Auf der Rückseite des Buches wird der Literaturkenner Denis Scheck zitiert: „Endlich: ein moderner Hexenroman“.
Nein, das ist nicht meine Literatur! Dachte ich. Und habe den Roman dann trotzdem gelesen. Und ich habe es nicht bereut. „Erdbebenwetter“ wurde – nachdem ich mich in den Sog des Romans
hineinziehen lassen hatte – zu einem der für mich anregendsten und interessantesten in letzter Zeit…mehrAuf der Rückseite des Buches wird der Literaturkenner Denis Scheck zitiert: „Endlich: ein moderner Hexenroman“.
Nein, das ist nicht meine Literatur! Dachte ich. Und habe den Roman dann trotzdem gelesen. Und ich habe es nicht bereut. „Erdbebenwetter“ wurde – nachdem ich mich in den Sog des Romans hineinziehen lassen hatte – zu einem der für mich anregendsten und interessantesten in letzter Zeit gelesenen Bücher.
Kurz zum Inhalt. Die Handlung des Buches spielt in Los Angeles, wo Z. Alexander geboren wurde und lange Zeit lebte. Wer jetzt die Glitzerwelt von L.A. erwartet, wird eine ganz andere Stadt erleben.
Die Hauptheldin des Buches, ihren Namen Lou erfahren wir erst viel später, ist eine Frau, die nicht gerade mitten im Leben steht. So richtig will ihr nichts gelingen, von dem, was sie anfängt. Bis sie auf eine Gruppe von Hexern unter Leitung des „Mentors“ stößt. Und das wird ihr Leben in einem langen Prozess verändern. Und wieder wird der Leser seine Erwartungen nicht erfüllt bekommen! Nein, es ist keine Hexerei, die sie in ein neues Leben führt.
Das Buch steht in der Tradition des magischen Realismus, der mittels Volksmythen Grenzen zwischen Realität und Phantasie verwischt. Von Autoren des Gegenpols zum magischen Realismus dem „sozialen Realismus“ wird Ersterem oft vorgeworfen, von der gesellschaftlichen Realität abzulenken, zumindest sie nicht genügend zu beachten.
Wer nun „Erdbebenwetter“ liest, wird eine ganz andere Erfahrung machen. In diesem Roman gelingt es der Autorin mittels phantastischer, mystischer Elemente die heutige gesellschaftliche Realität mit all ihren Problemen so scheinbar nebenbei zu erzählen, so sich logisch einordnend in den phantastischen Strang der Erzählung, dass man schon sehr aufmerksam und zwischen den Zeilen lesen muss, um alles zu erfassen. Wie es so schön auch auf der Rückseite des Buchumschlags heißt: „Das Magische des Lebens liegt nicht im Verborgenen. Man muss dafür die Blickrichtung ändern“.
Wie ein roter Faden zieht sich die Umweltproblematik kombiniert mit sozialen Fragen durch das gesamte Buch.
Schon im Titel „Erdbebenwetter“, das in L.A. klimabedingt immer zeitiger ausbricht, weist Zaia Alexander auf die nahenden Katastrophen hin. Wie wir es in Deutschland nur ansatzweise kennen, werden die armen Schichten der Bevölkerung immer mehr in die Randgebiete von L.A. abgedrängt, sie leben „auf der falschen Seite der Gleise“. Und die Stadt selbst wird immer mehr zur Betonwüste.
Sehr anregend auch ihre Sicht auf die Migration. Noch nie hatte ich vorher über die ausländischen Mitbürgern oft gestellte Frage „Hast du vor zu bleiben?“ nachgedacht.
Hochinteressant das Spiel der Autorin mit Identitäten, vor allem an der Beziehung Lous zur Tochter Lola demonstriert. Wer ist eigentlich Mutter und wer Tochter. Kann man Identitäten festschreiben? „Es ist ein Skandal definiert zu werden“ – heißt es an einer Stelle. Einer der für mich schönsten Dialoge des Buches zwischen Mutter und Tochter Lola: „Ach, Ma, ich kann doch gar nicht weggehen. Wie denn? … Du bist doch noch ein kleines Mädchen. Wer soll denn dann auf dich aufpassen?“. „Wir sind beide Kinder. Gemeinsam“ (flüstert die Mutter). „Und Sophie (die Katze) ist unsere Mommy.“
Zaia Alexander bleibt nicht beim Beschreiben der kritischen Dinge stehen. Mit dem Mentor hat sie eine Figur geschaffen, der Lou immer wieder – obwohl er eine „mystische“ Figur ist – zu den realistischen Konsequenzen der Kritik hintreibt. Er gibt ihr den Tipp „die Dinge verfolgen, studieren und HANDELN“. „Scheiß auf die Hoffnung. Hoffnung ist für Bettler. Es gibt nur Entschlossenheit.“
Und dann erlebt man ein Panoptikum „verrückter“, skurriler und liebenswerter Menschen und „Hexen“: die „Katastrophenmutter“ Lous, die in ständiger Angst lebt, Lous Tochter Lola, die sich selbst als „84-jähriger Chinese“ bezeichnet, Claudine, die „harte Wespe“, die nicht ist, was sie zu sein scheint, …
Und nicht zuletzt, auch Katzenliebhaber kommen auf ihre Kost. In den Kapiteln „Blau“ – der Seelenfarbe – geht es um Katzen. Aber nicht so, wie heute viel zu oft mittels Vermenschlichung der Katzen geschrieben wird. Auch hier spielt die Autorin mit Identitäten. Mensch und Tier werden auf eine Stufe gestellt. Die Autorin plädiert für das „unveräußerliche Recht von Tieren auf Selbstbestimmung und rigorose Ablehnung einer Hierarchie, in der der Mensch ganz oben steht.“ So überfährt Lou den Kojoten, der vielleicht ihre Katze getötet hat, NICHT, obwohl er ihr vor das Auto läuft.
Unbedingt hervorzuheben ist auch die klare und poetische Sprache des Romans. Da war kein Übersetzer am Werk. Z. Alexander hat auf Deutsch geschrieben - für eine Nicht-Muttersprachlerin eine mehr als überzeugende Leistung.
Zusammengefasst: ein Buch mit viel Substanz, das zum Denken anregt. Und es enthält zugleich noch viel Potential zum Weiterschreiben. Hoffentlich können wir uns bald in einen neuen Roman von Zaia Alexander vertiefen und Lesegenuss erleben.