Eine Reise zu sich selbst
Ann Schlee, 1934 in den USA geboren, lebte die meiste Zeit ihres Lebens in England. „Die Rheinreise“ war ihr erster Roman für Erwachsene und stand in seinem Erscheinungsjahr auf der Shortlist für den Booker Prize. Nun, über vierzig Jahre später, erscheint das Buch bei
Dumont in einer schön gestalteten Ausgabe erstmals auf Deutsch.
Der Roman spielt Mitte des 19.…mehrEine Reise zu sich selbst
Ann Schlee, 1934 in den USA geboren, lebte die meiste Zeit ihres Lebens in England. „Die Rheinreise“ war ihr erster Roman für Erwachsene und stand in seinem Erscheinungsjahr auf der Shortlist für den Booker Prize. Nun, über vierzig Jahre später, erscheint das Buch bei Dumont in einer schön gestalteten Ausgabe erstmals auf Deutsch.
Der Roman spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, ist aber 1981 erschienen und das überrascht bei der Lektüre. Schafft es doch die Autorin, nicht nur die damalige Welt authentisch und lebendig darzustellen und die Atmosphäre jener Zeit genau zu treffen, nein, auch in Ton und Stil erinnert das Buch an viktorianische Romane.
Wir begleiten die englische Familie Morisson auf einer Reise mit dem Dampfschiff von Baden-Baden bis nach Köln. Das sind der anglikanische Reverend Charles und seine kränkelnde Frau Marion mitsamt der 17jährigen Tochter Ellie. Mit dabei ist auch die ledige Schwester des Reverends, Charlotte, eine Frau mittleren Alters. Sie war bis vor kurzem die Haushälterin eines mittlerweile verstorbenen älteren Mannes und hat von diesem etwas Geld geerbt. Damit könnte sie sich ein unabhängiges Leben leisten, etwas, das Charlotte nicht kennt. Denn ihr bisheriges Dasein stand stets im Dienst anderer. Und diese Rolle fällt ihr auch hier wieder zu. Sie darf sich um das Gepäck kümmern, Marion hilfreich zur Seite stehen und für Ellie die Gouvernante sein.
Doch dann in Koblenz sieht sie einen Mann, der ihrer Jugendliebe ähnlich sieht. Obwohl ihr gleich bewusst ist, dass er es nicht sein kann, erschüttert sie diese Begegnung aufs Äußerste. Längst verdrängte Gefühle und Erinnerungen kommen hoch. Da ihr Bruder jene Jugendliebe nicht für standesgemäß hielt, kam es nicht zu einer Heirat.
Nun hat, zu ihrem Entsetzen, dieser seltsame Fremde dieselbe Reiseroute wie sie. Obwohl sie jeden Kontakt mit ihm meiden will, so taucht er doch immer wieder in ihrer Nähe auf. Bis in ihre Träume hinein verfolgt er sie.
Sehr genau beschreibt Ann Schlee den seelischen Aufruhr, in dem sich ihre Protagonistin befindet. Der Schmerz um die verlorene Liebe, um ihr vertanes Glück lässt sie aufbegehren gegen die ständige Bevormundung und Gängelung. Sie fragt sich, wer sie eigentlich ist. Bisher wurde sie definiert über andere, als Schwester, Schwägerin, Tante, usw. Doch wo bleiben ihre Wünsche und Bedürfnisse?
Der Roman endet hoffnungsvoll. Charlotte wird nicht, wie geplant, bei ihrem Bruder einziehen, sie sieht ihre Zukunft „in jenem geweißelten Cottage, in dem sie sich still ausbreiten, von einem Raum in den anderen gehen, sich selbst finden und erkennen konnte, unverbildet durch den Druck, den andere auf sie ausübten.“
Die Geschichte spielt 1851, drei Jahre nach der Märzrevolution, in der sich die Bürger auflehnten gegen die Obrigkeit, mehr Freiheit und Rechte forderten. Darauf weist die Autorin explizit hin in einer Art Vorwort. Das ist der historische Hintergrund, der sich kaum, bis auf ein überraschendes Ereignis, auf die Handlung und die Figuren auswirkt.
Aber was sich im Innern der Hauptfigur abspielt, ist auch eine Revolution, wenn auch eine leise.
„ Die Rheinreise“ ist ein ruhig erzählter Roman, ohne größere Handlung. Der Schwerpunkt liegt auf der komplexen Gefühlswelt der Protagonistin und den zwischenmenschlichen Beziehungen, was von der Autorin präzise und psychologisch stimmig dargestellt wird. Dies alles in einer schönen, bilderreichen Sprache und einem äußerst eleganten Stil.
Eine lesenswerte Wiederentdeckung!