"Ist nicht jedes Buch auch eine Aspirin für die Seele?"
„Mut und Trost und sich verzeihen: Jean fand immer das richtige Buch für die Wunden und Kratzer der Seele, für die es sonst keine Pillen, Chirurgen oder Reklamationsstellen gab.“
Mit „Die geheime Sehnsucht der Bücher“ kehrt Nina
George zurück auf das literarische Bücherschiff von Jean Perdu – und lässt ein weiteres Mal die…mehr"Ist nicht jedes Buch auch eine Aspirin für die Seele?"
„Mut und Trost und sich verzeihen: Jean fand immer das richtige Buch für die Wunden und Kratzer der Seele, für die es sonst keine Pillen, Chirurgen oder Reklamationsstellen gab.“
Mit „Die geheime Sehnsucht der Bücher“ kehrt Nina George zurück auf das literarische Bücherschiff von Jean Perdu – und lässt ein weiteres Mal die heilende Kraft der Literatur spürbar werden. Dieser Roman ist mehr als eine Geschichte – er ist ein Ort. Ein Ort aus Papier, Tinte und Gefühl, an dem Trost auf Poesie trifft und Bücher wie Heilmittel wirken.
Jean Perdu hat seine „Literarische Apotheke“ einst gegründet, um Antworten auf die leisen, unbeantworteten Fragen des Lebens zu finden – für sich und andere. Auf seinem Bücherschiff lagern mittlerweile 9837 ausgewählte Werke, fein säuberlich sortiert nach seelischen Leiden wie „helfen beim Weinen“, „Vatersehnsucht“ oder „uneingestandene Vorurteile“. Perdu versteht sich als Vermittler zwischen Mensch und Geschichte, als jemand, der nicht verkauft, sondern verschreibt. Die Bücher stehen nie zufällig im Regal – sie sind Diagnosen mit Wirkung.
Im Mittelpunkt des Romans steht jedoch nicht nur der melancholisch-weise Buchhändler, sondern auch Pauline, seine junge Mitstreiterin mit einem feinen Gespür für Herzenswunden, und vor allem die zwölfjährige Françoise. Sie bringt ihre eigenen, schwer wiegenden Geheimnisse mit an Bord. Ihre Figur berührt tief: ein Mädchen, das viel zu früh Verantwortung übernimmt, das die Launen ihrer Mutter auffangen muss und kaum weiß, wie es sich anfühlt, einfach Kind zu sein. Sie flüchtet sich in Bücher – nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Verzweiflung.
Die Sprache dieses Romans ist bildgewaltig, poetisch und von einer Tiefe, die nachwirkt. Manche Sätze hallen lange nach – wie etwa der Einwand der Mutter in der Schreinerei, als ihr beiläufig Beileid ausgesprochen wird: „Beileidsrhetorik ist die wahre Beleidigung des Schmerzes.“ Eine kluge, unangenehm ehrliche Beobachtung, die mitten ins Herz trifft. Viele solcher Sätze lassen innehalten, machen nachdenklich, fast andächtig – es ist kein Buch zum schnellen Verschlingen, sondern eines, das man langsam genießt und immer wieder aufschlägt.
Dabei ist es auch eine Hommage an das Lesen selbst. Eine Ode an jene, die sich in Büchern verlieren, um sich selbst zu finden. An Leser, für die das Leben ohne Geschichten undenkbar ist. Das Motto des Romans steht diesem Gedanken sinnbildlich voran:
„Wo endet das Buch, wo beginnt das Leben? Oder ist es ganz anders, und wir bewahren dich in uns auf, damit du weitergehen kannst?“
Nina George gelingt es erneut, ein tief empfundenes Plädoyer für die Macht der Literatur zu formulieren. Ihr Stil ist philosophisch anspruchsvoll, voller Herzenswärme, Melancholie und Hoffnung. Zwischen den Zeilen entfalten sich Weisheiten, Trost und eine stille Schönheit – ganz leise, aber mit großer Kraft.
Fazit:
„Die geheime Sehnsucht der Bücher“ ist ein Lieblingsbuch. Es ist klug, tröstlich, zärtlich. Für alle, die das Lesen lieben – und wissen, dass zwischen zwei Buchdeckeln manchmal mehr Heilung liegt als in einem ganzen Apothekenschrank.
Ein literarisches Geschenk für Herz, Verstand und Seele.