-Erzählerin, deren Wissensstand und Interesse an dem, was um sie herum passiert, glaubwürdig und realistisch bleibt. Und auch die Geschichte hat mich überzeugt, wobei Gorcheva-Newberry absolut in der Lage ist, einen auch in ruhigen Passagen ohne viel Handlung zu fesseln.
Was ich schade finde, ist, dass sich der C. H. Beck Verlag entschieden hat, den Originaltitel „The Orchard“ mit „Das Leben vor uns“ zu übersetzen. Tschechows „Kirschgarten“ (im Englischen „The Cherry Orchard“) und der Apfelgarten von Anjas Familie spielen eine große symbolische Rolle und ohne die Nennung im Titel ist einem dieser Aspekt nicht von Anfang an so klar. Aber vielleicht hätte „Der Obstbaumgarten“ oder „Der Apfelgarten“ zu sperrig geklungen, wer weiß. Tschechows Theaterstück jedenfalls muss man vielleicht nicht zwangsläufig kennen, aber es ist von Vorteil. Zumindest sollte man eine grobe Idee des Inhalts haben.
Insgesamt ein Roman-Debüt, dass ich auf jeden Fall gerne weiterempfehle, auch wenn ich wohl den Grundtenor der verlorenen Perestroika-Generation nicht zu voller Zufriedenheit erfasst habe.